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Kulturvolk Blog Nr. 247

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

5. März 2018

HEUTE: 1. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” – Renaissance-Theater / 2. Zwanzig Jahre Gefängnistheater „aufBruch“: Zum Jubiläum „Parsifal“ nach Richard Wagner – JVA Tegel / 3. TV-Theatertalk / 4. Gedenken: Vor 120 Jahren wurde die Schauspielerin Therese Giehse geboren

1. Renaissance-Theater: - Wundenhacken möglichst mit der Axt

 © Barbara Braun drama-berlin.de
© Barbara Braun drama-berlin.de

Was sofort ins Auge springt: Das Bühnenbild vom Duo Herbert Schäfer / Vasilis Triantafillopoulus. Ein autonomes, so suggestiv wirkendes wie dem Stück dienendes Kunstwerk. Ein absolut treffliches Sinnbild für Edward Albees Klassiker aller Eheschlachten „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“: Da gähnt eine gigantische Clowns-Maske mit weit auf gerissenem (Vagina?!)- Schlund im Hintergrund; dazu ein so aggressives wie lüsternes Augenpaar und auf dem Schädel eine Gloriole ähnlich der New Yorker Freiheitsstatue auf Long Island.

 

Dieses Bild erzählt auf einen Schlag die ganze schreckliche Geschichte von Martha (Simone Thomalla) und George (Klaus Christian Schreiber), den beiden im Unglück Glücklichen – ein weit verbreitetes Paradoxon. Wenngleich es wohl selten mit derart rigoroser Härte geradezu modellhaft exerziert wird wie zwischen diesem Ehepaar im akademischen Milieu amerikanischer Provinz; Uraufführung war anno 1962 im Billy Rose Theatre New York.

 

Jetzt am Hardenberg-Boulevard ein pointiert minimalistisches Setting: Zwei schicke Ledersofas auf gefährlich glattem Spiegelboden vor Lamellen-Jalousie, hinter der gleichnishaft der verführerisch-fratzenhafte Moloch Sex giert und grinst als vernichtender Abgrund. Dem treiben die permanent geile, sexy aufgebrezelte und ziemlich ordinäre Martha (Simone Thomalla) sowie ihr auffällig nachlässig angezogener, dafür maßvoll um Liebenswürdigkeit bemühter Prof.-Gatte George (Klaus Christian Schreiber) im bewährten Whisky-Suff unaufhaltsam entgegen. Mit hinlänglich geübten Stichen zielgenau ins Herz wie in den Unterleib. Damit die Rituale gegenseitiger Erniedrigung nicht zu langweilig werden, haben sich die beiden Alten diesmal zwei junge Frischfleisch-Sparring-Partner (Karla Sengteller, Emre Aksizoglu) in ihr Ehe-Elend eingeladen. Nach Mitternacht kommt es in der vom Alk versifften Luxus-Hütte teils zum Überkreuz; wobei das Sexuelle infolge Hochprozentigem peinlich schlapp gerät. Umso heftiger hingegen toben Herabwürdigung und Bloßstellung.

 

Also zwei Stunden lang Wundenhacken locker vom Hocker im formidablen Quartett, mit mehr flott-effektvollen Explosionen als elend schmerzlichen Implosionen. Hier wird vornehmlich und fleißig mit der Axt gehauen, weniger mit dem Florett sich fast abgestochen. Thorsten Fischer inszeniert das eisig und böse funkelnde Broadway-Scherzo in der Übersetzung von Alissa und Martin Walser eher hitzig, rückt es der Klamotte näher als den Entsetzens-Elegien etwa eines Strindberg.

 

Übertrieben versöhnlerisch der Schluss: Das junge Gemüse ist längst gar gekocht und rausgeschmissen, da steht das hohe Paar der alten Krieger verlassen da – und fällt sich innig in die Arme. Als kleiner Waffenstillstand mag das durchgehen. Doch der Regisseur arrangiert das finale Kuscheln allzu plüschig; als wäre fortan Frieden für immer. Dabei haben die beiden Liebe doch längst verlernt. Da glimmt höchstens ein winziger Rest Sehnsucht. Den aber formatiert die Regie übergroß: Als tröstlichen Batzen Zucker fürs womöglich ehe-gestresste, gar gefrustete Publikum. Es applaudierte denn auch dankbar.

(wieder 6.-11., 20.-26. März)

2. Gefängnis-Theater aufBruch - JVA Tegel: - „Durch Mitleid wissend…“

 © Thomas Aurin
© Thomas Aurin

Berlin hat sieben Gefängnisse mit reichlich 4000 Insassen aller Nationen. Immerhin waren es mehr als 1500, die in den vergangenen zwanzig Jahren mit der Künstler-Initiative „aufBruch – Kunst Gefängnis Stadt“ zusammen kamen, um in verschiedenen Berliner Haftanstalten ihre teils erstaunlichen kreativen Potentiale und Talente mit rund 60 Theaterinszenierungen sowie unzähligen Workshops, Performances oder Ausstellungen öffentlich sichtbar zu machen. Der Anfang dieser auch international stark beachteten „aufBruch“-Arbeit begann in der Justizvollzugsanstalt Tegel, sozusagen der Heimatspielstätte. Im Mittelpunkt stehen bis heute Adaptionen klassischer Stücke, die mit zeitgenössischen Texten kontrapunktiert werden.

 

Zum Jubiläum zeigt „aufBruch“ in Kooperation mit dem Education-Programm der Berliner Philharmoniker (Prof. Andrea Tober) sowie der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in der JVA Tegel sensationeller weise „Parsifal“, eine auf zwei Stunden komprimierte Nacherzählung des Bühnenweihfestspiels von Richard Wagner.

 

Regisseur Peter Atanassow und Dramaturg Daniel Dumont sparten sehr wohl das Weihevolle nicht aus, betonten jedoch das Dramatische und bauten aufs Heute verweisende Fremdtexte ein von George Orwell („1984“), Friedrich Dürrenmatt („Die Wiedertäufer“), Klaus Kinski („Jesus Christus Erlöser“).

 

Diverse Teile der Wagner-Partitur stellte Simon Rössler, Schlagzeuger der Philharmoniker, zusammen und richtete sie ein für Streichquartett (Eisler-Studenten), obendrein mit Vsevolod Silkin am Klavier. ‑ Musikalische Einstudierung: Silkin; musikalische Leitung und Klanginstallationen: Simon Rössler; Video (Illustrationen mittelalterlicher Kreuzritter oder des Frühlingserwachens im Karfreitagszauber): Pascal Rehnolt.

 

Die Sopranistin Judith Kamphues, von Silkin am Klavier begleitet, hat einen hochdramatischen Auftritt mit dem an Parsifal verführerisch gerichteten Monolog der Kundry aus dem zweiten Aufzug in Klingsors Zaubergarten ‑ das monumentale, mit farbigen Tüchern ausgelegte Treppenhaus.

 

Was für ein aufwändiges Unternehmen an wechselnden Auftritts-Orten im historischen Tegel-Backstein-Bau aus der Kaiserzeit mit etwa einem Dutzend Mitwirkenden ‑ die hermetisch geschlossene, elitäre Gesellschaft der chorisch auftretenden Gralsritter, dazu Amfortas, Gurnemanz, Klingsor, Parsifal als Wagner-Text rezitierende Solisten (alles Laien=Strafgefangene). Großartige Sache, abgesehen davon, dass nach der Hauptprobe am Sprachlichen noch gefeilt werden muss.

 

Doch warum Wagners Monumentalwerk „Parsifal“? Das Monument einmal beiseitegelassen wird offensichtlich: Das Klaustrophobische der Grundsituation, der Bruch mit Regeln, das Auftürmen von Schuld, die Sehnsucht nach Erlösung und Befreiung in eine bessere Welt – das alles hat in etwa auch mit der grundlegenden Lebenslage der Sträflinge zu tun. Wagners Leitmotiv „Durch Mitleid wissend…“ korrespondiert deutlich mit jeder therapeutischen oder pädagogischen Arbeit mit den Gefangenen: Nämlich Empathie lernen, als Täter Schuld erkennen und das Leid der Opfer begreifen als Voraussetzung möglicher Wandlung. – Zugegeben. Die Kenntnis des Wagnerschen Originals mag dem Verständnis dieser wahrlich einzigartigen Adaption zuträglich sein. Gerade diesbezüglich hätte das immerhin aufwändig gestaltete Programmheft einiges mehr leisten können. Trotzdem: Ein auf ganz eigene Art unvergesslicher Abend an auratischem Ort.

(wieder 7.-9., 14.-16., 21.-23. März, jeweils 17.30 Uhr, letzter Einlass 17 Uhr. JVA Tegel, Seidelstraße 39, Eingang Tor 2. BVG: Linie U6 bis Station Holzhauser Straße. Karten: online im „aufBruch“-Ticket-Laden shop.gefaengnistheater.de oder telefonisch via Volksbühne Berlin 030-24065777)

3. TV-Rederei über Theater

„Don Quixote“ © Fernando Marcos
„Don Quixote“ © Fernando Marcos

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ (43. Ausgabe) aus dem Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (Eingang Ehrenbergstraße); nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße. Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Hendrik Frobel, Geschäftsführer Chamäleon Theater GmbH. Kritisch betrachtet werden die Premieren „Don Quixote“ von Victor Ullate (Choreographie) und Ludwig Minkus (Musik) – Staatsballett Berlin, „The Who and The What“ von Ayad Akhtar (Die Vaganten), „Sommergäste“ von Maxim Gorki (Deutsches Theater). Später auch im Netz auf YouTube.

4. Therese Giehse zum 120.: - "Sehr viel weniger dick als begabt“

Therese Giehse um 1919  © Wikimedia Commons
Therese Giehse um 1919 © Wikimedia Commons

„Ein Vulkan mit Zartgefühl“ - Hermann Kesten; „Jede ihrer Rollen eine Lektion in Sachen Humanität“ – Ivan Nagel; „Der unpolitischste politische Mensch“ – August Everding; „Auch den außergewöhnlichsten Charakteren bleibt in ihrer Darstellung immer ein hohes Maß innerer Logik und Folgerichtigkeit: die ‚Vernünftigkeit’ bleibt immer wieder bemerkenswert“ – Hans Mayer. „Es wäre mir daran gelegen, wenn Sie zum Ausdruck brächten, dass ich Therese Giehse für die größte europäische Schauspielerin halte“ ‑ Bertolt Brecht.

 

Richtig. Die Schauspielerin Therese Gift – ihre Schwester Irma bastelte den Künstlernamen Giehse aus den beiden ersten Buchstaben von Gift, den drei letzten von Therese und setzte ein Dehnungs-H in die Mitte –, Therese Giehse (1898 – 1975) gehört zu jenen Besonderen, die ein Theaterjahrhundert prägten. Sie war die erste „Mutter Courage“ (Zürich 1941), die erste Dürrenmattsche „Alte Dame“, die erste Irrenärztin von Zahnd („Die Physiker“, Dürrenmatt wandelte die ursprünglich männliche Rolle für die G. ins weibliche). Und sie war „Die Mutter“ in Peter Steins Eröffnungsinszenierung der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer. Auch war sie eng befreundet mit den Epoche machenden, exemplarisch gegensätzlichen Künstlerfamilien Thomas Mann und Bertolt Brecht; stand auf engem Fuß mit Erika Mann (mit der sie im Zürcher Exil das „Pfeffermühlen“-Kabarett machte), mit Liesl Karstadt, Marieluise Fleisser oder Marianne Hoppe. War heftig umworben von fast allen Großen der Szene (Falckenberg, Kortner, Brecht) und zuletzt, sie kam nach 1945 als eine der wenigen Ausnahmen aus der Emigration zurück nach Bayern, zuletzt wurde sie umschwärmt von den damals Jungen wie Sperr, Kroetz, Fassbinder (der ihr zu „melodramatisch“ war). Und von Peter Stein, dessen „linkes Theater“ sie gern „anschieben“ half.

 

T.G. glänzte immer als ein Zentrum der Szene. Weil: Sie lebte stur, stolz, insgeheim auch schmerzlich ihre Autonomie („bin alleinig“), schwur aber demütig auf Ensemblegeist. Urige, herzwarme Saft- und Erdigkeit sowie schneidende Intelligenz waren eins in ihr.

 

Die Giehse, durch und durch bajuwarische Volksschauspielerin (aber eben zugleich sehr viel mehr als ein Münchner Kindl), dieses tolle, königlich-plebejische Theatertier war keine Schönheit, war ziemlich mopsig, weil Würstl, Wiesn und Maß innig liebend. Aber sie war doch „sehr viel weniger dick als begabt“, so der begeisternde Trost ihres großen Kollegen und Freunds Albert Steinrück. ‑ Vor 120 Jahren, am 6. März 1898, wurde Therese Giehse in München geboren. Mein Gedenken in Liebe.