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Kulturvolk Blog Nr. 224

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

18. September 2017

HEUTE: 1. „Ver(f)logene Gesellschaft“ – Neues Ensemble Die Wühlmäuse / 2. „Blutmordrache“ – Neues Theater Senftenberg / 3. Bernd Stegemann: Feier der großen Kraft des Schauspielertheaters

1. Wühlmäuse: Die Burka im Kanzleramt

 © Wühlmäuse
© Wühlmäuse

Nach genau einer Stunde kommt der Knaller des Abends. Die Schlagzeile via Monitor auf einem Nachrichtensender: „Kanzlerin Merkel zum Islam übergetreten!“ Wir sehen eine verschleierte Figur, eigentlich bloß einen schwarzen Schatten, der zu reden anfängt. „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger…“ Es folgt eine staatstragende Merkel-Rede, die ihren religiösen Wechsel begründet, den Islam feiert, das Positive am Fasten, an der Steigerung der Fertilitätsrate, am Alkoholverbot, an der Mehrfrauen-Ehe (auch für Schwule und Lesben) herausstreicht und überhaupt die erschrockene Bevölkerung beruhigt – „wir schaffen das“.

 

Der Redenschreiber unserer frisch verschleierten Burka-Kanzlerin heißt Frank Lüdecke; ein politisch hellwacher Kopf. Ein frecher Zuspitzer, eine originelle Pointenschleuder ‑ gern unkorrekt, auch saftig populistisch, doch das derart, dass letztlich den Populisten der Wind aus den Segeln genommen und das Publikum ins Nachdenken geschleudert wird. Was der längst mit einschlägigen Preisen überhäufte Lüdecke, ein Star der Branche, aus seinem so mutigen wie genialen satirischen Grundeinfall für ein vierköpfiges Kabarett-Ensemble alles „entwickelt“, ist unerhört, also einsame Spitze. So ziemlich alles, was die Bevölkerung hinsichtlich der massenhaften Neuzugänge im Land umtreibt, wird gewitzt ernsthaft und ins Groteske getrieben in die Mangel genommen. Muss man sich trauen; muss man aber auch können.

 

„Ver(f)logene Gesellschaft“ nennt Lüdecke die Show mit Dieter Hallervordens neuem Wühlmäuse-Ensemble. Der Titel umreißt trefflich das Thema des wirklich witzigen, ja großartigen Abends voller Lacher, aber auch mit reichlich Momenten zum nachdenklich am Köpfchen kratzen. Alles dreht sich um die großen Irritationen, um die allseits beschworene „Integration“, um vielerlei Verlogenheiten von rechts aber auch von links. Letztlich geht es um eine ziemlich verbreitete Rat- und Orientierungslosigkeit, eben um das Verflogene. Dafür hat Lüdecke (freilich ein bisschen krampfhaft) die Situation erfunden: Vier gegensätzlich verrückte Typen aus Berlin (Konfliktforscher, Hartz-IV-Brumme, Business-Tussi, Start-Upper) sitzen in New York fest im Kennedy-Airport – was allerdings herrliche Seitenhiebe auf Twitter-Trump via Monitor ermöglicht, der ansonsten immer nur anzeigt: Deutschlandflüge gestrichen.

 

Denn Trump hat zugeschlagen, weil Merkel neuerdings Muslimin („Merkel crazy. No flight to Germany“). Das wird, wie gesagt, nach der Pause heftig ventiliert – zuletzt mit einer Parodie auf ARD-„Anne Will“, in der führende Regierungspolitiker von Seehofer bis Altmeier ihren flinke Islam-Übertritt annoncieren sowie mit wahnwitzigen außenpolitischen Regierungs-Kommentaren aus Russland, Griechenland, Frankreich, Dänemark und Nordkorea.

 

Vor der Pause hingegen hat unser komisches Kleeblatt genug Zeit in der Warte-Lounge des US-Flughafens, sich dieselbe zu vertreiben mit einem kabarettistischen Nummernprogramm. Einem Rundumschlag auf alle möglichen deutschen Unmöglichkeiten u.v.a. von Bürgermeister Müller, digitalem Hosenkauf, schulpädagogischem Blödsinn, Euro- und BER-Rettung und sogar Erich Honecker – die Breite der Themen und satirischen Einfälle ist beinahe schon übertrieben enorm.

 

Überhaupt nicht übertrieben ist Dieter Hallervordens Freude, nun endlich nach vielen Jahren wieder ein eigenes festes Ensemble zu präsentieren. Schließlich hatte er einst anno 1960 sein Kabarett „Die Wühlmäuse“ zusammen mit Kollegen als ein „Ensemble-Kabarett“ gegründet, das sich dann später leider zerstreute. Die vergangenen Jahrzehnte betrieb der heute 81 Jahre alte Schauspieler, Regisseur und Theaterchef (Schlosspark Theater) sein "Wühlmäuse"-Theater erfolgreich als Gastspielbühne für die großen (zuweilen auch kleineren) Komiker- und Comedy-Stars.

 

Hallervordens zwischen politischer Aufklärung und Kritik, allgemein (Welt) und spezifisch (Berlin, Deutschland) menschlichem Wahn und Irrsinn, zwischen Nonsens und Aberwitz turtelnde Spaß- und Lachbühne am Theodor-Heuss-Platz kam stets ohne Berührung mit staatlichen Zuschüssen aus. Umso bewundernswerter der Wagemut des freilich gewieften, mit allen Wassern des Lebens und des einschlägigen Geschäfts gewaschenen Gurus der Branche, sich längerfristig auf eine Truppe mit Festengagement einzulassen. Freilich, er hat ein Händchen fürs Casting: Santina Maria Schrader, Birthe Wolter, Robert Louis Griesbach und Mathias Harrebye-Brandt sind absolute, ruhmreiche Könner ihres Fachs mit saftiger Bühnenpräsenz, Schlagfertigkeit und wuchtigem Pointen-Raushau. Nicht zuletzt sind sie alle weithin bekannt durch fleißige Film- und Fernseharbeit. Das Publikum zur Premiere im Begeisterungstaumel. Stehende Ovationen.

 

Fazit: So brisante wie akute Thematik, wirkmächtiges Script, starke Truppe mit pfiffiger Regie und Bühnengestaltung (auch das vom Allround-Könner Lüdecke). Was für ein siegreicher Einstand des neuen „Wühlmäuse“-Kollektivs! Bleibt am Ende das, was nicht so leicht zu machen ist; nämlich: Weiter so!

 

Finale Ponte: Muslima Merkel gehört natürlich ins Reich der Fake News!

(19./26. September; 7./8., 21./22., 29./30. Oktober; und weiter bis vorerst Weihnachten)

2. Ausflugstipp ins Senftenberger Revier, wo die Nibelungen toben

 © Steffen Rasche
© Steffen Rasche

Die Neue Bühne Senftenberg unter Intendant Manuel Soubeyrand  freut sich über sehr gute Auslastungszahlen in der Spielzeit 2016/2017 (mehr als 70.000 ist kein Pappenstiel für ein kleines Stadttheater). Zum Start in die neue Spielzeit gibt’s ein großes Nibelungenspektakel unter dem Titel „Blutmordrache“; Premiere ist am 23. September.

Der lange, sagenhafte Abend ist dreigeteilt. Und – pfiffiger Coup des Intendanten ‑ drei ganz unterschiedliche Regisseure nähern sich dem mythischen Heldenepos: Jan Mixsa führt im ersten Teil „Blut“ das Publikum ein in die Nibelungen-Sage; eine Art Ouvertüre mit dem klassischen Figurenpersonal, doch in ganz eigener Draufsicht. Pause. Die französische Regisseurin Sandrine Hutinet widmet sich Hebbels Nibelungen-Text im zweiten Teil des Abends: „Mord“. Pause. Dann inszeniert Tilo Esche den Kriemhild-Wahnsinn; sein Motto: „Rache“. Im Anschluss zur Entspannung: Großes Gelage fürs Publikum.

Die Proben für diese enorme Herausforderung laufen derzeit auf Hochtouren und mobilisieren sämtliche Kräfte. Die mit Wucht in Allgegenwärtigkeiten hauende Mythen-Show der Nibelungen unter fantasievoller Führung von gleich drei ziemlich unterschiedlichen Regiekräften bleibt auch im Oktober im Spielplan und verspricht, die Reise nach Senftenberg wert zu sein. Also mal raus aus dem Hauptstadttheater und rein in die rasende Theater-Provinz!

(Kartentelefon: 03573-801286 oder online karten@theater-senftenberg.de)

3. Kleine Lektüre zum Spielzeit-Auftakt - Bernd Stegemanns Attacke gegen die Dominanz von Performance-Pipifax

Die Kunst des Theaters sei den Ermattungsstrategien der Postmoderne zum Opfer gefallen. Es herrschten ironische Resignation sowie die hybride Feier von Präsenz und Authentizität, meint Bernd Stegemann, Dramaturg und Professor an der Berliner „Busch“-Hochschule und neuerdings einer der Vordenker des Berliner Ensembles unter Intendant Oliver Reese. Mit seiner profunden Kritik am gegenwärtigen Zustand unseres Theaterbetriebs verbindet Stegemann die Forderung, endlich die mimetische Kraft des Schauspielens wiederzugewinnen (s. auch Blog 141). Mittlerweile liegen zwei Schauspiel-Methoden im ideologisch aufgeladenen Clinch, so Stegemann. Nämlich die klassisch mimetische sowie die als avantgardistisch verstandene performative.

 

Mittlerweile ist die Debatte um Postmoderne, Ironie, Authentizität weiter fortgeschritten – wie auch ihre ganz praktische Verfestigung in der Programmatik vieler Theater, besonders aber unter Intendant Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen. Dort kam es zum medial mächtig verstärkten Skandal aufgrund massenhafter Abo-Kündigungen und der Abwanderung einiger hochkarätiger Schauspieler, die nur noch „performen“ sollen und kaum noch „spielen“ dürfen.

 

Und so erörtert denn alle Welt ausgiebig das Für und Wider der gegensätzlichen Positionen, deren Vertreter gern derart stur auftreten, dass es gelegentlich ans Populistisch-Demagogische grenzt: Hier die postmoderne Avantgarde und die zunehmende Vereinfachung der künstlerischen Mittel, dort die rückschrittliche klassische Einfühlung, die zwar (wie die klassische Musik) eine Publikumsmehrheit liebt, die es aber neuerdings und sonderlich an den Münchner Kammerspielen so überaus schwer hat gegen das dominierende, gut gemeint für brandaktuell gehaltene, politisch korrekt in die performative Form gegossene „Authentizitätsgeflunker“. Der mediale Schmäh Münchner „Jammerspiele“ oder „Performance-Pipifax“ machte schlagzeilenhaft die Runde.

 

Eine Veröffentlichung von Bernd Stegemann schlug obendrein gehörig Wellen („Lob des Realismus“, Verlag Theater der Zeit). Darin geißelt der Theoretiker nachdrücklich die allgemeine Suche der Theatermacher nach dem „Authentischen“ auf ihren Bühnen sowie den fatalen Trend, Schauspieler durch Performer zu ersetzen. So entstehe in der sturen Behauptung einer performativen Authentizität eine Lüge hoch zwei. „Weder die Selbstentfremdung des Ich, das in einer Bühnensituation öffentlich spricht, noch der Abgrund zwischen Schein und Wirklichkeit werden hier offengelegt. Die performative Behauptung leugnet die soziale Wahrheit der Bühne, die darin besteht, dass hier alles nur Schein ist, dass aber in dieser Fiktion eine künstlerische Wahrheit erscheinen kann. Die performative Authentizität lügt, weil sie die Entfremdungen des Lebens und (!) der Bühne leugnet, während die mimetische Lüge die Wahrheit sagen kann, weil sich in der sozialen Situation des Theaters (also im Publikum) alle darüber einig sind, dass hier gelogen wird.“ – Professoraler Theorie-Ton; muss man womöglich zwei Mal lesen, bis man begreift, was viele längst nervt. Deshalb und wegen der doppelten Lüge mein Beifall für Stegemanns Plädoyer, die einzigartige, besonders hierzulande traditions- und ruhmreiche Kunst des Schauspielens endlich wieder ins Zentrum des Theaters zu rücken – also das um der Moden Willen so einfältig wie heftig geschmähte Schauspieler-Einfühlungstheater, das uns Stücke mit großen Geschichten in starken Worten erzählt. – Daneben findet auch das so genannte "spartenübergreifend Performative" wohl immer noch genügend Platz, ohne das so genannte (längst schon im Performativen wildernde) "erzählende Schauspielertheater" verdrängen und bekämpfen zu müssen. Doch wetten wir: Mit der Zeit wird sich's mischen; und ein jeder nimmt sich seins vom anderen...