Heute: 1. Schlosspark Theater – „Was ist los mit der Welt?!“ / 2. Schaubühne – „Antigone. Der Abschied“ / 3. Theater Strahl – „Die Fische"
Wenn sich der rote Samtvorhang im Schlosspark Theater öffnet, liegt der Raum im Dunkeln.
Ein Spot beleuchtet den Spieler vorne rechts, eine zweiter eine Spielerin hinten rechts… Und nacheinander erscheinen in den Lichtkegeln die Mitglieder der Familie von Razya Dagan: Sohn und Tochter, Schwiegertochter und Ehemann. Gemeinsam gesungen ertönt ein jiddisches Lied „Mir leben eybig, es brennt a Welt / mir leben eibig, on a Groschen Geld /, mir weln leben und derleben, schlechte Zejtn ariber leben / mir leben eybig, mir sajnen do.“ Ein starker Moment.
Razya ist gestorben, die siebentägige Schiwa ist vorbei; die Zeit, in der Totenwache gehalten, der Verstorbenen gedacht und Geschichten über sie geteilt werden. Aber hier ist längst nicht alles erzählt worden – im Gegenteil. Denn wie sich herausstellt, wurde über wichtige familiäre Ereignisse bisher der Mantel des Schweigens gehüllt.
Und so wird in den Gesprächen und auf der Bühne die Verstorbene wieder lebendig. Eine jüdische Mama, deren wichtigste Aufgabe im Leben ist, für ihre Kinder da zu sein, auch wenn diese längst erwachsen sind, sich verzweifelt gegen die Einmischungsattacken von Mama wehren – allerdings ohne die geringste Chance.
Die Komödie „Was ist los mit der Welt?!“ stammt aus der Feder des israelischen Dramatikers und Drehbuchautor Gur Koren, dessen Stücke, mit diversen Preisen ausgezeichnet, in vielen europäischen Ländern gespielt werden.
Worum es wirklich geht
Humorvoll und sympathisch agieren seine Figuren auch hier. In pointierten Dialogen, gespickt mit jüdischem Witz verfolgen wir, wie Razya sich daran macht, die Ehe ihres Sohnes Dor zu retten.
Dabei muss sie erfahren, dass die Welt sich weiter gedreht hat, sich die Werte ihrer Generation verschoben haben und sie vieles nicht mehr versteht. Und auch blödsinnig findet. Denn was soll sie anfangen mit Begriffen wie YOLO (You only live once) oder FOMO (fear of missing out)? Dabei zählt doch in Wirklichkeit, dass man zueinander steht und die Familie zusammen hält!
Regisseur Anatol Preissler führt das Ensemble routiniert und betont die jeweiligen Besonderheiten der Figuren: Jasper Krafft und Elisabeth Ebner als verunsicherte Eheleute in der Krise, Lena Conzendorf als neugierige Tochter Aya und Naima Laube als Affäre von Dor, liebenswert schnoddrig. Heinrich Schafmeister kommt als Razyas Ehemann nur ganz wenig zu Wort, kein Wunder bei dieser umtriebigen, fixen, die Szene in jedem Moment beherrschenden Ehefrau und vor allem Mama, die noch einmal heraussticht aus dem Ensemble – eine Paraderolle für Maria Hartmann, bravourös von ihr gemeistert.
Schlosspark Theater, bis 6. Dezember. Hier geht’s zu den Karten.
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Auch am Lehniner Platz begegnet uns eine sehr spezielle Familie. Auch hier beschäftigt ein Verstorbener die Zurückgebliebenen – hier steht die Frage, wie mit seiner Asche umgegangen werden soll, im Vordergrund.
Adam hat sich vor zehn Jahren das Leben genommen. Sein Bruder Chris ist mit seiner neuen Partnerin und deren Sohn in das Elternhaus gezogen, das, ursprünglich vom Vater gebaut, durch Chris eine radikale Erneuerung erfahren hat. Panoramafenster lassen viel Licht herein; Wände wurden herausgerissen und die alten Bäume im Garten sollen auch noch gefällt werden. Wegen des Lichts. Fertig ist längst nicht alles. Neben der exklusiven Kücheninsel gibt es nur noch einen Esstisch mit zusammengewürfelten Stühlen, im Hintergrund stapelt sich Ausrangiertes. Über allem ein weiß leuchtender Plafond, der sich senkt, hebt, kippt. Ach ja, das Licht (Bühne: Rosanna Vize).
Chris will also einen Neuanfang für sein Leben. Dazu gehört, dass endlich die Asche seines Bruders verstreut wird. Warum das erst zehn Jahre nach dessen Tod Thema wird, hat sich mir nicht erschlossen. Überhaupt ist „Antigone. Der Abschied“ von Alexander Zeldin ein Stück, bei dem viele Fragen offen bleiben. Der Titel verspricht, was der Text mitnichten hält. Denn hier geht es nicht um die Frage Staatsräson gegen Menschlichkeit, sondern – lediglich – um Beziehungen innerhalb eines Konstrukts, das sich Familie nennt.
Wenn das Stück beginnt, wartet Chris mit neuer Familie und Nichte Izzy auf deren Schwester Annie, die jahrelang keinen Kontakt zu Familie hatte. Annie ist entsetzt über das umgebaute Haus, über die Plastiksäcke, in denen sich die zusammengepackte Kleidung ihres Vaters befindet. Aber vor allem wehrt sie sich vehement dagegen, dass die Asche ihres Vaters verstreut wird; sie besteht darauf, dass sie im Haus bleibt.
Schwacher Text, tolle Spieler
Dieser Widerspruch ist die Basis, auf der alte Konflikte zutage treten, bisher Ungesagtes zur Sprache kommt, verheilt geglaubte Wunden wieder aufbrechen.
Leider verliert sich Zeldin, dem auch als Regisseur nicht viel eingefallen ist, über weite Strecken in einer banalen Alltagssprache; zieht sich der Abend in die Länge. Dazu wabert ein dröhnender Sound (Josh Anio Grigg) durch den Raum, den man aus deutschen Fernsehfilmen kennt und da schon unerträglich findet.
Aber wir sind ja in der Schaubühne, in der wir sicher sein können, tolle Schauspieler zu erleben.
Das Stück wird dadurch nicht besser. Aber wie Jörg Hartmann als Chris und Julia Windischbauer als Annie einander bis aufs Blut reizen, verzweifelt gegen den Anderen kämpfen, sich annähern, um sich dann wieder wegzustoßen, das ist spannend anzusehen und lohnt den Weg um Lehniner Platz.
Hartmann und Windischbauer ragen so noch einmal aus einem exzellenten Ensemble heraus (Holger Bühlow,Isaak Antwi, Alina Vimbai Strähler, Aya Michèle Zaghoudi), in dem es gelingt, dem Text Facetten abzugewinnen, die die Figuren und ihr Verhältnis zueinander lebendig werden lassen.
Schaubühne am Lehniner Platz. Im Moment sind alle Termine ausgebucht. Im Kulturvolk-Service wird eine Warteliste geführt, auf die sich Interessierte setzen lassen können.
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Dem Jugendtheater am Ostkreuz ist es in den letzten Jahren mehrmals gelungen, alte Texte aufzubrechen, zu überschreiben und dabei nicht für Jugendliche neu und spannend zu erzählen. So gesehen in „Krug zerbrochen“, einer Adaption zum Kleistschen „Zerbrochnen Krug“.
Jetzt also Ödon von Horvath, „Jugend ohne Gott“, 1937 geschrieben. Der Monolog eines Lehrers, der von seinen Schülern erzählt, von deren fehlender Empathie in Zeiten aufkommender staatlich sanktionierter Gewalt. „Sie leben in einem Paradies der Dummheit, und ihr Ideal ist der Hohn. Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische“, lässt Horvath den Lehrer sagen. Diesen Gedanken greift Tina Müller auf, die, basierend auf dem Roman, einen äußerst klugen heutigen Theatertext geschaffen hat.
„Die Fische“ spielt in einer Zukunft, deren mögliche Nähe uns Schauer über den Rücken jagt. Bei Müller ist es eine Lehrerin, die ihren Schülern vor allem eins beibringen will: Denken. Bei der Rückgabe von Aufsätzen zu „Jugend ohne Gott“ wendet sie sich gegen rassistische Äußerungen in dem Geschriebenen. Entgegnet wird ihr: „Das sagt doch sogar die neue Bundeskanzlerin.“ Die anschließende Diskussion gipfelt in der Frage der Lehrerin an ihre Schüler: „Leben wir noch in einer Demokratie?“
Der Spiegeleffekt
Die Bühne von Ying Yue spiegelt. Der Boden doppelt die Figuren genau wie ein hoch aufragendes stählernes Versatzstück. Über allem schwebt ein netzähnliches Gebilde, mit dem sich wunderbar spielen lässt.
Leon Kasili, Natascha Manthe, Daria Vivien Wolf und Anton Schaper schlüpfen in jeweils verschiedene Rollen, was durch einfache Kostümwechsel sehr schnell deutlich gemacht wird, wobei die Kostüme die einzelnen Figuren durch Details klar charakterisieren (Kostüme: Ying Yue).
In eindrücklichen Bildern erzählt Regisseur Max Radestock von Gewalt der Jugendlichen untereinander, von Ausländerhass und Denunziantentum. Fragen nach der eigenen Verantwortung werden gestellt, auf die die Jugendlichen im Publikum die Antwort selbst finden sollen, ohne dass von der Bühne der Zeigefinger erhoben wird.
Theater Strahl, am 3. Dezember und 18. Februar. Hier geht’s zu den Karten.
1. Schlosspark Theater Gegen Mama keine Chance
2. Schaubühne Ballast Familie
3. Theater Strahl Drängende Fragen
1. Schaubühne Leben unter Druckluft
2. Komödie in Reinickendorf Zombie-Jux mit Musike
3. Berliner Ensemble Oder auch nicht…!
1. Stachelschweine Wie der Koch zum Hoffnungsträger wird
2. Staatsoper Altar mit brennenden Büchern
3. Volksbühne Japanisches Zeug kommt immer an
1. Theater am Frankfurter Tor Paragrafen-Dschungel
2. Chamäleon Theater Japanische Heilkunst
3. Kabarett Theater Distel Deutscher Schlendrian
1. Kleines Theater Mehr als Kammerspiel
2. Berliner Ensemble Glückssucher
3. Hans Otto Theater Rasengemetzel
1. Berliner Ensemble Verwischte Frontlinien
2. Deutsches Theater Völkerfreundschaft im Rausch
3. Hans Otto Theater Auf der Rutschbahn, im Sandkasten