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Kulturvolk Blog Nr. 400

Kulturvolk Blog | Uwe Sauerwein

von Uwe Sauerwein

13. Juni 2022

HEUTE: 1. „HAPPY END“ – RENAISSANCE THEATER / 2. „BARRIE KOSKY´S ALL-SINGING, ALL-DANCING YIDDISH REVUE“ – KOMISCHE OPER / 3. NEUERÖFFNUNG SAMURAI MUSEUM / 4. TIPP – FESTIVAL „TANZ IM AUGUST“

 

1. Renaissance Theater - Brecht mit Broadway-Power

Church and Crime: Klaus Christian Schreiber, Gabriel Schneider, Sophia Euskirchen und Jacqueline Macaulay (v.l.) in Happy End © Max Jackwerth
Church and Crime: Klaus Christian Schreiber, Gabriel Schneider, Sophia Euskirchen und Jacqueline Macaulay (v.l.) in Happy End © Max Jackwerth

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Auch im Chicago der 1920er-Jahre. Bill Cracker hat gerade seinen größten Konkurrenten aus dem Weg geräumt, ein gewaltiger Sprung auf der Karriereleiter des Jungganoven. Da bekommt er in seiner Kneipe „Bill’s Ballhaus“ Besuch aus einer völlig fremden Welt. Denn die örtliche Abordnung der Heilsarmee versucht mit naiver Zuversicht, die Gesetzlosen zu missionieren. Der flotte Gangsterboy Bill und die unbedarfte Gotteskriegerin Lilian Holiday können ab sofort nicht mehr voneinander lassen. Mit fatalen Konsequenzen. Die Amour fou bedeutet für beide Liebenden den Abschied aus ihrem jeweiligen Milieu.

Erst zwei Päpste und nun die Heilsarmee. Wird das Renaissance Theater zur Passionsbühne? Keine Sorge, Bekehrungsversuche werden in „Happy End“ allenfalls auf der Bühne unternommen. Und auch dann nur mit überschaubarem Erfolg. Jedenfalls in religiöser Hinsicht. Denn Kirche und Kriminalität gehen nach heftigen Auseinandersetzungen eine unheilvolle Liaison ein. Fürs Publikum steigt mit sinkender Moral der Unterhaltungswert.

 

„Happy End“ ist eine merkwürdige Mischung aus Kriminalkomödie, Hollywood-Parodie, ironischer Lovestory und epischem Theater. Nach mehr als 50 Jahren ist das „Songspiel“ wieder in einer professionellen Produktion in Berlin zu erleben. International wird das Stück aus der Feder von Elisabeth Hauptmann (geschrieben unter dem Pseudonym Dorothy Lane) öfter gespielt. Hierzulande dagegen fremdelt man eher mit der Komödie, zu der Kurt Weill die Musik und Bertolt Brecht die Songtexte verfassten und die man als Mittelteil einer Trilogie des Teams auffassen kann.


Weltberühmte Songs


„Happy End“ wurde 1930 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt, nach dem Welterfolg der „Dreigroschenoper“ von 1928, gefolgt 1930 von der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Doch der Premiere war kein Happy End beschieden, die Produktion verschwand bald wieder vom Spielplan. Aber viele Songs entwickelten sich zu Rennern. Titel wie „Surabaya Johnny“ oder der „Matrosen-Tango“ sind heute Aushängeschilder der Hitwerkstatt Brecht/Weill.

Zahlreiche Ohrwürmer und die rasante Musik der siebenköpfigen Ragtime-Kapelle unter Leitung von Harry Ermer gehören zu den Pluspunkten der von der Kurt Weill Foundation aus New York unterstützten aktuellen Berliner Produktion. Bis in den Oktober hinein hat das Renaissance Theater Vorstellungen terminiert für die Inszenierung von Sebastian Sommer, die voll auf Entertainment baut. Man merkt, der Dreiakter erlebte seine Wiedergeburt 1977 in leicht abgewandelter Form auf dem Broadway. Mit Anleihen vom Musical.

Weniger was für Brecht-Puristen, eher fürs breite Publikum also. Und dafür hat man im Renaissance Theater eine spielstarke Mannschaft zusammengestellt. Gabriel Schneider ist ein in jeder Hinsicht äußerst biegsamer Bill Cracker. Sein erster Auftritt erinnert an Michael Jackson in seinem „Thriller“-Videoclip. Auch Sophia Euskirchen als Salvation Army-Girl wartet stimmlich mit Broadway-Power auf.  Das gesamte Ensemble drückt mächtig auf die Tube, bietet dabei aber die für dieses komische Melodram unerlässliche Selbstironie.


Ein bisschen Gesellschaftskritik


Ein großer, drehbarer, geschickt beleuchteter Kasten (Bühne: Philip Rubner, Alexander Grüner) dient als Spielfläche, wechselnd zwischen Kneipe, Kirche und Kasse einer Bank. Bills Truppe soll das Geldinstitut eigentlich überfallen, doch der Chef befindet sich ja nun auf amourösen Umwegen. Kriminelle Strippenzieherin ist die Dame in Grau, genannt „Die Fliege“, die Jacqueline Macaulay mehr wie eine giftige Spinne anlegt. Versagen und Widerspruch ist unter ihrer Ägide tödlich.

Trotzdem findet die Liebesgeschichte sogar ein doppeltes, wenngleich triviales Happy End.

Denn die Dame in Grau erkennt im Major der Heilsarmee ihren seit Jahren vermissten Ehemann wieder. Dieser Frederik Jackson war im früheren Leben Polizist und verlor bei einer Razzia durch einen Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis. Wie Klaus Christian Schreiber seine Erinnerungslücken zelebriert, das sind komödiantische Eruptionen. Dass es auch um Gesellschaftskritik geht, wenn sich zwei Armeen mit, so Hauptmann/Brecht, vergleichbar mafiösen Strukturen und Hierarchien verbrüdern, fällt da kaum ins Gewicht.

Das war weiland bereits ein Dilemma bei der namhaft besetzten Uraufführung am Schiffbauerdamm. Carola Neher und Oskar Homolka verkörperten damals das ungleiche Liebespaar, Helene Weigel spielte die Fliege, weitere Prominente wie Peter Lorre, Theo Lingen und Kurt Gerron wirkten mit, das große Aufgebot also. Wirklich genützt hat es nichts. „Happy End“ wurde als Aufguss der „Dreigroschenoper“ wahrgenommen, es gab Streitigkeiten um die Autorenschaft, nach Proben voller Pleiten, Pech und Pannen und einem unfertigen dritten Akt schmiss Regisseur Erich Engel hin, Brecht übernahm.

Am Ende des Stückes deklamierte Helene Weigel den berühmten Satz: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Das sorgte damals für Tumulte. Heute wundert man sich höchstens, denn man verbindet das Zitat eigentlich mit der „Dreigroschenoper“. Gemessen daran ist dieses Liebesspiel von Mafia und Heilsarmee inhaltlich schwächer. Spaß macht es trotzdem, der rasanten Umsetzung sei Dank.

Renaissance Theater Berlin, bis Oktober. Hier geht es zu den Karten.

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2. Komische Oper - Wicky-Wacky in den Catskills

Hommage an das
Hommage an das "Las Vegas der Ost-Küste": Barrie Kosky offeriert zum Abschluss seiner Intendanz eine jiddische Revue © Monika Rittershaus

„Borscht Belt“, nach der Rote-Beete-Suppe, nennt man eine Region voller Feriensiedlungen in den Catskill Mountains. In den 1940ern bis Ende der 1960er Jahre pflegte hier das jüdische New York seinen Sommerurlaub zu verbringen. Es gibt den Witz, in den „jüdischen Alpen“ machten die Kühe nicht „muh“, sondern „nu“…

Die Hotels, Bungalows und kleineren Unterkünfte waren entstanden, weil Juden anderswo meist der Zutritt verwehrt wurde: „No dogs, no jews!“ So errichteten sich die Betroffenen, mehrheitlich jiddischsprachige Emigranten aus Europa und deren Nachkommen, ihre eigenen Ferienanlagen, in denen man größtenteils unter sich blieb. Neuer Optimismus begann sich nach all den Schrecken des Zweiten Weltkriegs einzustellen. Man genoss den „American Way of Life“ und pflegte trotzdem weiter seine „Yiddishkayt“.

Die Catskills nördlich von New York wurden zum „Las Vegas der Ost-Küste“, mit einer boomenden Unterhaltungsbranche. Spätere Weltstars, Komiker wie Woody Allen, Mel Brooks, Danny Kaye oder Jerry Lewis, Entertainerinnen wie Joan Rivers, Sophie Tucker und Barbra Streisand erarbeiteten sich hier ihre künstlerische Reife. Vor einem Publikum, das so begeisterungsfähig wie kritisch war – und garantiert nicht aus Höflichkeit applaudierte. If you can make it here, you can make it everywhere.


Barrie Koskys Herzensangelegenheit


Dieses Zitat von Frank Sinatra lässt sich auch auf die großartige Besetzung von Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue anwenden. Ein rauschendes Fest auf Jiddisch, Englisch, Yinglish und Deutsch. Ohne Handlung, dafür eine Herzensangelegenheit. Ins Repertoire kann diese Produktion nicht übernommen werden. Denn es ist kaum möglich, Gaststars wie Katharine Mehrling, Dagmar Manzel, Barbara Spitz, die Geschwister Pfister, Max Hopp, Helene Schneiderman, Helmut Baumann, Sigalit Feig und Ruth Brauer-Kvam terminlich mit den hauseigenen Spitzenkräften zusammenzubringen. So „baschert“ uns, wie man auf jiddisch sagt, die Komische Oper nur wenige Vorstellungen bis zum Ende der Spielzeit.

Zum Abschluss seiner Intendanz will sich Barrie Kosky (er wird zum Glück weiter als Hausregisseur arbeiten) bedanken bei allen, die in den vergangenen zehn Jahren den Weg mit ihm gingen und aus einem Sorgenkind der Berliner Opernszene mit Energie und Offenheit ein Haus mit Kultstatus gemacht haben. Bereitwillig teilt man da den Enthusiasmus, den Kulturstaatsministerin Claudia Roth in der Ansprache an ihren „lieben Barrie“ ins Premierenpublikum versprühte.

Immer war Kosky der jüdische Aspekt wichtig in der Geschichte der Komischen Oper, die im Gebäude des ehemaligen Metropol Theater spielt. Musiktheater von Operette bis Zwölfton-Musik von Komponisten und Textern jüdischer Herkunft wurde von Kosky neu entdeckt. Auch das Jiddische, die Sprache aus der im Holocaust vernichteten Welt des Schtetls, brachte der australische Jude mit osteuropäischen Vorfahren in Berlin auf die Bühne. In kleiner Besetzung. Nicht vergleichbar mit dem Personal und der großen Kulisse der jetzigen Revue.


Überdrehte Lebensfreude


Wer unter jiddischer Kultur nur Klezmer-Revival und Volkslieder versteht, wird sich die Augen und Ohren reiben. Aus dem riesigen Fundus musikalischer Schätze der Catskills-Ära haben Kosky, sein musikalischer Leiter Adam Benzwi und sein Choreograf Otto Pichler gut zwei Dutzend Glanznummern (darunter einige Medleys) gewählt und arrangiert. Tanzmelodien, Liebeslieder, Kabarettnummern, Parodien, Rührseliges und Schlüpfriges. Die gesamte Klaviatur der Gefühle also, und dazu eine Musik, die an Vielseitigkeit kaum zu überbieten ist. Zwischen Jazz, Schlager, Rock’n’Roll, Klezmer, Folklore und Synagogen-Klängen, Donau-Walzer, Rumba, Mambo und Country-Musik zeigt die Kapelle unter Benzwis rasantem Dirigat erneut, was alles in ihr steckt. Und man hört, wie gerade die jüdische Szene mit einflussreichen Komponisten wie Sholom Secunda, Abraham Ellstein oder Alexander Olshanetsky die populäre Musik mitentwickelte. Viele Nummern entstanden in den Musiktheatern auf New Yorks Second Avenue.

Alle Mitwirkenden von Koskys überdrehter Revue schlüpfen in die Rollen der Stars von damals: Molly Picon, Publikumsliebling des jiddischen Kinos, die legendären Barry Sisters, der gefühlvolle Tenor Seymour Rexite und der Komiker Micky Katz, der bekannte amerikanische Popsongs mit neuen yinglischen Texten vortrug und ein Verfechter des Herrenwitzes war. Der großartige Max Hopp berlinert beim Erzählen dieser Kalauer, die zum Teil Mario-Barth-Niveau haben – Political Correctness pausiert an diesem Abend. Vieles geht unter die Gürtellinie, die Ferien in den Catskills spielten nicht selten bei der Adoleszenz eine wichtige Rolle.


Freude an der Schmonzette


Kosky wäre nicht Kosky, wenn er die Atmosphäre dieser Zeit einfach als Konserve in die Gegenwart transportieren würde. Gerade die vielen Tanzszenen betonen, in den schrillen Kostümen von Klaus Bruns, das queere Element, das man aus vielen anderen Inszenierungen an der Behrenstraße kennt. So erlebt man Barbara Spitz (die Heiratsvermittlerin Jente in Koskys „Anatevka“-Inszenierung) bei „Makin’ Wicky-Wacky in Waikiki“ zu laszivem, leicht geschürztem Männerballett. Man will sich nicht ausmalen, wie die Sommergäste in den Catskills darauf reagiert hätten…

Bei all dem „Shmaltz“, dem Sternenstaub und Glitzerlicht, sollte man nicht vergessen: Es gibt große Literatur in dieser Sprache, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird, aber zum großen Teil aus Wörtern aus dem Mittelhochdeutschen besteht. Jiddische Theater gerade in Osteuropa spielten auch Shakespeare und Goethe.

Das soll uns aber den Spaß an der Schmonzette nicht rauben. Zumal es viele Szenen gibt, bei denen man durchaus ein Tränchen verdrückt. Etwa bei Helmut Baumann und Peter Renz, die als betagte Herren im Morgenmantel auf der Parkbank (eines Sanatoriums?) ganz melancholisch den Evergreen „Bay mir bistu sheyn“ anstimmen, in Erinnerung an glückliche Zeiten. Oder wenn der von David Cavelius geleitete Chor der Komischen Oper den wunderbaren Liebeswalzer „Glik“ intoniert. Und natürlich bei Dagmar Manzel mit dem anrührenden Lied „A Brivele der Mamen“, die Korrespondenz einer Mutter und ihren Kindern, die nach Amerika auswanderten – und die sie nie wiedersehen wird…

Sängerisch, spielerisch, tänzerisch ist das alles fabelhaft. Nicht allen auf der Bühne geht das Jiddische leicht über die Lippen. Aber in vielen Fällen macht die „neshome“, viel Seele also, die nicht ganz perfekte Aussprache wett. Man merkt den Beteiligten ausnahmslos an: Diese Yiddish-Revue ist für sie „a mekhaye“, ein Riesenvergnügen. Und für das Publikum unüberhörbar auch.

Komische Oper, 15., 18., 21., 23., 26. (2x) und 29. Juni; sowie 2., 6., 10. (2x) Juli. Hier geht es zu den Karten.

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3. Samurai-Museum - Viel zu schade für den Krieg

Spektakulär und lehrreich zugleich: Das neue Samurai Museum macht Kultur und Geschichte der japanischen Kriegerkaste interaktiv erlebbar  © Alexander Schippel
Spektakulär und lehrreich zugleich: Das neue Samurai Museum macht Kultur und Geschichte der japanischen Kriegerkaste interaktiv erlebbar © Alexander Schippel

Immer schon habe er die weite Welt kennen lernen wollen, erzählt Peter Janssen. Vielleicht ist das ganz normal, wenn man in einem ostfriesischen Dorf aufwuchs. Als Jugendlicher freundete sich Janssen mit zwei Japanern an, einer der beiden war aktiver Karatesportler. Diese Kampfkunst wollte Janssen auch lernen. Als er 1969 nach West-Berlin kam, besuchte er intensiv eine Karateschule. Der Einstieg in die Kultur eines Landes, das ihn seitdem nicht mehr losließ. Auf dem Flohmarkt an der Straße des 17. Juni erwarb er vor fast vierzig Jahren sein erstes japanisches Langschwert, ein Katana.

Auf rund 4000 Objekte ist Peter Janssens Sammlung aus der Welt der Samurai inzwischen angewachsen. Mehr als 70 Rüstungen, 200 Helme, 200 Masken, 160 Klingen und zahlreicher Schwertschmuck sind darunter. Aber auch Gegenstände aus alles Lebensbereichen dieser japanischen Kriegerkaste: Textilien, Malereien, Teegeschirr, Theatermasken und religiöse Skulpturen. Das nötige Kleingeld für all die kulturhistorischen Schätze aus Fernost verdiente sich der Unternehmer mit privaten Seniorenresidenzen. Von Vielfalt und Umfang her ist Janssens Sammlung außerhalb Japans einzigartig. Und sie wächst weiter.

Ausgewählte Stücke waren seit 2017 in der Peter Janssen Collection in der Clayallee in Zehlendorf zugänglich. Relativ simpel wurden dort die Exponate präsentiert, mit erklärenden Zettelchen. Das sollte sich auf Wunsch des Sammlers ändern. Ein neues Museum musste her, mit zeitgemäßer Präsentation, die alle Altersklassen, Experten wie Laien, anspricht.


Europas erstes Museum über die Samurai


In der Auguststraße in Mitte, in der angesagten Galerienmeile also, hat nun nach knapp dreijähriger Bauzeit Europas erstes Samurai Museum eröffnet. Es dürfte ein Publikumsrenner werden. Selbst wer mit japanischer Kultur bisher fremdelte, so wie ich, wird sich hier begeistern lassen. Auf 1500 Quadratmetern erfährt man interaktiv Kultur und Geschichte der Samurai, ein Ort der lebendigen Wissensvermittlung, der auf die Technik der österreichischen Firma Ars Electronica Solutions setzt.

Laser, dynamische und holografische Projektionen, Gigapixel-Bilder oder 3D-Modelle sorgen dafür, dass man viele Ausstellungsstücke aus selbst gewählter Perspektive, in Vergrößerung oder mit zusätzlichen Hintergrund-Informationen betrachten kann. Mehr als tausend Objekte sind Teil dieser multimedialen Inszenierung, der übrige Teil der Sammlung verbleibt in der Zehlendorfer Dependance, zwecks Forschung sowie als Reservoire für regelmäßige Wechselausstellungen.

Der Kriegeradel prägte mehr als tausend Jahre, bis ins 19. Jahrhundert, die Kunst und Lebensweise im vorindustriellen Japan. Die Samurai waren die bestimmende gesellschaftliche Gruppe, betrieben Güter und Landwirtschaft, kümmerten sich um die Verwaltung und stellten die Polizeitruppe. Sie traten als Architekten und Ingenieure für die Wasserwirtschaft beim lebenswichtigen Reisanbau hervor und mindestens ebenso relevant in einem Reich voller Holzbauten als Feuerwehr mit über die Jahrhunderte perfektionierter Löschtechnik.


Freude an perfekter Handwerkskunst


Auch wenn der erste Eindruck im Museum durch Filmprojektionen, durch lebensgroße Krieger- und Pferdestatuen ziemlich martialisch ist, überwiegt bald die ästhetische Freude am weiten Spektrum und die schier unglaubliche Perfektion der japanischen Handwerkskunst. Eine eigene Abteilung zeigt den schwierigen und aufwändigen Prozess des Schwertschmiedens.

Bei weitem nicht jeder Samurai konnte sich so etwas leisten. So waren Glanzstücke dieser Feudalkultur natürlich nur den höchsten Rängen in der Hierarchie der Kaste, den Fürsten, vorbehalten. Etwa die großartigen Rüstungen mit Schnürungen oder Eisentreibarbeiten. Mitunter wurde daran viele Jahre gewerkelt. Viel zu schade für Krieg eigentlich. So ist denn auch der Frieden in der Wertewelt des Samurai das höchste Gut.

Eine religiöse Ecke im Museum sowie die erste Sonderausstellung mit den Fotos von Sylwia Makris („Die 7 Tugenden“, bis 31. Oktober) beleuchten die Gedankenwelt des Bushido, der von Shintō, Buddhismus und Konfuzianismus bestimmte Verhaltenskodex und die Philosophie des Militäradels. Das ist alles viel mehr als mysteriöse Kampfkunst. So will Museumsgründer Janssen mit seinem Team nicht zuletzt gegen Klischees angehen.


Die älteste noch praktizierte Theaterform


Absolut überraschend für einen Neuling wie mich ist auch die Vielfalt der Helme. Die sind nicht nur kunstfertig, sondern zeugen mitunter, etwa in Form einer Aubergine, von der Selbstironie ihres Trägers. Man stelle sich so etwas bei einem preußischen General vor!

Es gibt Bezüge zwischen Helmen und Masken der Krieger zu den Masken des Nō-Theaters. Die weltweit älteste heute noch praktizierte Theaterform wurde von Samurai für Samurai entwickelt. Nicht nur viele Masken der ausschließlich männlichen Darsteller sind zu bestaunen. Die traditionelle Kunst aus Sprechgesang, ritualisiertem Text und Musik ist auf einer aus Japan stammenden Bühne erlebbar, dank der Hightech-Möglichkeiten, die den „Live“-Eindruck einer Vorstellung suggerieren. Das gilt auch für die traditionelle Zeremonie in einem Teehaus, der man hier quasi in Echtzeit beiwohnen darf.

Samurai Museum Berlin, Auguststraße 68, 10117 Berlin. www.samuraimuseum.de Mo-So 11-19 Uhr, Eintritt 12 Euro / 8 Euro ermäßigt.

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4. Tipp - Festival „Tanz im August“

Ein Stück über Individualität, Zusammenhalt, kulturelle Unterschiede: Amala Dianors
Ein Stück über Individualität, Zusammenhalt, kulturelle Unterschiede: Amala Dianors "Siguifin" feiert Deutschlandpremiere bei "Tanz im August" © Laurent Philippe

Man hatte sich über die Jahre so daran gewöhnt. Im Hochsommer, wenn die meisten Theater- und Opern-Ensembles sowie die Orchester in die Ferien fuhren, versammelte sich an verschiedenen Spielstätten der Hauptstadt ein ganz eigenes, sehr internationales Publikum. Das Festival „Tanz im August“ lockte mit künstlerischer Vielseitigkeit zwischen Modern Dance, Performance, Theater und HipHop. Und da viele choreografische Arbeiten gerade wegen ihrer Intensität eine kurze Spieldauer haben, kann man durchaus an einem einzigen Tag in den Genuss gleich mehrerer Stücke kommen.

Erstmals seit 2019, wenn es die pandemische Lage hoffentlich zulässt, kann „Tanz im August“ wieder ein volles dreiwöchiges Programm anbieten. 21 Produktionen in 87 Vorstellungen mit rund 200 Künstlerinnen und Künstlern aus 25 Ländern werden im HAU Hebbel am Ufer und sechs weiteren Spielstätten gezeigt. Der Vorverkauf läuft bereits.

Das 34. Festival ist die letzte Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Virve Sutinen. Die Finnin wartet mit drei Uraufführungen und acht Deutschlandpremieren auf. Darunter die Eröffnungsproduktion der australischen Kompanie Marrugeku im Haus der Berliner Festspiele, das nach seiner Renovierung erstmals wieder betanzt wird. Auch die Tanzproduktionen der katalonischen Kompanie La Veronal, von Bruno Beltrão aus Brasilien, Oona Doherty aus Nordirland oder „Siguifin“, eine Arbeit des französisch-angolanischen Choreografen Amala Dianor werden vom 5. bis 27. August erstmals in Deutschland zu erleben sein.

Wie in der Vergangenheit setzt Virve Sutinen aber ebenfalls wieder auf eine umfangreiche Retrospektive einer Künstlerin, diesmal Cristina Caprioli. Unter dem Titel „Once Over A Time“ sind von der schwedisch-italienischen Choreografin mehr als 22 meist interdisziplinäre Arbeiten aus zwei Jahrzehnten zu erleben.

Ein besonderes Augenmerk gilt den Rechten indigener Völker. Besagte australische Truppe Marrukega verarbeitet zum Beispiel Erfahrungen der Ureinwohner und Ureinwohnerinnen auf dem fünften Kontinent, Elle Sofe Sara, eine samische Künstlerin, kombiniert Tanz mit traditionellem Gesang ihrer Volksgruppe. Martha Hincapié Charry, Kolumbianerin mit Quimbaya-Wurzeln, hat ein Ritual über das Schicksal des Regenwalds und der Menschen am Amazonas entwickelt. Neben den vielen internationalen Produktionen kommt auch die Berliner Tanzszene nicht zu kurz bei diesem Festival, das in Deutschland und Europa zu den wichtigsten seiner Art zählt.

Mein heimlicher Favorit wartet zum Abschluss, wenn der US-amerikanische Trajal Harrell mit dem Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble das berühmte „Köln Concert“ interpretiert. Keith Jarretts Klaviersolo gehört in meinen Kindheitserinnerungen zum klanglichen Hintergrund jeder WG.

Irgendwie passt das ja auch zu einem Festival, welches das Gemeinschaftserlebnis betont. Das Beisammensein vor und nach den Vorstellungen, oft mit den Künstlerinnen und Künstlern, gehört ebenfalls dazu. Zahlreiche Publikumsformate können bei freiem Eintritt besucht werden.

Zur Website von Tanz im August.

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