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Kulturvolk Blog Nr. 350

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

30. März 2021

HEUTE: 1. Geburtstagsgruß: 550 Jahre Albrecht Dürer / 2. Nicht unterkriegen lassen ‑ Drei Jahrzehnte Theater im Palais / 3. „Die Rampensau lebt“ – Konstantin Küspert und das Digitale

1. Dürer-Jubel mit Oster-Hase

Nicht von Dürer aus dem Museum, sondern vom Supermarkt aus Schokolade: Unser Osterhase! © Kulturvolk
Nicht von Dürer aus dem Museum, sondern vom Supermarkt aus Schokolade: Unser Osterhase! © Kulturvolk

Sein Selbstbildnis wirkt wie von heute: Schulterlanges, in offensichtlich aufwändiger Friseurarbeit fein gelocktes Langhaar, rötlich schimmernd. Und keck in die hohe Stirn gekämmt ein kleiner frecher Wirbel. Wahrlich ein Hingucker wie der breite Schnauzer. „Den dreht und kräuselt er gewiss täglich, damit er gleich Eberzähnen von ihm absteht“, lästerten Zeitgenossen. 

 

Albrecht Dürer war 28 Jahre alt, als er sein Selbstbild pinselte. Als Signatur setzte er voll Stolz gleich einen ganzen Satz: „So schuf ich, Albrecht Dürer aus Nürnberg, mich selbst.“ Der Kerl wusste schon früh, was er wert ist. Total cool. 

 

Heute gilt das Bild von 1500 als eines der erstaunlichsten der gesamten Porträtgeschichte. Übrigens, noch in zwei Dutzend anderen Gemälden verewigte der prominente Mann und Meister der Selbstinszenierung sein Antlitz. 

 

Und schon zwei Jahre später, anno 1502, gelang eine so schlichte wie faszinierende Naturstudie: Der „Junge Feldhase“, ein kleines Aquarell, nur 25 mal 23 Zentimeter, doch inzwischen Superstar der Weltkunst und Kronjuwel der Wiener Albertina. Das Original bleibt im Safe, wird bloß alle fünf Jahre gezeigt. Ansonsten hängt an der Wand eine Kopie. 

 

Der Mümmelmann (oder ist es eine Mümmelfrau?) mit den langen Löffeln, den scharfen Augen, allzeit sprungbereit zur Flucht aus dem Rahmen, ist nicht nur eine kostbare Ikone der Renaissancemalerei, er wurde mit den Zeitläuften auch – neben dem Ei – zum Sinnbild für Ostern; längst massenhaft vervielfältigt, als plastische Nachbildung in Plüsch, Plastik oder Holz global vertrieben. So sei des Dürers kuschelig liebenswerter Hase als pittoresker Ostergruß an dieser Stelle vorgeführt. 

 

Und das noch aus anderem Grund: Just vor 550 Jahren, am 21. Mai 1471, einem Freitag, wurde Albrecht Dürer in der freien Reichsstadt Nürnberg in der Burgstraße 27 unterhalb der Festung geboren. Happy Birthday! – Warum schon jetzt, sozusagen vorfristig, unser Geburtstagshallo? Weil: Sein herrlicher Hase, aller Welt Liebling, gehört einfach ins Österliche. 

 

*** 

2. Theater im Palais 30: - Mut, Talent und Chance

„Jawoll, meine Herrn! Musikalische Zelluloidgeschichten“ © Theater im Palais
„Jawoll, meine Herrn! Musikalische Zelluloidgeschichten“ © Theater im Palais

Damals war‘s, im neuen Berlin: Eine Schauspielerin, drei Schauspieler, eine Regisseurin, eine Dramaturgin, zwei Techniker und ein Intendant, derzeit ohne festes Engagement, also arbeitslos, schnappten sich anno 1990 einen ungenutzten Salon im Parterre eines hübschen historischen Palastes inmitten der Stadt und nutzten ihn. 

 

Faktisch war es eine Haus-Besetzung. Einfach, um dort Theater zu machen. Ziemlich anarchisch, eigentlich. Freilich mit populärem, allerdings nicht einfältigem Konzept; Berlinisch eingefärbt. Die Truppe, alles gestandene Profis, wollten sich nicht unbedingt neu ausprobieren, sie wollten als im DDR-Hauptstadttheater bewährte Könner wieder vor die Leute. Wollten Zukunft, Beifall, Akzeptanz und, natürlich, ein zumindest hinnehmbares Geld. Motto: Mut, Talent und Chance. 

 

Mithin eröffnete ein paar Monate später im Frühling in zentraler Lage hinterm Kastanienwäldchen gegenüber Staatsoper, Humboldt-Uni und Zeughaus im prachtvoll klassizistischen Palais Donner (Johann Gottfried Donner, königlicher Kammerherr) eine kleine feine Bühne. Schlicht aber sinnfällig getauft auf den Namen Theater im Palais. Das war am 22. März 1991. Es gab den hintersinnigen englischen Komödien-Hit „Shirley Valentine oder Die Heilige Johanna der Einbauküche“ von Willy Russels. Tags darauf Premiere Nr. 2: Die Politsatire „Farm der Tiere“ von George Orwell. – Tolles Doppel: Shirleys Hausfrauenpower gegen Verordnetes, dann die grimmige Mär einer manipulierten Welt. „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“ 

 

Und wie weiter? Gabriele Streichhahn, Intendantin und Schauspielerin: „Also Location gekapert, nach zwei Jahren Mietvertrag, nach sieben Jahren erste Fördermittel, nach 13 Jahren Insolvenz und am Boden. Wiederauferstanden dank Hilfen von Senat, Bezirk, Förderverein.“ 

 

Zünftige Achterbahn-Theatergeschichte. Rauf, Runter und zuletzt aufs Neue wieder rauf. Schlachtruf: Nicht unterkriegen lassen. „Alle arbeiteten über berufliche und fachliche Grenzen hinweg. Im basisdemokratischen Entscheidungsmodus. Bis sich herausstellte, das kann hemmend sein. Wir bildeten Strukturen.“ 

 

In den ersten Jahren entstehen mit drei Darstellern, einem Musiker und einer Regisseurin pro Spielzeit bis zu fünf teils große Inszenierungen sowie literarisch-musikalische Abende. Mit der Zeit kamen Gäste zum Kern-Ensemble, und das Repertoire wurde immer breiter gefächert mit Autoren wie Shakespeare, Hauptmann, Molière, Fontane, Eric-Emmanuel Schmitt, Walter Benjamin oder Peter Hacks; sehr oft in eigens angefertigten Textfassungen für dieses intime, elegante Theaterchen mit seinen 99 Plätzen. Die Bilanz zum Jubiläum: 158 Premieren, 400.000 Zuschauer. Seit ein paar Jahren gibt es eine junge Gruppe, Amateure, die mit eigenen Sachen Akzente setzen. 

 

„Um zu Geld zu kommen“, so die Intendantin, „wird auf jedem Fest, in jedem Ort oder in jedem Hotel bis runter nach Bayern gespielt und gesungen. Wir akzeptieren jede seriöse Anfrage, sind eine eingeschworene Truppe, leisten viel, pochen auf Qualität. Selbstausbeutung pur und pures Vergnügen ‑ hinterher.“ Hängen doch alle bis heute treu an ihrem Hausgeist und seiner heimlichen Dauer-Durchsage: Mit ernsten Sachen lustvoll spielen. Applaus, Applaus! 

 

Im Netz steht ein entzückendes Filmchen zum Fest mit viel Musike, Charme und neugierigen Blicken in alle Winkel des Theaters mit den Protagonisten Gabriele Streichhahn, Pianistin Ute Falkenau, Jens Uwe Bogadke und Carl Martin Spengler sowie allen Mitarbeitern hinter den Kulissen. Abrufbar über die Homepage www.theater-im-palais.de

 

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3. Rampensau digital

Konstantin Küspert © Reinhard Maximilian Werner
Konstantin Küspert © Reinhard Maximilian Werner

Konstantin Küspert, Jahrgang 1982, Magisterstudium der Germanistik, Philosophie, Theater- und Medienwissenschaft in Regensburg und Wien, Studium Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin – Küspert gilt als erfolgreicher Autor, seine zahlreichen Stücke, die mit starker Sprache akute Probleme originell zuspitzen, werden im deutschsprachigen Raum viel gespielt.

 

Den Text „Die Rampensau lebt“ schrieb er für das Theater-Portal Nachtkritik. Darin schaut K.K. auf das Treiben der Selbstdarsteller bei TikTok (genannt TikToks) und erkennt dabei eine mögliche Zukunft des Theaters im Netz. – Wer nicht genau Bescheid weiß: TikTok ist ein chinesisches Videoportal für die Lippensynchronisation von Musikvideos und anderen Videoclips. Das Portal hat zugleich die Funktion eines sozialen Netzwerks.

 

Küspert: „Im Versuch populär zu sein, vorzukommen, entdecken die Performer*innen en passant Grundelemente theatraler Praxis: TikToks müssen, um erfolgreich zu sein, praktisch immer eine Pointe haben, meistens überraschend und lustig, und damit grundsätzliche Elemente einer Narration – teilweise regelrechte Fünf-Akt-Strukturen im Miniformat – nachbauen. Stellenweise werden gleichsam Lerninhalte der Schauspielschulen entdeckt, wenn Menschen etwa auf kanonisierten Soundbits Narrative aus ihrem eigenen leben performen und damit nicht das gesprochene Spielen, sondern die Spielebene selbst mit eigener Bedeutung füllen.“

 

Und weiter im akademisch gedrechselten Text: „Wenn das Theater anfängt über digitale Inhalte nachzudenken, wirklich nachzudenken über die Möglichkeiten einer Fusion von theatralen und digitalen Mitteln, dann könnte eine neue Form des Theaters entstehen, eine neue Sparte für Stadt- und Staatstheater, die unabhängig von Lockdowns und physischen Beschränkungen existiert und völlig neue Publikumsschichten adressiert.“ Zitat Ende.

 

Was da werden könnte (!) an neuer Form, daran wird an einschlägigen Theorie- und Kunstschulen sowie an vielen Theatern längst fleißig gewerkelt. Wir erwarten Überraschungen. Und sagen cool: Schaun wir mal...

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