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Kulturvolk Blog Nr. 113

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

12. Januar 2015

Schlosspark Theater -

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Es begann 1899 in London. Der bekannte irische Journalist George Bernard Shaw war 42 Jahre alt; der Weltruhm als Dramatiker stand ihm noch bevor. Da traf er die acht Jahre jüngere, ruhmreiche Schauspielerin Stella Patrick Campbell, verliebte sich in sie (es blieb wohl platonisch), und es begann ein Briefwechsel zwischen beiden, der vier Jahrzehnte lang währte. Doch was heißt da Briefwechsel! Es sind Redeschlachten! Sind Vergötterungen, Verteufelungen, Melancholien und beißender Spott nebst Scharfsinnigkeiten ohne Ende – alles in allem Nichtigkeiten und Wichtigkeiten über das Leben der beiden, das Leben überhaupt.

 

 

Nach dem Tod der Campell 1940 fand der amerikanische Dramatiker Jerome Kilty (1922-2012) die Briefe in einer Hutschachtel unter Stellas Bett; Shaw hatte eine Veröffentlichung zu Lebzeiten verboten. Zwei Jahre nach dessen Tod erschien dann das Buch mit den Briefen, aus denen Kilty das Rededuell „Geliebter Lügner“ montierte; Uraufführung war 1959 in den USA. Gleich danach kam es im westlichen Berlin mit Elisabeth Bergner und O.E. Hasse im Renaissance Theater heraus, fünf Jahre später im östlichen, im Deutschen Theater mit Erika Pelikowsky und Herwart Grosse – dort (wie überall) war es ein Riesenerfolg, der noch viele Jahre im Spielplan stand. So konnte ich diese rhetorische und wie nebenher auch philosophische, komisch wie tragisch grundierte Tollheit noch erleben in den Kammerspielen: fast ohne Bühnenbild, in angedeutet historischen Kostümen auf zwei Sesseln. Optischer Minimalismus. Man gab das bizarre Wortgefecht als faszinierendes Sprach- und Sprechkunstwerk in sagen wir nahezu eisig kaltem Blau, durchzogen mit dunkelrot aufglühenden Kurzpausen und vielen grellen Blitzeinschlägen. Alles sehr schnell, herb, stringent, sehr sicher pointiert, sehr hohe Kunst.

 

So war das damals. Jetzt im Schlosspark Theater unter Regie von Philip Tiedemann ist alles anders. Musik tröpfelt, Nebel wabert, ein heller Lichtkubus, dessen Hintergrund je nach Stimmungslage die Farbe wechselt. Und in der Mitte die sensationelle Hutschachtel mit der scharfen Papierware (Ausstattung: Stephan von Wedel). Dann das exzentrisch-egomanische Kampf-Paar Brigitte Grothum und Achim Wolf, etwas flatterhaft und heutig gewandet in elegantem Weiß. Und man befleißigt sich hingebungsvoll eines vornehm gepflegten Konversationstons. Da klappern eher die Löffel in den zuckersüßen Teetassen bei dicker Luft als dass ein Florett haarscharf durch dünne klare Luft zischte. Shaw-Campbell-Kilty betulich auseinandergefaltet. Statt Champagner Kräutertee. Schmeckt ja auch ganz gut, passt aber nicht.

 

Und die so berühmte, aller Ehren werte Volksschauspielerin Brigitte Grothum, die in ihrer Rolle als Stella demnächst ihren 80. Geburtstag im Schlosspark feiern wird, sollte sich zuvor noch ganz schnell eine immer wieder aufschäumende Jungmädchenkeckheit sowie die mit Augenaufschlag pathetisch durchatmende Grundtönung austreiben. Herr Tiedemann, bitte rasch nacharbeiten und aufs Tempo, auf Lakonie, Sarkasmus und perfekten Pointenbau drücken.

Deutsches Theater -

Georg Büchners „Woyzeck“ von Sebastian Hartmann nun zum Dritten in Berlin, nämlich im DT. Nach Leander Haußmanns poetisch wuchtigem, ins Surreale tastendem und doch das Soziale kraftvoll packendem „Woyzeck“ im BE. Und nach der im Performativ-Fantastischen sich völlig verlierenden, extrem subjektivistischen und bei weitgehender Unverständlichkeit dennoch faszinierend bildmächtigen „Woyzeck“-Paraphrase des Filmemachers Mirko Borscht im Gorki (ein unfasslicher, dennoch faszinierender Versuch).

 

Alles in allem: Tolle Sache, dieser Dreier! Einer Theater-Hauptstadt würdig, die kann und muss das aushalten. Denn allemal ist der dramatische Text potent genug für viele Lesarten - wer Lust auf Vergleiche hat… Der Autor wäre fasziniert. Aber wohl auch erschrocken vor der Gegensätzlichkeit seiner Interpreten. Ich bin, was den Dreier anbelangt, einigermaßen durcheinander: erschüttert, angewidert, peinlich berührt, gelangweilt, verärgert, beglückt. Auf jeden Fall aber kann man bei diesem fulminanten theatralischen Dreisprung allerhand lernen und begreifen von dem, was alles Theater drauf zu haben imstande ist. Und was es anzufangen mag mit einem unübertrefflichen Text, der freilich in seiner unvollendeten Ordnung und vor allem aber durch sein universales Thema ein extrem starkes Futter ist für Regisseure (der nackte Einzelne, von feindlichen Mächten schmerzlichst Herumgestoßene).

 

Nun also Sebastian Hartmann im DT. Der einst so ungeliebte und geschmähte Intendant vom Schauspiel Leipzig (jetzt freier Regisseur), berühmt und berüchtigt für extrem artifizielle, auch provokant eitle und selbstverliebte Interpretationen sowie für nassforschen Umgang mit dem Publikum und überhaupt für künstlerische Rücksichtslosigkeit (aber gibt es den rücksichtsvollen Künstler???). Man kann zweierlei sagen: Hartmann ist ein mächtiger Ästhet und Fantast und ein kindsköpfiger Gernegroß (irgendwie kann ich nicht anders und muss ihn trotz allen Ärgers über ihn lieben).

 

Im DT will er uns nun den ganz neuen, ganz anderen „Woyzeck“ vorführen, indem er ihn seiner sozialen Dimensionen beraubt, zugleich aber auch seiner surrealen, Büchner war schließlich auch ein Autor des Absurden. Nun gut, das Surreale deutet der Regisseur als sein eigener Szenenbildner vage an mit seinem glitschig-schwarzen, Apokalyptisches assoziierenden Bühnenkasten. – Übrigens: Hartmann ist, schillernde Seltsamkeit und schöne Doppelbegabung, mal als Regisseur, mal als enorm signifikanter Bühnenbildner der Bessere. Diesmal ist das raffiniert ertüftelte Bühnenbild das Interessantere.

 

Und in diesem, in dieser Black-Box, ereignet sich nichts weiter als die hemmungslose Raserei zweier Menschen: Mann und Frau, Woyzeck und Marie, alle anderen Rollen sind gestrichen. Die tief ins Menschheitliche greifenden Dimensionen, das Soziale wie Politisch-Philosophische des Stücks bleiben bei solcher Reduktion auf der Strecke. Es dominiert die grausige Geschlechter-Schlacht eines warum auch immer verzweifelt unglücklichen Paares. „Woyzeck“ verengt auf das ewige, kurzzeitglückselige Mann-Frau-Macht-Hingabe-Aufgabe-Drama. Ein so schon ins Psychotische greifender Thriller. Freilich: Ein vehementer schauspielerischer Krieg zwischen Benjamin Lillie und Katrin Wichmann. Da tobt exzessives Körperspiel, oder besser: Leiberkampf und -krampf. Sehr sportiv; trotzdem beeindruckend.

 

Doch dann folgen die Regiemätzchen, die neunmalklugen Hinzufügungen des notorisch kraftmeiernden Regisseurs, der das überhaupt nicht nötig hätte. Da ist beispielsweise die „Ergänzung“ Büchners mit Heiner Müllers Apokalypse-Text „Bildbeschreibung“ (Wozu noch Müller, wenn das –anders – auch alles bei Büchner steht?). Zu diesem Müller-Monolog kreist dann ostentativ langsam und wichtigtuerisch die Drehbühne samt Blackbox hin ins fahle, postatomar kahle Landschaftliche mit entlaubten Gewächsen unter betrübtem Himmel – zumindest optisch ein fesselnder Vorgang. Letztlich aber ist das opernhafte Brimborium arg aufgesetzt und sogar ein bisschen albern. Das ewige Elend mit Hartmanns Effekt-Tüfteleien. Das beglückende Gegenteil, um das nicht zu verschweigen, haben wir aber auch schon erlebt bei ihm.

 

Ja, wenn doch alles, dieses ausführlich rabiat-sportliche Küssen und Kloppen, dieses Drehbühnenbrimborium mit musikalischem Dauer-Gegrummel, dieses Zurückschneiden des Autors und das Hinzufügen von Fremdtext – wenn das doch alles wirklich tieferen oder höheren Sinn machen täte. Tut es aber nicht. Es tutet bloß!

 

( „BE-Woyzeck“ wieder am 27.1. / „DT-Woyzeck“ wieder am 13.1. und 11.2.)

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