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Kulturvolk Blog Nr. 410

Kulturvolk Blog | Sibylle Marx

von Sibylle Marx

3. Oktober 2022

Heute: 1. Vagantenbühne – "Titus Andronicus" / 2.  Komödie – "Münchhausen" / 3. Theater an der Parkaue –  "Du blöde Finsternis"

1. Vagantenbühne - Gesplatterter Shakespeare

Urs Staempfli, Stella Denis-Winkler, Urs Fabian Winiger © Stella Schimmele
Urs Staempfli, Stella Denis-Winkler, Urs Fabian Winiger © Stella Schimmele

Titus Anronicus, die erste Tragödie von Shakespeare und zu seiner Zeit äußerst erfolgreich, ist auf heutigen Theaterspielplänen nicht oft zu finden.

Der Feldherr Titus kehrt siegreich, aber mit großen Verlusten aus der Schlacht zurück. Saturninus wird mit Titus’ Hilfe Kaiser und will zum Dank dafür dessen Tochter Lavinia heiraten. Da aber auch sein Bruder Bassianus Lavinia heiraten will, nimmt er stattdessen Tamora, die Titus als Kriegsbeute mit nach Rom gebracht hat. Titus hat deren ältesten Sohn hinrichten lassen, wofür sich Tamora rächen will. Aber auch Titus bekommt Grund zur Rache, und so blättern sich fünf Akte voller grausamer Verbrechen, Vergewaltigung, Mord und Kannibalismus auf und von 25 mitspielenden Personen sind am Schluss über die Hälfte tot

In der Vagantenbühne wird die ganze Geschichte in etwas mehr als anderthalb Stunden in einer
rasanten Fassung von Brian Bell und Lars Georg Vogel erzählt. Regisseur Brian Bell und sein Ensemble haben eine Form gefunden, die sowohl den Schauspielern als auch dem Publikum großen Spaß macht, bei der das Lachen im Zuschauerraum aber doch immer wieder in den Hälsen steckenbleibt.


Giftgrün als bestimmende Farbe

Dieser Abend ist Splatter in reiner Form. Hier ist
Giftgrün die Farbe des Blutes und der Grausamkeit. Die Figuren führen die Sinnlosigkeit ihres eigenen Handelns vor, diese fürchterliche Spirale, in der Gewalt kein Ende findet, sondern die im Gegenteil immer weitergedreht und immer sinnloser wird. Diese alte Geschichte bekommt gerade heute, wo uns die Bilder des Krieges in der Ukraine jeden Tag vor Augen geführt werden, eine erschreckende Aktualität.


Assoziation durch blutige Teddybären


Das Ensemble mit
Urs Fabian Winiger, Stella Denis-Winkler und Urs Stämpfli glänzt in jeweils verschiedenen Rollen, wenn dann noch weitere Personage gebraucht wird, müssen Teddybären, kleine grüne Kuschelmonster mit riesigen roten Mündern, Strumpfpuppen oder aufgeblasene Gummihandschuhe dafür herhalten. Weiße Quader in verschiedenen Größen dienen als Möbel oder Projektionsfläche in einem schwarzen Raum (Bühne und Kostüme: Clara Wanke). Giftiggrüner Tüll oder ein pinkfarbener Mantel aus billiger Kunstseide mit Fransen, über weiße Hose und weißes T-Shirt gezogen, deuten die kaiserliche Garderobe an. Titus trägt als Feldherr eine BSR-orangefarbene Wendeweste mit Fellfutter. Als Lavinia dreht er das Fell nach außen und setzt sich ein paar Fellöhrchen auf.
Schuhlöffel und ein golden angemalter Fleischklopfer werden zu Mordwerkzeugen; das Festmahl, auf dem Titus Saturninus und Tamora das Fleisch ihrer Söhne serviert, findet vor einem Vorhang aus durchsichtiger Plastikfolie statt. Es besteht aus Wackelpudding
au, auch der von eklig grüner Farbe, den sich Tamora und Saturninus,  auch sie in Plastik gegen spritzendes Blut verpackt, gegenseitig in den Mund stopfen.

Eingerahmt wird das absurde Treiben von
Sebastian Wirnitzer, dessen Gesicht mal ernst, mal lächelnd und augenzwinkernd als Projektion im Bühnenraum erscheint. Diese Figur ist im Programmheft als Dr. Aaron aufgeführt. Dr. Aaron als stummer Kommentator oder moralische Instanz? Das bleibt in seiner Deutung den Zuschauer*innen selbst überlassen.

Vagantenbühne, 18. Oktober, 19.Oktober, 20. Oktober. Hier geht’s zu den Karten.

 

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2. Komödie im Schillertheater - Magie als Lebenselixier

Matthias Freihof, Max Ortner, Jytte-Merle Böhrnsen © Franziska Strauss
Matthias Freihof, Max Ortner, Jytte-Merle Böhrnsen © Franziska Strauss

London, 22. September 1939. England befindet sich seit dem 3. September mit Deutschland im Krieg. Die Aufregung beim englischen Geheimdienst MI6 ist groß, ein Deutscher ist vor ein paar Tagen auf dem Dach des Buckingham-Palastes aufgegriffen worden, es muss sich um einen Spion handeln. Aber tagelange Verhöre mit Schlafentzug, Elektroschocks und Dauerbeschallung mit deutscher Marschmusik haben nicht aufklären können, wer der Mann ist und wie er auf das Palastdach gekommen ist.


Freudsche Analyse als letzte Rettung


Die MI6-Agentin McMurphy
(Karina Krawczyk), massiv unter Druck von König und Premierminister, hat nur noch bis zum Morgen Zeit. Sie weiß sich keinen anderen Rat mehr und lässt den berühmten Dr. Siegmund Freud spätabends abholen und mit über den Kopf gezogener schwarzer Kapuze an einen geheimen Ort schaffen. Er soll mit seiner Methode der Analyse Licht ins Dunkel und endlich herausbringen, was es mit diesem Menschen, der unverständliche Reden führt, auf sich hat.

Freud,
ein alter Mann und todkrank, ist über diese Behandlung empört und verweigert seine Mitarbeit. Erst als ihm McMurphy droht, er könne, wenn er nicht mitspielt, seinen Exilstatus verlieren, erklärt er sich zu diesem ungewöhnlichen Experiment bereit, aber nicht ohne seine „Arbeitsutensilien“. Ein riesiges zweiflügeliges Portal wird von hinten in den bis dahin leeren Bühnenraum (Bühne: Stephan Prattes) geschoben, öffnet sich und herausgetragen werden: Sein Schrankkoffer, sein Stuhl nebst Tisch mit Cognacflasche, die berühmte Couch mit dem Perserteppich – bitte auf die Couch, nicht davor! – und das Medium Franz Joseph, eine Stoffpuppe.


Eine Welt voller Phantasie


In der nächtlichen Unterhaltung zwischen Matthias Freihof als Siegmund Freud (in perfekter Maske) und Jytte-Merle Böhrnsen als Gefangener, der in unerschütterlicher Freundlichkeit darauf beharrt, der 1720 geborene Hieronymus von Münchhausen zu sein, begegnen sich Realität und Fiktion auf sinnfällige Weise und durchdringen einander. Wer sich darauf einlässt, wird in eine magische Welt versetzt, deren Innerstes die Phantasie zusammenhält. Der Schrankkoffer verwandelt sich in ein Spiegelkabinett, Porträts der Freudschen Familie zieren die Wände, die gleich darauf zur Projektionsfläche für erlebte Geschichten und für Träume werden.

Freuds Staunen über die Lebensbeichte des alten Mannes weicht allmählich der Erkenntnis, dass er es hier mit einem realen Menschen und gleichzeitig mit der Romanfigur zu tun hat. Münchhausen wird überrumpelt von der Stoffpuppe (Markus Ganser), die, von Freud zum Leben erweckt, im herrlichsten Wiener Dialekt und mit großem körperlichen Einsatz verschüttete Erinnerungen in Münchhausen freilegt.

Beide Seiten, die wissenschaftliche Methode der Analyse und die Phantasie kommen zu ihrem Recht, werden gleichermaßen behauptet und in Frage gestellt. Aber den Sieg trägt letztendlich doch die Vorstellungskraft davon. Wir sind schließlich im Theater.  Am Ende dieser langen Nacht, am Morgen des 23. September, nimmt Münchhausen Freud mit auf seine berühmte Kanonenkugel, die sie beide auf den Mond schießt. Den zweiten Teil der gemeinsamen Reise, die sowohl für den Lügenbaron als auch für den berühmten Psychiater die letzte sein wird, legen sie bekanntermaßen an der nachwachsenden Bohnenpflanze zurück. Die Lösung, die dafür in der Inszenierung von Andreas Gergen gefunden wurde, soll hier nicht verraten werden. Nur soviel: Auch sie verzaubert.

P.S. Siegmund Freud starb am 23. September 1939 in London.


Komödie im Schillertheater, bis 23. Oktober. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Theater an der Parkaue - Dem Dunkel trotzen

Nicolas Sidiropulos, Denis Pöpping, Ioana Nitulescu, Mira Tscherne © Sinje Hasheider
Nicolas Sidiropulos, Denis Pöpping, Ioana Nitulescu, Mira Tscherne © Sinje Hasheider

Jeden Dienstagabend treffen sich vier Menschen in einem schäbigen Büro in einer heruntergekommenen Gegend irgendwo auf der Welt. Sie werden die Nacht gemeinsam verbringen und am Mittwochmorgen in ihre jeweiligen Leben zurückkehren. Bis dahin sitzen sie an Telefonen und versuchen, Menschen, die anrufen, weil sie verzweifelt oder einsam sind, zu helfen, indem sie ihnen einfach zuhören.


Dystopie als Realität


Die Vier sind sehr verschieden: Die Leiter
in der ehrenamtlichen Beratungshotline, Frances, ist 39 und erwartet gerade ihr erstes Kind. Sie versucht nicht nur, ihre Arbeit am Telefon so perfekt wie möglich zu machen, sondern kümmert sich genauso engagiert um ihre Kolleg*innen. Angie ist 27, redet gern und viel und hält den Kontakt zu den Anrufern oft mit viel Humor aufrecht. Jon, mit 42 der Älteste, hat die dementsprechende Lebenserfahrung, kämpft aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen mit dem Leben und besonders mit seiner Partnerschaft. Joey ist neu in die Gruppe gekommen. Er ist 17, von entwaffnender Freundlichkeit und großem Einfühlungsvermögen und offenbar ein Naturtalent als Telefonberater.

Im Theater an der Parkaue ist d
er fensterlose Raum mit Schreibtischen voll gestellt, von denen die meisten mit Plastikfolie notdürftig abgedeckt sind. Neonröhren geben fahles Licht,von der Decke tropft Wasser in einen Eimer. An Garderobenhaken hängen Gasmasken.
Durch eine Eisentür betritt oder verlässt man diesen trostlosen Raum (Bühne: Anna Ahrmann). Wenn Jon durch diese Tür hereinkommt, kommt mit ihm auch unsere aus den Fugen geratene Welt herein: Jon berichtet von starkem Wind, Unwettern, einstürzenden Brücken, sterbenden Bäumen und verpesteter Luft.
Im Laufe von fünf Dienstagnächten verschlimmert sich die Lage draußen. Und auch drin wird die Situation immer desolater: Der Teekocher explodiert,
eindringende Feuchtigkeit lässt die Wände schimmeln, eine Neonröhre nach der anderen gibt ihren Geist auf, dass es immer düsterer wird, bis am Ende der Strom ganz ausfällt. Nur die Telefone funktionieren weiter.


Unerschütterliche Zähigkeit und Spielfreude


An den Telefonen harren die vier Menschen aus, begegnen sie auf unterschiedliche Art und Weise der Zerstörung und Hoffnungslosigkeit jenseits der schweren Metalltür. Und kümmern sich nicht nur um die Menschen draußen, sondern auch umeinander. Das Stück von Sam Steiner erzählt von viel Traurigem und Erschreckendem, aber die Figuren stellen sich dagegen mit Mut und Lust am Kampf. Das findet sich auch in der Inszenierung von Mathias Spahn wieder. Das Ensemble – Ioana Nitulescu, Denis Pöpping, Nicolas Sidiropulos und Mira Tscherne – schlägt sich tapfer in dem engen Raum voller Widrigkeiten, die Freude am Zusammenspiel überträgt sich auf das Publikum. Es wird viel gelacht. Als nur noch ein paar Kerzen dem Raum einen Rest Licht geben, scheint es, als rückten nicht nur die Vier auf der Bühne näher zusammen. Du blöde Finsternis!

Theater an der Parkaue, 21., 22. und 27. Oktober, 2. November. Hier geht's zu den Karten.

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