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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk Blog Nr. 419

Kulturvolk Blog | Sibylle Marx

von Sibylle Marx

5. Dezember 2022

HEUTE: 1. Renaissance-Theater – „Ein Oscar für Emily“ / 2. Komödie Im Schillertheater – „Rosige Aussicht“  / 3. Friedrichstadt-Palast Berlin – „Im Labyrinth der Bücher“

1. Renaissance-Theater - Mimen in den eigenen vier Wänden

Henry und Emily (Felix von Manteuffel und Leslie Malton) bei der Oscar-Verleihung © Thomas Raese
Henry und Emily (Felix von Manteuffel und Leslie Malton) bei der Oscar-Verleihung © Thomas Raese

Emily und Henry sind seit 45 Jahren verheiratet. Ein Schauspielerehepaar. Die Zeit, in der sie auf der Bühne oder vor der Kamera standen, ist lange vorbei. Viele Karriereträume haben sich nicht erfüllt.
Ihre Welt sehr klein geworden, der einzige Kontakt zur Außenwelt ist der junge Jeff, der ihnen jeden Tag das Essen auf Rädern bringt. Die Tage ziehen sich endlos und vergehen in zänkischem Geplänkel.

Aber heute ist ein besonderer, aufregender Tag: Abends steigt die Oscar-Verleihung und wie in jedem Jahr bereiten sich beide auf den Abend vor. Vielleicht passiert es ja heute, dass Emily einen Oscar für ihr Lebenswerk bekommt, vielleicht bekommt ihn aber auch Henry, dem er seiner Meinung nach wirklich zusteht… Darüber geraten sie in einen wohl schon hundertmal geführten Streit. Genauso wenig können sie sich darüber einigen, ob ihr Sohn Bill Arzt in New York oder Anwalt in Miami ist. In Wirklichkeit ist er schon vor vielen Jahren gestorben.


Das Ende einer Lebenslüge


Doch da sind auch immer wieder Momente, in denen hinter der Bissigkeit und der Absicht zu verletzen, eine tiefe Verbundenheit aufscheint und sich die Tragik ihres gemeinsamen Lebens, das sie ja doch so gut wie möglich versucht haben zu meistern, zeigt.
Die von beiden über Jahre sorgsam gehütete Blase platzt an diesem Tag. Dafür sorgt Jeff, der nicht nur der Essenslieferant ist, sondern in einer ganz besonderen Beziehung zu Emily und Henry steht und letztendlich Emily sogar zu einem Oscar verhilft.


Schauspieler brauchen Publikum


Leslie Malton und Felix von Manteuffel geben diese beiden Mimen routiniert und mit großer Spielfreude. Die Sätze fliegen nur so hin und her. Die Figuren sind Profis, genau wie ihre Darsteller: Der alltägliche Schlagabtausch wechselt zu Shakespeare – sie waren mal Romeo und Julia, Ophelia und Hamlet – um genauso übergangslos in den nächsten Streit überzugehen und sich gegenseitig für falschen oder vergessenen Text verantwortlich zu machen.
Richtig Spaß macht das alles natürlich nur mit Publikum. Und so laufen die Beiden zur Hochform auf, wenn Jeff (Jonas Minthe) sich zu ihnen gesellt. Da tauchen sie so in ihre Profession ein, dass Jeff nicht merkt, dass Henry und Emily nicht miteinander streiten, sondern eine Szene aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ spielen. Und das Publikum würde es auch nicht merken, wenn es von Henry nicht aufgelöst würde.

Es scheint, als hätte die Regie (Peter Jordan und Leonhard Koppelmann) weder dem Text noch den Schauspielern genügend vertraut. Die Pointen werden häufig mit gespielt, anstatt den Spaß im Zuschauerraum entstehen zu lassen. Unnötigerweise werden Szenen immer wieder angehalten, so, als würde beim Streamen die Stopp-Taste gedrückt. Das Bild bleibt stehen, die Schauspieler sind dadurch zur Grimasse gezwungen. Ein Loch tut sich auf.

Aber das Stück von Folker Bohnet und Alexander Alexy ist gut gebaut, das Zusammenspiel der Drei funktioniert bestens und so konnte das Premierenpublikum die eher tragische als komische Geschichte mal lachend, mal nachdenklich verfolgen und mit dem Verlauf des Abends hinter die Geheimnisse und Abgründe der Figuren kommen.

Renaissance-Theater, bis 23. Dezember. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Komödie im Schillertheater - Unerschöpflich: Der Mythos Familie

Ehefrau Nancy (Franziska Walser) und heimliche Freundin des Ehemanns (Susanne Böwe) Clara (  © Franziska Strauss
Ehefrau Nancy (Franziska Walser) und heimliche Freundin des Ehemanns (Susanne Böwe) Clara ( © Franziska Strauss

Auch in der Komödie im Schillertheater begegnen wir einem alten Ehepaar. Nancy und Bill sind seit über 50 Jahren verheiratet. Das gemeinsame Leben verläuft seit Ewigkeiten in eingefahrenen Bahnen. Zu Beginn des Stücks sehen wir Nancy das Abendessen vorbereiten. Bill kommt dazu, sie decken zusammen den Tisch, sie setzen sich, sie tun sich gegenseitig den Kartoffelbrei, die Sauce, das Fleisch auf, alles ohne Worte. In die Stille hinein sagt Nancy: „Ich will die Scheidung“. Bill antwortet: „Na gut.“


Familien gleichen sich und doch ist jede einzigartig


Dieser Satz ruft die beiden erwachsenen Söhne Brian und Ben und die Schwiegertochter Jess auf den Plan. Im Schillertheater heißt das, aus dem Zuschauerraum direkt auf die Bühne, wo sie der bis dahin herrschenden Stille ein jähes Ende bereiten.
Alle Drei sind fassungslos sowohl über den Entschluss der Mutter als auch den Gleichmut des Vaters. Während die Söhne Antworten von den Eltern verlangen, versucht Jess zu helfen, indem sie ihre Erfahrungen als Paartherapeutin einsetzt.

Und so tut sich in der zweieinhalbstündigen Aufführung ein Panorama auf an jahrelangem Schweigen, nicht geäußerten Wünschen, unausgesprochenen Ängsten, Verletzungen und Missverständnissen. Die Frenchs sind da nichts Besonderes, im Gegenteil ist dieser Gefühlsstau wohl eher der Normalfall in dem fragilen Gebilde namens Familie. Das Stück behandelt die verschiedenen Aspekte mit viel Komik und äußerst freizügig, die Darsteller kosten die Pointen aus, was mal mehr, mal weniger zündet.


Kammerspiel auf zu großer Bühne


Die Handlung spielt in der kleinen Wohnung von Bill und Nancy in der Seniorenwohnanlage „Rosige Aussicht“, einem Raum also, aus dem es für die Familienmitglieder kein Entrinnen gibt, während sie miteinander ringen.
Stéphane Laimé hat dafür einen Kasten wie eine übergroße Puppenstube gebaut, in dem zwischen den Möbeln wirklich nicht viel Platz ist.
Die Regie (Titus Selge) weicht diesen Rahmen auf, indem die Schauspieler immer wieder den Kasten verlassen, nahe an die Rampe herantreten, teilweise gar nicht mehr miteinander spielen, sondern ihren Text direkt ans Publikum richten. Diese Spielweise ist den Dimensionen der großen Bühne im Schillertheater geschuldet, läuft aber dem Kammerspielcharakter des Stücks zuwider und nimmt der Geschichte viel von ihrer Intensität.

Dem Ensemble mangelt es indessen nicht an Intensität. Allen voran Edgar Selge als Bill neben Franziska Walser als Nancy. Jakob Walser und Christoph Förster spielen ihre Söhne Ben und Brian; die Rolle von Bens Frau Jess wurde in der gestrigen Premiere von Janina Rudenska übernommen.
Ein besonderer Moment des Abends gelingt Susanne Böwe als Bills heimlicher Freundin Clara, die einer kleinen Szene die ganze Biografie ihrer Figur offenzulegen vermag.

Mit dieser Aufführung verlässt die Komödie ihr Asyl im Schillertheater. Hier begrüßt in den nächsten Jahren, während der Sanierung ihres eigenen Hauses, die Komische Oper ihr Publikum.
Die Komödie wird, bis ihr eigenes neues Theater am Kurfürstendamm fertiggestellt ist, ins Theater am Potsdamer Platz ziehen.


Komödie Im Schillertheater, bis 26. Dezember. Hier geht's zu den Karten
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3. Friedrichstadt-Palast Berlin - Große Show für kleine Leute


Lange, sehr lange – nämlich 34 Monate – mussten die Mitglieder des Jungen Ensembles des Friedrichstadt-Palastes Berlin warten, bis sie mit ihrer phantastischen Geschichte „Im Labyrinth der Bücher“ wieder auf die Bühne durften. Aber das Warten hat sich gelohnt: Für die jungen Darsteller genauso wie für ihr Publikum.

Vier junge Menschen machen sich auf eine Reise in die Welt der Bücher. Was für ein schöner Grundeinfall in einer Zeit, wo Eltern und Pädagogen gleichermaßen darüber klagen, dass Kinder nicht mehr lesen, sondern lieber vor ihren Smartphones und Tablets hocken (Buch: Stefanie Fischer).


Phantasie und Frauenpower


Ben hat’s eigentlich nicht so mit den Büchern und dem Lesen, er ist Legastheniker, deshalb ziemlich unsicher, hat Minderwertigkeitsgefühle gegenüber anderen Kindern. Daran stören sich Mayla, Jule und Lea aber überhaupt nicht. Sie nehmen Ben einfach mit auf ihre Reise durch spannende Geschichten. Begleitet von der etwas verwirrten Apfelfee Appelina besuchen sie Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel, kämpfen gemeinsam mit Robin Hoods Räuberbande und treffen auf die berühmten Musketiere. Sie erfahren die Macht und Schönheit der Phantasie, mit deren Hilfe und geballter Frauenpower es auch aus einer scheinbar aussichtslosen Situation – Ben wird von der bösen Königin aus dem Märchen vom Schneewittchen entführt – eine Lösung und für Ben einen Weg aus dem Labyrinth der Bücher gibt.


Das alles wird auf der großen Showbühne mit allem, was der Friedrichstadt-Palast zu bieten hat, in Szene gesetzt. Ein tolles Bühnenbild (
Jan Wünsche) wird von überdimensionalen Bücherstapeln beherrscht. Wechselndes Licht erstrahlt in verschiedenen Farben, Laserstrahlen zaubern neue Räume, die Technik des Hauses hilft der Phantasie kräftig nach und verleiht sogar Flügel. Auch die berühmten Wasserbecken kommen natürlich zum Einsatz.


Überwältigende Leistung der jungen Darsteller


Vorangetrieben wird das Geschehen durch viel Musik und Tanz. Die einzelnen Songs sind in ihren Melodien eingängig, die Texte manchmal arg flach („…hab nur Mut, dann wird alles gut…), aber das tut der Freude am Gesamterlebnis keinen Abbruch. Auch wenn man das junge Ensemble schon oft erlebt hat: Es ist immer wieder überwältigend, diesen Kindern und Jugendlichen dabei zuzusehen, mit welcher Freude, aber auch mit welcher Präzision jede einzelne Figur gespielt, gesungen oder getanzt wird.

280
junge Menschen zwischen 7 und und 16 Jahren aus 20 Nationen umfasst das junge Ensemble. Damit ist es, was Altersstruktur und Größe angeht, einzigartig. In der aktuellen Show wirken über 100 Kinder mit, auch Ben, Mayla, Lea und Jule werden von Teenagern gespielt. Jede einzelne Rolle ist doppelt besetzt. Anders geht es auch gar nicht, denn von Mitte November bis Januar ist die Show fast täglich auf dem Spielplan. Hut ab auch vor der Leistung von Christina Tarelkin, Direktorin und Sebastian Brand, musikalischer Leiter des Jungen Ensembles, die durch ihre permanente Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen diese Aufführung erst möglich machen.

Kinder und Erwachsene verfolgten d
ie gut anderthalbstündige Vorstellung, die ohne Pause durchläuft, mit freudiger Spannung. Heftiger und langanhaltender Beifall.

Leider ist das Kulturvolk-Kontingent für alle Vorstellungen bis Ende Januar bereits erschöpft. Für einzelne Vorstellungen gibt es im Friedrichstadt-Palast Berlin noch einige Karten.

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