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Kulturvolk Blog Nr. 179

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

5. September 2016
HEUTE: 1. Ranking: Die Gewinner der Kritiker-Umfrage von „Theater heute“ / 2. Sechzigster Todestag von Bertholt Brecht

Die Ferien vorbei – und Vorhang auf für eine neue Spielzeit! Ab jetzt wieder, wie immer montags neu, meine Berliner Theaterbetriebsnotizen. Auf geht’s!


1. Die Ruhmreichen... Vom alljährlich großen Lorbeerkränze-Verteilen

Das 2016er Ranking ist raus. 43 Kritiker aus dem deutschsprachigen Raum hatte das Fachmagazin „Theater heute“ eingeladen, zum Stichtag 27. Mai ihre Besten, ihr Bestes der Saison 2015/16 zu küren. Ein Vierteljahr später haben wir das Ergebnis: Schauspieler des Jahres sind stimmgleich Edgar Selge und Caroline Peters (er für „Unterwerfung“ nach Houellebecq am Hamburger Schauspielhaus; sie für ihre Ella Rentheim in „John Gabriel Borkman“ nach Ibsen, Koproduktion Basel/Burgtheater Wien). Bestes deutschsprachiges Stück wurde „The Situation“ von Yael Ronen am Gorki Berlin (s. Spiral-Block 138); bestes ausländisches Stück „Geächtet“ von Ayad Akhtar. Bühnenbildner des Jahres wurde postum Volksbühnen-Designer (und Miterfinder) Bert Neumann.

 

Theater des Jahres sind stimmgleich Volksbühne und Gorki, ein Berliner Triumph. Dazu sei angemerkt: Das Votum für die Castorf-Bühne ist schlicht ein Trittchen gegen die fragwürdige Berliner Kulturpolitik (speziell: Tim Renner) und gegen den designierten Castorf-Nachfolger Chris Dercon. Die Stimmen fürs Langhoff-Hillje-Gorki, dem der Besten-Titel schon mal 2014 gegeben wurde, sind politisch korrekt und ziemlich gedankenlos dem „Postmigrantischen“ angedient. Beiden Häusern sei freilich der längst aus allen Rohren in alle Welt posaunte Ruhm gegönnt. Auch wenn letztens dort nicht alles erste Sahne war. Nervig finde ich freilich, dass mit diesem simplen Mainstream-Votum die großartige Theaterarbeit vielerorts in den Provinzen unter den Teppich gekehrt wurde.

 

Unter der Rubrik Ärgernis des Jahres wurden mehrheitlich die massenhaft signifikanten kulturpolitischen Idiotien verbucht sowie die oft platte theatralische Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise – moralische Appelle mit vorhersehbarem Gesinnungsapplaus. Eine Münchner Kollegin ärgerte sich (wie ich auch) über ein Zuviel an "Diskurs- und Pipifax-Theater". Der geschätzte Kollege von der Berliner Zeitung grämte sich schlicht über die Zumutungen jenes Theaters, das unentwegt die haltlose Wirklichkeit uns spielt. Stimmt!

 

Ich will mich nicht verstecken: Hier sei meine eigene Stimmabgabe nachgereicht:

 

Bestes deutschsprachiges Stück: René Pollesch, "Service / No Service" (s. Spiral-Block 153)

 

Bestes ausländisches Stück: Ayad Akhtar, "Geächtet" (lief als Gastspiel im Kudamm-Theater, s. Alex-TV Theater-Talk vom 1. Februar; kommt am 23. September in Potsdam heraus)

 

Beste Inszenierung: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, „Der Auftrag“ von Heiner Müller, Schauspiel Hannover / Ruhrfestspiele Recklinghausen (lief als Gastspiel im DT)

 

Beste Dramaturgie: Almut Wagner für „Engel in Amerika“ von Tony Kushner, Theater Basel

 

Beste Bühne, bestes Kostüm: Bühne und Video Julia Oschatz; Kostüm Andy Besuch für „Othello“ , Shakespeare, Gorki Theater Berlin (s. Spiral-Block 165)

 

Beste Schauspielerin: Ursina Lardi in „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ von Milo Rau, Schaubühne Berlin (s. Spiral-Block 159)

 

Bester Schauspieler: Bernd Stempel als Bazarow in „Väter und Söhne“ von Brian Friel / Iwan Turgenjew sowie als Rudolph Mayer in „Wintersonnenwende“ von Roland Schimmelpfennig, jeweils Deutsches Theater Berlin (s. Spiral-Block 162 und 144)

 

Bester Nachwuchs-Regisseur: Catharina May für „Bremer Freiheit“ am Berliner Ensemble

 

Beste Nachwuchs-Schauspielerin: Zora Schemm als Besche Zo in „Der gute Mensch von Down Town“ von Gisela Höhne im Theater Rambazamba Berlin

 

Bester Nachwuchs-Schauspieler: Alexander Finkenwirth als Peer in „Peer Gynt“ von Ibsen am Theater Potsdam

 

Beste Gesamtleistung: Staatsschauspiel Dresden. Intendant Wilfried Schulz (von 2009 bis Juni 2016, jetzt Chef in Düsseldorf) hat das Schauspiel aus dem Schlagschatten des weltberühmten Opernbetriebs gezogen. Das schaffte er mit der maßvollen Erneuerung des Ensembles sowie einem ebensolchen Programm- und Formen-Mix aus Tradiertem, Neuem, Experimentellen. Er hat also nicht nur das Schauspiel wieder in die Mitte des städtischen Lebens gerückt, sondern vor allem: Die Herzen der gern geschmäcklerisch mäkelnden, besserwisserischen Dresdner erobert. Er war sich nicht zu fein, beliebt zu sein – ohne Anbiederung und faule Kompromisse, aber mit Empathie für den eitel kulturkonservativen, aber eben auch extrem theateraffinen Elbflorenzler. Ein Intendanten-Kunststück! Stadttheater wieder in der A-Liga und zugleich Volkstheater. Noch dazu hat Schulz hier das Modell Bürgerbühne erfunden, weiter entwickelt und modellhaft zum Massenerfolg geführt. Zuletzt hat er sein Haus auf kluge, auch pfiffig spektakulär-agitatorische Weise zur Zentrale des „anderen Dresden“ gemacht in der Auseinandersetzung mit dem Pegida-Unwesen.

 

Ärger: Der immer gleiche: Erstens, die Hilflosigkeit, ja Beschränktheit der Kommunen: Um Haushaltskrisen einzudämmen, wird der Kulturbetrieb irreversibel ausgedünnt. Und zweitens das sich ausbreitende Lachsack-Publikum, das bei jedem Pointchen, jeder Grimasse peinlich laut loslegt.

 

*

 

2. Brecht: „Abschied“ ein filmischer Blick zurück, der es in sich hat. Man sieht einen großen deutschen Dichter, der nicht konnte wie er wollte. Und hauptsächlich daran ging er wohl so früh zugrunde. Mit 58 Jahren…

 

Es ist ein bisschen untergegangen im Ferienbetrieb: Am 16. August 1956 starb Bertolt Brecht in Berlin an einem Herzleiden. Ist also 60 Jahre her. Und mir ein Anlass, noch einmal den so hinreißenden wie bestürzenden Film anzuschauen über Brechts letzten Sommer, seine letzten Lebenstage im August 56, wenige Jahre nach dem Arbeiteraufstand in der DDR im Juni 53. Gesundheitlich und nicht zuletzt auch politisch arg angeschlagen suchte er (vergeblich) nach Ruhe in seiner kleinen Villa draußen in Buckow, Märkische Schweiz.

 

„Ich bin die Hure eines Klassikers.“ Ein Satz wie eine Bombe. Ruth Berlau wirft sie. Mitten auf den Frühstückstisch. Klassiker-Gattin Helene Weigel, Klassiker-Tochter Barbara, Klassiker-Herausgeberin Elisabeth Hauptmann sind starr vor Entsetzen. Es ist ein sonniger Tag Mitte August 1956 in aller Herrgottsfrühe, an dem Klassiker-Mitarbeiterin Ruth Berlau die jedem unter der Hand bekannte Wahrheit ausspricht. Auf der Datsche von Bertolt Brecht in Buckow bei Berlin am lieblichen Schermützelsee.

 

„Machen Sie bitte keinen Ärger. Es ist sein letzter Ferientag. Er braucht Ruhe.“ Die schwer besorgte Gattin (Monika Bleibtreu) beschwört die abgelegte, dem Alkohol verfallene Freundin des Gatten (Margit Rogall). Ruth schreit zurück: „Ein ganzes Leben hab ich für ihn aufgegeben. Bin seine Frau so gut wie Sie.“ Die Weigel platzt: „Wie Freundinnen hab ich euch alle behandelt, euch alle in meine Familie aufgenommen.“

 

Dann schlurft er herein. Der ruhebedürftige Klassiker (Josef Bierbichler) in Jan Schüttes Film „Abschied“ . Brechts letzter Sommer“ (bei Zweitausendeins Edition Deutscher Film; moviepilot). Die Frauen stehen stramm und beißen sich auf die Lippen. Hinzu schweben die mädchenhafte Schauspielerin Käthe Reichel (Jeanette Hain), seine gegenwärtige Muse, sowie Isot Kilian, Assistentin und Liebhaberin (Rena Zednikowa). Dazu deren Mann, der Philosoph Wolfgang Harich (Samuel Fintzi). Familienferien mit Brecht in Buckow. Beziehungs-Wahnsinn. Gefühls-Chaos.

 

„…und alle erstarren in Unterwürfigkeit. Draußen vor der Regierung, hier vor dem berühmten Autor“, schießt sich Harich, der Philosoph, in die zum Bersten gespannte Frühstückstischstille. „Ihr starrt ihn an wie den Messias.“ Es sei im Großen wie im Kleinen, im Staate Ulbrichts wie im Staate Brechts. – „Ruhe!!“ donnert da der Dichter. Und Waldvögel zwitschern im Morgenrot. Auf einem Zettel steht der Satz: „Wer zum Gott wird / Wird dumm.“ Wer schrieb ihn?

 

Derweil belichtet die blutrot aufgehende Sonne den bleiern ruhenden See. Eine paradiesische Pastorale im Brandenburgischen, weltentrückt und doch nahe an der geteilten Stadt Berlin. Westnachrichten tropfen aus dem Ostradio wie Salzsäure. Die Regierung Ulbricht plane Hochverratsprozesse. Säuberungen, die Nachbeben von 53. Verhaftungswellen drohen. Und schon summt eine schwarze Tatra-Limousine ins Bild. Wie ein friedliches Ufo im Kiefern-Idyll. Wo Stalinpreisträger Bertolt Brecht zwei kleine Villen am Wasser hat – sein Fluchtidyll. Wenn ihm denn ein Fluchtort bleibt. Denn der Riss durch die Welt stößt bei einem, der sich verbandelt mit Mächtigen, besonders tief ins Private.

 

So wird sein letzter Ferientag in seinem letzten Lebensjahr 1956, obgleich von unbeirrbarer Natur hingebungsvoll gefeiert, kein Freudentag. Er schwitzt im Fieber, stürzt in Herzschmerz, wird von Stasi umstellt. Keine Ruhe. Keine Hoffnung. Aber eine Muse, die ihn über alles hinweg lächeln lässt. Eine Liebhaberin, die er wehmütig im Bett mit ihrem Ehemann beobachtet. „Ich muss wissen, worüber ich schreibe“, sagt er resigniert. Und frech: „Wir Schwaben müssen alles wissen.“ -- Lange und schwer fasslich lag die Idee auf dem Tisch, einen autobiografischen, gar mehrteiligen Film zu drehen über einen typisch deutschen Dichter, der ertrinkt im Brackwasser aus Idealität und Nüchternheit. Über einen Windbeutel im Schlachtsturm der sich bekriegenden Ideologien – über Brecht . „Jeder ist verliebt in seinen Sozialismus“, kommentiert die Weigel. Harich schimpft: „Ob Sozialismus oder Weltuntergang, das ist ihm scheißegal; Hauptsache, es passt auf seine Bühne.“

 

Schließlich kam Regisseur Jan Schütte auf die Idee, all das kompliziert Widersprüchliche einfach auf diesen einen Augusttag anno ‘56 zu konzentrieren. Klaus Pohl schrieb das Drehbuch, erfand das Authentische. Lakonisch, wesentlich, grandios. Ein letzter Ferientag als Abschiedstag des armen reichen B.B.; diesem „Weltereignis“ (der Germanist Hans Mayer), diesem „chauvinistischen Arschloch“ (die Dramatikerin Dea Loher).

 

Ein Abschied von viel Lieb‘ und ewiger Treu, von Sucht auf Lust, vom Schmerz verlorener Illusionen, von der Feigheit, die Wahrheit zu sagen, vom Glück der Ruhms, vom Lechzen nach Freundlichkeit, Frieden, Heimat. Vom zwanghaften Ringen um den vollkommenen Text, von der Angst vor düster drohender Ungewissheit des Daseins. Ein Abschied oder eine Erlösung?

 

Der Schauspieler Sepp Bierbichler als Brecht: massig, verschwitzt, unrasiert. Er zeigt mit großen Augen die Last des welken Fleisches, die Wut über verlorene Leichtigkeit und Herrschaft. Zeigt Erlösungssehnsucht. Ein sabbelnder, todtrauriger Baal, verführerisch, abstoßend. Ein struppiges Raub- und Knuddeltier. Ein sturer Hund, ein müder Gott. Mit der Raserei sich aufbäumender, die Melancholie unaufhaltsam wachsender Ohnmacht. Im Männerleid. Künstlerelend. Scheitern.

 

„Wo es kein Geheimnis gibt, gibt’s keine Wahrheit“ , haucht an seinem herzkranken Ende der gläubige Aufklärer. „Habt ihr das aufgeschrieben?“, zischt er die blassen beflissenen Assistenten an, den Palitzsch (Claudius Freyer), den Weckwerth (Paul Herwig), beide herkommandiert vom Berliner Ensemble zur Arbeit am „Kreidekreis“. „Dunkelgrauheit“, flüstert Brecht. „Dunkelgrauheit…!“

 

„Warum sind wir hier, in der DDR. War das ein Fehler?“ , fragt Brecht gequält und apathisch nach einem Herzanfall die Weigel. „Weil sie uns woanders nicht haben wollten“, kriegt er nüchtern zurück.

 

„Ich kann mir nicht täglich einen Knoten in die Zunge machen“, giftet Harich zu Brecht. Die Weigel trocken zu Harich: „Er kann nicht, wie er will.“ Brecht schweigt und schreibt. „Doch was da aus Holz war / Bog sich und blieb.“ Abends fährt ihn sein Chauffeur zurück nach Berlin. Zum Sterben.

 

Harich landet als politischer Dissident im Knast, die Weigel wird BE-Intendantin, die Hauptmann BE-Parteisekretärin (Elfriede Irrall), die Tochter Herrin der B.-B.-Nachlassverwaltung (Birgit Minichmayr). Die Berlau verreckt in einer Klinik; viel später geschieht das mit der DDR.

 

Man darf glauben, dass dem Brecht der Film von Pohl und Schütte gefallen würde. Ist er doch groß in seiner Tragik, schön in seiner Wahrhaftigkeit, Wehmut, Liebe, und packend im Schauspielerischen. Die scharfe Zeichnung eines Genies im Gefängnis seiner privaten und politischen Obsessionen. Trotzdem würde Brecht den Film wohl wegschließen lassen. Damit keiner ihn sehe in seinem Schweiß aus Wut und Angst.