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Kulturvolk Blog Nr. 286

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

18. Februar 2019

HEUTE: 1. „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ – Volksbühne / 2. Erinnerung an Bruno Ganz

1. Volksbühne Berlin: - Stasi-Jagd im LSD-Kiez gegen Negdeks

Haußmanns Staatssicherheitstheater © Harald Hauswald
Haußmanns Staatssicherheitstheater © Harald Hauswald

Der Boden teilt sich, und aus der Unterbühne der Volksbühne taucht – wie das Puppenhaus unserer Kindheit – ein morsches Mietshaus auf; gleichsam wie ein mit Erinnerung schwer beladener Albtraum aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit.

 

Wir schauen auf Ostberlin anno 1985, als dort, im Stadtviertel Prenzlauer Berg, eine vornehmlich junge, aufs grenzenlos freie Leben gierige Boheme sich ungeniert breit macht. Doch mindestens die Hälfte der Punks, Heavies, Grufties, der Tramper und Träumer war, wie man heute weiß, Zuträger des DDR-Geheimdienstes, der wiederum mit jedem dieser „negativ dekadenten Elemente“ (kurz: jedem „Negdek“) wie überhaupt mit jedem nonkonformistischen Landeskind die staatliche Existenz bedroht sah. Und ihnen allen den Krieg erklärte.

 

„Ich bin ein Lügner.“ Gleich der erste einfache Aussagesatz in „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ bringt der Autor und Regisseur Leander Haußmann („kein Opfer, Geschädigter“) sein Abtauchen in die eigene Negdek-Jugend auf den Punkt. Es ist Stasi-IM Ludger Fuchs, Deckname Bunter Hund, der ihn sagt. Was folgt, sind dreieinhalb erregende, erhellende, ermüdende, dann wieder aufreizend komische, bloß blödelnde, aber auch tieftraurige und grauenvolle Stunden, die den so hündischen wie brutalen Stasi-Betrieb bloßstellen. Und zugleich demonstrieren, wie verführerisch es ist, aus Lust, Eigennutz oder Angst da mitzumachen.

 

Es geht Haußmann in seinen Erinnerungen vornehmlich ums Allgemeine, um Leute wie du und ich mit ihren Schwächen und Lächerlichkeiten. Dazwischen wird bedenkenswert politisiert (Warum die „ausgrenzende Sonderbehandlung“ der Stasi laut Einigungsvertrag? Warum blieben Parteisekretäre oder Blockflöten-Bonzen relativ unbehelligt? War die Stasi der Sündenbock für alle schuldiggewordenen Systemverfechter? Was heißt schuldig?). Und vor allem wird eifrig philosophiert, was Wahrheit sei (allein die Aktenlage?) und welchen Nutzen sie habe (Lügen als Lebenshilfe?).

 

Haußmanns Rückkehr an die einstige Castorf-Volksbühne ist ein anspielungsreicher, verwegener, dann wieder verworrener Ritt durch Kneipen, Kemenaten, „Famielke“-Büros bis hin zu Erich Mielkes Zentrale – alles stilecht verpackt im vielräumigen Mietshaus und vollgestopft mit Kameras, auf dass jeder jeden beobachten kann. Sind doch Täter und Opfer stets dicht beieinander unter einem Dach.

 

Ja, der sympathisch gerissene Spaßvogel und nüchterne Nachdenker Leander dreht letztlich uns allen eine Nase, die wir fehlbar sind, käuflich, selbstbetrügerisch. Sein schauriges Stasi-Witz-und-Schrecken-Theater will nicht weniger als ein Welttheater stemmen. Und man muss sagen: Er hat sich mal mehr, aber auch – besonders aufregend! ‑ mal weniger verhoben dabei.

 

Immerhin: Im Plot steckt Hollywood-Geschmack. Hat doch die Stasi ein Einsatzkommando LSD gegründet (gemeint ist der Kiez Lychener, Schliemann, Dunckerstraße), um die dort ansässige Dissi-Szene endlich in den Griff zu kriegen. Für diese Extratruppe voll blindem Hass wie auch wehender Tragik rekrutiert sie junge Mitarbeiter, schult sie mit Hermann-Hesse-Büchern und Stones-Platten aus dem Giftschrank um zu Künstlern und schleust sie ein ins LSD-Quartier. So werden aus verkniffenen Idioten coole Typen. Der coolste schafft es zum auch im Westen berühmten Literaten (Sascha Anderson lässt grüßen). Es ist besagter Ludger Fuchs alias Bunter Hund. Der King der Gang wird als Romeo auf eine Frau angesetzt – und vierzig Minuten lang erleben wir eine Farce aus Observation, Sex, Familienkrach, tödlichem Herzinfarkt samt Leichenbeseitigung. Aberwitz am und im Abgrund.

 

An dieser Show des finsteren Grauens wie des grellen Allzumenschlichen, fein vermischt mit Ost-Pop sowie dem das ganze DDR-Dilemma packende „Traurig bin ich sowieso“-Lied der schmerzlich berührenden Sängerin Bettina Wegner, an dieser grotesken Revue hat der Autor fünf Jahre lang getüftelt. Es soll nämlich aus dem Theaterstück noch ein Film für die UFA werden. ‑ Den finalen Bühnen-Gag kann Haußmann gleich übernehmen fürs Kino: Da gibt’s als Bonbon für den Heimweg Manfred Krugs hier so besonders vieldeutig tönenden Ohrwurm „Keiner liebt dich so wie ich…“

 

(wieder 24. Februar, 18 Uhr)

2. Einer der ganz Großen: - Zum Tod von Bruno Ganz

Bruno Ganz © Loui der Colli
Bruno Ganz © Loui der Colli

Er machte sich rar in der Öffentlichkeit und tat sich schwer mit Interviews und Journalisten; aber auch mit seinem Beruf („Es gibt Kollegen, die sich nicht so mühen müssen wie ich.“). Doch dann gab‘s, es ist schon ein paar Jahre her, doch noch einen vom Management streng begrenzten Gesprächstermin in seinem Berliner Domizil, einer Charlottenburger Altbauwohnung. In einem weiten, sonnendurchfluteten, spartanisch eingerichteten Zimmer saßen wir uns schließlich gegenüber an einem großen leeren Tisch: Hier, zunächst etwas ungnädig, der Star, da der neugierige Schreiberling. Und in der Mitte das Mikrophon…

 

Bruno Ganz über Theater: Ich spiele dort, wo es spannende Angebote gibt von einem mir wichtigen Regisseur, Klaus Michael Grüber zum Beispiel. Es geht mir um den Regisseur und um das Stück, in dieser Reihenfolge; der Ort ist mir gleichgültig. Schon damals an der Schaubühne in ihrem Hochglanz fühlte ich mich eingeklemmt, suchte nach Regisseuren – und träumte vom Kino. Da gab es Wenders, Rohmer, Hauff, Herzog, Bertolucci, Schlöndorff…

 

B.G. über Brecht: Seine Welterklärungsmodelle haben mich nie sonderlich interessiert. Dafür ist die Welt viel zu kompliziert. An Brecht bewundere ich seinen unglaublichen Scharfsinn. Und ein paar Gedichte.

 

B.G. über das, was ihm als Schauspieler wichtig ist: Etwas Wahrhaftiges, Wesentliches vom Dasein ausdrücken und so sich auf besondere Weise vervielfältigen. Dass ich Kunst machen muss, wusste ich sehr früh. Doch mit Malen oder Schreiben ging es bei mir nicht. Mich blockieren die leeren Flächen Papiers. Aber schon als Halbstarker begriff ich, dass ich Schauspieler sein kann. Sein muss.

 

B.G. über die Titelrolle in Peter Steins 22-Stunden-Monumentalinszenierung von „Faust eins und zwei“ (12.111 Verse): Monatelang lernen und fast täglich acht Stunden probieren – ich gelangte gar nicht zu mir selbst. Anders als früher beim Arbeiten mit Stein kam ich diesmal mit meiner Phantasie nicht zum Zug. Sie war wie verschüttet mit Tonnen von Text. Es gab keine Gespräche über das geistesgeschichtliche Produkt, darüber, was im Kopf Goethes vorgegangen sein mag beim Schreiben. Ich empfand mich nicht als einer, der in den Dichter hinein horcht, sondern als einer, der etwas durchpeitscht, exekutiert. Auch hatte ich gedacht, dass der Faust mit seinem Schicksal mir nahe kommen, mein Herz bewegen würde. Doch er blieb auf seiner abstrakten Höhe.

 

Bruno Ganz wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie 1941 bei Zürich geboren. Er schmiss das Gymnasium und ging nach Zürich an eine Schauspielschule. In den 1960er Jahren war er am Bremer Theater in einem Ensemble epochalen künstlerischen Aufbruchs um Peter Zadek; in der 1970er Jahren an der alsbald weltberühmt werdenden Schaubühne am Halleschen Ufer bei Grüber und Stein. Von 1975 an drehte er Filme (als philosophierender Engel Damiel in Wim Wenders‘ „Himmel über Berlin“). Mitte der 1980er Jahre Rückkehr an die längst legendäre Schaubühne. Seither große Rollen mit den wichtigsten Regisseuren an den wichtigsten Bühnen im deutschsprachigen Raum. Bruno Ganz gelang Seltenes; nämlich die Verehrung vom Theater- wie Filmpublikum gleichermaßen. Sensationell (und spektakulär) seine Rolle als Hitler in Oliver Hirschbiegels umstrittenem Film „Der Untergang“ über das Kriegsende in Reichskanzlei und Führerbunker. Vor zwei Jahren wurde der tief-, oder auch abgründige Charakterdarsteller auf der Berlinale gefeiert für seine Hauptrolle als gebrechlich grantiger, sperriger, erschütternd widersprüchlicher Altkommunist Poweleit in der Verfilmung des Eugen-Ruge-Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

 

„Ich gehe und lebe, bis meine Seele müde ist“, sagte der zuweilen schwer melancholische, meist sarkastisch spröde, dann wieder überraschend witzige und liebenswürdige internationale Theater- und Filmstar. Er starb mit 77 Jahren am letzten Freitag, 16. Februar, schwerkrank in seiner Heimatstadt Zürich.

 

Bruno Ganz war seit 1996 Träger des Iffland-Rings, der bedeutendsten deutschen Schauspieler-Auszeichnung, deren Weitergabe sein jeweils letzter Träger testamentarisch zu verfügen hat. Die Bekanntgabe des neuen Trägers steht zurzeit noch aus.

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