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Kulturvolk Blog Nr. 338

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

24. August 2020

HEUTE: „Der Kaiser von Kalifornien“ – Vor der Volksbühnen-Premiere: Autor und Regisseur Alexander Eisenach 

Volksbühne Berlin: - Der Kaiser von Kalifornien

Alexander Eisenach, Dramatiker und Regisseur © Claudia Balsters
Alexander Eisenach, Dramatiker und Regisseur © Claudia Balsters

„Intendant muss ich nicht müssen“

 

In Sacramento Fort existiert ein kleines Museum über den Schweizer Johann August Suter. Einst eine amerikanische Berühmtheit; ein windiger Bursche mit einem Traum: Das Glück zu suchen im Westen und als Siedler reich zu werden. Von Sacramanto bis zur Küste des damals noch brachliegenden Kaliforniens reichte sein Imperium. Bis man anno 1848 dort Gold fand. Das lockte Abertausende nach „Neu Helvetien“. Auf Goldrausch folgte Goldfieber ‑ menschliche Egomanie und brutaler Markt ruinierten Suter samt seiner Idee einer amerikanischen Schweiz. 

 

Was für eine Geschichte von Auf- und Zusammenbruch, Erfolg und Elend; was für ein Held vibrierend zwischen Großtat und Untergang, alles und nichts. Solch verrückt schillernde Extrem-Typen sind Sache von Alexander Eisenach

 

Eisenach, Jahrgang 1984, ist Autor und Regisseur, der die längst vergessene Story vom „Kaiser von Kalifornien“ entdeckte, dramatisierte und jetzt an der Volksbühne inszeniert. Mit einem besonderen Einfall: Er verschränkt seine Western-Erzählung mit dem gleichnamigen Film über Suter, 1936 gedreht vom Tiroler Heimat- und Bergfilmer Luis Trenker. 

 

„Ja, er hat ein Händchen für starke Stoffe und deren lustvoll eklektizistische Verwendung in neuen, eigenen Zusammenhängen“, rühmt BE-Intendant Oliver Reese. Ein früher Förderer, der A.E., da war Reese noch Schauspiel-Intendant in Frankfurt, ans dortige Regiestudio engagierte. 

 

Parodistisch mit ordentlich Blödelhumor 

 

Neulich, also noch vor Corona, hatte das Doppel „Krull“ nach Thomas Mann und „Stunde der Hochstapler“ von Alexander Eisenach Uraufführung am Berliner Ensemble. Wieder Verschränkung: Zum einen inszenierte Eisenach parodistisch seine Sicht auf den Literatur-Krull von Mann, zum anderen „mit ordentlich Blödelhumor“ seine so weitläufigen wie irrwitzigen Fantasien über den allgegenwärtigen Hochstapler als schamlosen Konstrukteur vorteilhaft eigener Identitäten. ‑ Reese: „Die damals immer ausverkauften Vorstellungen zeigen, dass die Leute Spaß haben an intelligenter Unterhaltung wie Alexander sie kann und wagt. Theater ist ja oft so humorlos. Da ist dieser junge Mann unbekümmert und wohltuend anders.“ 

 

Die Suter-Story also im Zusammenspiel aus Eisenach und Trenker. Ein Western-Abenteuer getrieben durch drei Jahrhunderte (19-20-21), geladen mit archetypischen Bildern und Figuren, mit mörderischen Goldgräbern, blauäugigen Hippies, smarten Silicon-Valley-Globalisten und sonstigen Kings of California. ‑ Entäußern sich deren Konflikte mit den Zwängen der Macht, des Goldes und Geldes über die Zeiten hinweg stets auf prinzipiell gleiche Art? Eine grundsätzliche Frage. Sie sei nicht leicht zu beantworten, meint Eisenach. „Doch leichthändig mit ihr spielen sollte man.“ 

 

Baden in Zitaten, Spielen mit Stilen 

 

Wir reden mit ihm über seine Anfänge. Die Initialzündungen waren Volksbühne, Schlingensief, Castorf. Und dann, während des Studiums ‑ Theaterwissenschaft/Germanistik in Leipzig ‑ , Assistenz bei Sebastian Hartmann am umstrittenen, weil extrem verwegenen, postdramatisch-fantastischen Leipziger Centraltheater. Danach zu Reese nach Frankfurt. Dort der Kurt-Hübner-Regiepreis 2016 für die Westernparodie „Der kalte Hauch des Geldes“, Autor/Regie: Eisenach. 

 

In der Laudatio wird auf Pollesch, Castorf, Tarantino verwiesen, auf den scharfen Brei von Volkswirtschaftslehre, Utopiesuche, Westernromantik und aufs kühne „Baden in Zitaten und Spielen mit Stilen“. Gefeiert werden das „unverwechselbare Diskursklima“ sowie der „stilsichere Jungkünstler“, der popkulturelle Formen mit Aplomb zum Material seiner Belustigung mache. 

 

Von 2017 bis 2019 war Eisenach Regisseur bei Lars Ole Walburg in Hannover. An seiner Einstiegs-Inszenierung von Camus‘ Terroristendrama „Die Gerechten“ bemäkelte man „Turnerei und Klamauk“. Zugleich bewunderte man Scharfsinnigkeit, Kurzweiligkeit, ein Füllhorn an Inszenierungsstilen. 

 

Und Klassiker? ‑ 2018 hat A.E. Schillers „Don Karlos“ in Düsseldorf inszeniert: „Ungekürzt, keine ‚Überschreibungen‘, alles auf Sprache.“ Und in Hannover den deutschen Kompakt-Dreier – wieder Verschränkungen – Schiller-Hauptmann-Müller: Das Aufruhr-Drama „Die Räuber“, die komische Berliner Milljöh-Tragödie „Die Ratten“, das historische deutsche Schreckens-Szenario „Die Schlacht“. ‑ „Für solcherart Experimente, fürs Zusammensperren verschiedenster Spielformen, braucht es – ganz wichtig! ‑ ein eingespieltes Ensemble, das sich vertraut und bereit ist, ins künstlerische Risiko zu gehen.“ Eisenachs Zukunftswunsch: „Mit einer solchen Truppe die ‚Orestie‘ machen.“ 

 

Stören macht munter 

 

Er ist umtriebig, offen, kann mit Schauspielern, mit Leuten, lebt im Prenzlauer Berg, hat Frau, Kind und ist fürsorglich – in der Kantine wird Kaffee spendiert. Und: Der geborene Ostberliner strotzt vor Fleiß und Tatendrang. In den letzten fünf Jahren fünf eigene Stücke und das Dreifache an Inszenierungen vielerorts. 

 

Wir kommen zurück aufs Leipziger Verstörungs- und Dekonstruktionstheater: Er lapidar: „Störung macht munter, regt auf.“ Und er weiß: Kasse muss sein! Doch Intendant möchte ich nicht müssen. Super ist, wenn es mit dem Kunststück klappt Aufstören-Irritieren-Begeistern.“ 

 

Keine Sorge, Alexander Eisenach ist – auch jetzt wieder reichlich Verschränkungen – gewitzter Stückeschreiber, schlauer Stückezertrümmerer, ingeniöser Stückezusammensetzer, ein toller Hecht und Clown. Und trotzallem ist er kein Kassengift. Muss erst mal einer hinkriegen. 

 

Im Corona-Zwangswartestand 

 

Dann kam der Schlag ins Kontor: Kurz nach unserem Gespräch verschloss das Virus alle Theater. Die „Kalifornien“-Premiere fiel aus und in den Wartestand. Der wie vor den Kopf gestoßene Regisseur ging damals sofort raus aus Berlin aufs Land. „Alsbald war da interessant zu spüren, wie sich das Mantra des Jetzt-müssen-wir-aber-wieder durchsetzte. Doch die Kontemplation der Anfangsphase im Lockdown, in der viel von einem sozio-ökonomischen Wandel die Rede war und man begann, viele Strukturen unserer Arbeitswelt zu hinterfragen, solcherart Gedanken begannen zu verpuffen. Das Primat des ökonomischen Paradigmas wird nicht wanken. Im Gegenteil.“

 

Also verschärfen sich die Bedingungen an allen Fronten. Gerade auch an den Theatern, wo wieder produziert werden soll, aber mit jeder Menge Einschränkungen. Man werde versuchen, meint Eisenach, diese Widerstände künstlerisch fruchtbar zu machen. Dennoch, die Neue Normalität erzeuge vor allem ökonomisch neuen Druck statt Kontemplation und Reflexion. Von allen Akteuren werde Konformität verlangt und mit gesundem Menschenverstand begründet. Abweichungen seien in dieser Situation moralisch problematisch und würden entsprechend geächtet. „Wir sind also in der heiklen Situation, uns vernünftig verhalten zu müssen und trotzdem nicht absolutem Gehorsam zu verfallen. Wenn wir diesen Widerspruch erkennen und annehmen, haben wir eine Chance…“

 

Zukunftsfantasie mit ewigem Frieden 

 

Man wird sehen, ob das im auf der Zielgeraden einst ausgebremsten „Kalifornien“-Stück schon eine Rolle spielt. Gewiss jedoch beeinflusst die Pandemie Eisenachs neues Werk „Eternal Peace“. Uraufführung ist Ende des Jahres am Schauspiel Frankfurt.

 

In dieser Zukunftsfantasie geht es um die noch junge, unabhängige demokratische Republik Grönland anno 2104; eine gute Zeit, denn die Folgen der zerstörerischen Klimakriege (2074-2091) sind bewältigt, die ethnischen und sozialen Bruchlinien des 21. Jahrhunderts überwunden. Doch das alte Machtzentrum Europa wirft Schatten: Ist es doch gezeichnet von Kriegen und Naturkatastrophen und hat jeden zivilisatorischen Halt verloren. – Schade, dieses Drama um „Ewigen Frieden“ hätte gut gepasst auch ins Hauptstadt-Theater.

 

Termine „Kaiser von Kalifornien“: 27., 28. August, 19.30 Uhr; 29. August 18 Uhr. Dann wieder im Oktober.

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