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Kulturvolk Blog Nr. 19

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

24. Januar 2013

Theater am Kurfürstendamm -

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Eine schöne, kluge, sympathische Frau; Gattin eines der reichsten und einflussreichsten Männer Deutschlands (das Medienimperium Burda), mehrfach Mutter, entfernt verwandt mit einem der einstmals größten deutschen Dirigenten aller Zeiten, Dr. med. – warum muss Maria Furtwängler in der zweiten Hälfte ihres Lebens ohne besondere Ausbildung noch eine Karriere als Schauspielerin starten? Unausgelastet? Geldgier? Ruhmsucht? Geniale Begabung? Letzteres entfällt; offensichtlich. Doch dank ihrer reichen Beziehungen gibt’s aus dem Stand eine TV-Hauptrollenkarriere mit prima Quoten; zuletzt als „Tatort“-Kommissarin – macht Maria souverän, sachlich, mit kühler Noblesse. Gefällt, ist aber künstlerisch nicht sonderlich aufregend. Umso euphorischer die Medien-Resonanz (der Burda-Effekt?). Sei ihr gegönnt. Doch nun muss sie noch auf die Bühne: Debüt im Kudamm-Theater in der Broadway-Komödie „Gerüchte … Gerüchte ...“ vom Super-Vielschreiber des Boulevards Neil Simon. Thema: Die hinter Glanzfassade akribisch versteckten Sauereien der New Yorker upper class.

Zur Premiere VIP-Auftrieb ohnegleichen (der Burda-Effekt!). Da können sich unsere gestandenen Staatstheater-Stars noch so abrackern, bei ihren Premieren schaut nur ganz, ganz selten die rbb-Abendschau vorbei (warum bloß???); schon gar nicht sooo ausführlich. Und genau so selten kommen Chefredakteure oder Minister.

Umso ärgerlicher, denn kein Termin war so überflüssig wie dieser. Und Maria Furtwängler, der annoncierte Superstar, was allein ihre TV-Prominenz stützt, die kann froh sein, dass sie in diesem Hauptrollen-Oktett nicht weiter auffiel (auch, weil sie sich klugerweise nicht an die Rampe drängte). Denn: Theater ist nicht ihr Ding. Da ist die Furtwängler blass und überfordert. Da fehlen Präsenz, spielerische Vehemenz, Wandlungsfähigkeit. Wäre aber nicht weiter schlimm, hätte die Regie (Esterea Stenzel, Adrian Castilla) begriffen: „Gerüchte“ ist keine bloß etwas bizarre Salonkomödie, kein neckisches Konversationsstück, sondern eine arg ätzende Farce. Da muss man vehement drauf- und dreinhauen, turbomäßig durchdrehen, über wirklich alle Stränge schlagen. Passiert aber gar nicht. So können auch die durchaus vorhandenen spielerischen Potenzen im Ensemble höchstens herumalbern, um schließlich abzusaufen im Blabla. Eine brave Scherzkeksveranstaltung, ob mit oder ohne TV-Lady Maria. Aber die Damen tragen hübsche Kostüme.

Der Abend ist weithin ausverkauft; prima für die private Woelffer-Bühne, der wir – wie Maria Furtwängler (im TV!) – alles Glück der Welt gönnen. Wer schon Karten ergattert hat, sollte sich jedoch, als zuverlässiger Stimmungsheber, zuvor im Foyer einen ordentlichen Schluck gönnen.

Schlosspark Theater -

Pariser Mittelstandsmilieu im Steglitzer Schlosspark: Feines Loft, schneeweiß möbliert (Ausstattung: Karin Betzler) und eben erst – kurz vor der Hochzeit – bezogen von Nathalie und Jean-Luc (Mariella Ahrens, Gerd Lukas Storzer). Der will die tolle neue Bude seinem Studienfreund Christophe vorführen und hat ihn (Thomas Reisinger) mit Freundin Patricia (Gesine Cukrowski) zum Essen eingeladen. Doch die beiden sind gerade frisch verzankt; sie zickt, er will wenigstens den Abend retten. Widerwillig macht Patricia mit, sagt aber kein Wort. Die irritierten Gastgeber halten sie für ausländisch. Patricia geht drauf ein, quatscht plötzlich Kauderwelsch, tut so, als sei sie ein Balkan-Flüchtling aus dem Fantasieland Chouvenien. Jean-Luc und Nathalie sind bestürzt und überhäufen Patricia mit Zeugs, das sie nicht mehr brauchen: Als Spende für Patricias angeblich notleidende Landsleute im angeblichen Chouvenien …

Der französische Autor Gilles Dyrek schrieb mit „Venedig im Schnee“ eine maliziös-makabre Satire auf unterschwellige Abwege westlicher Wohltätigkeit, auf schamlos billige Gewissensberuhigung der Wohlstandsbürger – und obendrein auf deren Spießigkeit. Ziemlich komisch und mit netten Pointen versetzt – das Publikum juchzt vor Vergnügen, das der Regisseur Roland Lang hübsch routiniert organisiert.

Freilich steckt in diesem Stückchen Kabarett-Theater noch ein kleiner Psycho-Thriller zwischen zwei (vor)ehelichen Paaren; wenn auch vom Autor bloß vage angedeutet. Doch die Prise Edward Albee, die gönnt uns die brave Regie nicht. Weshalb auch das Schauspieler-Quartett unter seinen Möglichkeiten bleibt. – Ach ja, warum „Venedig im Schnee“? Ein im Grunde bitterer Gag, der hier nicht verraten wird. (wieder 29. bis 31. Januar)

Deutsches Theater -

An die Wand geklatscht, ineinander verschlungen, verknotet, einander stützend oder erdrückend, sich haltend und losreißend und grimassierend vor Irrsinn, Lust, Leid, Schmerz. Ein Überlebenskampf? Oder Todeskrampf? Wie die Figuren am Fries vom Pergamonaltar auf der Museumsinsel, so ein paar hundert Meter Luftlinie westwärts die zehn Schauspieler im DT. So der Beginn von Roland Schimmelpfennigs Antiken-Phantasie „Idomeneus“, inszeniert noch vom inzwischen verstorbenen Jürgen Gosch im Bühnenbild von Johannes Schütz, der vor den eisernen Vorhang eine grellweiße Wand setzte mit einer schmalen Stufe. Auf der hocken, stürzen, recken und winden sich die Spieler dicht vorm Parkett, kostümiert mit Alltagskleidung von jetzt. Schimmelpfennigs „Idomeneus“ ist kein Stück, sondern ein aufregendes Wortkonzert. Eine beständig durch Fragen („War es so? So war es nicht!“) und Reflexionen unterbrochene, also variantenreiche und in Verse gegossene Erzählung der Geschichte vom Kreter-König Idomeneus, der einst auszog in den Trojanischen Krieg und nach zehn Jahren Schlachten und Blutbaden auf der Heimfahrt im Ägäischen Meer in schwerste Seenot gerät. In seiner Todesangst („ich bin noch nicht so weit“) geht er mit den Göttern einen Tauschhandel ein: Sein Überleben wird garantiert, wenn er das erste Lebewesen opfert, auf das er am Strand der Heimatinsel Kreta trifft: Es wird sein Sohn Idamantes sein, so wollen es das Schicksal, der Mythos und sein unerbittliches Gesetz. In Mozarts „Idomeneo“-Oper geht die Sache glimpflich ab. Da nehmen die – aufgeklärten   Götter gnädig den gesetzestreuen Willen zur Opferung schon für die barbarische Tat. Idamantes darf am Leben bleiben.

In Schimmelpfennigs „Idomeneus“ geht die Chose gar nicht aus, hingegen wird sie von den Kretern, dem kriegerischen König, seiner Familie (der Sohn, Gattin Meda, deren Liebhaber Nauplio) sowie den mythisch Anverwandten von Agamemnon, Iphigenie bis Elektra variantenreich durchdiskutiert („so war es, so war es nicht“).

Und doch schält sich in dieser keck schlaumeierischen, zuweilen nicht gänzlich klaren, weil ohne festgelegte Rollen auskommenden, beständig zwischen Soli, Duett, Quartett und Chor wechselnden Mythen-Paraphrase eine entsetzliche Gewissheit heraus; nämlich der archaische Zustand unseres Menschendaseins jenseits von „Aberglaube und Vernunft“: Es überlebt, wer „stärker ist, wer mehr Übung hat, mehr Erfahrung im Töten, im Kampf“. Das Überleben als „eine Frage der Ausdauer, der Zähheit, der Technik, des Gewichts, des Alters, der Heimtücke, der Feigheit und des Muts“. Anders gesagt: Unser aller Leben verläuft im Dickicht aus Überlebenskampf und Todeskrampf, wir selbst also sind es, die dazu verdammt sind, auf der gefährlich schmalen Lebensrampe verzweifelt zu hampeln und letztlich an die Bühnenwand zu klatschen. Wie lächerliche Fliegen an der Leimrute. Und wie tragische Helden, die genau wissen, wohin die Reise geht: „In das Grauen, in den Schmerz“; hält doch der liebe Gott letztlich „für jeden einen Tod bereit“.

In Goschs sarkastisch konzentrierten, zuweilen grotesk komischen, so leichthin spielerisch wie unerbittlich auf Wahrhaftigkeit insistierenden Inszenierung fällt uns, die wir alle „schiffbrüchig und siegreich“ sind und alle wie rasend „am Leben hängen“, die durch nichts gemilderte Wucht einer Todesfuge direkt aufs Herz – der der Regisseur war damals schon schwer vom Karzinom gezeichnet. Die dunkle „Angst vorm Sterben“ strömt durch den beständig klinisch hell erleuchteten Theatersaal. Kein Trost. Ein Requiem mit der doch trügerischen Hoffnung, dass es nicht gleich soweit sei, dass noch ein Quantum Zeit bleibt – für was auch immer. – Ein großartiger, ein ernster Abend und nun noch ein dankbares Gedenken an Jürgen Gosch (wieder am 29. Januar).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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