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Kulturvolk Blog Nr. 296

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

29. April 2019

HEUTE: 1. „Charlys Tante“ – Schlosspark Theater / 2. „Othello” – Berliner Ensemble / 3. Best-of-Show: BKA für alle und for free – Berliner Kabarett Anstalt

1. Schlosspark Theater: - Macho verknallt in Matrone

Langner, Majowski, Zikeli © DERDEHMEL/Urbschat
Langner, Majowski, Zikeli © DERDEHMEL/Urbschat

Von Zeit zu Zeit sieht man die Alte gern: Charlys Tante; ein Evergreen, ein Hit seit 127 Jahren und Inbegriff der Travestie-Klamotte. „Charley’s Aunt“ von Brandon Thomas (1850-1914) hat den Engländer reich gemacht, wurde in mehr als hundert Sprachen übersetzt und war Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland das meistgespielte Bühnenstück. Schon 1915 entstand ein Stummfilm mit Oliver Hardy, zahlreiche Verfilmungen und Adaptionen folgten (mit Heinz Rühmann 1955, mit Peter Alexander 1963); es gibt ein Broadway-Musical und eine Operette (München 2014). Und jetzt tobt die tolle Tante im Schlosspark über die Bühne, um – gutmütig, wie sie ist – ein gefährdetes Liebesglück ins Happyend zu hieven.

 

Die Sache ist so: In Königin Victorias Old England benötigen zwei Mädels, um ihre Liebhaber Jack und Charly zu treffen, einen Anstands-Wauwau. Da passt es, dass Charlys steinreiche Tante Donna Lucia d’Alvadorez aus Brasilien zu Besuch kommt. Doch die verspätet sich. Und Babbs (Markus Majowski), der Freund der beiden Herren (Johannes Hallervorden, Daniel Wobetzky), wird fürs Rendezvous des verliebten Quartetts flugs umdekoriert zur Tante. Das Chaos aus Missverständnissen, Verstellung, Lügen (als die echte Donna Claudia Neidig auftaucht) nimmt seinen Lauf.

 

Weil nun heutzutage das mit der Tugendwächterin extrem aus der Zeit gefallen ist, man aber ein victorianisches Historical nicht zeigen wollte (wäre witzig, aber allein schon hinsichtlich der Kostüme deutlich aufwändiger), da hat sich der so pfiffige wie erfolgreiche Komödienschreiber René Heinersdorff was Neues ausgedacht.

 

Die beiden Mädels Aishe und Sema (Kim Zarah Langner, Alice Zikeli) sind flott und schick integrierte, selbstbewusst intelligente Töchter mit türkischem Migrationshintergrund, die dem streng auf Sitte, Tradition, Ehre pochenden Papa Spittigül (Aykut Kayacik) sowohl das Schäferstündchen als auch die Heiratserlaubnis abtrotzen wollen. Und da hat Lucia ihren Einsatz als freilich höchst nachlässige Aufpasserin. Womit Heinersdorff, der auch Regie führt, ein klasse Coup gelang: Seine Stückfassung hat nunmehr gleich zwei Hauptrollen: Die weltberühmte falsche Tante und neuerdings dazu den echten deutsch-türkischen Haudegen Spittigül, ein stämmiges, wohlbeleibtes und heißblütiges, präzise und genau krachendes Doppel. Der Macho und die Matrone, Markus & Aykut, die beiden Spaßmaschinen, Rampensäue, Feinkomiker schmeißen den Komödienstadel. Wow!

 

Zum fidelen Schluss hat sich der verwitwete Herr Spittigül unsterblich in die durchaus etwas herbe Tante verknallt. Das Sahnehäubchen aufs Allotria wäre gewesen, er hätte den Babbs, wieder zurück verwandelt in den Kerl, der er ja von Natur aus ist, geheiratet. Eine Pointe wie in „Manche mögen’s heiß“; Motto: Macht nix, ich nehm dich auch als Mann. Nobody is perfect. Hat man sich nicht getraut im ansonsten lustig dreinschlagenden Schlosspark, das freilich artig bedacht bleibt, die Travestie und Tunterei nebst anderweitigem Blödsinn nicht allzu weit in die Höhe zu treiben. Da wäre immer noch Lustigkeits-Luft nach oben.

 

(wieder 8. - 19. Mai)

 

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2. Berliner Ensemble - Blöder Sterben im Testosteron-Tollhaus

vorne: Ingo Hülsmann, hinten: Chor, Peter Moltzen, Ludwig Wandinger © Katrin Ribbe
vorne: Ingo Hülsmann, hinten: Chor, Peter Moltzen, Ludwig Wandinger © Katrin Ribbe

Klare Ansage gleich am Anfang. Nacht im Nirgendwo. Nur ein Schlagzeug grollt von fern, donnert näher, explodiert krachend. Und schon steht er vor uns, nackt bis auf die Soldatenstiefel, blutüberströmt: Heerführer Othello, Sieger der Seeschlacht, verheiratet mit Desdemona. Und schon stürzt sie herein, die hohe Tochter Venedigs, nackt, weiß angestrichen, die Farbe tropft ab, als käme sie aus einem Bad mit Milch. Beide stürzen aufeinander, verkrampfen geil. Orgasmen, und er würgt sie zu Tode. ‑ Abgang der beiden. Tolle Choreographie, starke Performance. Die Kurzfassung des Shakespeare-Thrillers, wie Regisseur Michael Thalheimer ihn sieht. In den restlichen 100 Minuten konzentriert er sich auf die Demonstration der Intrige: Wie das Beta-Männchen Jago den Alpha-Kerl Othello eifersüchtig macht bis hin zum finalen Würgemord – dem wir eingangs, sozusagen in der Ouvertüre, schon einmal beiwohnten. Also noch einmal Gier und Kampf verkrampft, zur Skulptur erstarrt im Schönheit und Schrecken, zum Warnbild vor den ungezügelten Trieben auf Lust und auf Tod.

 

Dabei war alles von Anfang an klar: Jago hat ein sehr leichtes Spiel. Weil Othello anders ist als die andern, nämlich schwarz (obgleich rot angestrichen). Und weil in einer von Neid und Rassismus geprägten Mehrheitsgesellschaft die Liebe eines Schwarzen zu einer Weißen bloß ein Irrtum sein kann, glaubt das auch Othello. Dieser Glaube ist der tödliche Keim in seiner Ehe mit Desdemona. Und es braucht fast nichts, dass dieser Keim geschwind aufgeht – der Vernichtung entgegen.

 

Die ist in Thalheimers Inszenierung gleich zu Beginn gesetzt. Das Drama der Liebe, das Drama eines zum Außenseiter Stigmatisierten, das Drama der unerfüllten Leidenschaften der anderen Figuren, Shakespeares komplexes Geflecht der Gefühle, der Ratio und des Wahns, es ist reduziert auf den gnadenlosen Kampf zweier von Wut, Hass, Missgunst kranker Männer, die sich verachtungsvoll anspucken. Es ist der Kerle-Klassiker: Beta-Tierchen gegen Alpha-Tierchen; Jago (Peter Molzen) gegen Othello (Ingo Hülsmann). Um es zuzuspitzen, der Thalheimer-„Othello“ performt – immer schön mit Brüll-Soli an der Rampe – ein strukturelles Problem: Dem Manne überhaupt eigen seien allein zwei Triebe, der zur Macht, der zum Sex. Und so geht – unterm Tamtam der Trommeln ‑ die Welt zugrunde.

 

Mag man so sehen; so plakativ. Freilich, dazu passend sind die dazu gehörigen Frauen, sind Sina Marten als Desdemona und Kathrin Wehlisch als Jagos Emilia gleichfalls reduziert auf bloß blind und blöd den Herren ergebene Weiber. Und das dem mörderischen Ende zueilende Intrigentum wird, die wuchtigen Text-Stellen entsprechend heraus präpariert, wie ein fliegender Comic aufgeblättert. Nicht ohne Komik und zunehmend einer irren Schlacht im Testosteron-Tollhaus gleichend. Eine maskuline Psychopathen-Show. Dazu im Hintergrund kaum verständlich grummelnd ein gesichtsloser Chor mit Ku-Klux-Klan-Mützen über den Köpfen. Aber immer mit Schlagzeug (großartig: Ludwig Wandinger / Johann Gottschling).

 

Thalheimers vor kurzem erst bei „Macbeth“ wiederholt erprobte, berühmte  artifizielle Reduktions-Kunst versagt diesmal ihre Wirkmacht. Sie langweilt zunehmend. Weil die Konfliktlage so simpel ist, so vorhersehbar in ihrer Schwarz-(oder Rot-)Weiß-Malerei, so arm an Erkenntnis. Da verlagert sich das Interesse schnell weg von Shakespeare und hin zum Technischen, zur Stimm- und Körperartistik von zwei tollen Schauspielern: Moltzen & Hülsmann.

 

(„Othello“ wieder am 2., 3., 10., 11. Mai; „Macbeth“ wieder am 1., 14., 30. Mai)

 

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3. BKA: - Jubiläums-Show mit Schwof in den Mai

 © BKA Theater
© BKA Theater

Seit 1988 residiert inmitten von 10961 Kreuzberg, am Mehringdamm-Ecke Yorckstraße, unterm fein ausgebauten Dach des historischen Bürohauses Mehringdamm 34 ein Kleinod unter den Kleinkunsttheatern: Die Berliner Kabarett Anstalt – im Volksmund: das BKA.

 

Nach dem begeisterten Zuspruch aller Klassen, Alter und Geschlechter im Jubeljahr 2018 (30 Jahre BKA!) wird auch jetzt wieder das Gründungsdatum gefeiert mit einer knackigen Best-of-Show der BKA-All-Stars. Motto: „BKA für alle“. Eintritt: frei. Anschließend: Tanz in den Mai (an der Musikmaschine: Moritz & Sascha).

 

Und hier ein paar Namen von der heißen Liste der auftretenden, total diversen Künstlerclique: Ades Zabel, Biggy van Blond, Bob Schneider, „Der Tod“, Jade Pearl Baker, Kaiser & Plain, Marcus Jeroch, Toni Mahoni, Sigrid Graje, „Theatersport Berlin“, „The Cast – die Opernband“ und für die „Unerhörte Musik“ Natalia Pschenitschnikova.

 

Übrigens: Wenn schon schillerndes Amüsement nebst Schwof, darf das BKA sich was wünschen vom Publikum: "Bitte schenkt uns alte Tischlampen für die Neugestaltung des Foyers..." - Also, alle mal nachschauen in Keller oder Besenkammer.

 

(Montag, 30. April, 19 und 21 Uhr die Show, anschließend ab 22 Uhr öffnet das Tanzparkett)

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