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Kulturvolk Blog Nr. 15

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

17. Dezember 2012

Kammerspiele Deutsches Theater


Coriolanus war ein siegreicher Kriegsführer, als Politiker aber war er unfähig. Ein von der Menge gefeierter Held, untauglich fürs Regieren. Weil – wir befinden uns im alten Rom und seiner noch jungen Republik: Er ist zu hochmütig, dem Volk und seinen bloß auf eigenen Vorteil erpichten Tribunen schön zu tun. Lautstark nennt er Plebejer saublöd, verweigert öffentliches Wahlkampf-Gerede, findet demokratische Willensbildung lächerlich („Unterschichtengeschwätz“). So wird der Menschenverächter aus Rom verjagt, verbündet sich mit Roms alten Feinden, gerät zwischen alle Fronten, unter alle Räder und dabei zu Tode.

Die Shakespeare-Tragödie „Coriolanus“ handelt vom demagogisch-manipulativen Umgang mit Wahrheit; umspielt die vertrackt komplexe Dialektik zwischen Oben und Unten, Herrschaftsanspruch und politischer Taktik, Masse und Macht. Aber all das ist ein bisschen viel auf einmal für Rafael Sanchez, einen der zahlreichen jüngeren, nicht unbegabten Regisseure, die locker flockig die Weltdramatik fürs coole Gegenwartsvolk spaßig aufheizen. Also zupft er sich – jetzt am allem Jungsein und Unausgegorenen nachjagenden Deutschen Theater – das griffigste Stichwort heraus, eben das vom doofen Volk als blödes Stimmvieh. Und malt es dick aus mit gängigen Gesten aus gegenwärtigem Politikbetrieb, garniert den Verschnitt mit Video-Verwirrung und lässt den vermeintlich ohnehin uninteressanten Rest vom Drama kurz gefasst und also kaum noch kapierbar aufsagen.

Damit das nicht allzu langweilig wird, tun dies fünf Schauspielerinnen in vielerlei neckischer Kostümierung an einem von Simeon Meier immerhin raffiniert konstruierten Klettergerüst. Judith Hofmann, Susanne Wolf, Natalia Belitski, Barbara Heynen und Jutta Wachowiak (der tolle DT-Altstar ist endlich wieder da!) tobten zunächst mal als Gogogirls im Popsound, denn der muss sein. Dann liefern sie als perfekte Kletterkünstlerinnen, ohne durch einen Fehltritt vom Gerüst zu stürzen, die rhetorisch aufwendig und exakt demonstrierte Vereinfacherei der hochkomplexen Textvorlage, die extra von Andreas Marber als Auftragswerk (!) komprimiert wurde. – Das ist, nach Dimiter Gotscheffs Shakespeare-Konfetti zum Thema Mord und Totschlag, das zweite große Ärgernis in rascher Folge mit dem offensichtlich fürs DT übergroßen Schüttelspeer.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Auch am Rosa-Luxemburg-Platz ist – nach den komödiantischen Lichtblicken mit Regisseur Herbert Fritsch – schon wieder Trübsal eingezogen. Erst Frank Castorfs vergrübelte Abarbeitung an Dostojewskis „Wirtin“-Roman. Und nun gleich wieder Literatur auf der Bühne (Titel: „Der Sandmann“) statt genuiner Dramatik – dabei existiert sie doch massenhaft. Suchen Dramaturgen keine Stücke mehr? Oder schielen zu viele Literatur-Bearbeiter auf die Honorare? Oder haben die Regisseure Schiss vor den großen Vorlagen aus dem großen (klassischen, klassisch-modernen) Fundus?

Wie dem auch sei: Diesmal mixte Thomas Martin die schauerliche Erzählung „Der Sandmann“ des Berliner Romantikers E.T.A. Hoffmann mit dem Text „Die Menschenfabrik“ von Oskar Panizza (1853-1921). Zwei Fantasy-Autoren, zwei große kritische Querdenker, zwei Avantgardisten, die, ganz modern, Unterbewusstes beleuchten und sarkastisch-satirisch böse Utopien beschwören: der künstliche Mensch, das Klonen, die Manipulation und Fremdbestimmung, das Mechanisch-Puppenhafte des Menschen, also die Künstlichkeit, die in unserem Dasein auch steckt.

Eigentlich ein tolles Thema für ein irres Albtraum-Theater, das im Absurden, Aberwitzigen Wirklichkeit erschreckend aufblitzen lässt. So war der Abend gedacht. – Aaaaber: Unser Novize Sebsatian Klink, auch so ein jüngerer, begabter Regisseur, der vor lauter Jungsein, Begabung, Ehrgeiz (in der Hauptstadt groß rauszukommen) und mit zu wenig ordentlich Praxis in der Provinz, der vermochte aus der überkomplexen oder schlichtweg verwirrenden Textvorlage leider kein packendes „Stück“ zu formen. Viel Gewusel und Geplapper des hochkarätigen Ensembles (Axel Wandke, Niklas Kohrt und endlich wieder in Berlin: Kathrin Wehlisch!). Dennoch oder gerade deshalb entsetzte, schockte, erschauerte nichts. Doch das märchenhafte, melancholisch rotierende Bühnenbild von Thomas Schuster schimmerte echt geheimnisvoll.

Box im Deutschen Theater

Nun endlich noch was Feines: Was nämlich am DT noch gut ist, das spielt sich eher in Details und am Rande ab: Beispielsweise Barbara Schnitzlers Solo in der DT-Besenkammer, dem prima Studio namens „Box“; Titel „Das Jahr magischen Denkens“. Es ist die Adaption der Memoiren von Joan Didion, einer bedeutenden amerikanischen Autorin, deren Tochter und Ehemann kurz hintereinander starben. Ihr Text beschreibt die verzweifelte Suche nach Strategien fürs Weiterleben nach der Katstrophe. Wie kann man zurande kommen mit den Seelenqualen? Die Schnitzler bringt Antworten wie Unbeantwortbares beklemmend rüber, mit knappster Gestik und Mimik. Und großer Sprechkunst. Das erschüttert – und erhellt (wieder am 21. Dezember, 13. Januar).

Die Schnitzlerin kann aber auch ganz anders – als komische Tragödin. In Dea Lohers pittorsekem Figuren-Reigen „Unschuld“ gibt sie eine arg lädierte Zuckerkranke, die aus schwerem Unglück wütende Lebensgier saugt. Die absurde Wiederholung von „Wenn ich Tankwart wäre und ein Streichholz hätte …“, allein mit diesem immer wieder in zahllosen Miniauftritten hin gerotzten Satzfetzen rückt sie als unvergessliches Rumms, als sarkastische Souveränin allen Daseinselends in den Mittelpunkt dieser starken Thalheimer-Inszenierung (steht leider erst wieder im frühen Frühjahr auf dem Plan).

Leckerli vom Bunten Teller

Mein Gott, lieber Leser, nun werden Sie meinen, dieser Kritikaster hat bloß zu meckern; und das vor Weihnachten. Tatsächlich, die jüngsten Bühnen-Novitäten vergällen Theaterlust. Sind höchstens interessant für Kenner und Spezies hinsichtlich diverser technischer Details, da arbeiten alle Häuser immerhin auf ziemlich hohem Niveau. Doch was hinten rauskommt, nun ja …

Also jetzt holterdipolter ein paar Wohlfühl-Tipps: Das Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ im Stage-Theater am Potsdamer Platz; im Kudamm-Theater Thalbachs unverwüstlicher Spaß-Klassiker „Raub der Sabinerinnen“ (selten so gelacht!). Oder, zurück zum Ernst, im Gorki Antu Romero Nunes' spielwütige, dabei packende Adaption des Visconti-Klassikers „Rocco und seine Brüder“ und jetzt der ganz große Knaller: Tatäteräää! „Was ihr wollt“, die singende swingende Verwechslungskomödie von Shakespeare in einer so liebevoll poetischen wie deftig rülpsenden und kloppenden Inszenierung von Katharina Thalbach – die in diesem Advent Berlin regiert als amtierende Groß-Entertainerin. Die prächtigste, wundersamste, köstlichste Shakespeare-Produktion seit langem.

Und wer die in letzter Zeit auch im Kino so heftig zirkulierenden Literatur-Verfilmungen nicht mag (der Hollywood-Kostümschinken „Anna Karenina“, der Kehlmann-Bestseller „Die Vermessung der Welt“ als Ausstattungsorgie), dem sei der lakonisch-poetische Zartbitter-Berlin-Film von Jan Ole Gerstner mit einem sympathisch unverschämten, dauerstudentischen Taugenichts (Tom Schilling) als Antihelden ans Herz gelegt: „Oh Boy“. Zwar schwarz-weiß, doch von vielfarbiger Ab- und Hintergründigkeit. – O du fröhliche ...

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