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Kulturvolk Blog Nr. 294

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

15. April 2019

HEUTE: 1. „Abgrund“ – Schaubühne / 2. „Die Meistersinger von Nürnberg“ – Deutsche Staatsoper / 3. „Der letzte Gast“ – Berliner Ensemble / 4. Frohe Ostern!

1. Schaubühne: - Plötzlich kracht der Tod ins feine Essen

Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler, Moritz Gottwald, Isabelle Redfern © Arno Declair
Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler, Moritz Gottwald, Isabelle Redfern © Arno Declair

Eine blitzende Küchentheke; Chromstahl. Bepackt mit feinsten Zutaten, alles Bio, versteht sich. Das Setting von Nina Wetzel stellt sofort klar, wo wir uns befinden in Maja Zades neuem, unaufgeregt aufregendem, süffig amüsantem, aber auch ungeheuer erschreckendem Stück „Abgrund“: Es ist der urbane, liberale, durch Erbschaft und Jobs im akademischen oder kreativen Betrieb wohlsituierte Mitte-Dreißig-Mittelstand mit Eigentumswohnung beispielsweise in Berlin-Mitte.

 

Bettina und Matthias, verheiratet, Tochter Pia fünf, Tochter Gertrud ein halbes Jahr alt, stehen dort an ihrer feinen Kochzeile, um ihre eingeladenen Freundschaften kulinarisch zu verwöhnen. Lässige Feierabendparty auf Manufactum-Küchenhockern. Zwischen vielen „Hmmmms“, „Cools“, „Super“ und fleißig entkorkten Weinflaschen wird gekichert, geplappert, gelästert, geschimpft und gelegentlich gezankt und sogar politisiert. So, wie überall in solchen Gesellschaften bei solchen Gelegenheiten. Maja Zade bringt es in ihrem tollen Wellmade Play präzise auf den Punkt.

 

Ihr erstes Stück „Status quo“, eine scharfe Geschlechterclinch-Satire, hatte kürzlich erst Schaubühnen-Uraufführung unter der Regie von Marius von Mayenburg (Blog 292). Auch jetzt wieder brilliert diese subtil beobachtende, sarkastisch analysierende Autorin als bewundernswerte Meisterin im flüssigen Dialogschreiben und genau Figurenzeichnen. Schier atemberaubend perfekt trifft sie Sprache und Sound unserer Zeit – auch in seiner kompletten Fragwürdigkeit, ja Unmöglichkeit.

 

Geradezu unglaublich wogt und wabert am Küchentisch von B&M das Weltläufige und Kleinkarierte, das Tolerante, Spießige, Schlaue, Kluge, Dumme und Bornierte, das großartige Wagen und Wollen und dann wieder Abwinken, das ausgestellte Gutmenschentum, der versteckte rohe Egoismus, das angestrengt Korrekte und befreiend Inkorrekte. Alles fügt sich zu einem pittoresken Panorama zeitgenössischer Porträts aus dem so genannten, hochmütig belästerten Bio-Biedermeier, das wir nur allzu gut kennen, weil wir es heftig und liebend gern tangieren – oder gleich ganz dazu gehören. Schöner Spiegel!

 

Es gibt hierzulande kaum einen Regisseur wie Thomas Ostermeier, der ein solches Wallen und Wabern wirklich lässig und wie aus dem Handgelenk, dem kleinen Finger geschüttelt, wie aus dem Augenblick geboren und total selbstverständlich auf die Bühne zu zaubern imstande ist. Und doch immer wieder unversehens oder wie nebenbei die Kratzer zeigt, die Risse, die ätzenden Flecken auf dieser Oberfläche. Freilich mit einer Schar großartiger Schaubühnen-Schauspieler: Christoph Gawenda, Moritz Gottwald, Jenny König, Laurenz Laufenberg, Isabelle Redfern, Alina Stiegler (in alphabetischer Reihe, sie alle sind hinreißend und genau in ihrem jeweiligen, aber auch darin allemal nicht fest getackertem Gestus).

 

Die Schaubühne ist längst wieder – wie einst in den nostalgisch beschworenen Hoch-Zeiten – ein sensationelles Schauspieler-Theater. Auch wenn das unverständlicherweise gern lustvoll abschätzend beiseite getan wird. Bravo Schaubühne! Spielerisch wie rein technisch ein Klasse-Institut! Muss mal gesagt sein.

 

Doch Maja Zade belässt es im „Abgrund“ natürlich nicht bei dieser Art Versuchsanordnung eines gesellschaftstypischen Tingeltangels, das für sich genommen als oszillierendes Sittenbild schon abgründig genug ist. Die erfahrene Dramaturgin sorgt für einen geradezu infernalischen Knall; eine ungeheuer dramatische Pointe: Während die kauende und kippende Bürgerlichkeit sich amüsiert, schnappt sich die fünfjährige Pia ihre sechs Monate alte Schwester Gertrud und wirft sie aus dem Fenster vom Kinderzimmer. Tot. Warum? Tja… Ein Defizit an Aufmerksamkeit? Oder?

 

Wie auch immer: Interessant ist vielmehr, wie die angeschafft souveräne, feinfühlig und gebildet sich gebende Humanisten-Truppe am kuscheligen Hochglanz-Tresen mit dem plötzlichen Einbruch der absoluten Katastrophe umgeht. Der (hier?) sinnlose Tod kracht ‑ einfach so ‑ ins feine Essen. Man reagiert völlig hilflos; verständlich. Sogar schäbig. Inhuman. Eigentlich unbürgerlich, also asozial – unverständlich, aber durchaus realistisch.

 

Licht aus und Schluss mit dieser unterhaltsamen, am Ende uns den Hals umdrehenden Ostermeier-Uraufführung. Der Regisseur wirft uns dieses giftige Ding erst gelassen vor die Füße, dann donnert er es hammerhart ins Hirn. Erst geht es dahin wie eine Komödie, dann das weltenstürzende Finale. Versackend und verreckend im elend Menschlichen. Mit einem finalen, selbstredend sauteuren Marken(!)-Whisky in der Hand als Krücke für die himmelschreiende Hilflosigkeit der – momentan? ‑ Verunsicherten, aber eben nicht wirklich Verzweifelten, sondern dem kindsmörderischen Horror bloß Zuschauenden. Das Unglück traf ja Gott sei Dank nicht deren eigenen Lebensverhältnisse. Anteilnahme heuchelnd machen sie sich aus dem Staub. Tja…

 

Bleibt die Frage: Was wäre zu tun oder zu lassen, versackt plötzlich der Boden seliger Gewissheit unter den Füßen bei einem immerhin allgegenwärtigen Schwerthieb des Daseins? Wir sitzen da, erschüttert und stumm.

 

(wieder am 17., 19., 21., 22. April)

 

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2. Staatsoper Unter den Linden: - Song Contest in Schwarz-Rot-Gold

Meistersinger von Nürnberg © Bernd Uhlig
Meistersinger von Nürnberg © Bernd Uhlig

Ehrlich gesagt, das hatte jeder erwartet. Der Komponist Wagner und ein Dirigent Barenboim, das kann gar nicht schief gehen, wie mit einem Thielemann ja auch nicht. Doch beim Stückeschreiber Wagner, da mag es schnell problematisch werden, da ist der Regisseur entscheidend. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim war weise genug, für die Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ die Regisseurin Andrea Moses zu engagieren, die in Meiningen, Dessau, Weimar, Stuttgart, zuletzt in Salzburg und Wien mit teils überrumpelnd neuartigen Sichten auf große Klassiker das Publikum in Begeisterung versetzte – aber auch in Abscheu.

 

Moses ist eine kluge Analytikerin mit überbordender Fantasie. Prima Mischung. Mit den „Meistersingern“ gelang ihr ein Meisterstück im Handwerklich-Technischen. Und obendrein ein Mut-Stück im Denken.

 

Wir alle wissen um die problematische Rezeptionsgeschichte des Werks ‑ Hitlers Lieblingsoper mit ihren subkutan antisemitischen Anspielungen; Barrie Kosky lieferte gerade diesbezüglich in Bayreuth Bedenkenswertes. Worüber schnell vergessen wird, dass in Wagners hehrem Appell, die deutsche Kunst und ihre Meister hoch zu halten, noch eine Warnung vor Wahnhaft-Irrationalem mitschwingt; sonderlich im zweiten Akt.

 

Zudem: Wagners Wettern gegen Geringschätzung des meisterlichen Künstlers steht, nicht allein nach Ansicht der Regisseurin, im Zusammenhang mit 1848. Mit dem Vormärz und dem freiheitlich-demokratischen Schwarz-Rot-Gold der Paulskirche. Und nicht ‑ in der Rückschau ‑ mit Schwarz-Weiß-Rot oder Braun. Eingedenk der Besinnung auf diese starke Wurzel des Wagner-Werks inszenierte Andrea Moses „Die Meistersinger von Nürnberg“ ungeniert und doch fein ironisch gerahmt in Schwarz-Rot-Gold; oder genauer gesagt: völlig durchdrungen von dieser Färbung.

 

Und das nicht nur sinnbildlich, sondern konkret mit riesiger Fahne vom Boden bis hinauf in den Kunst- und Opernhimmel. Das hat sich bislang keiner so getraut. Geradezu genial diesbezüglich das Quintett im dritten Akt: Sachs, Eva, Stolzing, David, Magdalene fassen wie zum Fahneneid das Tuch und singen sich hoffnungsfroh die Glückseligkeit aus dem Herzen. Da wird Wagners so betörende Komposition für bewegende Momente zu einer Art neuer Nationalhymne. Und bleibt zugleich sehr persönlich, sehr menschlich. Hat die Moses sensibel und originell gedacht und großartig gemacht. Unvergesslich.

 

Ansonsten konzentriert sich die Regie geschickt auf die psychologisch (und sozial) so überaus vielschichtige, dabei von tragischen und grotesken Einschlägen nicht freie Menschenkomödie. Mit „Verstand, Witz und Kenntnis“, so wie es Wagner notierte. Also absolut Wagnerisch. Obendrein schafft Moses das Kunststück (im Verbund mit ihren kongenialen Bühnenarchitekten Jan Pappelbaum und der Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki), das monumentale Breitwand-Opus voller Menschengewusel unangestrengt im heutigen Outfit zu illuminieren. Da ist nichts oktroyiert oder eingepflanzt, was nicht den Intentionen des Autors entspräche.

 

Zur Premiere vor fast drei Jahren im Schillertheater (die Lindenoper ächzte unplanmäßig noch immer unterm Baubetrieb), damals also war nach sechs Stunden das Publikum hellwach auf den Beinen. Mit stehenden Ovationen; eine Viertelstunde lang. Das selten helle Glück auf der Bühne und im Saal. Wie schön. Jetzt ist Wiederaufnahme.

 

(Gründonnerstag 18. April, 16 Uhr und am 21. April, 16 Uhr; Restkarten zu Extra-Konditionen bei kulturvolk)

 

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3. Berliner Ensemble: - Wohlstand im Clinch mit Randstand

Sascha Nathan, Judith Engel, Wolfgang Michael © JR Berliner Ensemble
Sascha Nathan, Judith Engel, Wolfgang Michael © JR Berliner Ensemble

Man sitzt auf dem Sofa und trinkt Tee: der arrivierte gesellschaftliche Wohlstand mit dem gesellschaftlichen Randstand. Beide an einen Tisch gebracht hat Klara, missbilligend beäugt von Jutta. Klara (Corinna Kirchhoff) ist die Gattin von Helmut, Professor, dement, inkontinent, im Rollstuhl. Jutta (Judith Engel) ist die Hausfreundin und Ex-Sekretärin vom Prof. Soweit die Reichen-Fraktion.

 

Zum sozialen Gegenpol (oder Pool) gehört der junge, aus diffuser Ferne kommende Taxifahrer (Nico Holonies), eine Zufallsbekanntschaft, die Klara samt seiner höchst prekären Clique ins Haus geholt hat als – ungelernt und arbeitslos ‑ Möchtegern-Handwerker für Renovierungsarbeiten. Natürlich, das Charity-Projekt scheitert. Es kommt zu üblen Krächen innerhalb der Fraktionen und gegeneinander sowie zu erotischen Explosionen am gemeinsamen Teetisch und im durchnässten Pflegefall-Rollstuhl.

 

Die wenig witzige, dafür umso mehr klischeehafte und tief ins Geschmacklose stechende Teetassen-Show „Der letzte Gast“ mischt prolliges Handwerker-Chaos, spießiges Kleinbürgergetue, angestaunte Fremden-Exotik und aufgestaute Geilheit. Villenvornehmheit kracht zusammen mit Unterschichten-Rohheit. Das wäre mit viel gutem Willen durchzuwinken als kleine, grob skizzierte Gesellschaftsgroteske. Doch Arpad Schilling, der Regisseur und Autor (zusammen mit Eva Zabezsinszkij), zieht sein effektvoll schmutzig schillerndes Stückchen groß gerahmt mit laut trötendem Titel („Der letzte Gast“) hoch ins Allgemeinbedeutende.

 

Es geht ihm ‑ immerzu wackelt der aufs Politische zeigende Konfliktfinger ‑ um Reich und Arm, Etabliert und Ausgegrenzt, Frischfleisch und Altfleisch. Um das Fremd- und Feindlichsein in beiden Sphären. Es geht also um fast alles, um das ganz große Gesellschaftsdrama ‑ bloß, dass die Situationen ganz simpel und die Figuren ganz platt sind. Auch wenn da zum Schluss die dauergenervte Klara schwer seufzend Rilke flüstert: „Der Tod ist groß…“

 

Also weder Drama, Komödie, Farce, sondern Nichts. Oder theatralischer Blödsinn, hundert Minuten Langeweile, unfreiwillige Komik, muffiges Klamottentum, aufflammender Kitsch. Die Weile wäre noch länger, sorgte nicht das BE-Diven-Duo Kirchhoff-Engels für grotesk blitzende Momente züchtiger Zickigkeit, edler Hysterie und aufkreischender Libido. Ansonsten: kalter dünner Tee.

 

Sonderlich peinlich wird dieser aufwändig vorbereitete Betriebsunfall dadurch, dass Schilling längst auch zur politischen Heldenfigur wurde, die europaweit im Rampenlicht steht; erst recht, seit das Orban-Regime ihn zum „Staatsfeind“ erklärte. Der Ungar, international preisgekrönt, arbeitete an der Bayerischen Staatsoper wie am Wiener Burgtheater, inzwischen emigrierte er mit Familie nach Frankreich. Seine künstlerische Karriere begann in Budapest mit dem 1995 von ihm als künstlerisch-politische Gegenöffentlichkeit gegründeten Theater Kretakör (Kreidekreis; heute existent als Produktionsplattform). Seine frühen Arbeiten, etwa die bemerkenswerten Versionen von Büchners „Woyzeck“ und Tschechows „Möwe“, waren auch in Berlin zu sehen.

 

2017 wurde der Regisseur aufgrund dezidiert politisch gefärbter Theaterprojekte vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt. ‑ Man könnte sarkastisch denken, mit seiner bieder apolitischen, vorab ungeniert hoch gehandelten BE-Produktion überführt Schilling noch im Nachhinein den Parlamentsausschuss der Lächerlichkeit.

 

(wieder am 26. April)

 

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4. Ostergruß

Historische Ostern-Postkarte
Historische Ostern-Postkarte

Wünsche allen Freundinnen, Freunden, Kolleginnen, Kollegen, Häsinnen und Hasen ein Riesen-Überraschungsei. Und: Frohe Ostern!

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