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Kulturvolk Blog Nr. 283

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

28. Januar 2019

HEUTE: 1. „Westend“ – Deutsches Theater / 2. „Die Nacht von Lissabon“ – Gorki Theater / 3. „Frau Luna“ – Tipi am Kanzleramt

1. Deutsches Theater: - Viel durcheinander Vögeln – Narzissmus als Staatsform

Paul Grill, Linn Reusse, Birgit Unterweger  © Arno Declair
Paul Grill, Linn Reusse, Birgit Unterweger © Arno Declair

Wenn Besserverdienende im Berliner Villenbezirk Westend im außerehelichen Beziehungssumpf versacken oder bei edlen Getränken lamentieren über einst angebetete Ideale, die vom Verlauf der Zeiten niedergemäht wurden, dann heißt das noch lange nicht, dass mit diesem privaten Ungemach zugleich der Untergang des Abendlandes bevorsteht – eben das Ende des Westens.

 

Doch genau das will uns Moritz Rinke in seinem zehnten Bühnenstück namens Westend weis machen. Sein vorab in den Gazetten fleißig erklärter Anspruch ist ein verwegen hoher: Nämlich mit dieser dezent schmerzlich und sogar böse grundierten Komödie ein großformatiges Sittenbild vornehm cooler Wohlstandsverwahrloster vor unser aller Nasen, Augen, Herzen zu hängen.

 

Um es gleich zu sagen, da baumelt es bloß. Es bleibt beim wohlfeilen Wundenlecken eher leicht beschädigter Seelchen hinterm gut mit Geld gepolsterten Windschutz, wo die Stürme des Lebens keine allzu großen Schäden mehr anrichten. Dabei gleich das alsbaldige Ende unserer schönsten aller Welten im Westen auszurufen, wäre vermessen. Für ein solch wuchtiges Warnbild hätte Rinke, der uns ansonsten als sarkastisch-liebevoller Menschenbeobachter beglückt, dramatisch ganz anders aufdrehen müssen.

 

Stattdessen gibt’s eine maßvoll komische, immerhin mit witzigen Sotissen garnierte, letztlich aber kleinkarierte Milieuskizze. Abgefüllt mit hinlänglich bekannter sexueller Libertinage, mit dem beruflichen Geldregen eines Schönheitschirurgen (Ulrich Matthes), der Karriere-Panne einer Sopranistin, die aus dem Haydn-Oratorium „Die Schöpfung“ gekippt wird und witzigerweise bloß noch das finale „Amen“ zu säuseln hat (Anja Schneider) sowie mit den Traumata eines in Afghanistan fehlerhaft operierenden Arztes ohne Grenzen (Paul Grill) und, auch das darf nicht fehlen, mit den Psychonöten eines pubertär lüsternen Ehescheidungsopfers (Linn Reusse). Schließlich schneit in die Clique der hinterrücks heftig durcheinander vögelnden Westendler noch ein exaltiertes Paar (Birgit Unterweger, Andreas Pietschmann) und sorgt für eine gewisse exotisch-bohemehafte Belebung des sich gemach dahin schlängelnden Abends.

 

Ehefrust, Liebesverlust, neu entflammende Fleischeslust, Wiederbegehren aufs Alterprobte – also das übliche Libido-Chaos. Macht aber hier noch längst kein welthaltiges Menschenpanorama, so sehr Rinke auch – Schlagwort „Narzissmus als Staatsform“ ‑ auf Botho Strauß schaut. Oder Yasmina Reza. Die angepeilte Breitwand-Gesellschaftskomödie verreckt auf einem schmalen Boulevard, oder besser: in den holprigen Gassen simpler Selbstverliebtheiten, gängiger Egosimen und Psychosen.

 

Das Westberliner Personal bleibt kleben im papiernen Konstrukt, das „global“ sein will, wenn „Afghanistan“ als Stichwort fällt. Und das noch dazu eitel aufgeladen ist mit Klassik. Nämlich mit Goethes just vor zwei Jahrhunderten erschienenem Liebes- und Ehebruchs-Roman „Die Wahlverwandtschaften“, in der das gesellschaftlich Sanktionierte mit den Trieben provokant kollidiert.

 

Die Schauspieler bemühen sich heftig, aus der öden Papierkleberei herauszukommen und wenigstens ein bisschen abzuheben ins Weltläufige. Vergebliche Liebesmüh. Auch, weil der (immerhin erfahrene) Regisseur Stephan Kimmig ‑ ob aus Ehrfurcht oder Lustlosigkeit – dem Text nichts Höheres oder Tieferes abgewinnt, sondern szenischen Leerlauf verwaltet im weiß angepinselten Sperrholzverschlag, in den teure Handwerker dereinst Villen-Prunk zaubern sollen. Eigentlich steckt im Bühnenbild von Katja Hess die Vorlage für eine saftige Satire: Gernegroß in der kleinen Pappschachtel will einen auf ganz großen Stuck-Salon machen.

 

Warum bloß hat die verklemmte Regie aus der großspurigen Vorlage nicht verdammt noch mal einfach eine ätzende Farce gemacht a la Kroetz, Goetz oder Schwab; eine scharfe Komödie auf die ausgeleierte Selbstbemitleidung (ideologisch) Irritierter, aufs grassierende (intellektuelle) Spießertum, das ja nicht allein im Westend wabert.

 

(wieder 28. Januar; 10., 26. Februar)

 

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2. Maxim Gorki Theater: - Flüchtlingsdrama verpackt ins Entertainment

 © Ute Langkafel / MAIFOTO
© Ute Langkafel / MAIFOTO

Es sei nicht sein stärkstes Werk, erfahren wir gleich zu Beginn der theatralischen Aufbereitung des Romans (1962) von Erich Maria Remarque „Die Nacht von Lissabon durch den „Regieromantiker“ Hakan Savas Mican. Das, aber auch das mit dem „Regieromantiker“ legt Mican (mit türkischem Migrationshintergrund) der Hauptfigur in den Mund. Es ist Dimitrij Schaad (mit russischem Migrationshintergrund), der bewährte Superstar des Hauses, das gut bestückt mit meist migrationshintergründigem Personal ist.

 

Dahin passt also bestens Remarques bittere Geschichte eines quer durch Westeuropa vor den deutschen Nazis flüchtenden Liebespaares, die in Lissabon endet. Die beiden besitzen zwar endlich gültige Pässe und Schiffspassagen, treten jedoch ihre Überfahrt nach Amerika nicht an: Die krebskranke Helen begeht Selbstmord, und ihr Mann hat allein keine Kraft mehr. Aber einmal noch rafft er sich auf zu einem Kraftakt und erzählt nächtens in der portugiesischen Kapitale einem gleichfalls in die Fremde Getriebenen sein Schicksal.

 

Der schwer melodramatisch aufgeladene Text ist im Grunde ein großer Monolog und nicht sonderlich geeignet für die Bühne. Zwar greift sich Mican gewisse Momente heraus, nämlich die der spannungsgeladenen Beziehungen des schwierigen Liebespaars und arrangiert gekonnt gewisse dramatische Auftritte mit Anastasia Gubareva (mit russischem Migrationshintergrund) und Dimitrij Schaad, doch selbst diese beiden turboenergetischen Bühnen-Größen tragen allein nicht den reichlich zweistündigen Abend.

 

Deshalb lässt Mican den Fluss der Geschichte (durchaus nicht ungeschickt) immer wieder unterbrechen, indem er seinem Protagonisten Schaad komisch-aberwitzige Anekdoten aus seinem Privatleben in den Mund legt oder aktuelle Macan-Befindlichkeiten oder Macan-Bonmots über gegenwärtige (politische) Zustände. ‑ Da macht beispielsweise Schaad seinen knackigen Oberkörper frei und kommentiert: „Sieht aus wie Europa, aktuell noch Mittelklasse, aber bald geht’s steil bergab.“ Mit derlei eingesetzten und auch angepappten Lockerungsübungen soll die an sich schwer lastende Lebensbeichte eines schlimm Gestrandeten auf der immerzu düsteren Leerbühne (Bühnenbildner: Mican) leichter werden. Der gleichen Absicht dienen allerhand Video-Einblendungen, die schlicht verschiedene geographische Punkte der Erzählung historisch oder heutig illustrieren. Ein Video freilich stimmt wirklich nachdenklich: Sequenzen aus Wim Wenders‘ Film „Lisboa Story“ von 1994 mit seiner Schwärmerei vom vielsprachigen Heimatland Europa.

 

Der Knaller im theatralischen Aufschäumen aber ist eine sensibel aufspielende Live-Band, zugleich die Begleiterin einer Fülle dramaturgisch eher unbedeutender, dafür jedoch unglaublich faszinierender Gesangseinlagen der Gubareva. Die beglückt nicht nur als tolle Schauspielerin, sondern auch als begnadete, stilistisch vielseitige Sängerin. Wahnsinn!

 

Durch die berauschende Virtuosität der beiden Bühnenkünstler Gubareva & Schaad ist Hakan Savac Mikan, salopp gesagt, aus dem Schneider mit seinem letztlich verkorksten Remarque-Surrogat. Seine holprige, teils sogar unverständliche Text-Zurichtung bleibt nebensächlich. Aufregend wirkt vornehmlich das, was nicht von Remarque stammt: Nämlich das geradezu magisch Konzertante der Gubareva samt vehementer Figurenskizze; nämlich die Improvisationskunst und (gekonnte!) Selbstdarstellungswut, das faszinierende Hin-und-Herspringen Schaads zwischen fiktiver Figur und realem Kommentator, Spielmeister, Entertainer. Große Bühnenshow; Remarque bleibt Stichwortgeber. Bleibt letztlich die Frage, warum eine Flüchtlingstragödie durch einen Unterhaltungsbetrieb irrt.

 

(wieder 24. Januar; 7., 22. Februar)

 

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3. Tipi: - Besser bei Muttern zu Hause als bei Lady Luna uffm Mond

Andreja Schneider ist Frau Luna, Herrin des Mondes © Barbara Braun
Andreja Schneider ist Frau Luna, Herrin des Mondes © Barbara Braun

Klaro: Mit „Frau Luna“, der piefkehaft kalauernden Berlin-Burleske über fantasiebegabter kleinen Leute Mondfahrt, warf der sagenhafte Paul Lincke eine geniale Parade der (Berlin-)Hits in die Berliner Luft, Luft, Luft hinauf bis in die Unsterblichkeit. ‑ Ohne Frage, Paules kompositorisches Meisterwerk ist so unkaputtbar wie die schlichte Story mit der immergrünen Daseinsregel, nach der es bei Muttern daheim in der Miets-Mansarde allemal besser ist als bei einer schicken Lady oben im Mond. So erfreut man sich denn an den komischen Fremdgeh-Versuchen und artig erotischen Abenteuerlichkeiten nebst Ballett-Einlagen, und die sind wahrlich ein Augenschmaus. Ansonsten hopst und trällert im weltberühmten Zelt am Kanzleramt die gefühlt komplette Kreuzberg-Charlottenburger Kleinkunstszene was das Zeug hält in dieser wilhelminischen Fantasy-Klamotte. Und obendrein die Spitze der Szene; hier die VIP-Liste: Die Geschwister Pfister (Andreja Schneider echt klasse in der Titelrolle, Christoph Marti als mühselig kleinkarierte Tunte Pusebach und Johannes Roloff diesmal als exquisiter musikalischer Leiter); dann weiter Gustav Peter Wöhler, Benedikt Eichhorn, Cora Frost, Max Gertsch, Sharon Brauner, Ades Zabel und Anna Maria Scholz, neuerdings unter dem Namen Anna Mateur. Und diese sächselnde Dresdnerin als frivol wuselnde Stella ist eine umwerfende Komödiantin mit einer Riesenröhre zum Töne schmettern. ‑ Ach, und dann gibt es noch die neun zauberischen, neun tollen, neun klassisch durchtrainierten sexy Mondelfen (Choreographie Christoper Toelle).

 

Inszeniert hat die Traumreise eines Kollektivs von arg holpernd Berlinernden (alles Zugereiste) auf des Weibes Mond Bernd Mottl, ein Großer der Brettl-Kunst. Selbstredend prunkt die Ausstattung im Glamour. Und Heinz Bolten-Baeckers sorgt mit seiner unaufgeregt kalauernden Textfassung für ordentlich Lacher. Ideal als Aufmotzer der eisig-grauen Jahresanfangsstimmung – deftig helles Bier schäumend. Sozusagen Molle mit Korn; am besten freilich von beidem gleich mehrere. Ein Prosit aufs Urberliner Lincke-Luna-Kindl!

 

(Wiederaufnahme am 1. Februar. Bis zum 31. März)

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