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Kulturvolk Blog Nr. 42

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

1. Juli 2013

Schauspieler mit Handicap


Fast ein Vierteljahrhundert schon gibt's in Berlin „Ramba Zamba“, das integrative Theaterprojekt für Menschen mit so genannter Behinderung in der Kunstwerkstatt Sonnenuhr auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Frank Castorf sagte über die tolle, von Gisela Höhne geleitete Truppe, sie mache das einzige Theater, das ohne Sinnkrise auskommt. Erst im letzten Jahr vergab Claus Peymann den Förderpreis, der zum „Lessing-Preis für Kritik“ gehört und den er 2012 erhielt, an die Ramba-Zamba-Protagonistin Nele Winkler.

In diesem Jahr nun endlich - ausgeschlafen?? - entdeckte die Theatertreffen-Jury das Thema Theater mit Handicap-Leuten und lud das „Disabled Theater“ der Zürcher Hora-Stiftung mit einer von Regisseur Jerome Bel betreuten Produktion ein; Ramba Zamba oder auch das Kreuzberger Theater Thikwa , beide mit ihren vielen bemerkenswerten Arbeiten - übersieht - warum auch immer   diese Jury stur. Die Zürcher sind freilich - wie ihre erstaunlich leistungsfähigen Berliner Kollegen - wunderbar. Und Thomas Thieme, der Juror des beim Theatertreffen verliehenen Alfred-Kerr-Darstellerpreises, vergab ihn ans Zürcher Ensmeblemitglied Julia Häusermann. Bravo!

 

Nun gibt es jetzt auch im Kino (sowie auf DVD!!) einen Film mit wie auch immer behinderten Menschen. Ihnen fehlen Gliedmaßen, sie sind spastisch, blind, depressiv, kleinwüchsig oder hocken im Rollstuhl. Der Film heißt so tröstlich wie zweideutig „Alles wird gut“ und dokumentiert – ungewöhnlich genug   ein Casting mit Behinderten, das im Vorfeld einer Theaterproduktion stattfand.

Freilich wissen wir korrekt Sprechenden: Die Ansage „Behinderten-Casting“ im „Behinderten-Film“ ist unmöglich; obgleich im Alltag die Ressentiments grassieren. Das weiß auch Niko von Glasow, der „einzig kurzarmige Regisseur Deutschlands“ (Contergan), wie er selbst in diesem „dokumentarischen Spielfilm“ sagt, der nämlich nicht „pädagogisch wertvoll“ sein, sondern ganz einfach direkt unter die Haut gehen will.

 

Gezeigt wird also das Besetzungs-Prozedere, die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten für die einzelnen Rollen. Es sind 15, die da antreten; die nach ihren Talenten, ihren Wünschen, ihrem Wollen und Können befragt werden. Und allerhand zeigen müssen. Dabei kommt es zu sehr schönen wie sehr schwierigen Beziehungen untereinander, aber auch zu äußerstem Stress. Und zu überrumpelnden Glücksmomenten. Wobei aus der Bewerber-Schar von Laien allmählich ein Ensemble von Schauspielern erwächst. Zugleich jedoch bleibt die Truppe ein hinreißender Haufen äußerst offenherziger Selbstdarsteller. Aus all dem erwächst die enorme Spannung des Films, der schließlich zu einem so verstörenden und beklemmenden wie befreienden Kunststück wird.

Das wiederum führt uns Zuschauer zu der Erkenntnis, dass auch wir von mehr oder weniger offensichtlichen Normabweichungen oder eben Behinderungen geplagt sind. Keiner soll so tun, als sei alles paletti mit ihm. Kritische Selbstbefragung, Einfühlung ins – vermeintlich? – Befremdliche, auch Schlimme sind angesagt. Dabei kommt das Aufklärerische dieses Lehrstücks in Sachen Erkenne-dich-selbst herrlich sinnlich über uns. Es ist voll Komik und Glückseligkeit, aber auch voller Bitternis und Traurigkeit. Wie halt jedermann Leben.

Freie Szene Berlin

Im Entwurf des Senats für den Doppelhaushalt 2014/15 stehen knapp 400 Millionen Euro. Das ist etwas mehr als bisher, doch geht das Meiste für die gesetzlichen Tarifanpassungen der, wie es amtsdeutsch heißt, öffentlich-rechtlichen Zuschussempfänger drauf – also für Theater, Museen, Gedenkstätten etc., die in der Trägerschaft des Landes stehen.  Aber bei der Freien Szene (FZ) bleibt alles beim Alten. Bleibt’s bei festgeschriebenen zehn Millionen Förderung; Lohn-, oder eigentlich nur Honorarerhöhungen sind hier nicht vorgesehen. Auch dürfen die Freien sehen, wie sie die Kostensteigerungen in der Infrastruktur (Ateliers, Projekt- und Probenräume) abfangen. Denen geht es also künftig nicht besser, sondern schleichend schlechter. Trotzdem feiert Kulturstaatssekretär André Schmitz das Festhalten an den besagten zehn Millionen, die gerade mal 2,5, Prozent am künftigen Gesamtkulturhaushalt ausmachen, mit stolz geschwellter Brust als großen Erfolg.

Die Szene fühlt sich vor den Kopf gestoßen!

Christophe Knoch, Sprecher der „Koalition der Freie Szene“, reagiert wütend „Tanks for nothing!“; der Senat verstehe die Stadt nicht mehr. Schließlich trat die SPD-CDU-Koalition an mit dem leuchtenden Vorsatz, unbedingt die Arbeitsbedingungen der FZ „deutlich zu verbessern“, sei sie doch ein rasender Motor in der Stadt.

 

Zur Erinnerung: „Der anhaltende Zuzug von Kunstschaffenden und Kreativen hat Berlin zu einem national und international ausstrahlenden Anziehungspunkt für die Künstlerinnen und Künstler gemacht. Der weitaus größte Teil dieser Akteure ist selbstständig. Um diese Kreativszene weiterhin anzuziehen und an Berlin zu binden, müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden.“ So steht's im Koalitionsvertrag von damals, beim Regierungsantritt. Ist heute vergessen – wenn das Parlament nicht schreitet zum Widerspruch.

Die Ignoranz des Kultursenators gegenüber dem Off (Klaus Wowereit schweigt auf sämtliche Anfragen) ist auch in wirtschaftlicher Hinsicht eklatant. Immerhin ist die FZ nicht unwesentlich am Anwachsen der Touristenströme beteiligt und mithin ein ziemlicher Wirtschaftsfaktor. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, sagt: „Wenn wir international Metropole von Künstlern bleiben wollen, sind weitere Investitionen in die FZ notwendig.“ Doch davon, von der einstmals versprochenen "deutlich verbesserten" Förderung ist bei Wowereit und seinem Sprachrohr Schmitz gegenwärtig keine Rede mehr.

Sabine Bangert, Kultursprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, konstatiert allgemeine Konzeptlosigkeit und also kulturpolitischen Stillstand überhaupt unter Wowereit; parlamentarische Gegenwehr sei gefordert. Die ist tatsächlich zwingend - Grüne und Linke könnten ja mal an einem Strang ziehen! Denn von einer finanziell und personell seriös gestützten Gestaltung seiner Kulturlandschaft auf wenigstens mittlere Sicht ist Berlin weit entfernt. Man stopft Löcher, die man anderswo aufreißt. Oder steckt, wie immer, wenn's problematisch wird wie bei der FZ (oder der Staatsopernsanierung), den Kopf in den märkischen Sand.

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