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Kulturvolk Blog Nr. 416

Kulturvolk Blog | Ralf Stabel

von Ralf Stabel

14. November 2022

Heute: 1. Berliner Ensemble – „Die Vielleichtsager“ / 2. Deutsches Theater – „Die Kronprätendenten“ / 3. Theater in Krisenzeiten – immer aktuell!

1. Berliner Ensemble - Brecht weitergeschrieben

 Malick Bauer, Peter Moltzen, Sven Michelson, Niklas Kraft, Lili Epply © Matthias Horn
Malick Bauer, Peter Moltzen, Sven Michelson, Niklas Kraft, Lili Epply © Matthias Horn

Die Idee scheint verblüffend logisch. Nachdem Bertolt Brecht seinen „Ja-Sager“ geschrieben und dann um den „Nein-Sager“ erweitert hatte, hat nun Alexander Eisenach die Sache nicht nur über-, sondern auch weitergeschrieben, und ganz folgerichtig sind dabei „Die Vielleichtsager“ entstanden.

Um das heutige Konstrukt zu verstehen, sei ein Blick in die Historie erlaubt. Das ursprüngliche Stück stammt aus dem japanischen Nō-Theater des 15. Jahrhunderts und wurde durch den britischen Sinologen Arthur Waley (1889-1966) ins Englische übertragen.
Elisabeth Hauptmann hat es dann 1930 aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und sowohl Hanns Eisler als auch Bertolt Brecht vorgeschlagen. Thema der Geschichte ist – sehr verkürzt – eine zwingend notwendige Wanderung in unwegsamem Gelände. Als dabei ein Schüler erkrankt, muss entschieden werden, ob die Reise, die dem Wohl vieler gilt, zugunsten des Schicksals eines Einzelnen aufgegeben werden muss – oder ob eben dieser Einzelne aufgegeben, d.h. geopfert werden muss. Der Titel „Taniko oder der Wurf ins Tal“ verrät bereits den Ausgang der Überlegungen. Bertolt Brecht hat den Text von Elisabeth Hauptmann „übernommen“ und die grandiose Idee einfließen lassen, dass dieser Sturz des Jungen nur mit seinem Einverständnis geschehen dürfe. Aufgeführt wurde diese „Schuloper“ als Lehrstück 1930 im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin. Brecht sah diese Aufführung nicht, sondern eine weitere in der Karl-Marx-Schule in Berlin Neukölln. Während der anschließenden Diskussionen mit den Schüler*innen kam wohl heraus, dass diese – erwartungsgemäß – mit dem Ja-Sagen zur eigenen Vernichtung nicht so richtig einverstanden waren, und so entschloss sich Brecht, es um die „Nein-Sager“-Variante zu erweitern. Hier machte also Theater nicht Schule, sondern umgekehrt: Schule machte Theater.

Das Inszenierungsteam um den Regie führenden Autor meint nun, dass die Zeit klarer Verhältnisse vorbei sei. Mit den Worten der Dramaturgin
Amely Joana Haag liest sich das im Programm-Heftchen so: „Gibt es noch die Fragen, die wir eindeutig mit ,Ja‘ und ,Nein‘ beantworten können? Oder brauchen wir ein neues kollektives Bewusstsein? Ist ein ‚Vielleicht‘ wirklich haltungslos? Oder kann es, anstatt an einem blinden Fortschrittsglauben festzuhalten, gerade einen Perspektivwechsel ermöglichen?“ Vier Fragen, keine Antworten – im Heft.

Gibt’s sie dann auf der Bühne? Wir sehen einen quadratischen Bühnenraum auf der Szene, der wiederum in vier Quadrate unterteilt ist
(Bühne: David Wollenzin). Eines davon ist den Musikern Niklas Kraft und Sven Michelson vorbehalten. Die anderen drei Räume ermöglichen, je nach Drehung des Gesamten, einen Perspektiv- und Ortswechsel. Klug erdacht ist das und auch notwendig, weil die bekannte traditionelle Geschichte thematisch etwas abgewandelt dreimal erzählt wird. Zuerst geht’s – hochaktuell – zu einem geothermischen Erd-Riss, der unsere Klimafragen lösen könnte. Ein mitreisender Student erkrankt – und wird mit seiner Zustimmung getötet. So abwegig die ganze Konstruktion heute auch wirkt, wird sie doch „allen Ernstes“ präsentiert. Die zweite Reise soll der Marsbesiedlung dienen. Einer Mitreisenden kommen Zweifel, sie möchte umkehren. Auch sie soll dem Fortgang der Expedition nicht im Weg stehen, schafft es aber durch ihren Widerstand, alle zur Umkehr zu bewegen. In Reise drei nun geht es in die Tiefsee, um mit den dortigen Bewohner*innen zu verhandeln. Und wieder: einer der Reisenden „tanzt aus der Reihe“. Auf die schon gewohnte Frage, ob er seiner Opferung zustimme, um den Auftrag nicht zu gefährden, antwortet er mit dem seit Anfang der Vorstellung erwarteten: Vielleicht.
Und hier wird aus Gesprochenem und Gespieltem auf einmal Komik. Das Publikum ist erst jetzt erheitert, obwohl sich Sprache und Gestus von
Malick Bauer, Lili Epply und Peter Moltzen meiner Erinnerung nach nicht verändert haben. Sie spielen die ganze Zeit schon „absurdes Theater“ – thematisch, sprachlich, gestisch. Wäre das Stück nicht eindeutiger von Anfang an als Satire zu verstehen und zu spielen? Die Inszenierung scheint da unentschlossen und mündet schließlich irgendwie in Klamauk.

Aber vielleicht sind ja wieder die Schüler*innen der ehemaligen Karl-Marx-Schule (der heutigen Fritz-Karsen-Schule) zur Diskussion eingeladen und irgendjemand kommt auf die Idee, auch diese Geschichte zu überschreiben und zu erweitern um „Die Nichtssager“. Das wäre doch auch ganz zeitgenössisch…

Auf jeden Fall wäre es ganz in Brechts Sinne, wenn Sie hingingen und sich als Zuschauer*innen eine eigene Meinung bildeten. Ja? Nein? Vielleicht!

Berliner Ensemble, Neues Haus, 3., 4., 10. und 11. November, 31. Dezember, 1. Januar. Hier geht’s zu den Karten.


***

2. Deutsches Theater - Humor gepaart mit großartiger Schauspielkunst

Natali Seelig, Lora Handschin, Elias Arens © Arno Declair
Natali Seelig, Lora Handschin, Elias Arens © Arno Declair

Und ab in die Kammerspiele des Deutschen Theaters, denn hier erlebt man etwas ganz Wunderbares: intelligenten Humor gepaart mit großartiger Schauspielkunst gewandet als Historien-Ulk: „Die Kronprätendenten“ nach Henrik Ibsen.

„Was Ibsen hier über Machtstrukturen, Einflussnahme und die Bedeutung von Emotionen als Antrieb politischen Handelns erzählt, ist erstaunlich und problemlos an gegenwärtige Beobachtungen anschließbar“, berichtet Regisseurin und Bühnenbildnerin
Sarah Kurze auf die Frage, warum es nun dieses Stück sein musste. Sie hat gemeinsam mit ihrem Team im Original ordentlich gestrichen und den „Rest“ dann relativ spielerisch an die Darsteller*innen (zu denen auch kurz die Bühnentechniker gehören) verteilt. In Ibsens fünfaktigem Historiendrama, das Königskämpfe im mittelalterlichen Norwegen zum Gegenstand hatte und 1864 seine erfolgreiche Uraufführung erlebte, gibt es 20 Rollen. Übrig geblieben sind nun knapp die Hälfte, die Lorena Handschin, Natali Seelig und Elias Arens auf grandios-witzige Weise „vorführen“ und das so völlig überzeugend, dass man meint, dass es heute eben nur noch so dargestellt werden kann.

Zu erleben ist eine wilde, auf knapp zwei Stunden eingedampfte Story um zwei Thronfolger, von denen nur einer (Lorena Handschin als Håkon Håkonssen) bekanntlich den Thron besteigen kann. Es geht also ums Erben. Sie ahnen schon: das gibt Zoff! Die Folge dieser traditionellen Regelung ist, dass der Zurückgesetzte (Natali Seelig als Jarl Skule) ganz schlimm darunter leidet und versucht, das Rad der Geschichte mit unlauteren Mitteln auf seine Seite zu lenken. Angefacht und unterstützt wird er dabei von der stets un-heimlichen Macht im Staate: der Kirche. Bischoff Nikolas Arnesson (Elias Arens) initiiert den Konflikt und heizt ihn schließlich bis zur Todfeindschaft an. To make a long – but very sehenswerte – Story short: Jarl entmachtet Håkon, hat aber nicht die Kraft und Zuversicht, sich als Herrscher durchzusetzen und ergibt sich schlussendlich der gegen ihn aufgebrachten Menge.

Alle Szenen hätten es verdient, gewürdigt zu werden, aber erstens geht das hier nicht und zweitens schauen Sie sich das Stück ja ohnehin an. So sei hier die „Sterbeszene“ des Bischoffs hervorgehoben. Bereits sein Ende erwartend und im taschenlosen letzten Hemd in der festlich geschmückten Kiste liegend, entwirft und vollzieht er seine auf Erden vorerst letzte Schandtat und bringt mit Andeutungen und Indizien endgültig Jarl gegen Håkon auf. Wie Elias Arens diesen an seiner Schlechtigkeit zweifelnden, fast verzweifelnden, schließlich sich daran doch diebisch erfreuenden Bischoff gibt, ist hinreißend komisch. Eigentlich müsste man bei so viel geballter Boshaftigkeit in Schockstarre verfallen, aber man lacht sich kaputt über seine „Nöte“.

Die ganze Inszenierung ist von einer pfiffigen Dramaturgie (
Claus Caeser) getragen, deren ständiger Wechsel von Aktion und Kontemplation dem Ganzen einen unerhörten Drive verpasst. Die Musik von Angela Braun und Marcel Braun trägt das ihrige zum Gelingen bei.

Und noch ein Clou dieses Abends sei nicht verschwiegen: die Zuschauer*innen sitzen auf der Bühne. Ja, das ist nicht neu, aber wie hier der Bühnen- und Zuschauerraum, die erhöhten Bühnen-Umgänge als Spielräume für die Darsteller*innen und schließlich die Drehbühne, auf der alle sitzen, ins Spiel eingebaut werden, sucht seinesgleichen. Brecht dreht sich sicher vor Freude mit, wenn sich hier bei den Drehpunkten der Handlung eben scheinbar auch das ganze Haus mit dreht; wenn auch die Zuschauenden, sich selbst drehend, sofort physisch miterleben, wenn die Darstellenden wieder einmal durchdrehen.

„Die Kronprätendenten“ ist im Repertoire mit „Limited Edition“ gekennzeichnet. Das heißt, dass es nur wenige Vorstellungen geben wird. Die nächsten sind noch nicht disponiert. Zwei Vorschläge dazu meinerseits. Erstens ans Publikum: sichern Sie sich eine Karte, sobald die nächste Vorstellung bekannt gegeben wird. Zweitens ans Theater: Machen Sie diese Vorstellung zum Running Gag der Saison. Einmal pro Monat. Mindestens!

Deutsches Theater, Kammerspiele, Termine siehe Spielplan.


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3. Theater in Krisen-Zeiten - Ein Hinweis, auch in eigener Sache

Theater als politischer Raum. Das Deutsche Nationaltheater Weimar als Plenarsaal. Abstimmung am 31. Juli 1919 über die erste demokratische Verfassung Deutschlands © Deutsches Nationaltheater Weimar
Theater als politischer Raum. Das Deutsche Nationaltheater Weimar als Plenarsaal. Abstimmung am 31. Juli 1919 über die erste demokratische Verfassung Deutschlands © Deutsches Nationaltheater Weimar

Wer kennt die Gesellschaft für Theatergeschichte nicht? Gegründet am 6. April 1902, feiert sie also in diesem Jahr ihr 120jähriges Bestehen.

Am Freitag, dem 18. November, um 19:00 Uhr, wird
Prof. Dr. Matthias Warstat von der Freien Universität Berlin auf einem Gesellschaftsabend in unserem Kulturvolk-Haus in der Ruhrstr. 6 in 10709 Berlin einen Vortrag über die konkurrierenden Deutungen zum Ende des Theaters in der Weimarer Republik halten.

Gefragt wird, ob mit dem Beginn des Nationalsozialismus das Theater der Weimarer Republik geendet habe. Die bisherigen Antworten darauf seien nicht eindeutig und so wird der Vortrag verschiedene Perspektiven diesbezüglich vergleichen und diskutieren, wie das Theater mit gesellschaftlichen Veränderungen in dieser Zeit umging. Seien Sie gespannt. Sie sind herzlich willkommen!

Der Eintritt ist frei!

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