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Kulturvolk Blog Nr. 316

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

18. November 2019

HEUTE: 1. „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ – Friedrichstadt-Palast / 2. „Ruhe! Wir drehen!“ – Schlossparktheater / 3. Tipp: Das postdramatische Theater – AdK und HAU

1. Friedrichstadt-Palast: - Funkelnder Goldsplitter im irdischen Jammertal

Fabian Hinrichs mit Tänzer*innen der Palast-Compagnie © William Minke
Fabian Hinrichs mit Tänzer*innen der Palast-Compagnie © William Minke

„Wir waren 17, steckten zu fünft im Auto, rauchten und hörten Musik“, erinnert sich René Pollesch, nun auch schon Ende fünfzig, ans romantische Teenager-Kuscheln im kollektiv verrauchten Kleinwagen-Zuhause, aus dem die geile Popmusik dröhnte gegen die öde blöde alte Welt da draußen.

 

Jetzt jedoch, viele Jahre später und älter, da geht längst nichts mehr gemeinsam und zusammen geballt. Jetzt gibt es kein Zuhause mehr. Einsamkeit und Weltverlorenheit quälen, und der grandiose Schauspieler Fabian Hinrichs, sexy verpackt im goldenen Ganzkörperkondom, stellt die wunde Seele mal lauthals wütend mal melancholisch verweht zur Show-Schau.

 

Glitzer, Glamour und Show waren sympathischerweise schon immer eins mit Polleschs plakativ-boulevardesker Postdramatik, die er dann auch gleich selbst inszeniert. Es sind jäh in die dünne Luft des sozialpolitisch Theoretischen schießende, dann wieder gleichermaßen ins Dicke des Menschlich-Banalen stürzende Diskurs-Stücke, die alsbald Kult-Status erlangten. Freilich, zunächst galt das eher für Eingeweihte, als es vor etwa zwei Jahrzehnten im Volkbühnen-Prater mit irrwitzig rasenden intellektuell-plebejischen, philosophisch angehauchten Wohnküchendiskussionen über Glanz und Elend kapitalistischer Ich-Verwertung und damit einhergehender Ich-Entfremdung anfing; Polleschs Grundthema, das er seither geradezu manisch (oder auch inflationär) auf sämtlichen deutschsprachigen Renommierbühnen vervielfältigt ‑ aber immer mit Starbesetzungen.

 

Jetzt also sein ganz und gar gigantischer, aber konzeptionell passender Coup im Friedrichstadt-Palast auf der Welt größten, für sensationelle High-Tech-Show-Spektakel eingerichteten Bühne mit Hinrichs, einer Koryphäe der Branche. Motto: „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“.

 

Typisch fürs Pollesch-Casting ist: Es besteht immer aus Koryphäen, die ihrem Meister offensichtlich geschlossen zu Füßen liegen (wie macht er das bloß?) ‑ und ohne die der Pollesch-Ruhm kaum zu erspielen gewesen wäre.

 

Also ohne diesen hochartistischen Fabian Hinrichs, diesen durch die Welteinsamkeits-Riesenbühne texten und tänzelnden Goldsplitter, wäre Polleschs Schlagzeilen-Lamento über schmerzliche Isolation, über Konsumbesessenheit, Kapitalismushörigkeit oder schwindende Standards gesellschaftlicher Teilhabe, über Egomanie, Globalisierungswahnsinn und ins metaphysische gesteigerte Obdachlosigkeit ziemlich langweilig. Denn: Nix Neues kommt bei rum.

 

Höchstens der Satz: „Ich habe zumindest abgespeichert, dass das mal funktioniert hat, die Nähe, dass es gelingt, dass man einmal nicht einsam ist.“ Ist freilich nicht viel, um an die Möglichkeit völliger Welterneuerung zu glauben. Doch das war ja ohnehin bloß der Ironie eines total Vereinzelten geschuldet, eines gefühlt Überflüssigen im gefühlt schlimmen irdischen Jammertal.

 

Rundheraus gesagt: Es sind weniger die monologischen Text-Kaskaden, die dem eifernd räsonierenden 80-Minuten-Abend die Wow-Effekte setzen, sondern vielmehr die spektakuläre Monumentaltechnik der Bühne (Laser, Licht, Megasound) sowie die grandiose Palast-Ballett-Truppe, die das Pollesch-Depressive entweder suggestiv verstärkt oder augenzwinkernd konterkariert. Und die einfach alles kann zwischen Klassik und Revuetanz. Mal grell und krachend, mal zart und leise assistiert sie dem Rede-Tsunami eines Daseinsüberdrüssigen. Darunter ein tiefsinniges Bonmot: „Tiefe ist, wenn man sich öfters sieht.“ Was natürlich als flachsinnige Wunschfantasie gemeint war. Oder?

 

Kleiner Scherz zum erheiternden Rausschmiss: Die Fragen der Philosophen lauten, warum man sich nicht umbringe. Warum einer die Tür öffne, wenn jemand draußen klingele. – Der finale Kommentar: „Zuhause bedeutet für alle, dass es keins für sie gibt.“ Stimmt oder stimmt nicht. Ist aber auch nix Neues. Darauf ein paar Akkorde Pink Floyd. Tröstlich oder auch nicht.

 

(wieder 27. November, 11., 18. Dezember, 15., 29. Januar)

 

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2. Schlossparktheater: - Deppen und Durchtriebene im Klamottenstadel

Ruhe! Wir drehen! © DERDEHMEL/Urbschat
Ruhe! Wir drehen! © DERDEHMEL/Urbschat

Es ist – endlich!! – mal wieder passiert: Ich habe leise gekichert, lauthals gelacht und mir klammheimlich im Parkettdunkel auf die Schenkel geschlagen. Manche Gags kamen aus der – kein Widerspruch ‑ immergrünen Mottenkiste, einige Witze – wen schert’s – krachten unter Niveau, manche schossen trefflich. Immer aber nahmen sie das ewig Menschlich-Allzumenschliche aufs Korn, das ja ohnehin nicht durchweg stubenrein ist. Kurz gesagt: Die französische Farce „Attention, on tourne“ von Patrick Haudecceur und Gérald Sibleyras ist ein Knaller, besser gesagt, ist ein irrer Knallfrosch ‑ jenseits des Rheins schon seit der Uraufführung 2016 unentwegt auf Tournee und ein Dauerbrenner im Pariser Théatre Fontaine. Da hat der frankophile Theaterdirektor Hallervorden wieder mal das feine Näschen gebläht und den Mut gehabt, saftiges Volkstheater in den gern ach so hochnäsischen deutschen Bühnenbetrieb zu werfen. Gleich in der eigenen schmissigen Übersetzung unter dem pässlich mit zwei Ausrufezeichen dekorierten Titel „Ruhe! Wir drehen!“.

 

Damit ist schon mal klar: Es geht ums Filmemachen. Auf der Bühne entsteht ein alberner Krimi samt einer Endlosschleife von Pannen, die dafür sorgt, dass da niemals Ruhe aufkommt, sondern Wahnsinn wuchert – der übliche wie unübliche zwischen Künstlern und Betriebsnudeln, die letztlich und irgendwie alle so sind wie wir – bloß alles ein gehöriges und irres Quantum an „mehr“.

 

Gedreht wird im Garten einer Villa mit steiler Treppe, einem architektonischen Detail, das schon mal für reichlich Bewegung, also für spektakuläre Auf- und Abstürze sorgt (Bühne: Oliver Lloyd Boehm; Kostüm: Viola Matthies). Kriegen sich doch alle, die da am Set an dem mörderischen Machwerk werkeln, getrieben von Wahn und Egomanie gehörig in die Wolle: Da ist der liebestolle Regisseur, die steinreiche Diva, die karrieregeile Jung-Aktrice, der verstiegene Altherren-Möchtegernstar, die sarkastische Aufnahmeleiterin, der aashafte Produzent, die knallschotige Maskenbildnerin und schließlich der total überforderte Assistent als liebenswerter Clown im Tollhaus der Durchtriebenen und Deppen.

 

Der dramaturgische Kniff der von Regisseur Thomas Schendel so vehement wie präzise aufgeschäumten Chose ist (Präzision als unerlässliches Gleitgel!), dass die bekloppte Filmhandlung sich mit dem Privatleben und Charaktertypischen der Crew-Figuren verschränkt. Das schlägt Funken, die schlaglichtartig unser aller hübsch gemächliches Dasein belichten. Intime Kenner des Genres erinnern sich gelegentlich an „Der nackte Wahnsinn“. Oder gar an „Die amerikanische Nacht“, auch wenn Truffauts cineastisches Meisterwerk bei allem Irrsinn tief psychologisiert.

 

Solch eine Höhe wird im Schlosspark erst gar nicht versucht (obgleich man es wagen könnte). „Ruhe! Wir drehen!“ dreht vielmehr – und das gekonnt! ‑ drastisch durch im Slapstick-Klamottenstadel. Und lässt noch dazu das Publikum als Statisterie im Saal kräftig mitmischen, was zu ungeahnten Überraschungen führt, die hier nicht verraten werden. Hingehen, ungeniert Mitmachen!

 

Zum Schluss, nach Pistolenknall und Knutschen, nach Lug und Trug, Heulen und Schimpfen feiern sich gegenseitig Publikum und Ensemble, das ich beglückt aufliste: Susanna Capurso, Angelika Mann, Annika Martens, Anne Rathsfeld, Wolfgang Bahro, Karsten Kramer, Mario Ramos, Karsten Speck.

 

(bis zum 8. Dezember)

 

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3. Tipp: - Alles ist Material. Was heißt Postdramatik?

She She Pop: „Kanon“  © Benjamin Krieg
She She Pop: „Kanon“ © Benjamin Krieg

Vor zwei Jahrzehnten erschien von dem Theaterwissenschaftler Hans Thies-Lehmanns die auch international stark beachtete, eine „ästhetische Logik des neuen Theaters“ entfaltende Schrift „Postdramatisches Theater“. Sie beschreibt die Umbrüche im westlichen Theater seit Ende der 1960er Jahre, seine erweiterten Mittel und neuen Zugriffe auf die Gegenwart in der medial und politisch sich verändernden Welt.

 

Dabei geht es um eine nichthierarische Theaterpraxis verbunden mit kollektiver Autorenschaft und einem Materialbegriff, der die Gleichwertigkeit der ästhetischen Mittel voraussetzt.

 

Die Dramaturgin Aenne Quinones sagt, das postdramatische Theater sei kein Sonderweg, sondern eine gängige Kunstrichtung, verbunden mit einer spezifischen Praxis. „Während das herkömmliche Theater traditionell ein bestehendes Werk und dessen Interpreten durch die Regie in den Mittelpunkt rückt, geht es beim Postdramatischen um ein anderes Verständnis von Autorenschaft.“ Somit stünden künstlerische Strategien immer wieder neu zur Disposition, nicht nur die Arbeitsweisen der Beteiligten selbst betreffend, sondern auch bezüglich des gemeinsam entwickelten Materials.

 

Wer es genauer wissen will, was es mit dem Postdramatischen auf sich hat (Abschied vom psychologisch-realistischen Spiel, Unterlaufen von Identifikationsangeboten), dem sei das international besetzte Symposium „Postdramatisches Theater weltweit – Panels, Film, Performances“ empfohlen. Akademie der Künste, Hanseatenweg, Freitag, 22. November, ab 11 Uhr; Begrüßung Nele Hertling, Hans-Thies Lehmann, Karlheinz Braun. Und Samstag, 23. November, ab 14 Uhr.

 

Das HAU – Hebbel am Ufer veranstaltet zum Thema gleich ein spezielles, repräsentativ besetztes Festival vom 19. bis zum 29. November in HAU2 und HAU3. Mit Joana Tischkau „Playback“ (19./29.11. im HAU3); Forced Entertainment „Quizoola!“ (22.11. im HAU3); She She Pop „Kanon“ (Premiere 22./23 11, 24.-26.11. im HAU2); Tim Etchells „the continuous activity of living people“ (24.11. im HAU2); Gob Squad “Dancing About” (27.-29.11. im HAU3). Infotelefon: 030-259004 38.

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