0

Kulturvolk Blog Nr. 246

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

26. Februar 2018

HEUTE: 1. „Panikherz” – Berliner Ensemble / 2. „Fox“ ‑ Platypus-Theatre auf Englisch für Schulkinder in der BKA / 3. „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe” ‑ Dresdner Hoftheater, Gastspiel in der DT-Box

1. Berliner Ensemble: - Gesang vom geil und giftig schäumenden Dasein

 © Julian Röder
© Julian Röder

„Mitmachen, Arsch retten, brutal sein, misstrauisch und hoffnungslos romantisch. Und niemals heimisch werden. Sobald man es irgendwo kapiert hat, geht es nicht mehr. Sobald es mir zu gut gefällt, kommt die Angst…“ Dann müsse man raus, fort, weiter, schreibt Benjamin von Stuckrad-Barre. Und meint damit nicht nur seine Kinderstube im grün-alternativen „Müsli“-Pastorenhaushalt in Rotenburg/Wümme, sondern seine schon früh ausgebrochne Gier nach Maßlosigkeit, seine auch gegenüber sich selbst rücksichtslosen Egomanien, seine ununterdrückbare Lust am Extremen ‑ größter Glamour, höchster Ruhm, dickste Brieftasche. Den dazu passenden Sound lieferte – und das bis heute ‑ Udo Lindenberg. Udo, der neue Gott! Und Ben, der ihn anbetet; bis heute.

 

Benjamin von Stuckrad-Barre (48), was für ein Kerl vom Ufer der Wümme: Er war Anfang zwanzig, da erschien sein über-cooles Weltschmerzbuch „Soloalbum“ (1998). Ein furioser Bestseller, der den deutschen Literaturbetrieb aufmischte, der ihn in den Ruhm schoss unterm brandneuen Label „Popliterat“. Als einen Autor, der alles einschließlich sich selbst scharf beobachtet und genau, noch dazu wahnsinnig originell, wahnsinnig witzig beschreibt.

 

Stuckrad schrieb fortan für große Zeitungen (großartig: Berliner Seiten der FAZ), wurde Gagschreiber für Harald Schmidts Late-Night-Show und – immer mit Hemd, Schlips, schneeweißen Jeans – ein Star der Clubszene zwischen Hamburg und Berlin – Party, Party, Sex und Drogen bis knapp vorm Tod. Zynismus, Selbstzerstörung, Schlankheitswahn, Essstörung. Dann raus aus dem System und wieder rein in ein anderes, in den Dunstkreis des angesagten US-Literaten Bret Easton Ellis (das anlehnungsbedürftige „Herumwuseln in den Aurazonen geistesverwandter ViPs“).

 

Was für ein Mix: Der geborene, beständig unter Strom stehende Narziss und der stocknüchterne Reporter seiner grellbunten, der high-hellen wie krank-dunklen Welt zwischen Rausch und Entzug, Auf- und Absturz. Bloß keine Ankunft, kein Bleiben. Dafür die Angst, bei dieser nur mit Doping irgendwie durchzustehenden heißen Hatz womöglich Allerheißestes zu verpassen oder aufzuwachen in kalter Einsamkeit, in eisiger Leere. Oder uncool stecken zu bleiben als Häftling eines Normalo-Alltags. Oder gar durch die letzte Grenze zu knallen und geradewegs in die Hölle zu düsen, die so verführerisch dicht am süßen Wahn des Himmlischen liegt. Benjamin lustvoll im Höhenrausch wie im quälenden Elend. Sein Herz dauerhaft in Panik. Seziert in Stuckrads biografischem Roman „Panikherz“, den – das musste sein! ‑ Oliver Reese als erste eigene Inszenierung als BE-Intendant auf jetzt die Bühne warf.

 

Der erste Eindruck eine Seltenheit: Ein roter Samtvorhang hinterm goldbestucktem Bühnenportal. Weiches helles Rot wie (Herz-)blut, das passt schon mal. Dann der Bühnenboden ausgelegt mit dickem, psychodelisch bemustertem Teppich; schummriges Licht in dessen Schatten – warum? ‑ die berühmte Band von Jürgen Gollasch Stimmungen zwischen hart und zart malt. Dazwischen ramponiert gelbliche Stehlampen, im Hintergrund eine Kuschel-Bar wie eine nostalgische Jukebox, eine ‑ kleiner Scherz ‑ Miniatur-Kopie vom BE-Portikus. Flauschige Stimmung. Atmosphärisch wie etwa im Hamburger „Atlantic“ (der Teppichboden!), Udos ewige Luxus-Herberge (Stuckrads Lifestyle-Vorbild). Oder grüßt das witzige Setting von Hansjörg Hartung womöglich die Edel-Entzugsklinik Hotel Chateau Marmont in LA?

 

Hübscher Rahmen. Und was passiert? – Ein Musical! Besetzt mit einem Pop-Star der Literatur, einem im Schönen wie Schlimmen auf Wirkung erpichten Selbstdarsteller-Entertainer, durchweht von Popmusik mit durchweg tollen Texten (genau hinhören!). Ist schon mal allerhand, was im 40-Blatt-Skript steckt, das Reese aus 564 Buchseiten extrahierte. Kleiner Einwand: dreißig Minuten raus gestrichen aus den reichlich zwei Stunden entspräche noch besser der kaltschnäuzigen Lakonie des Autors.

 

Bei dessen Probenbesuch, so die PR-Saga, habe Stuckrad geheult und Regisseur Reese gerührt ein Paar seiner Sneakers vermacht; obendrauf gepinselt ein Panikherzchen. Ja, der obercoole Panik-Poet kann auch Herz-Schmerz-Sentiment. Das lässt Reese ordentlich raus; doch nicht nur das. Deshalb hat er B.S.B. gleich vierfach auf den Teppich und vor die Mikros gesetzt: Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp und Carina Zicher stürzen in wahrlich herzzerreißenden Performances vom Reflexiven ins Exzessive, vom Ernüchterten ins Verzweifelte und zurück. Die starken Sarkasmus-Girlanden aus dem Panik-Hirn werden kontrapunktiert mit Udo- und Genesis-Hits. Die tönen fast wie neu, weil Gollasch sie fein verfremdet für seine großartige Band.

 

Zusammen wirkt alles wie das Aufblättern eines Skizzenbuchs mit signifikanten Momenten aus Stuckrads nimmersattem Dasein, das da zwischen Wümme, Elbe, Spree, zwischen Atlantik und Pazifik so geil wie giftig schäumt. Das immerzu sich nach Liebe sehnt und nach göttlichem Freisein zugleich. Beides zusammen passt nicht in dieses dauer-erregte Verzweiflungs-Herz. Also ein romantisches Sehnsuchts-Musical. Mit dem ganz unromantischen Warnbild, das dahinter schimmert. Und mit dem Wunsch, durchs finale Drogen-Gedröhn hindurch ‑ ganz dicht am Rand zur Hölle – endlich doch noch das wirklich Eigene zu finden, das echte Ich jenseits aller Leerstellen, allem Aufkgeklebtem. Vielleicht das, was womöglich nach Glück klingt, wenigstens einem Stück davon. – Ist doch okay; oder…

(wieder 8., 9., 16. März, 2. April)

2. Platypus: - Zwei beste Freunde – Fuchs und Suffkopp

 © Platypus Theater
© Platypus Theater

Eine wunderbare Entdeckung für einen wie mich, der längst jenseits des Schulbetriebs lebt, aber doch tagtäglich hört von der Misere dieser für uns alle so lebenswichtigen, zukunftssichernden Branche: „Platypus“, das englischsprachige Theater für junges Publikum. Unter Leitung von Peter Scollin, den seine Frau Anja (Regisseurin) einst aus Australien herüber geholt hat, entwickelt diese so fantasievolle Kleinbühne für Kinder ab fünfte Klasse Stücke in einem auch für Anfänger verständlichen Englisch. Allein deshalb schon sind sie ideal zur Ergänzung des Fremdsprachenunterrichts. Versteht sich, dass „Platypus“ bestens gebucht ist von Schulen. Trotzdem meine begeisterte Empfehlung an die Großen für einen Besuch mit ihren Kleinen. Denn die Scollins und ihr großartiges Ensemble bieten nicht bloß eine Extra-English-Lesson, sondern zugleich eine vehement spielerische und sehr berührende, unaufdringlich eindringliche Lektion in Sachen Zusammenleben, Empathie, Toleranz, Respekt. Erstaunlich obendrein die originelle, ideenreiche, dabei stets anspruchsvoll ästhetische Formung der einfach und klar erzählten Geschichten (Schauspiel Video, Puppenspiel, Gesang, Live-Musik). Bei aller Pädagogik: Hier handelt sich’s um Kunst; das handwerklich alles perfekt ist, versteht sich bei diesem so dankenswerten wie beliebten Unternehmen von selbst.

 

Die gegenwärtig laufende „Platypus“-Produktion heißt „Fox“. Da kommt Gerard neu in eine Schule und hat, nach dem Wechsel, ziemliche Querelen mit der Eingewöhnung, der Neuorientierung, des Freunde Findens. Da kracht es ordentlich, auch mit der Lehrerin oder der Frau Mama. Auf dem Schulweg trifft Gerard auf einen Obdachlosen mit einem zahmen Fuchs, großes Befremden auf beiden Seiten. Doch allmählich wächst eine Freundschaft zwischen dem Schüler aus sogenanntem guten Hause und dem „Aussätzigen“.

 

Es gibt in dieser das Publikum packenden Theaterstunde mit Joshua Springs, Ona Nurkkala, Edvard Lammerovo, Charmaine Gorman, Jeanette Hubert (Gitarre, Gesang) viele schöne sentimentale Momente, doch auch Aggressionen, Abwehr, Vorurteile, Missverständnisse – und immer wieder allerhand zu Lachen, viel zu Begreifen. Konflikte ja, Kitsch nie.

(wieder 8., 9., 15., 16. März; 3., 9. Mai; 6., 28. Juni. Spielort: Berliner Kabarett Anstalt BKA, Mehringdamm. Karten: 6140 1920)

3. Tipp: Deutsches Theater-Box: - Hat Goethe versagt? Grundsätzlich nie!

 © Fabian Schellhorn
© Fabian Schellhorn

Als Jungadvokat Goethe, ein frecher Schnösel, begabt und wahnsinnig berühmt („Werther“!), vom Weimarer Herzog 1775 als intellektuelle Allzweckwaffe herbei in den Staatsdienst geschleppt wurde, machte sie sich sofort an die Arbeit: Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein, eine gesellschaftliche Institution der Residenzstadt, gebildet, geistreich, verheiratet, vielfache Mutter und vom Herrn Gemahl sowie vom höfischen Klein-Klein arg unterfordert. Sie fand sich berufen zur Erzieherin, um den Hallodri überhaupt erst gesellschaftsfähig zu machen, fürs Staatsamt zuzurichten. Natürlich war sie, Anfang Dreißig, verknallt in ihren jungen Gott. Der war Ende Zwanzig und verbandelte sich auch heftig mit der dominanten Dame. Sie wird seine Muse, Ratgeberin, (platonisch?) Geliebte. Noch heute rätselt alle Welt darüber, wie sehr oder wie wenig intim diese Beziehung war. Keiner weiß es. Angeblich kam es am 10. Oktober 1780 zum Knackpunkt, angeblich habe er bei dieser „Gelegenheit versagt“, sagt sie. Er sagt dazu nix. Doch sechs Jahre später haut er bei Nacht und Nebel ab aus Weimar für einen Ausflug nach Italien. Und bleibt zwei Jahre dort. Charlotte ist stinksauer. Trotzdem: Briefe hin und her. Doch Lotte erwartet nur den einen: Goethes postalischen Heiratsantrag…

 

Der Dramatiker Peter Hacks (1928-2003) verkürzt diese Wartezeit auf hundert Minuten. Er füllt sie durch eine fulminante Rede, mit der Charlotte ihren angetrauten älteren Herrn Josia auf Ehebruch und Scheidung vorbereitet. Doch der Brief mit dem Antrag bleibt aus. Charlotte wird nicht Frau von Goethe. Wie sie damit klar kommt oder eben nicht und was ihr dabei alles durchs Köpfchen jagt über ihren Wahn, ihre (unerfüllten) Ansprüche und über einen Kerl wie Goethe, darüber hat Hacks ein Stück geschrieben: „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“.

 

Der witzigerweise als Gespräch betitelte Monolog ist eines der meistgespielten Stücke des 20. Jahrhunderts. Es kam in 200 deutschsprachigen Theatern und darüber hinaus in 21 Ländern auf die Bühne. Der wie ein Diamant funkelnde Text erklärt, was es heißt, ein Genie zu sein: „Er brauchte kein Einverständnis mit der Schöpfung, er selbst war Schöpfer. Goethe beleidigt, indem er ist. Ohne ihn sind wir nichts.“ So tönt lust- und schmerzvoll die enttäuschte, zugleich aber durch „ihn“ geadelte, ja in den Weltruhm katapultierte Frau von Stein. Hacks legt ihr sein Goethe-Bild in den Mund und spiegelt sich zugleich selbst darin. Sieht er sich doch hochfahrend, aber freilich nicht gänzlich übertrieben als ein Goethe seiner Zeit.

 

Der genialisch flirrende Text ist eine teils arg unkorrekte Betrachtung über Geschlechterbeziehungen, eine Feier weiblicher Intelligenz und Emanzipation und eine hinreißend sarkastische Boulevardkomödie, anno 1976 im Gorki-Theater ruhmreich uraufgeführt; jetzt in der DT-Box als Gastspiel einer Produktion des Dresdner Hoftheaters von Rolf Hoppe, der Barbara Schnitzler eingeladen hat, die Hacks-Preziose in dessen Privattheater zu spielen.

 

Die Schnitzler gibt – mal seltsam mädchenhaft schimmernd, dann wieder cool auf der harten Höhe ihres Alters ‑ die so anmaßende und wütende, sich verraten fühlende und dennoch den Verräter zumindest irgendwie verstehende Charlotte von Stein – rhetorisch eine Meisterleistung, ganz dem Glanz des Textes dienend. Inszeniert hat die grandiose Gedanken-Revue Altmeister Helfried Schöbel ohne falschen Ehrgeiz auf Verkomplizierungen und Abstraktionen mit zarter Hand und feiner oder eben auch handfester Ironie. Braucht doch die beispiellose Höhe des Textes keinerlei bedeutungsheischende Garnierung. Ein amüsanter, zugleich abgründig weiser, von der Schnitzler bittersüß, doch nicht ohne das pässliche Quantum Zynismus abgeschmeckter Abend, der da in knapp zwei Stunden ganze philosophisch-psychologische Essaybände komprimiert.

(wieder 3., 25. März, DT-Box)