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Kulturvolk Blog Nr. 366

Kulturvolk Blog | Ralf Stabel

von Ralf Stabel

20. September 2021

Über Diktatoren und Diktaturen

 

Heute: 1. „Das Imperium des Schönen“ – Hans Otto Theater Potsdam / 2. „Die Mutter, Anleitung für eine Revolution“ – Berliner Ensemble / 3. „Kampala-Hamburg“ – Lesung in Falkensee

Hans Otto Theater - „Das Imperium des Schönen"

Laura Maria Hänsel, Hannes Schumacher, Franziska Melzer, Arne Lenk (von links) © Thomas M. Jack
Laura Maria Hänsel, Hannes Schumacher, Franziska Melzer, Arne Lenk (von links) © Thomas M. Jack

Zwei Paare fahren gemeinsam in den Urlaub, zwei Brüder und ihre Partnerinnen. An sich nichts Ungewöhnliches, doch die Chemie stimmt nicht. In der Enge des Appartements in Tokio kracht‘s – gewaltig. Das hat das Zeug für einen Familien-Schwank, könnte eine Komödie werden. Doch mitnichten!

Bettina Jahnke inszeniert das Stück von Nis-Momme Stockmann (UA 2019) in eben jenem schlichten Raum, verzichtet auf jegliche „Kinkerlitzchen“ und vertraut ganz auf den Text und ihre Schauspieler:innen. Scheinbar treffen die europäische und die japanische Kultur aufeinander, aber wie es scheint, ist es nicht. Denn Professor Falk, der die Reise finanziert, und die Freundin des Bruders, Maja, praktizierende Bäckereifachverkäuferin, sind die eigentlichen Kontrahenten in diesem Kultur-Kampf. Er allwissend und dominierend, sie neugierig und dadurch Vieles befragend. Das könnte passen, wenn alle ihre tradierten Rollen beibehalten würden. Falks Frau Adriana ist ein gelungenes Beispiel für Anpassung, Moderation und Fürsorge. Franziska Melzer gibt diese Vorzeige-Gattin bis kurz vor Schluss als bemitleidenswertes menschliches Chamäleon. Arne Lenk als Professor Falk spielt das Ekelpaket so überzeugend, dass das Publikum bei der Premiere begeistert mitgeht, wenn Hannes Schumacher als sein Bruder Matze, der Vorzeige-Loser der Familie, mit ihm abrechnet und ihn in einer Entladung jahrelang angestauter Wut niederschlägt. Während diese drei in ihrer sozialen Vorbestimmung unentrinnbar verhaftet scheinen, sprengt Laura Maria Hänsel als Maja – selbst denkend und handelnd – diese überkommenen Muster und damit das ganze Gefüge, wofür sie von Falk in der Szene „Eskalation“ geohrfeigt wird. Gewalt als Ultima Ratio des Intellektuellen, wenn die Argumente ausgehen?

Mit Mascha Schneider und Paul Sies erscheinen die dressierten Kinder von Falk und Adriana als Schreckensvision der Zukunft. Zwischen den Szenen kündigen sie Rollschuh laufend mit asiatisch anmutenden Gesichtsmasken die jeweils kommende Szene an. Das strukturiert zwar den Ablauf, ist aber auch ein bisschen Mickey-Mousing: Man sieht immer tatsächlich genau das, was sie ankündigen…

Am Ende bricht Falk fragend („Was ist hier eigentlich passiert?“) und allein gelassen zu einer mehrfach angesprochenen „Selbstmord-Terrasse“ in Kyoto auf und nimmt sich dort das Leben – nicht! Es gibt keine Katharsis, keine Lösung oder gar Erlösung. Wir müssen mit unseren Konflikten leben. Ein wirklich zeitgenössisches Stück in einer ebensolchen Inszenierung über wortreiches Nichts-Sagen und kommunikatives Missverstehen, über Macht und Ausgrenzung, Distanz und Nähe.

Ein Stück zum Nachdenken! Ein Lehrstück?

Bei uns im Angebot am 21. Oktober. Hier geht es zu den Karten.

Berliner Ensemble - „Die Mutter: Anleitung für eine Revolution“ nach Bertolt Brecht

Sophie Stockinger, Jonathan Kempf, Josefin Platt, Jade Pearl Baker, Constanze Becker (von links) © JR/Berliner Ensemble
Sophie Stockinger, Jonathan Kempf, Josefin Platt, Jade Pearl Baker, Constanze Becker (von links) © JR/Berliner Ensemble

Mit dem Kommunismus ist das so eine Sache. Der Volksmund meint: „Wer mit 14 nicht Kommunist ist, hat kein Herz; wer mit 40 noch Kommunist ist, keinen Verstand.“ Vielleicht wird das Stück deshalb so gern von jungen, alles anders machen Wollenden gespielt – und von den Älteren mit wehmütigem Blick zurück auf ihre eigene Jugend angesehen? Das Inszenierungsteam um Christina Tscharyiski hat Brechts Lehrstück „Die Mutter“ (nach dem Roman von Maxim Gorki) nun fast 90 Jahre nach der Uraufführung 1932 aktualisiert auf die Bühne des „Neuen Hauses“ des BE gebracht.

Sohn Pawel (Sophie Stockinger) erklärt zu Beginn in bester brechtscher Tradition, also in direkter Ansprache ans Publikum, worin die Ausbeutung in der heutigen Bundesrepublik bestehe und setzt alle bekannten Trigger: Eigentum, soziale Herkunft, Diversität, Immobilien, Bildung und und und. Anschließend geht es dann doch ins Original, das immer wieder durch aktualisierende Passagen erweitert wird. Die Entwicklung der Titelfigur (Constanze Becker) von der Unwissenden zur Revolutionärin, zuerst durch die Erfahrungen, die ihr Sohn mit Streik und Polizei macht, dann, weil sie in den Genuss von Bildung gelangt, mündet in den Klassiker „Lob des Kommunismus“: „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht. Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen. Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.“ Im letzten Jahrhundert haben sich nun, auch unfreiwillig, viele, die nicht Ausbeuter waren, nach ihm, dem Kommunismus, erkundigen müssen, und er war vielleicht gar nicht so gut für sie. Fehlt hier nicht, gerade in einer aktualisierten Fassung, die kritische Sicht auf das tatsächlich im Sinne dieser gesellschaftliche Idee Geschehene? Da hilft auch die Schlusszeile, der Kommunismus sei das Einfache, das so schwer zu machen sei, oder der Hinweis ans Publikum, dass das Versprechen der Revolution allgegenwärtig sei, nicht viel weiter.

Die Gruppe der Arbeiter ist wirklich „schräg“! Gestus, Sprache, Rolle, Kostüme – ständig wechselnd – spielen Peter Moltzen, Jonathan Kempf und Jade Pearl Baker in schönster Verfremdungs-Manier. Weil Peter Moltzen mit seinem Wort- und Körperwitz verdientermaßen grandios gut beim Publikum ankommt, verschwindet mit einer (warum auch immer) eingelegten Improvisations-Szene kurzzeitig die Ernsthaftigkeit von der Bühne.

Und dann und überhaupt: Josefin Platt! Als Kommissar, Lehrer und am Ende des Stückes als Mutter Pelagea Wlassowa ist sie mit ihrer Rollengestaltung und Sprechtechnik, also mit ihrer Schauspielkunst, so überzeugend wie großartig!

Der Erfolg der Stücke von Bertolt Brecht lag zu ihrer Zeit auch in der Einfügung von Liedern, die mit klarem Text und eingängigen Rhythmen das Wesentliche so zum Ausdruck brachten, dass man es mit- und nachsingen und deshalb eben leicht behalten konnte. Seine Zusammenarbeit mit Hanns Eisler war bekanntlich von vielen Auseinandersetzungen begleitet und eben darum schließlich in den Ergebnissen auch so erfolgreich. Das Programmheft dieser Inszenierung gibt nun an, dass man „mit Musik von Hanns Eisler“ spiele. Die aber ist schwer wiederzuerkennen. Manuel Poppe und David Sporrer hätten sich dem „Liedgut“ von Hanns Eisler „behutsam angenähert“, heißt es. Wie weit sie dabei gekommen sind, mag jede:r selbst feststellen.

Brechts Kunst war zu ihrer Zeit zeitgenössisch, bei ihm kann man wirklich von einem Zeit-Genossen sprechen. In seiner „Kritik der aristotelischen Dramaturgie“, fast zeitgleich wie die Mutter entstanden, hat er sich dagegen ausgesprochen, die überkommenen Theater-Stücke mit ihren überholten Konflikten und deren Lösungen zu spielen. Wäre es nicht auch langsam an der Zeit, seine Werke an seinem Maßstab zu messen? Wäre es nicht an der Zeit, unsere aktuellen Probleme auch in neuen, unserer Zeit gemäßen Stücken zu fassen? Denn das „Gespenst des Kommunismus“ geht doch nur noch sehr selten um in Europa. An dieser Inszenierung könnten sich die Gemüter scheiden. Und das sollen sie wohl auch.

„Kampala-Hamburg“ von Lutz van Dijk - Buch und Lesung am kommenden Samstag in Falkensee

 © Konrad Hirsch
© Konrad Hirsch

Sie wurden vom Vater des einen beim Sex erwischt. Das ist vermutlich jedem Jugendlichen peinlich. In Uganda ist es lebensgefährlich. Der Sohn muss mit schwersten Verletzungen, die ihm der Vater zufügt, ins Krankenhaus. Sein Freund David sieht mit seinen gerade einmal 16 Jahren nur noch eine Möglichkeit: Die Flucht vor Mord und Totschlag – im wahrsten Sinne des Wortes! Ein zweiter David, 18 Jahre, lebt in Hamburg bei seiner älteren Schwester, weil es bei den Eltern nicht mehr auszuhalten war. Im schwulen Chat-Room treffen die beiden aufeinander und es beginnt eine – früher hätte man gesagt – Brief-Freundschaft. David 1 flieht also mit falschem Pass, falscher Identität und falschem Alter in Richtung Europa. Durch seine Korrespondenz mit David 2 erscheint ihm Deutschland als ein Sehnsuchtsort. Er wird mehrfach beraubt und lebensgefährlich verletzt, erlebt aber auch Hilfe und Solidarität. An einem dieser Wendepunkte stellt er fest: „Plötzlich ist klar, dass ich gar nichts besitze, was es einzupacken gäbe. Das Besondere ist, dass mir nichts gefehlt hat die letzten Wochen hier. Ich hatte immer ausreichend von dem, was ich am meisten brauchte: Pflege, Zuneigung, Essen, ein Bett. Nichts davon kann man wirklich mitnehmen.“

Lutz van Dijk ist mit „Kampala-Hamburg: Roman einer Flucht“ (2020) ein spannendes aktuelles Jugendbuch gelungen, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 nominiert ist. Inzwischen ist es auch mit Lehrhilfen für den Unterricht in Schulen lieferbar. Ein interessantes Buch, ein wichtiges, und somit ein gutes. Aber auch ein romantisches, weil es von unseren Träumen kündet!

Für alle, die mehr über Flucht, ihre Gründe, Gefahren und Folgen erfahren möchten, gibt es am Samstag, dem 25. September, von 18 bis 20 Uhr im Musiksaalgebäude am Gutspark 4 in Falkensee eine Lesung und Diskussion mit dem Autor. Auch Edward Mutebi aus Uganda wird dabei sein. Er ist ebenso wie David aus dem Buch geflüchtet, studiert inzwischen in Berlin und kennt einige Personen, die als Vorlage für die Romanfiguren gedient haben, persönlich.

25. September | 18.00 Uhr
Der Eintritt ist frei. Bitte vorab beim Regenbogencafé Falkensee anmelden unter: info@regenbogencafe-falkensee.de

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