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Kulturvolk Blog Nr. 74

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

17. Februar 2014

Bevorstehender Systemwechsel?


Diesmal ausnahmsweise eine etwas längere Notiz nur zu einem allerdings brisanten Thema. Denn neuerdings wird da doch die Frage öffentlich diskutiert, ob man unser bestehendes Theaterbetriebssystem komplett umbauen sollte.

 

Wortführer ist Thomas Oberender, seit zwei Jahren Chef der Berliner Festspiele, die im Festspielhaus an der Schaperstraße residieren. Und der haut mächtig auf den Putz. Indem er zum Verteilungskrieg ausruft zwischen zwei sagen wir mal Parteien unseres üppigen Theaterbetriebs: Zum einen seien da die „Institutionen neuen Typs“ mit Künstlern, die „jenseits der klassischen Strukturen“ arbeiten wie etwa im Hebbel am Ufer, in den Sophiensälen, im Ballhaus Ost oder Naunynstraße oder im Radialsystem oder beim Tanz im August oder, oder…; Oberender sieht hier eine „Kultur der Kreation“ oder auch „Projektkultur“, die mittlerweile einen „Großteil der kulturellen Dynamik im Lande“ bestimme, hoch qualifiziert wie sie nun mal sei. Das mit dem „Großteil“ mag übertrieben und das mit der Qualität ziemlich strittig sein. Es gibt supertolle Projekte, aber eben zugleich viele schlechte.

Zum andern, so Oberender vor einigen Wochen in einem Fast-zwei-Seiten-Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“, zum anderen gäbe es die klassischen Staats-, Stadt- und Landestheater mit ihrer „Kultur der Interpretation“ – und Oberender (von Haus aus Theaterwissenschaftler, als Dramaturg in Bochum und Zürich; zuletzt Leiter des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele), Thomas Oberender meint das einigermaßen abwertend; die „Interpreten“ seien eigentlich altmodisch, rückwärtsgewandt. Und so findet er, dass sie im Vergleich zu den finanziell prekär ausgestatteten „Kreationisten“ finanziell übertrieben gut dastünden.

Seinen hauptstädtischen Festspielbetrieb zählt Oberender selbstredend zur avantgardistischen Projektkultur, die sich freilich vornehmlich in seinem sommerlichen Festival performativer Theaterkunst Foreign Affairs darstellt. Und so stellt er also schnell die Systemfrage: Warum wird das althergebrachte Prinzip der Theaterförderung nicht umgestellt? Warum wird die Kultur der Kreativen nicht mindestens derart subventioniert wie die der Interpreten? Das alte Theater-Fördersystem solle also endlich und möglichst radikal umgestellt werden zugunsten der „Institutionen neuen Typs“ mit ihren meist in Projekt-Arbeit erstellten dokumentarischen oder performativen Cross-over-Spielformen.

Wie genau das praktisch gehen soll, bleibt noch diffus. Zumindest ist die Rede von einer durch den Bund finanzierten Einrichtung (vielleicht eine Dependance der Bundeskulturstiftung?), die nun sonderlich besagte Projektarbeit (teil-)finanziert, damit erwählte und meist aus dem Off kommende Performer möglichst langfristige Produktionssicherheiten hätten, möglichst so wie die Stadt- und Staatstheater, mithin das „interpretierende“ System.

 

Und so wurde denn auch kürzlich im Fachmagazin „Theater heute“ diskutiert, beispielsweise, dass man doch das Berliner Ensemble nach dem Abtritt von Claus Peymann einigen bislang freien Performer-Kollektiven zur Verfügung stelle...

Im Prinzip geht es also darum, den etablierten klassischen (unzeitgemäßen?) Ensemble- und Repertoirebtrieb, der übrigens prädestiniert ist, die großen Stücke der Weltliteratur zu präsentieren, zugunsten eines rasch wechselnden Projektbetriebs zurückzudrängen und die staatlichen Theatersubventionen entsprechend umzuleiten. Dazu sei angemerkt, dass viele „alte Interpreten-Theater“ längst auch heftig performativ arbeiten und Projektarbeit aus dem Off in ihr System einbeziehen.

 

Für Berlin gilt, dass hier besonders zahlreiche Kreative (einschließlich der Firma Festspiele) mit massenhaft „neu“ kreierten, oft allerdings sehr ähnlichen oder gar gleichen „Formaten“ sich beim Ringen um Identität und Originalität gegenseitig auf die Füße treten und folglich am Markt der finanziellen Förderung als scharfe Konkurrenten kämpfen.

 

Die gestellte „Systemfrage“ meint wohl also weniger den künstlich herbei diskutierten Widerspruch zwischen Fortschritt und Regression. Vielmehr geht’s schlicht um Euros, die natürlich, so Oberenders Hintergedanke, zuerst den „Fortschrittlichen“ zukommen, nämlich Oberenders Festspielen mit ihrem Kern, den „Foreign Affairs“. Diese wollen also mit mehr Staatsknete die einschlägige Riesenkonkurrenz in Schach halten.

 

Es hat mithin etwas Demagogisches, wen da forsch und pauschal ein Qualitätsunterschied ausgerufen wird zwischen einem hochmütig abgetanen Alt (dem man in perspektivisch getrost Zuwendungen abziehen soll) und einem vermeintlichen Neu, das künftig deutlich mehr Zuwendung bekommen muss – dabei appelliert man zunächst noch vornehmlich an den Bund. Mir schwant, hier soll langfristig der Boden vorbereitet werden für den schrittweisen Abbau des klassischen Ensemble- und Repertoiretheaters, dem Humus des deutschen Theaterbetriebs, aus dem die in aller Welt bewunderten Spitzenleistungen wachsen.

Die Gedankenspiele nicht allein von Thomas Oberender kreisen allerdings um einen echten Missstand: Die teils prekäre Finanzierung der qualitativ wertvollen oder eben auch wirklich innovativen Projektarbeiter sollte unbedingt leistungsgerecht aufgebessert werden. Das betrifft allerdings gleichermaßen die so genannte klassische Struktur. Denn so manches hoch produktive, leistungsstarke, für eine große Mehrheit kompatible Stadttheater in der Provinz hängt ebenfalls am Existenzminimum und an der Obergrenze der Selbstausbeutung wie, zugegeben, viele gute Off-Gruppen auch mit ihren freilich meist Minderheitenprogrammen. Es hat etwas Selbstmörderisches, die beiden so genannten „Systeme“ gegeneinander auszuspielen um des Geldes Vorteil. Beide haben das gleiche Existenzrecht! Sie sind zwei Teile des einen Systems.

 

Und in diesem zählt letztlich doch nur eins: Qualität! Wer auch immer die liefert, darf auf vermehrte monetäre Zuwendung pochen. Dafür auch den Bund mit ins Boot zu holen, ist eine durchaus vernünftige, wenn auch nicht ganz neue Idee.

Da fällt mir die heutzutage und erst recht in diesem Zusammenhang beinahe schon ketzerische Bemerkung ein, die Giuseppe Verdi machte in einem Brief an seinen Freund und Kollegen Francesco Florimo: „Tornate all’antico e sarà un progresso!“ – „Halten wir uns an das Alte, und es wird ein Fortschritt sein!“ Nehmen wir das Zitat getrost als ein Motto für die Gegenwart.

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