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Kulturvolk Blog Nr. 358

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

31. Mai 2021

HEUTE: 1. Brigitte Grothum in „Ein deutsches Leben“ – Schlosspark Theater / 2. Jubiläum ‑ 75 Jahre „Theater der Zeit“ 

1. Schlosspark: - Wegschauen und nichts wissen wollen

Ein deutsches Leben © DERDEHMEL/Urbschat
Ein deutsches Leben © DERDEHMEL/Urbschat

Brunhilde Pomsel war drei Jahre lang Sekretärin von Joseph Goebbels und wurde 105 Jahre alt, als sie 2017 starb. Noch drei Jahre vor ihrem Tod gab die Berlinerin dem britischen Autor Christopher Hampton, Jahrgang 1946, ein ausführliches Interview.

Anschaulich erzählte da die Hochbetagte von ihrer Kindheit im Stadtteil Südende mit den vier jüngeren Geschwistern im Ersten Weltkrieg, vom Vater, der sich als Tapezierer und Dekorateur durchschlägt, von der Schule, in der sie glänze, die sie aber (bei fünf Kindern war das Geld knapp) schon mit 15 Jahren verlassen musste. Sie kam als Volontärin in einem Kaufhaus unter, lernte Steno und Maschine, arbeitete in einer (jüdischen) Anwaltskanzlei, ging fleißig Feiern und Tanzen, hatte einen Freund in der NSDAP, der sie als Stenotypistin im Reichsrundfunk in der Masurenallee vermittelte. Durch Zufall kam sie 1942 ins Sekretariat von Reichspropagandaminister Dr. Goebbels; nicht ohne zuvor schnell noch in die NSDAP einzutreten, „man musste doch…“. Und dort blieb sie, bis die Russen kamen, die sie – nach ihrer Meinung unbegreiflicherweise und zu Unrecht – erst in Buchenwald und dann in Sachsenhausen für fünf Jahre einsperrten. – Übrigens, sehr viel später wurde Pomsel Chefsekretärin bei der ARD.

Sie sei ja, beteuerte sie vehement, „bloß“ Schreibkraft gewesen; für Politik habe sie sich nie auch nur im Entferntesten interessiert. Sie habe unbeschwert, verliebt und inzwischen gutsituiert ihr Leben genossen „im damals wunderschönen Berlin in einer wunderschönen Zeit“. Von Konzentrationslagern oder Judenverfolgung habe „man“ zwar entfernt gehört, es aber als notwendig oder harmlos beiseitegeschoben. Und Goebbels, den sie ja alle „wie ein Naturereignis, wie Jesus“ bewunderten, der hätte sich ohnehin nur für feine Damen und Filmschauspielerinnen interessiert (er gab sogar ein Festessen für seine Schreibmädels auf Schwanenwerder). Für den Doktor „waren wir aber doch nichts weiter als Mobiliar“. ‑ Ja, die Sportpalast-Rede, die sei unschön gewesen mit dem schrecklichen Heil-Gebrüll. Aber sonst war eben alles „schön“. Und Frau Goebbels habe ihr sogar, als die Familie in Südende ausgebombt wurde, noch im Bunker zum Trost aus ihrem Kleiderschrank „ein herrliches blaues Seidenkostüm“ geschenkt.


Ein glücklich Leben unterm Hakenkreuz


Das alles erzählte „Pomselchen“ wie gesagt sieben Jahrzehnte später ihrem englischen Interviewer, der daraus einen so eindrucksvollen wie aufschlussreichen Monolog fasste. Hamptons Stück „Ein deutsches Leben“ wurde im vorvergangenen Jahr in London mit großem Erfolg uraufgeführt. Die deutschsprachige Erstaufführung in der Übersetzung von Sabine Pribil war kurz vorm Lockdown im Schlosspark unter der feinfühligen Regie Philip Tiedemanns mit Brigitte Grothum.


Der beklemmende Abend besticht durch das genaue Einfühlen in dieses Menschenleben unterm „glückselig machenden“ Hakenkreuz, durchs unaufgeregte Lebendig-Machen dieser Paradefigur deutschen Sich-blind-Stellens, Nicht-wissen-Wollens und Verdrängens und womöglich bewussten oder unbewussten Lügens. Ein Triumph der Brigitte Grothum.

Diesen Kraftakt an Intensität und Konzentration in siebzig Minuten – keine Innenschau der NS-Machtstaates, sondern ein Schlaglicht auf einen Durchschnittsmenschen dieser Zeit ‑ das alles meistert die Grothum, sie ist 86 jetzt Jahre alt, mit einer bewundernswerten Souveränität und Leichtigkeit. „Wir haben nichts wissen wollen und die was wussten, haben geschwiegen“, sagt die Pomsel und erschrickt sich im Nachhinein selbst ein klein bisschen darüber. Aber eben höchstens ein klein bisschen.


Viel Empathie und das kluge Stück Distanz


Ansonsten sind die Erinnerungen der Zeitzeugin (!) an Diktatur und Krieg („Ja, nach Stalingrad wurde alles strenger.“) überstrahlt (oder verstrahlt) vom ach so guten Leben im an- und aufregenden NS-Berlin. Auch das ist Zeitzeugenschaft. Sogar bei ihrer Schreibarbeit im Zentrum des Machtapparats, in einer Zentrale des Verbrechens („zuletzt gab es nur noch Spargel und Wein“), da sei ihr nichts Besonderes aufgefallen. ‑ Ist das nun typisch deutsch? Oder typisch Mensch? Jedenfalls ist es unglaublich.

Ein Phänomen, das Brigitte Grothum zwingend nacherlebbar macht. Zwar äußerlich beherrscht und ohne denunziatorische Zwischentöne, doch an den bizarrsten Punkten der Pomsel-Rede spürt man schon das innere Entsetzen und die Wut der Schauspielerin über ihre Figur. ‑ Gerade diese kunstvolle Mischung aus Empathie und Distanz macht die Aufführung so bestürzend. Und zu einer angesichts gegenwärtiger Umstände geradezu unheimlichen Warnung an das gebannte Publikum, nicht auch (wieder) zu einer „blinden und dummen“ Mitläuferin wie Brunhilde Pomsel zu werden. Der Abend fügt sich zu einem unvergesslichen Menetekel vor einem solchen deutschen Leben, vor einer wieder ausbrechenden „Pomselei“.

Wiederaufnahme nach dem Lockdown: 12. Juni,16 Uhr. Folgevorstellungen: 26. Juni, 16 Uhr; 1. Juli, 20 Uhr; 4. Juli, 18 Uhr. ‑ Die legendäre Berliner Schauspielerin Brigitte Grothum hatte ihr Debüt vor 65 Jahren just im Schlosspark Theater.

***

2. TdZ 75: - Tollkühner Sprung von Ost nach West

Titel der Jubiläumsausgabe © Theater der Zeit
Titel der Jubiläumsausgabe © Theater der Zeit

„Die Titelrechte hält die Treuhand und will sie meistbietend verscherbeln!“ Das steckte ‑ einigermaßen erregt ‑ der Heiner Müller dem Harald Müller im Spätherbst anno 1992 gelegentlich bei einer Abendprobe von „Wessis in Weimar“ im Berliner Ensemble.

Um Missverständnisse auszuschließen: Harald Müller ist nicht verwandt mit dem Dramatiker, sondern ein umtriebiger Szenemensch, der nach seinem Studium in Leipzig und Berlin (Journalistik und Theaterwissenschaften) ein paar Jahre als Lektor arbeitete, sich seit 1987 als Freischaffender erst durch den DDR-, dann durch den Wendezeit-Kulturbetrieb schlug und vom weltberühmten Zigarrenraucher auf die kühne Idee gebracht wurde, sich doch der seit März 1992 tot am Boden liegenden DDR-Fachzeitschrift „Theater der Zeit“ anzunehmen. Eine Neugründung wäre doch ganz nett. Und so würden die Ossis es den Wessis mal zeigen.

Der bestens vernetzte Harald – eigentlich war er unterwegs, einen Autorenverlag zu gründen – zögerte nicht und kaperte mit diversen Unterstützern die Abonnentenkartei sowie besagte Titelrechte, tat sich zusammen mit dem ehrwürdigen TdZ-Redakteur Martin Linzer, dem west-erfahrenen Theatermann Frank Raddatz, damals Hannover, und dem vornehm weltläufigen Ostberliner Publizisten Friedrich Dieckmann – und schon im Mai 1993 kam frisch eingekleidet die neue Nr. 1 auf den längst gut besetzten gesamtdeutschen Markt; das Layout besorgte Rudolf Grüttner, Star der DDR-Gebrauchsgrafik. Harald Müller fungierte fortan als Herausgeber. Was für ein tollkühner Coup.


32 Seiten für eine Mark in der SBZ 


Die „alte“ Nummer 1 erschien just vor 75 Jahren am ersten Montag im Juni 1946 im kaputten Berlin. Für eine Mark an den Zeitungsständen der sowjetisch besetzten Zone. 32 Seiten im A4-Format, schwarz-weiß, Auflage 50.000 ‑ unglaublich. Die sowjetische Kulturbehörde hielt sehr viel auf die darstellenden Künste (Befehl: Theater wieder spielen!). Wie auf die Künste überhaupt mit ihren teils durchaus noch irritiert umherirrenden oder schon wieder auftrumpfenden, antifaschistisch eher nicht kontaminierten Künstlern, die es zu sammeln, zu fördern und nicht zuletzt noch auf Linie zu bringen galt. – Der Dramatiker und Dichter Rainer Kirsch witzelte viele Jahre später:

Auch lebende Künstler auf Linie zu bringen
Bis diese höchst seltsam balancieren und singen
Und sich die Kunst nicht mehr am Leben reibt:
Die Kunst verschwindet, doch die Linie bleibt 

Bruno Henschel, Ex-Geschäftsführer des Volksbühnenverlags, erhielt die Lizenznummer 58 und bestimmte auftragsgemäß den gerade aus dem Moskauer Exil heimgekehrten Dramatiker Fritz Erpenbeck als ersten Chef der Redaktion, die mitsamt ihrem Beirat (Komponist Boris Blacher, Theaterkritiker Herbert Jhering, die Schriftsteller Günther Weisenborn und Friedrich Wolf) ihren Sitz hatte in Berlin-Mitte. In der ruinösen Oranienburger Straße, Nummer 67/68, dem später großzügig ausgebauten Haus, wo einst Alexander von Humboldt „von 1843 bis zu seinem Tode 1859 wohnte“. Eine eiserne Gedenktafel erinnert daran.

Heutzutage ist die längst total umgerüstete Immobilie ein Hostel nebst zünftiger Kneipe mit dem zufällig sinnigen Namen „Aufsturz“ im Souterrain.

TdZ 75 ‑ was für ein Lebensweg für ein Bühnenmagazin (Schauspiel, Oper, Tanz, Figurenspiel)! Allein „Die Deutsche Bühne“, das im April 1852 von Ferdinand Gall, Chef des Stuttgarter Hoftheaters, als „Centralorgan für die deutschen Bühnen“ gegründete Theatermagazin für alle Sparten existiert (deutlich!) länger und residiert in Köln. ‑ Bei dieser Gelegenheit: Gratulation dem sechs Jahre zuvor von Gall mit ins Leben gerufenen Deutschen Bühnenverein, einer Art Gewerkschaft der Theaterschaffenden, der just vor vier Tagen, am 27. Mai, seine 175-Jahrfeier hatte (Festrede: der Bundespräsident). Besagtes „Organ“ aus Köln gehört, neben „Theater heute“ (vor sechs Jahrzehnten im Westen gegründet), zu den analogen Konkurrenzblättern von TdZ, von diversen Digital-Portalen ganz abgesehen.

Dass TdZ seinen immerhin 75. Geburtstag am 1. Juni 2021 mit einer Corona-bedingt Online-Jubiläumsparty feiert, ist also den Russen zu verdanken. Aber eben auch dem schlauen und gleichermaßen mutigen, knallharten, diplomatisch gewieften Manager Harald Müller samt seiner fähigen Stützen. Und obendrein ‑ nicht ganz unmaßgeblich und diskret im Hintergrund – dem Heiner Müller.


Zwischen Linientreue eingestreut Freigeistiges 


Noch einmal zurück zum Hoftheaterdirektor Gall und seinem „Centralorgan“. – Man darf sagen, ein solches war für einen Großteil der DDR-Leserschaft auch TdZ. Nämlich in Anspielung auf das alle denkbaren Maße vorgebende Zentralorgan der SED „Neues Deutschland“. So galt denn Theater der Zeit als Zentralorgan der ostdeutschen Kultur- und Theaterpolitik. Harald Müller im Rückblick: „Bis zum Mauerfall war die Zeitschrift eine scheinbar nicht enden wollende Ära staatlicher Inanspruchnahme.“


Müller selbst hat sie seinerzeit lax ignoriert, sagt er. Ich denke mal: nicht so ganz. Denn was da immer wieder zwischen den Zeilen oder gar unverschämt unverblümt an Widerspruch zu lesen war, wurde schon mit erregter Aufmerksamkeit registriert und mehr oder weniger hinterrücks diskutiert. Allein was sich auf dem Karussell der Rezensionen abspielte, von Essays, Interviews oder Traktaten abgesehen, konnte Aufstieg oder Fall der Betreffenden bedeuten. So gesehen steuerte TdZ Karrieren und Entwicklungen, gelegentlich sogar und nicht ohne Schlitzohrigkeit gegen Ansagen von (ganz) oben.

Ansonsten hat Herr Harald schon Recht: Auf Linie; die allgegenwärtige Affirmation… Und nicht zuletzt ein gern didaktisches Theorie-Sprech. Oder ätzendes Parteilehrjahr-Deutsch. Doch dazwischen gelegentlich Stimmen wie die Friedrich Dieckmanns: Aufklärerisches, Freigeistiges, Tiefgründiges, Kritisches – immer mit Grandezza. Und mit Stirnrunzeln der Chefredaktion(en). In Dieckmanns Erinnerungs-Beitrag ist davon sarkastisch die Rede.



Lob der überreichen Schätze aufhebenden Archive 


Was außerdem sonderlich gefällt in TdZ 5/2021, der forsch zurückblickenden, dabei pfiffig dem (Theater-)Archivwesen gewidmeten Jubiläums-Ausgabe: Das spektakulär bebilderte Gespräch mit der innovativen Szenografin Franziska Ritter über ihr sensationelles historisches Forschungsprojekt „Großes Schauspielhaus Berlin“. Diesen Avantgarde-Theaterbau, die Umrüstung eines Zirkusgebäudes für epochale Massenspektakel, entworfen 1919 von Max Reinhardt und Hans Poelzig und Mitte der 1980er Jahre als baufälliger „Friedrichstadtpalast“ abgerissen, diesen theaterhistorisch einmaligen Monumentalbau macht Franziska Ritter als „immersive Virtual-Reality-Experience auf ganz neue Art eindrucksvoll begehbar.

Daneben ein Beitrag mit dem Theaterduo Herborft/Mohren, dass sich in unverwirklichte, freilich höchst bedenkenswerte Forschungsideen vertieft hat, die, vor Urzeiten entstanden, seither aber als so genannte Spinner-Akten im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft ruhen. Und Stephan Dörschel, Leiter des Archivs Darstellende Kunst der Akademie der Künste in Berlin, erzählt, wie frevelhaft das Londoner Victoria-und-Albert-Museum mit seiner bedeutenden Theatergeschichtlichen Sammlung umzugehen gedenkt (umstrukturieren, Zusammenhänge auflösen, kaputtschlagen). Eine Warnung vor drohendem, ähnlich unwissenschaftlichem Umgang mit den vielen einzelnen, kostbaren Archiven hierzulande, „die nicht zu toten Deponien theatraler Artefakte verkommen dürfen“.

Was bleibt: Dass eine aus ostdeutschen Landen kommende gesamtdeutsche Theaterzeitschrift es überhaupt geschafft hat, zu überleben. Und kräftig mitzureden und wertend zu sortieren im sich ständig ausweitenden Betrieb. – Freilich, das tut auch die allein schon durchs Digitale sich enorm verstärkende Konkurrenz, was wiederum arg relativierend wirkt auf die einzelnen Stimmen im gemischten Chor der anschwellenden Meinungen. Um sich da zu behaupten, kommt es nicht allein auf die Kraft der Argumente an, sondern auch auf die der Poesie. Also weniger gestelzt zeitgeistig oder hochmögend wissenschaftlich. Dafür mehr Eleganz, Witz, Charme. Da wäre, selbst für gestandene Leistungsträger, immer noch Luft nach oben. In diesem Sinne: Weitermachen! Schöner machen! Glückwunsch!

Live-Programm 75 Jahre TdZ. Am 1. Juni, 17 bis 19 Uhr. Plattform: Zoom, Eintritt frei, jeder darf sich anmelden, www.theaterderzeit.de

Mit Beiträgen von und Gesprächen mit Mitarbeitern, dazu Diskussionen. Moderation: Chefredakteurin Dörte Eilers und Redakteurin Christine Wahl.

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