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Kulturvolk Blog Nr. 298

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

13. Mai 2019

HEUTE: 1. „Flying Steps“ – Hamburger Bahnhof /Neue Nationalgalerie / 2. BE-Autorenförderungsprogramm: „Amir“, „Kriegsbeute“ – Berliner Ensemble

1. Hamburger Bahnhof: - Rotationen wie im Rausch

"Flying Steps" im Hamburger Bahnhof © NIka Kramer

Anno 1874 komponierte Modest Mussorgski sein weltberühmtes Klavierstück „Bilder eine Ausstellung”; zehn Bilder, die ein imaginärer Galeriebesucher „musikalisch“ betrachtet. ‑ 1993 gründete Vartan Bassil in Berliner Hinterhöfen seine inzwischen berühmte, im letzten Jahrzehnt mehr als eine Million Zuschauer in aller Welt begeisternde und vielfach ausgezeichnete Breakdance-Crew Flying Steps, die klassische Musik mit Modern Dance und vor allem mit Breakdance einzigartig in eins bringt. Zuletzt hat sie es mit Johann Sebastian Bach getan. Jetzt versetzt man Mussorgskis traumhafte Erzählung, ein exemplarisches Werk der Programmmusik, erstmals ins Optische im eigens dafür installierten Theater im Hamburger Bahnhof, dem Ort für Gegenwartskunst der Nationalgalerie unter dem Dach der Staatlichen Museen zu Berlin.

 

Das historische Musikstück des Russen wurde von dem aus São Paulo kommenden Komponistenduo Vivan und Ketan Bhatti „kreativ überschrieben“. Eigentlich eine völlige Neukomposition für Kammerorchester (das Berlin Music Ensemble), das live aufspielt – freilich mit kühnem Blick auf akustische Beats und Rhythmen für Tanz, der Elemente des Urban und des Contemporary Dance verrückt verquickt (Choreographie: Vartan Bassil). Das Bühnenbild prägt die fantastischen Monumentalfiguren vom brasilianischen Künstlerduo „Osgemos“, dazu allerhand Lichtgefunkel, Nebel und ein bisschen Video.

 

Die einem großen Kindergeburtstag gleichende Show ist nicht direkt eine für Freunde der Neuen Musik, obgleich die Mussorgski-Adaption der Berliner Bhatti-Brüder einigermaßen mutig ist. Vielmehr gilt diese Fliegende-Bilder-Attraktion zuallererst als ein Event für die Breakdancer-Gemeinde. Die Jungs in den kunterbunten Trainingsanzügen sind einfach umwerfend artistisch; aber eben nicht neunzig Minuten abendfüllend.

 

Deshalb zwischendurch als Füllsel die Osgemos-Puppen aus Sao Paulo; zwei in höhere Sphären der Kunst aufgestiegene Abkömmlinge der US-Sprayer-Szene. Die Zwillinge bebildern mit ihren pausbäckigen Harmlos-Riesenpuppen und naiv kindlichen, auch albern kindischen, ja kitschigen Verspieltheiten ohne Sinngebung die Tanzpausen.

 

Udo Kittelmann, Chef der Nationalgalerie, preist das Spektakel der Pop- und E-Kultur als grandios grenzüberschreitendes Kunstwerk, und tatsächlich passt es auch ideal zum interdisziplinären Verständnis seines Museum für Gegenwart. Dennoch sei nüchtern vermerkt: Die Neutönerei nach Altmeister Mussorgski sowie das in Berlin ohnehin fleißig durchbuchstabierte Modern Dancing und erst recht das einfältige Puppen-Design können der Breakdance-Truppe nicht das Wasser reichen. Denn Flying Steps, diese irrwitzigen menschlichen Rotoren am Boden sowie halb in der Luft, allein die sind der umwerfende, atemberaubende Hingucker in Flying Pictures. Artistik wie im Rausch!

 

(Bis zum 2. Juni; jeweils Mittwoch sowie Freitag bis Sonntag im Hamburger Bahnhof.)

 

***

2. Berliner Ensemble-Autorenförderung: - Schwieriger als gedacht

Burak Yigit in
Burak Yigit in "Amir" © JR Berliner Ensemble

Gegenwart, Zeitgenössisches, lebende Autoren – BE-Chef Oliver Reese wird nicht müde, diesen Dreier bei jeder Gelegenheit zu beschwören. Und er hat Recht! Jede Kunst, auch die des Theaters, sollte intensiv mit unserer Zeit zu tun haben. Deshalb möglichst viele neue und gute Stücke lebender Autoren in den Spielplan! Das ist aber offensichtlich nicht so einfach. Zwar schreiben viele Vieles, doch eher selten kommen dabei aufregende Geschichten zustande, gibt’s saftiges dramatisches Futter für die Bühne.

 

Also geizte Reese nicht mit Geld und etablierte löblicherweise – schon bei Amtsantritt vor drei Jahren ‑ ein Autorenförderungsprogramm. Noch dazu engagierte er den Berliner Dramatiker und Romancier Moritz Rinke für die Jagd nach tollen neuen Stücken und ausbaufähigen Talenten; auch im Ausland. Erstaunlicherweise jedoch war von ihm nicht viel zu hören. Und plötzlich verschwand er klammheimlich von der BE-Bildfläche; wir wissen nicht warum, der Mantel des Schweigens ist dick.

 

Dennoch hält man löblich weiter am Autorenförderungsprogramm fest; inzwischen heißt es etwas einfacher Autoren-Programm (gestützt durch die Heinz und Heide Dürr Stiftung), dem wir immerhin einige mehr oder weniger gelungene Inszenierungen verdanken – die nicht sonderlich üppige Ernte ist durchwachsen.

 

Gerade mal zwei Produktionen sind direkt durch besagtes Förderprogramm entstanden: das Migrantenstück „Amir“ und das Stück über Rüstungsgeschäfte „Kriegsbeute“. Im ganz engen Sinn sind beides krasse Familiendramen, darüber hinaus sind sie natürlich politisch höchst brisant. Gesellschaftlich also absolut relevant.

 

 

2.1. „Amir“ – Wuchtige Wut-und Schmerzens-Performance

Der im Schreiben nicht unerfahrene Autor und Dramatiker Mario Salazar, Jahrgang 1980, hat ein Stück über eine muslimische Migrantenfamilie in der Neuköllner Parallelgesellschaft geschrieben. Es sind Palästinenser; die Eltern kamen/flüchteten Ende der 1980er Jahre aus einem Lager im Libanon via DDR nach West-Berlin; ihre vier Kinder, drei Jungs, ein Mädchen, sind in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihr Status: geduldete Staatenlose; man kann sie nicht abschieben, doch den deutschen Pass sollen sie auch nicht bekommen. Immerzu bloß temporäre und wieder verlängerte Duldung. Die halb oder beinahe erwachsenen Kinder sind zwischen gelegentlich sentimentaler Anpassung (falls liebevoll ein Herz pocht) oder störrischen Anpassungsversuchen zerrissen sowie – und das vor allem – energischer, teils absoluter, auch feindseliger Abschottung. Sie sehen für ihre Zukunft schwarz, tauchen ab in (von Clans dominierte) kriminelle Milieus – Salazar breitet das drastisch und detailreich aus mit gelegentlich pathetischen Einschlägen. Also blutige Szenen, brutaler Terror, Gewaltexzesse, Sex, eine Schwangerschaft, Drogen, Gerichtsverurteilungen, Knast – das ganze Elend, das ganze schlimme Programm. Sein Stück ein ätzender Mix aus tragischen Konflikten, naturalistischer Milieubebilderung, Sozialstudie, Thriller.

 

Die Regisseurin Nicole Oder wollte das so nicht inszenieren. Vermutlich war es ihr ‑ einschließlich der sentimentalen wie pathetischen Momente ‑  zu „schmonzettig“. Oder auch: zu fatalistisch. Deshalb kürzte sie den Text (das Original wurde zur Premiere verteilt) radikal. Übrig blieb ein 90-Minuten-Konzentrat aus Verzweiflung, Verbitterung, Zynismus, Ab- und Ausgrenzung, Demütigung, Ignoranz, Allmacht-Wahn. Die neue Ansage: „AMIR. Nach Motiven des Dramas von Mario Salazar. Bearbeitung von Nicole Oder und Ensemble“.

 

Ein schwerer Konflikt zwischen Autor, Regisseurin, Intendanz – kein Ruhmesblatt der Autorenförderung. Einerseits. Anderseits ist Nicole Oders Paraphrase auf Salazar-Motive ein Wurf mitten ins Schwarze.

 

Also: Das breitgefächerte Salazar-Drama fällt aus. Stattdessen rast ein kompaktes Wut-Stück. Scharfe Blicke blitzen in die entsetzlichen Abgründe einer von Machtfantasien geprägten Macho-Parallelgesellschaft sowie auf problematische, teils geradezu absurde Aspekte unserer Migrationspolitik. Deutlich wird, wie beängstigend tief die Gräben zwischen Minderheit und Mehrheit längst sind.

 

Schauspielerisch strotzt dieser Abend vor Intensität der Gefühle und Kraft der Körper, zu der demonstrativ die Kraftmeierei in der Muckibude gehört (BurakYigit als Amir, dazu u.a. Tamer Arslan, Elwin Chalabianlou, Nora Quest). Trotzdem kommen immer wieder Momente des Innehaltens, der tieftraurigen Stille. Ein Wahnsinn mit raffiniertem Soundtrack (Heiko Schnurpel) auf leerem Bühnenboden mit einer immerzu kreisenden Riesenwand. Die mächtige Vergeblichkeitsmauer, an der sich alle wund und kaputt stoßen (Szenen-Sinnbild: Franziska Bornkamm). Eine Schmerz- und Schreckens-Performance. Auch wenn dabei der Autor – leider!? ‑auf der Strecke bleiben musste. Man sollte ihm eine zweite Chance geben andernorts.

(wieder 29., 30. Mai)

 

 

2.2. „Kriegsbeute“: Mörderische Moralapostel

Friedrich Bloch ist – je nach Ansicht – berühmter oder berüchtigter Kopf eines weltweit agierenden Großkonzerns für Waffenherstellung. Seine sechs längst erwachsenen Kinder wuchsen behütet auf im „Haus des Friedens“. Dort hatten sie alles – bis auf Kriegsspielzeug. Mama Rahel (Judith Engel via Video) meinte, das verderbe den Charakter. Aber: „Einer muss es ja machen!“. Diesen Gewissensbisse sedierenden Spruch ließ sie für ihren Gatten aufs Sofakissen sticken – fortan das Beruhigungslager für die ganze Familie, die zwar den Reichtum liebt, nicht aber das Waffengeschäft.

 

Um diesen Widerspruch geht es in dem Familienstück „Kriegsbeute“ von Martin Behnke und Burhan Qurbani. Doch dem Autorenduo, das mit seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ über den rechten Mob in Rostock-Lichtenhagen großes Aufsehen erregte, geht es freilich darüber hinaus um ein gesellschaftliches Dilemma: Lauthals pocht der Westen auf seine Werte, aber die Quelle seines Wohllebens passt meist nicht zu dessen hochmögenden Maximen.

 

Dieses Dilemma wiederum produziert die Probleme dieser Uraufführung. Das allzu viel wollende Stück ist verstopft mit Klischees, mit Agitatorischem, mit unheilvollen Nachrichten über militärische Invasionen, Bürgerkriege, über Flüchtlingsströme sogar auf Bundesautobahnen (am Hermsdorfer Kreuz wurde zurück geschossen) oder über heimische Meutereien und Aufstände in Kasernen der Bundeswehr. Reales wie Fiktives sind grob vermischt.

 

Bei der Schilderung der Blochs (was bedeutungsvoll nach „Heckler & Koch“ klingt) wechseln psychologisch angehauchter Realismus und Absurdes, Drama und Groteske, Todernst und Komik. Ein Mix, dem die Autoren (noch) nicht gewachsen sind. Ihr Opus hätte einige Zeit länger in der Werkstatt gebraucht.

 

Immerhin steckt im Kern der fiktiven Geschichte theatralisches Potential: Fritz, den Waffen-Patriarch, packt gegen Ende seiner Tage die Moral. So beginnt er, den Familienkonzern in Barmherzigkeit aufzulösen zugunsten diverser Charity-Projekte, was sowohl den Aufsichtsrat als auch die aufs Erbe erpichte Nachkommenschaft nervös macht, die Kinder gegen Papa in Stellung bringt und schließlich in den Geschwisterkrieg treibt. Für den Alten prima Gelegenheit, mit den Gören ordentlich abzurechnen bezüglich Doppelmoral, Heuchelei, Verdrängung. Bis er, selbstredend mit einer Original-Bloch-Pistole, von ihnen erschossen wird.

 

Witzige Pointe: Die Youngster starten die Firma neu als Produzent einer ingeniösen Waffe zur Genmanipulation, die den bösen Menschen umprogrammiert zum Guten für die künftig beste aller Welten. Haha!

 

Das wäre bei strenger Konzentration eine saftige Satire geworden. Was die Jung-Regisseurin Laura Linnenbaum, begabt mit einem Händchen für derartiges, sehr wohl auch hätte hinbekommen, hätte sie nur kräftig den Rotstift benutzt.

 

Immerhin inszenierte sie, die 2017 durch die Uraufführung von Ibrahim Amirs „Homohalal“ bekannt wurde, mit flotter Hand einige spannende Szenen um den Vatermord wie den Kampf der bigotten, kaputten, verlogenen dann wieder unverschämt gierigen Jugend ums unheilige Kapital. Da blitzen Grauen und Tragik, Thriller und Komik. Doch zwischendurch labert immer wieder Nebensächliches, banal Vorhersehbares. Da raschelt viel Papier auf der Bühne, die Valentin Baumeister sinnigerweise mit einem riesigen gekachelten Trichter bestückte samt Gully, unter dem eine imaginäre Kloake stinkt.

 

Im Mittelpunkt der mit knapp zwei Stunden etwas länglichen Uraufführung steht allerdings nicht Martin Rentzsch als stoisch wetternder Papa-Boss, sondern die verdruckste, sich aber zur alerten Tochter Maria mausernde Annika Meier sowie ihr so heulsusiger wie zynisch-opportunistischer Bruder Johannes (Gerrit Jansen). Den familiären Rest geben in moderater Coolness Nora Quest, Owen Peter Read und Oliver Kraushaar, der als rechtzeitiger Heimkehrer von fernen Kriegseinsätzen mit unentwegt aufgeknöpfter Tarnfleck-Jacke auftritt zur Demonstration seines gestählten Körpers. Immerhin ein extra Hingucker im kriegerischen Geschrei und Gewusel der jungen Typen um die reiche Beute vom alten Kriegsgewinnler Fritze Bloch.

 

(wieder in der nächsten Spielzeit)

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