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Kulturvolk Blog Nr. 290

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

18. März 2019

HEUTE: 1. „Mörder und Mörderinnen“ – Schlosspark Theater / 2. „Galileo Galilei“ – Berliner Ensemble / 3. Der besondere Tipp: Dore Hoyer & Marianne Vogelsang. Tanzklassiker der Moderne – Ernst-Reuter-Saal Reinickendorf

1. Schlosspark Theater: - Dong! Bong! Bumm!

 © DERDEHMEL/Urbschat
© DERDEHMEL/Urbschat

Achtung Leute, ein Unterhaltungskracher! Eine herrlich dämliche Kriminalgeschichte, aber gespickt mit Witz, Aberwitz, Hintersinn, Komik, Trallala (es wird parodistisch gesungen, gejazzt, gesteppt), verklebt mit zünftig Berliner Lokalkolorit und gefüllt mit sarkastischen Ausfällen gegen den ins Absurde greifenden modernen Kunstbetrieb sowie den gleichfalls ins Aberwitzige rasenden bürokratischen Genderwahn, weshalb diese Farce aus dem Tollhaus des Lebens auch „Mörder und Mörderinnen“ heißt.

 

Der französische Vaudeville-Meister Eugen Labiche (19. Jahrhundert) lieferte die Idee für das in Blut, Alkohol und Lügen getauchte bürgerliche Gaunerstück aus dem 21. Jahrhundert, das der mit allen Wassern des filmischen wie theatralischen Gewerbes gewaschene Autor Hartmann Schmiege für den Komödien-Boulevard erfand. Es geht um einen Toten und darum, was sehr Lebendige aus sehr unterschiedlichen sozialen Sphären mit ihm zu tun haben oder hatten, als der schräge Typ aus einschlägigem Milljöh noch munter seiner kriminellen Geschäftelhuberei nachgehen konnte.

 

Die hanebüchne Story führt uns in respektable Schlafzimmer, protzige Galerien, zwielichtige Kneipen, Obdachlosenquartiere unter freiem Himmel, vergammelte Polizeistationen. Ein kontrastreiches Großstadtpanaroma; comichafte Projektionen von Ausstatter Stephan von Wedel ermöglichen fliegende Szenenwechsel. Die grelle, für Momente aber auch feinsinnige Crime-Show mit ein bisschen Sex, allerhand politisch brisanten Sottisen und sogar philosophischen Augenaufschlägen ist besetzt mit einer erlesenen Schar großartiger Komödianten: Da ist der schicke Hagestolz Mario Rames und sein knuffiger Suffkumpel Oliver Nitsche sowie das mit Philipp Sonntag und Raimond Knoll besetzte Kriminalkommissariat nebst der amtlichen Gleichstellungbeauftragten Irene Christ, die mit ihren „Sternchen“ und „Innen“ den Fahndungsladen nervt. In einer Zweitrolle terrorisiert sie ihren stolz-blasierten Ehemann, der nach Mitternacht in der Rosi-Bar der Chefin Anne Rathsfeld ans Fleisch geht, die wiederum tagsüber als Galeristin (noch eine Zweitrolle) ihren erfolglos ausstellenden Klienten Karsten Kramer auf Trab zu bringen versucht, der gleichfalls (die dritte Zweitrolle) einen schlitzohrigen Penner mimt.

 

Das mit nachtwandlerischer Sicherheit durch diesen Wirrwarr rasende, gelegentlich trällernde und slapstickende Ensemble wurde (auch im Schnellsprech) trainiert und zum perfekten Timing wie zur elegant spielerischen Leichtigkeit gebracht von Regisseur Thomas Schendl.

 

Hier haben alle alles richtig und richtig gut gemacht. Herrlich blödelndes, pointiert palaverndes und nebenbei charmantes Entertainment, das einem jeden großen Staatstheater das kochende Wasser reicht. Eine tolldreiste Petitesse, ein schmissiger Spaß. ‑ Schepper! Dong! Bong! Bumm! Was will man mehr…

(wieder 17.-20., 22., 24.-27. April)

 

***

2. Berliner Ensemble: - Wüstes Störfeuer gegen solide Aufklärung

v.l. Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Jürgen Holtz © Matthias Horn
v.l. Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Jürgen Holtz © Matthias Horn

Es klingt nach einem Paar aus dem Tollhaus: Auf der einen Seite Bertolt Brecht, der geniale Dichter mit pädagogisch gerecktem Zeigefinger, Erfinder des epischen Theaters, das den Zuschauer seelisch hineinreißen darf ins Geschaute, aber nur, um ihn anschließend wieder herauszureißen, das ihn mitleiden lässt, aber anschließend – glotzt nicht so romantisch! ‑ zum Mitrichten herausfordert, zur Kritik an vorgeführten Verhältnissen, die so nicht hinnehmbar, also zu verändern sind. Und auf der anderen Seite ausgerechnet Antonin Artaud, dessen Theater wie die Pest sein will, eine ansteckend lasterhafte Raserei zur kollektiven Entleerung von Abszessen, die da böse wuchern inmitten unserer wohlfeilen Zivilisation, der Zusammenspann dieser beiden Antipoden klingt nach einem Stück aus dem Tollhaus; zum Offenlegen des Schmutzes, der in uns allen klebt.

 

Und so klingt, schreit, tobt es denn auch im Berliner Ensemble, in Brechts einstiger Hofburg demonstrativer Aufklärung, wo Frank Castorf „Galileo Galilei. Das Theater und die Pest“ inszenierte. Auf ausdrücklichen Wunsch der freigeistigen Johanna Schall, Brechts Erbin und Enkelin. Und womöglich in Gedenken an ihren Großvater, der 1956 während der „Galilei“-BE-Proben starb, sowie an ihren Vater Ekkehard Schall, einem der prominenten „Galilei“-Darsteller im BE.

 

Bleibt zuerst die Frage: Hat sich ihre Coolness ausgezahlt? – Leider nein.

 

Dass seinem aufklärerisch-historischen Schinken „mit schöner Hauptrolle“, so der Brecht selbst, eine gehörige Portion innere Dramatik gut tun würde, war ihm durchaus klar. Da ist es ein genialer Coup, wenn Castorf das moralisierende Biopic um den epochalen Mathematiker und Astronom versetzt mit reichlich Artaud, einem französischen Radikaldichter, der die Metaphysik durch die Haut in die Gemüter des Publikums drücken will.

 

Denn auch der Renaissanceriese hat seine dunklen Seiten. Zwar erhellt Galilei durch den Sturz des fest gefügten geozentrischen Weltbildes das Menscheitsdenken, schafft aber zugleich Chaos, Ängste, Irritationen; ist selbst ein vom Forscherdrang Getriebener, ein manischer Genussmensch, ein Teufelsbraten, der rücksichtslos ums Geldverdienen kämpft. Er hält tapfer die dem Menschen und ihrem Fortschritt dienende Ratio hoch und verneint sie, schwört seiner Lehre ab, als die Inquisition lebensbedrohlich wird. Als die Pest grassiert, bleibt er, völlig irrational, im tödlich verseuchten Florenz.

 

Die Pest als Sinnbild menschlicher Ohnmacht gegenüber destruktiven Trieben, als Gegenpol menschlicher Allmacht durch Vernunft und Wissenschaft, kommt auch bei Brecht vor, zumindest in den ersten beiden im dänischen (1938/39) und im amerikanischen Exil (1945/47) entstandenen Stück-Fassungen. In der dritten, der Berliner Fassung 1955, ist sie gestrichen. Der fatale Einbruch der Katastrophe, des Unbeherrschbaren, Unvorhersehbaren, störte den geordneten Bau der Story, für deren schulmeisterliche Art diverse figurenkritische Autorenkommentare, aber auch eingestreute Eisler-Songs sorgen. Überhaupt verschob Brecht in seinen Bearbeitungen das zunächst eher pfiffig gezeichnete Durchwursteln Galileis durch die äußerliche Enge seines Daseins, seine Abwehr der herrschenden weltlichen wie religiösen Mächte deutlich hin zur Betonung seines schweren Versagens. „Ich habe meinen Beruf verraten… und kann in den Reihen der Wissenschaft nicht geduldet werden.“

 

Galilei ist eine widersprüchliche Figur, die sogar zu Herzen geht. Zugleich wird sie auf Distanz gehalten zu unserer kritischen Begutachtung und Belehrung. Das sei ihm zu ideologisch, meint der Regisseur. Deshalb kontrapunktisch Artaud.

 

Deshalb auch – ohne so etwas wie Artaud ‑ die gewisse Zurückhaltung vieler Bühnen gegenüber dem Stück heutzutage. Man befürchtet, dass da bloß Volkshochschultheater herauskäme, obwohl dem Thema menschheitlich Existenzielles innewohnt: Wieviel Wissenschaft darf sein (angesichts von Star-Wars, Digital, Gentechnik oder künstlicher Intelligenz)? Bliebe zu fragen: Wer und was ist vernünftig? Ist Alles-Wissen-Wollen, Alles-Machen-Können gut fürs Menschenglück? Ist ein entgötterter Himmel gut für Trost und Seelenfrieden?

 

Also Brechts Lehr- und Warnstück mit Castorf auf einem Trip durch Artauds Unterwelt der hemmungslos entfesselten Triebe aller Arten. Artaud als Störfeuer ‑ was für ein ätzend monumentaler Verfremdungseffekt. Doch was bei diesem immerhin raffinierten Autorenmix herauskam, war ein erzählerisch wie philosophisch gigantischer Wirrwarr (mit Einschlägen ins Klamottige) auf der von Alexandar Denic mit Riesenfernrohr, Leichenschauhauszelt, Forscherklause, Folterhöhle und Kirchturm vollgestellten Drehbühne. Dort rotierte bei hoch erregter Textablassung ein Personal fast ohne Figurenzuschreibung in aberwitzig sexy Glitzerklamotten (Kostüme: Adriana Braga Peretzki). Jeanne Balibar, Andreas Döhler, Bettina Hoppe, Wolfgang Michael, Aljoscha Stadelmann oder Stefanie Reinsperger schwitzen sechs Stunden lang zwischen Wahn und Klarheit, Heulerei, Trallala und hohem Ton bis kurz nach Mitternacht.

 

Der zweite Teil der Horrorshow wirkt schon gar nicht wie inszeniert, sondern wie bloß eilends aneinander geklebte Bildchen; Unsichtbares kommt über Video, Brecht und Artaud sind für Nichtkenner kaum unterscheidbar. Die vierte Wand wird gern kräftig eingerissen durch Pöbelei und Blödelei. Bei der offensichtlichsten Artaud-Stelle (es gibt sogar eine geschlagene Stunde lang Artaud-Vortrag) kommt das alte Castorf-Requisit zum Einsatz: Der Eimer, gefüllt mit Kacka („Naturkaviar“), die gierig gemampft wird. Dabei duftet die Feststellung, es stinke nach Scheiße, also stinke es nach Leben. Man will auch lustig sein bei all dem blutigen Artaud und ernsten Brecht. Dazwischen Popmusik und bisschen Eisler-Singsang. Und das obligatorische Heiner-Müller-Zitat: „Artaud hat die Literatur der Polizei, das Theater der Medizin entrissen. Unter der Sonne der Folter blühen seine Texte. Auf den Trümmern Europas gelesen, könnten sie klassisch sein.“

 

Soviel zur Apokalypse. Wäre da nicht der 86 Jahre alte, einzigartige, mürrische und weise Jürgen Holtz, der gleich am Anfang splitterfasernackt wie Gott ihn geschaffen und verschmitzt wie ein Knabe von der Lust am lebensverändernden Denken schwärmt; aber am Schluss zerknittert, gelassen, nüchtern sein vermächtnishaftes Schlusswort hält von der schuldhaften Selbstverdammnis. Da sind wir wieder ganz bei Brecht. Und seine klaren Worte mit ihrem utopischen Impetus wirken immerhin mit biblischer Wucht. Ganz ohne Verfremdung. Erschütternd für alle Zeiten. ‑ „Meine beunruhigende Präsenz bleibt“, sprach einst vorausschauend der unerschütterliche B.B.

 

(wieder 30., 31. März, 18-24 Uhr)

3. Die besondere Veranstaltung: - Gipfeltreffen der Tanzmoderne mit Solotänzer Nils Freyer

Solotänzer Nils Freyer in historischen Choreographien der Tanz-Avantgardistinnen Vogelsang & Hoyer © Yan Revazov, Dietrich Raupach
Solotänzer Nils Freyer in historischen Choreographien der Tanz-Avantgardistinnen Vogelsang & Hoyer © Yan Revazov, Dietrich Raupach

Mit seiner immerhin teils weltbewegenden Geschichte der Bühnenkunst geht Berlin seit jeher unverschämt lax um. Was da einst war, wird gern und unklug abgetan als Schnee von gestern. Man giert nach Neuem, anstatt die Hinterlassenschaft der großen Altvorderen lebendig zu halten, um auch daraus Nutzen zu ziehen fürs Heute.

 

Ein Problem, das natürlich auch die Berliner Tanzgeschichte betrifft; die Spuren beispielsweise von Wigman, Gsovsky, Gruber, Bohner, Schilling verwehen. Umso verdienstvoller ist die Initiative von Professor Ralf Stabel, dem Tanzhistoriker und Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin, mit Unterstützung des „Tanzfonds Erbe“ (Kulturstiftung des Bundes) zwei erstaunlich gegensätzliche choreographische Zyklen von zwei Protagonistinnen und zugleich Pionierinnen des deutschen Ausdruckstanzes zu rekonstruieren, die nun erstmals zusammen auf einer Bühne glänzen: Zum einen die „Fünf Bach-Präludien“ aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach (Dokument aus dem schriftlichen Nachlass), die letzte Arbeit von Marianne Vogelsang, ihr künstlerisches Adieu aus dem Jahr 1973 (Einstudierung: Manfred Schnelle, Arila Siegert); zum anderen „Afectos humanos“ von Dore Hoyer (überliefert durch eine TV-Aufzeichnung; Einstudierung: Susanne Linke). Beides exemplarische Werke, die live begleitet werden von der Pianistin Ulrike Buschendorf und dem Percussionisten Marco Philipp. Der Solist dieses einzigartigen, ja geradezu spektakulären Abends ist der junge Tänzer Nils Freyer, Absolvent der Staatlichen Ballettschule Berlin.

 

Marianne Vogelsang (1912-1973) und Dore Hoyer (1911-1967) wurden in Dresden geboren, arbeiteten zusammen mit Gret Palucca, hatten Ende der 1920er Jahre gemeinsame öffentliche Auftritte und wirkten beide bis zum Tod in Berlin. Vogelsang gründete 1950 in Weißensee eine eigene Schule, die später in der Fachschule für Tanz aufging, der Vorläuferin der heutigen Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik in der Erich-Weinert-Straße 103 in Prenzlauer Berg. Dore Hoyer gehörte nach 1950 zu den prägenden Persönlichkeiten des professionellen Hochleistungstanzes im Westteil der Stadt.

 

(Am Samstag, 23. März, 19 Uhr Ernst-Reuter-Saal; U 8 Rathaus Reinickendorf. Einführung 18.30 Uhr durch Prof. Dr. Ralf Stabel.)

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