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Kulturvolk Blog Nr. 282

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

21. Januar 2019

HEUTE: 1. Jubiläums-Show „15 Jahre Gutes Wedding, schlechtes Wedding” – Primetime Theater / 2. „Monsieur Claude und seine Töchter“ – Schlosspark-Theater / 3. Heiner Müller: Hausbesuch beim Dichter. Nachtrag zum Gedenken an den 90. Geburtstag

1. Primetime Theater: - Raus aus der Dönerbude, rein ins Datingportal

Ensemble
Ensemble "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" © Janina Heppner

„Ihr schreibt es, und wir spielen das dann.” Der Aufruf ging im September letzten Jahres ins Offene. Bis zum Einsendeschluss, es war der 1. Dezember 2018, gingen 51 Manuskripte für 51 Sketche an die Theaterleitung. Die Autoren kamen aus fast allen Altersklassen, fast allen Milieus, darunter sogar schulische Theater-AGs. Für alle hat die Super-Soap „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ Kultstatus, deren lebenspralle, auch prollige Volkstheater-Figuren mit und ohne Migrationshintergrund sind ihnen ans Herz gewachsen.

 

Was für die famose Idee, das Volk einmal selbst zu Wort kommen zu lassen; dabei hat man ihm in den 15 Jahren stets ziemlich genau aufs Maul und ins Herz und in die Daseinsverhältnisse geschaut. Jetzt sagt es selbst, was es immer schon mal auf der Brettel-Bühne sehen wollte. Aus dem Halbhundert Texten wurden für die Jubiläums-Show sinnigerweise 15 ausgewählt. Der respektable Rest flog nicht etwa im hohen Bogen in den Papierkorb, sondern dient als Futter für kommende Spielzeiten. Tolle Sache, und gegenwärtig ziemlich einmalig. So geht Publikumsbindung.

 

Freilich, einen Roten Faden im Handlungsverlauf der Szenenfolge gibt es nicht, sollte es auch gar nicht (der Vielfalt wegen). Es geht vielmehr um die liebevoll-ironische, sarkastische, urkomische und gern provokant politisch unkorrekte Sicht auf den Alltagswahnsinn im Wedding sowie den „angegliederten“ Kiezen. Sei es im Dönerladen, Tanzstudio, Bio-Markt oder im Anti-Klimawandel-Aktionskomitee, in der Table-Dance-Bar, vorm Computer im Datingportal, im kafkaesken Traum vom „Prozess im Wedding“ oder in der Fantasy-Parodie vom Dschungelcamp. – Da haben die sechs Schauspieler reichlich und schweißtreibend zu tun: 40 verschiedene Rollen auf der Bühne, und dahinter in der winzigen Garderobe ein so noch nie gekanntes Klamotten- und Perücken-Rein-Raus-Rauf-Runter. Uff! Und der Saal stand begeistert Kopf. Freudentränen zur Premiere wurden lachend beiseite gewischt.

 

Ist ja auch ein denkwürdiges, berührendes Ereignis: In 15 turbulenten Jahren – Tempo, Tempo, immer wieder neu! – gab es 150 Uraufführungen (bezogen auf die Zahl der Sketche) mit mehr als 200 Rollen. Und eine halbe Million Zuschauer im überschaubaren Laden mit 230 Plätzen. Das Primetime Kiez-Theater – mit seiner etwas anderen Art Stadtsoziologie ‑ wurde mittlerweile zur Marke im unübersehbaren Hauptsadt-Bühnenbetrieb. Und „GWSW. Die weltweit erste Theater-Sitcom“, die bescheidene Eigenwerbung, wurde zum Markenkern, der inzwischen auch Touristen lockt. Das war nicht immer einfach, allein schon in finanzieller Hinsicht. Eine kommunale Förderung gab es lange Zeit nicht, dann gab es eine, jetzt gibt es wieder keine. Und da war der heiße Sommer im vergangenen Jahr, da kam die Auslastung kaum über 60 Prozent. 80 aber sind überlebensnotwendig. „Bunt, irre, einzigartig“ jubelt die Lokalpresse zum Jubiläum. Wir jubeln mit. Und lachen optimistisch in die Zukunft; wohl wissend wie es sehr wohl alle wissen um Teamchef/Entertainer Oliver Tautorat und seine künstlerische Leiterin/Vordenkerin Alexandra Marinescu-Lang (toll auch als Spielerin): Die Zukunft hat auch ihre Tücken. Jetzt aber knallen die Korken, schallt‘s aus allen Rohren „Bravo. Real Sex is only Wedding!“.

 

(Bis zum 17. Februar; danach Folge 121 GWSW. Am 15. März Premiere der komischen Tragödie „Hamlet. Problemprinz aus Wedding“.)

 

***

2. Schlosspark Theater: - Wenn liebende Töchter Vorurteile nieder trampeln

Peter Bause, Brigitte Grothum, Tilmar Kuhn, Oliver Dupont © DERDEHMEL/Urbschat
Peter Bause, Brigitte Grothum, Tilmar Kuhn, Oliver Dupont © DERDEHMEL/Urbschat

Viele kennen den Film, der auf amüsante, dabei höchst erhellende Weise spielt mit den tief in uns steckenden Abwehrreflexen und Aversionen gegen alles, was uns fremd oder auch nur anders erscheint. In Monsieur Claude und seine Töchter geht es um einen saftig konservativen französischen Familienvater und dessen Frau, beide leben idyllisch in der Provinz und haben vier moderne, aller Welt aufgeschlossen gegenübertretende Töchter im heiratsfähigen Alter, die, jenseits der elterlichen Beschaulichkeit und Tradition, in der liberal-polyglotten Großstadtwelt heimisch sind. Sie suchen sich Männer, die, wie sie meinen, bestens zu ihnen passen. Und scheren sich nicht um die Lebensvorstellungen der lieben Landeier im Elternhaus. So bringen sie denn einen Chinesen, einen Moslem, einen Juden und einen farbigen Katholiken als Schwiegersöhne heim. Das erschüttert die Vorstellungswelt der Alten, die sich in der Tiefe ihrer Herzen einen weißen katholischen Schwiegersohn wünschen.

 

Aber auch die bislang eher fest gefügte Welt- und Menschensicht der vier Herren bekommt Risse und führt zu kräftigen Turbulenzen mit der Toleranz wie auch dem ansonsten heftig beschworenen Menschenbild von der christlich-jüdisch-muslimischen Nächstenliebe. Eine Komödie, vollgestopft mit kulturellen aber eben auch weltanschaulichen Konflikten, die freilich immer bloß angedeutet bleiben. Doch immerhin, zu einigen ordentlichen Krächen reicht es.

 

In der um es gleich zu sagen vom anstürmenden Publikum gefeierten Bühnenversion des Erfolgsfilms erscheinen die immerhin tiefgreifenden Widersprüche noch sehr viel flacher angespielt als im Kino; zuweilen lösen sie sich in zwei Sätzen auf. Es regiert die Methode: Konfrontation und – zackzack! – Auflösung oder – zackzack! – Schwamm drüber. Und zwar im Turbo-Schnelldurchlauf. Dass die Oberflächlichkeit des Verfahrens nicht nervt, liegt am fliegenden Wechsel der Situationen; sozusagen am Staccato des Zack-Zack, das der erfahrene Regisseur Philip Tiedemann souverän meistert. Auch, indem er dafür sorgt, dass ein großartig gecastetes Ensemble rhetorisch und spielerisch in perfekter Präzision agiert – allen voran das West-Ost-Altstar-Paar Brigitte Grothum und Peter Bause. Das Bühnenbild von Paul Lerchbaumer besteht im wesentlichen aus wehenden Vorhängen und einer Drehscheibe mit je nach szenischem Bedarf wechselnder Möblierung. Zum Witz und Charme der Inszenierung gehört die virtuose Choreografie der auf- und abtretenden Schauspieler in Korrespondenz mit dem Auf und Zu der Vorhänge sowie dem passenden Dreh der Scheibe. Das läuft wie am Schnürchen, ohne dass es zu Gewusel käme oder Leerlauf. Toll gemacht! Verpasst dem Abend die avisierte Leichtigkeit, den heiteren Schwung. Dazu passende Musikeinspieler sowie, nicht ganz selbstverständlich, eine stringente, spritzige Textfassung von Stefan Zimmermann nach der französischen Vorlage von Philippe de Chauveron und Guy Laurent.

 

Freilich, die Show liefert lustvoll flotte Konfliktlösungen wie am Fließband – oder eben fix vertagte, verdrängte Konflikte als flott momentane Lösung. Doch das komödiantische Können aller Beteiligten lässt sich aufdrängende Einwände leicht wegstecken. Und letztlich darf man getrost in sich gehen um zu schauen, was da klammheimlich in jedem von uns schwelt oder auch ungezügelt wütet an Ausgrenzungsfantasien, wahnhaften Aggressionen, an Phobien und Vorurteilen aller Arten. Der stürmische Beifall im proppenvollen Haus mag anzeigen: Wir haben verstanden. Später am heimischen Herd kann sich ja ein jeder ganz für sich selbstkritisch befragen.

 

(wieder 21., 22. Januar; 19.-26. Februar)

 

***

3. Hausbesuch: Herr Heiner nickt und nippt. - Nachtrag zum Gedenken an den 90. Geburtstag Heiner Müllers

Heiner Müller. Sachse - Werbepostkarte vom Staatsschauspiel Dresden (2004) © Staatsschauspiel Dresden
Heiner Müller. Sachse - Werbepostkarte vom Staatsschauspiel Dresden (2004) © Staatsschauspiel Dresden

Er paffte in aller Seelenruhe, nippte hin und wieder und ließ in höflichst, aber nicht eben eilfertigst weggesteckter Gelangweiltheit meinen Besuch Anfang 1994 samt meiner Fragerei – dienstlich ‑ über sich ergehen; die teure Zigarre als mein Mitbringsel. Das war in Müllers Fabriketage in einem Kreuzberger Hinterhof, seinem so warmen wie unübersichtlichen, neuen riesigen West-Großwohnnest, das er getauscht hatte gegen das alte, etwas weniger riesige ziemlich weit oben im Ost-Hochhaus. Schon dort war es keine Schwierigkeit, ihm fragend zu kommen. Besucher gaben sich die Klinke in die Hand; er residierte und empfing. (Wann eigentlich schrieb der Mann?). Er blieb gelassen, gelangweilt, zuvorkommend. Er paffte, nippte, nickte.

 

Dieses nüchterne Nicken! Es konnte alles bedeuten zwischen heftigstem Ja und Nein. Müller war sanfter Sanguiniker und eisige Sphinx. Unheimlich verführerisch. „Heiner le diable“ lästerte Müllers früher Nebenbuhler Peter Hacks.

 

Man sitzt am Tapeziertisch voller Bücher in der schlicht renovierten Etage einer ehemaligen Fabrik; zwei Jahre vor seinem Krebstod 1995 mit knapp 67. Er wusste: „Kommt Zeit, kommt Tod.“ Glaubte aber, wie von einer Indianerin geweissagt, an acht Jahrzehnte Daseinsfrist. Die brauche er, Tochter Anna heranwachsen zu sehen. Verzücktes spätes Vaterglück. Was sei all sein „Wortschlamm“ angesichts eines neuen Lebens…

 

Er paffte, nippte, zückte einen frischen Text. „In den Augen meines Kindes las ich / Der zuviel gesehen hat / die Frage/ Ob die Welt die Mühe des Lebens noch aufwiegt / … Soll ich ihm ein langes Leben wünschen / Oder aus Liebe einen frühen Tod“. – Alles Wortschlamm. Nichts ist Wortschlamm. In diesem Widerspruch wurzelt Kunst.

 

Die gebe keine Antwort, die beschwöre Konflikte, sagte der Dichter. Der Vater meinte: Der letzte Ton sei Liebe, die letzte Antwort Musik – „Tristan“, Anna. Herr Heiner nickt und nippt.

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