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Kulturvolk Blog Nr. 271

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

22. Oktober 2018

HEUTE: 1. „Der Buddha vom Alexanderplatz“ ‑ Theater im Palais / 2. „Peep Show“ – Varieté Chamäleon / 3. Tipp: Wladimir Kaminer auf Kreuzfahrt, in der Semperoper und im TV / 4. Gedenken an den großen Regisseur Dimiter Gotscheff

1. TiP: - Der weltberühmte Kommissar vom Alex

Szene aus „Der Buddha vom Alexanderplatz“  © Theater im Palais / Ildiko Bognar
Szene aus „Der Buddha vom Alexanderplatz“ © Theater im Palais / Ildiko Bognar

Was für eine Mischung: Unangepasst. Individualistisch, aber mit sozialem Gewissen. Sensibel. Hartnäckig und doch flexibel. Arbeitstier. Genussmensch, süchtig nach Kaffee, Kuchen, Zigarre, Burgunder. Eloquent und amüsant. Genialer Denker mit sensiblem Bauchgefühl – das war Ernst August Ferdinand Gennat.

 

Dieser aufgrund seiner Leibesfülle „der volle Ernst“ genannte Herr (1880-1939) galt seinerzeit als berühmtester Kriminalkommissar Berlins. Schon zu Lebzeiten war er eine Legende, ja ein Star der Golden Twenties und als Koryphäe seines Fachs international gefragt; nicht nur von Kollegen.

 

Mit Chaplin vertilgte er Kuchenpakete. Brecht interessierte sich für ihn, als er mit seinen 22 Lenzen aus Bayern nach Berlin kam („da ist die Kälte, friss sie“). Mark Twain beschrieb ihn „mittenmang vom Chicago Europas“, womit die Verbrechermetropole an der Spree gemeint war. Und Fritz Lang ließ sich beraten für seinen Film „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“; der Kommissar im Krimi-Klassiker ist ein Gennat-Porträt.

 

Was für ein Kerl, dieser Zentner schwere Mann (Volksmund: „Buddha vom Alexanderplatz“), allein lebend mit Papagei und Haushälterin (er heiratete vor seinem Tod nicht sie, sondern eine Kollegin). Aufgewachsen in Plötzensee, quasi im Knast. Der Direktor war sein Vater. Jurastudium abgebrochen „w.g.Ufl.“ (wegen Unfleißes). Doch Plutarch las er im Original. Gennats unglaubliche Beobachtungsgabe, sein phänomenales Gedächtnis und Einfühlungsvermögen, seine unermüdliche Akribie auch in scheinbar hoffnungslosen Fällen brachten E.A.F.G. alsbald an die Polizei-Spitze der Reichshauptstadt. Er, absolut integer, doch der Gesinnung nach eher Sozi (natürlich ohne Parteibuch), diente ihr unter drei Politsystemen. Er blieb dauerhaft unverzichtbar. Nicht nur aufgrund seiner sensationellen Aufklärungsquote (94 Prozent), sondern wegen seiner damals geradezu revolutionären, daraufhin klassisch gewordenen kriminaltechnischen Innovationen: Tatort- und Spurensicherung (Fingerabdrücke!), Dokumentation und Archivarbeit (Verbrecherkartei!), Fotografie, Labortechnik.

 

Gennat galt als genialer Techniker, als Methodiker und Psychologe; der Begriff „Profiling“ kam später. Sein „Mordauto“ machte weltweit Schlagzeilen: Ein motormäßig eigens aufgemotzter Mercedes mit Labor, Büro, Fotoausrüstung, Proviantkiste. Von Gennat stammt auch das Konzept für den Bau des kaiserlichen Polizeigefängnisses am Alexanderplatz (reichlich fünf Millionen Reichsmark). Seinen Mitarbeitern schärfte er ein: „Wer mir einen Beschuldigten anfasst, fliegt! Unsere Waffen sind Gehirn und Nerven.“ Sein Prinzip war, der „Kundschaft“ auf Augenhöhe gegenüber zu treten, dabei stets die sozialen Hintergründe im Auge halten. „Na, nu erzähl‘n Se mal, Ihnen wird viel wohler sein, wenn Se sich ausgesprochen haben“, so begannen meist seine Verhöre. Doch der Regierungsrat konnte auch fein bürgerlich – oder ungemütlich, messerscharf.

 

Was für ein Charakter, was für eine starke Figur in einer dramatischen Stadt in dramatischen Zeiten – dem Umbruch zur Weltmetropole. Es wäre der Stoff für großes Theater. Immerhin gelang dem rührigen, originellen kleinen Theater im Palais unter dem Titel Der Buddha vom Alexanderplatz eine treffliche Skizze dieser sagenhaften Weltberühmtheit, die – kein Wunder bei Gennats Lebensführung – früh verstarb; mit 59 Jahren. Zur Beerdigung kamen mehr als 2000 Leute. Sein Grabstein kann noch heute besichtigt werden. Auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf.

 

Das Script der Hausautorin (und Spielleiterin) Barbara Abend fußt auf zwei Sachbüchern von Regina Stückert aus dem Elsengoldverlag („Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion“ und „Verbrechen in Berlin. 32 historische Kriminalfälle 1890-1960“).

 

In knapp zwei Stunden illustrieren Gabriele Streichhahn und Carl Martin Spengler lesend und spielend das Biografische im Zusammenhang mit den politisch-sozialen Hintergründen (Abend: „Jede Zeit hat ihre Kriminalfälle und alle Kriminalfälle haben ihre Zeit.“). Selbstverständlich wird die so musterhafte Ermittlungsarbeit Gennats an einigen spektakulären Mordfällen demonstriert. Den originellen, aufschlussreichen, dabei höchst unterhaltsamen Abend gliedert die Pianistin Ute Falkenau mit Stücken von George Gershwin und Eric Satie.

(wieder am 26. Oktober 19.30, 4. November 16 Uhr, 17. November 19.30)

 

Übrigens, mit seinen historischen Berlin-Krimis hat Volker Kutscher die Epoche und Gennat selbst wiederaufleben lassen; unter dem Titel „Babylon Berlin“ wurde gerade eine erste aufwändige Verfilmung in Starbesetzung abgeschlossen.

2. Chamäleon: - Hübsche Peepserei

Foto © Andy Phillipson
Foto © Andy Phillipson

Es sei unumwunden zugegeben: Wir lieben dieses Varieté in den Hackeschen Höfen wie überhaupt dieses alt-neuberliner Stadtquartier. Trotz des touristischen Massenauftriebs, sein Charme ist offensichtlich unverwüstlich. Wie das nun schon seit Jahren etablierte Chamäleon, eine feste Größe im schier unübersichtlichen, aber überwiegend auch hochkarätigen Hauptstadt-Unterhaltungsbetrieb. Bravo!

 

Die Spezialität dieses lauschig-nostalgischen Etablissements (mit bester gastronomischer Versorgung) ist ‑ nicht ganz neu in der Stadt ‑ der neue Zirkus, diese stark ins theatralische greifende Form bescherte uns viele stimmungsvolle, oftmals äußerst deftig und witzig und originell inszenierte Abende mit meist ganz jungen artistischen Großtalenten.

 

Die jüngste Premiere war eine Show mit dem irreführenden Titel Circa's Peepshow. Natürlich, hier kann es hier um keine öde Rotlichtshow gehen. Was man erwartete, war ein charmantes, komödiantisch-groteskes, verrückt unverschämtes Spiel um diese Art voyeuristischen Sexbetriebs. Doch die australische Truppe Circa‘s Contemporary Circus gab Konventionelles von der Stange: nämlich wohlfeile, freilich meisterlich beherrschte, doch brav inszenierte Folge von Akrobatik-Nummern. Technisch perfekt, doch ohne das gewisse wichtige Darüberhinaus (anders gesagt: das Künstlerische, das Theatralische, Schauspielerische). Und das ist, halten zu Gnaden, jenseits der vom Haus selbst gesetzten und ansonsten hier gängigen Normen bezüglich Originalität, Raffinement, Witz und überrumpelnder Frechheit.

 

Die Chose wird noch viele Monate laufen; da wäre es geboten, nachzubessern – mit zusätzlichen künstlerischen Engagements. Wie wäre es, einen der in der großen Stadt nach Aufträgen hungernden und durchaus (noch) bezahlbaren Jungregisseure mit Händchen fürs Entertainment zu holen, um den diesmal allzu artig auftretenden Laden zünftig aufzumischen. Es lohnte sich!

 

(Täglich außer Montag. Samstag und Sonntag 18 Uhr, ansonsten 20 Uhr. Samstag auch 21.30 Uhr)

3. Tipp: - Kaminer auf Kreuzfahrt und in der Oper

Wladimir Kaminer © Michael Ihle
Wladimir Kaminer © Michael Ihle

Mit 51 Jahren schon 27 Bücher, der Wahlberliner aus Moskau ist wahrlich ein sehr fleißiger Mann mit satirisch gespitzter, höchst erfolgreicher Feder. „Russendisko“ ist sein Bestseller, der auch verfilmt und im Theater gespielt wurde. Nun, da Wladimir dem Disco-Alter entwachsen, hat er’s mit Kreuzfahrten; natürlich auf Einladung (abends Lesung im Club, tags im Pool). Klar, dass man da allerhand erleben kann auf einer Atlantik-Überquerung, in den „schwimmenden Oasen des Glücks mit Bar, Tanzabenden und dem reibungslosen Übergang von einer Mahlzeit in die nächste. Tagsüber ging das Schiff vor Anker, doch die Kreuzfahrer hatten keine Lust, an Land zu gehen, blieben lieber am Tresen, ihrer Insel der Glückseligen…“

 

Das Komische, Anrührende, aber auch Groteske einer solchen Reise übers Meer beschreibt Wladimir Kaminer mit entwaffnender Direktheit und feinem Humor in seinem Buch „Die Kreuzfahrer“ (Wunderraum Verlag). Daraus liest er, ein erprobt amüsanter Vortragskünstler am 26. Oktober, 20 Uhr, im Tipi am Kanzleramt (bei uns gibt es Tickets).

 

Auch zu Lande ist der Schriftsteller und Journalist emsig auf Entdeckungstour. Beispielsweise hinter den Kulissen der Sächsischen Staatsoper Dresden mit einem Drehteam des Senders 3sat. Die spannende Reportage „Kaminer Inside: Semperoper“ über den Arbeitsbetrieb eines großen, bedeutenden Opernhauses wurde erstmals am 20. Oktober auf 3sat gesendet. Wer es verpasst hat: Die Mediathek aufrufen!

4. Wann wird der Mensch ein Mensch? - Gedenken an Dimiter Gotscheff zum fünften Todestag

Regisseur Dimiter Gotscheff bei den Proben zu
Regisseur Dimiter Gotscheff bei den Proben zu "Zement" im März 2013 © Thomas Dashuber

Er hat geraucht wie ein Schlot; hat gerne und auch viel getrunken und hatte bis zuletzt die schöne lange Mähne aus der Jugendzeit, die damals noch als Zeichen der Aufmüpfigkeit galt, die das erhobene Haupt wie eine Fahne umweht. Von dieser längst grau gewordenen Fahne wollte er niemals lassen, der hochaufgeschossene Dimiter Gotscheff aus Bulgarien mit dem rauen Bass in den Stimmbändern, der in der DDR Tiermedizin studieren wollte und statt in Ostberlin als braver Student zur Humboldt-Uni zu gehen sich als Theaterfreak ans Deutsche Theater und an die Volksbühne verdingte. Um dort (neben einem bisschen Theaterwissenschaftsstudium) Theater zu lernen in der Praxis bei Hans Marquardt und Benno Besson. – Aus dem Regieassistenten wurde ein auch international gefeierter Regisseur so bildmächtiger wie minimalistischer, präzis spielerischer und doch nie verspielter Inszenierungen, die genau auf den Text hören und im kontrapunktischen Ineinander von Sprache und Spiel ihre enorme Wirkungsmacht entfalten.

 

Der Startplatz seines Ruhms aber war (er arbeitete an fast allen großen deutschsprachigen Häusern) in seiner Heimat – einstmals am Dramatischen Theater in Sofia. Mit Heiner Müllers „Philoktet“, den Gotscheff als bulgarische Erstaufführung inszenierte und der dafür vom Autor, der ihn alsbald immens förderte, einen Dankesbrief bekam, der zum einen in die Literaturgeschichte einging (und den der Adressat nach eigenem Bekunden vor lauter poetischer Abstraktion gar nicht begriff). Und der zum anderen eine Lebensbruderschaft mit Müller begründete. Dafür mag dieser eine Müller-Satz stehen: „Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.“ Man darf sagen, Gotscheff hat sich als Totengräber ins Leben gegraben. Der Quell seines ins Gegenwärtige so stark strahlenden Künstlertums waren die Werke, das Ach und Weh, die Schmerzen und das Glück der Altvorderen. Er las Shakespeare, Tschechow, Aischylos oder eben Müller mit dem verblüffenden Fazit: „Das ist nicht vergangen, das fängt erst an.“

 

„Der Regisseur ist ein Penner, der von den Almosen der Schauspieler lebt“, meinte stöhnend Heiner Müller. Gotscheff antwortete lax: „Da musst du aber sehr gut betteln können.“ Gotscheff muss das gekonnt haben; immerhin galt er als erklärter Liebeling so ziemlich all der vielen Schauspieler, mit denen er zu tun hatte. Freilich, seine Herzenslieblinge waren die Lebensgefährtin Almut Zilcher, dazu sein Landsmann Samuel Finzi, Wolfram Koch und Margit Bendokat.

 

Vehement herzzerreißend und zugleich großartig sinnfällig Gotscheffs „Iwanow“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne mit Finzi als immerfort selbstmitleidend am Bart zupfender Tschechow-Schwerenöter wider Willen, an dem sich alle kaputt reiben. Dieser unvergessliche Abend beschwor einen derart traurigen und doch vertrackt komischen Reigen an Kraftlosigkeit leidender Menschen, die unentwegt durch mal lichte, mal dichte Nebelschwaden über die ansonsten leere Bühne geistern, wie wir ihn so zuvor noch nie erlebt. Dazu der süß raunende Sound des Endstation-Evergreen „It’s time to say goodbye“, ohne dass es je banal wird. Ohne dass die aufs Wesentliche komprimierte Story, also die Erdung ans Konkrete aufgehoben wird und sich alles verliert in wohlfeiler Tschechow-Träumerei. Der Regisseur als großer schmerzlicher Menschenkenner.

 

Drei andere signifikante Gotscheff-Momente in zwei epochalen Arbeiten entstanden an Berlins Deutschem Theater: Einmal die Zilcher ganz überwältigend bitterkomisch in ihrem unvergesslichen Solo als die alles Existierende, die Menschen, sonderlich die Männer und sich selbst beschimpfende crazy Lady Hasbeen in Ben Jonsons sarkastischer Satire „Volpone“. Zum anderen die Bedokat als alles Ungemach der Welt in atemberauender Coolness herausschleudernde Ein-Frau-Chor in den „Persern“ des Aischylos (noch immer im Spielplan). Oder, auch in den „Persern“, der alles Irdische erfassende Vergeblichkeitskampf und -krampf von Finzi & Koch als Vertreter feindlicher Lager mit der ewig im Kreis (auf der Drehbühne) delirierenden Riesenmauer, die unsere Daseinswelt so schmerzlich teilt und doch wiederum im innersten zusammenhält. Gleichsam das Kunst- und Lebensmotto der Verführungs-Viererbande: Der Kampf auf verlorenem Posten findet statt.

 

Gotscheffs Beginn war Heiner Müller, sein Finale war es ebenfalls: Die Regie von „Zement“, die Müllersche Adaption des russischen Revolutionsromans von Fjodor Gladkow am Münchner Residenztheater. Es geht um den Terror des Neuen, aber auch um die große Vergeblichkeit im Ringen ums bessere Menschsein – dazu wird dem alten Sowjet-Russen noch Älteres, Archaisches beigestellt: nämlich die Mythen um Sisyphos, Herakles, Prometheus. Umspielend die Müllersche Frage: „Wie lange wird es dauern, bis der Mensch ein Mensch wird?“ ‑ Gotscheff: „Was soll da eine Antwort, ich bin wie Heiner auch, aufgewachsen mit dieser urchristlichen oder auch urkommunistischen Idee, die Welt neu zu gestalten. Viele sind daran kaputt gegangen. Ich versuche zaghaft eine Annäherung. Und es genügt ja vielleicht schon, die besagte, berühmt-berüchtigte Frage öffentlich zu stellen. Wie im Spiel.“ Am 20. Oktober vor fünf Jahren starb Gotscheff in Berlin; er wurde 70 Jahre alt.

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