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Kulturvolk Blog Nr. 352

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. April 2021

HEUTE: 1. DDR-Elite, zweite Reihe – Lukas Verlag Berlin & Biographienatelier Potsdam / 2. Spiele der Macht haben mich immer interessiert – Der Theaterregisseur Horst Ruprecht

1. Lebenswege Ost

Francisca Drechsler © Bernd Brundert
Francisca Drechsler © Bernd Brundert

Wir wollen keine Gelegenheit auslassen, die unermüdlich Randständigen unserer Verlagslandschaft zu feiern. Hier geht der Kranz an den Verleger Frank Böttcher mit seinem Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, seit einem Vierteljahrhundert standhaft sesshaft am Berliner Kollwitzplatz – und an seine kooperierende Partnerin Francisca Drechsler, die, großartige Idee!, in Potsdam mit großartigem Erfolg eine Rarität betreibt, nämlich ein Biographienatelier.

Bereits im vergangenen Jahr starteten Böttcher & Drechsler die Reihe „Lebenswege in der DDR“. Deren nicht unspektakuläre Besonderheit: Es kommen ausschließlich Führungskräfte aus der so genannten zweiten Reihe der DDR-Funktionselite zu Wort. Denn oft besser als Akteneinsichten offenbaren gerade solche Leute – rhetorische Fähigkeiten sowie die Offenheit für kritische Reflexion vorausgesetzt – mit ihren Lebenserzählungen bislang unbekannte oder verschüttete Innenansichten einer früheren Gesellschaft (hier: DDR). Sie befördern so ein differenziertes Verstehen von extrem widersprüchlichen Lebenswelten und fordern heraus zu Vergleichen mit dem Heutigen. Indirekt steht das Vergangene der Gegenwart gegenüber. Dabei wird das große Ganze, das Ernste des Damals aufgetischt; das Komisch-Absurde, Anekdotisch-Nähkästchenhafte aber auch. Da ist selbst für Ostler vieles gänzlich neu; für Westler aber auch – oder sowieso.

Im ersten Band der Reihe fügen sich die von Drechsler feinfühlig bohrenden und in Fließtext übertragenen „narrativen Zeitzeugen-Interviews“ zu ‑ man darf getrost sagen ‑ dramatischen Selbstporträts von Dietrich Lemke (Stellvertreter des letzten Außenhandelsministers der DDR), von Donat Ciesla (Außenwirtschaftler), Horst Lyr (Biologe und Botaniker) oder von Bernd Wefelmeyer (Komponist und Dirigent).

Im nun zweiten Band kommen unter dem programmatischen Titel „Zwischen Pflicht und Freiheit“ (zwischen „akrobatischer Anpassung und ebensolcher Verweigerung“ hätte auch gepasst) der Potsdamer Kunsthistoriker Heinz Schönemann, Jahrgang 1934, seinerzeit jüngster DDR-Museumsdirektor (Halle Moritzburg), später Schlösserdirektor von Sanssouci, sowie der Berlin-Karolinenhof lebende Theaterregisseur Horst Ruprecht, Jahrgang 38. Sein Motto: „Spiele der Macht haben mich immer interessiert“.

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2. Mit Lust an Narrenfreiheit

Horst Ruprecht zwischen Karli Schwarz und Hanns-Michael Schmidt bei einer Probe zu „Der Egoist“, Theater Nordhausen, um 1970
Horst Ruprecht zwischen Karli Schwarz und Hanns-Michael Schmidt bei einer Probe zu „Der Egoist“, Theater Nordhausen, um 1970

Horst Ruprecht, Umsiedlerkind einfacher Leute aus dem Sudetenland, wurde – toller Sprung ‑ nach seinem Schauspielstudium in Berlin-Schöneweide (später Busch-Hochschule) Aspirant von Fritz Bennewitz am Nationaltheater Weimar. Er begann dort, nach kessen Fingerübungen abseits vom Seminar, bereits Regie zu führen, wurde Oberspielleiter an verschiedenen Provinz-Häusern und Regie-Lehrer an den Hochschulen Berlin, Leipzig, Babelsberg. Er inszenierte (schon vor 1990) in Österreich, war Schauspieldirektor in Magdeburg sowie in Halle, dem Theater mit dem hochgemut und frech gemeinten, doch unfreiwillig sarkastisch wirkenden Spruch „Sieger der Geschichte“ als Schlag-Zeile überm Programm.

Nach 1990, da war er fünfzig, wurde er Schauspielchef in Leipzig und versackte dort elend im östlich-westlichen Intrigensumpf – ausgerechnet ein vormals linientreuer Opportunist drückte ihn an die Wand. Ruprecht: „Ein Lehrstück zeitgenössischen Lobbyismus‘“. Zuletzt arbeitete Ruprecht als gefragter freier Regisseur in ganz Deutschland; musste mithin „keine Klinken putzen“, verstand sich jedoch weder „als Wendegewinner noch als Wendeverlierer“.

 

Keine Reißbrett-Konstrukte auf der Bühne 

 

Horst Ruprecht wollte „Welthaltiges“ möglichst spektakulär auf die Bühnen einer geschlossenen Gesellschaft bringen, um sie so ein Stück weit aufzuschließen. „Der sozialistische Mensch war für mich ein Konstrukt am Reißbrett.“

Das Welthaltige goss Ruprecht gern in saftiges, sinnliches, auch blutiges und bitteres Theater. Er war ein Spiellust-Entfesseler, ein Erfinder schlagender Bilder, um irritierende, aber eben auch – ohne Zeigefingerei ‑ signifikante Parallelen zur Gegenwart bloßzulegen. Dazu sein Mut („Spielräume austesten“) zu effektvoll opernhaft ausgreifenden, teils satirisch-grotesk zuspitzenden Inszenierungen – immerhin galten Satire und Groteske vielen Genossen als Zucker für den Klassenfeind.

 

Der traut sich was 

 

Mit vornehmlich klassischen Stücken (Ruprechts Dreigestirn: Horvath, Büchner, Grabbe) oder mit von Behörden beargwöhnter DDR-Dramatik zeigte er schon seit den 1970er Jahren in provokanten Ansätzen das, womit später beispielsweise ein Frank Castorf Karriere machte. Freilich, Ruprecht behielt bei aller formalen Virtuosität die Verständlichkeit der Story stets im Blick.

Dennoch, anspielungsreiches Verfremden und Ironisieren, das blieb umstritten. Brachte ihm jedoch nicht nur im Westen, sondern gerade auch bei sagen wir liberalen Kräften der DDR (nicht alle Genossen waren altstalinistische Dogmatiker) viel Anerkennung. Das überrumpelte Publikum – „der traut sich was“ ‑ hatte er selbstredend stets auf seiner Seite.

Ruprechts monumentale, die üblichen Grenzen eines Stadttheaters sprengende Meininger Grabbe-Inszenierung „Napoleon oder Die hundert Tage“ anno 1973 mit ihrem ätzend scharfen Blick auf Epochenbrüche („Revolution!“) machte ihn auf einen Schlag berühmt. Eine Sensation! Sogar im Westen, man durfte gastieren.

Auch hier zeigt sich exemplarisch der bis heute für Außenstehende unverständliche Irrwitz: Da wurde selbst von hohen DDR-Kulturfunktionären Ruprechts Kunstleistung erkannt, anerkannt, gefördert (Ruprecht, mit Mähne auf dem Schädel und Bart im Gesicht, der stur die SED-Mitgliedschaft verweigerte, wurde gar „Reisekader“). Zugleich jedoch gab es Verbote, demütigend intrigante Ausgrenzung, Zensur. Da stand das beschützende Wohlwollen einzelner Genossen Intendanten und parallel dazu die geheime Negativ-Beurteilung durch die Stasi. Oder: Die SED-Parteileitung des Theaters sprach im Einvernehmen mit dem Intendanten für die Kunst, die SED-Bezirksleitung jedoch politisch dagegen. – Verworrene Machtspiele!

 

Im Wirrwarr der Frontlinien 

 

„Die DDR war nicht linear!“, sagt Ruprecht. Und der Künstler lavierte mithin beständig nervenaufreibend „bis hin zum sozialistischen Burnout“ durchs „DDR-Doppelzüngige“. Da war man leuchtendes Aushängeschild, aber auch eifrig eifernd beschossene Zielscheibe. Und pochte trotzdem immer wieder frech und tapfer, „zuweilen auch ängstlich“ auf Autonomie (oder auch Teilhabe am Verändern-Wollen) im Wirrwarr der Frontlinien. Im Wechsel von Durchsetzen und Scheitern. Es war ein dauerndes Ringen um ein „nicht entfremdetes Dasein“, typisch für nicht wenige, nicht nur im Kulturbetrieb.

Horst Ruprecht erzählt davon auf hundert Druckseiten detailreich und spannend. ‑ Sein Fazit, altersmilde: Er habe trotz seines „notorischen Querulantentums“, trotz seines „unangenehm cholerischem Temperaments“, seiner „Lust an Narrenfreiheit“ alles in allem doch Glück gehabt.

Francisca Drechsler „Zwischen Pflicht und Freiheit. Lebenswege in der DDR (2), Broschur, 370 Seiten, 103 Schwarzweißabbildungen, 24, 90 Euro, Lukas Verlag, Berlin 2020

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