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Kulturvolk Blog Nr. 254

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. April 2018

HEUTE: 1. „Mamma Macchiato” – Stammzellformation im Admiralspalast / 2. „Null“ – Schaubühne

1. Admiralspalast - Showdown mit ein paar Leichen, viel Musik und Witz

 © Hendrik Weber
© Hendrik Weber

Kampfansage: „Das Musical, das der Prenzlauer Berg verdient!“ – Titel: „Mamma Macchiato“. Das klingt harmlos, ist aber, gemäß der Ansage, herrlich böse. Dementsprechend sticht die satirische Schärfe der Veranstaltung: Sie dreht sich um ein exotisch grundiertes urbanes Biotop: Nämlich die bigott-bio-biedermeierliche Bionade-Boheme, die einerseits ihren moderaten Antikapitalismus pflegt, anderseits hart zuschlägt, wenn’s um Geld geht. Es geht um Leute, die ostentativ Liberalismus predigen, solange es dem Ego nicht weh tut. Eine bissige Bemerkung von Frank Castorf könnte gut auf sie zutreffen: „Hauptsache, man darf nicht ‚Neger‘ sagen, damit ist die Welt in Berlin-Mitte in Ordnung.“ Im übrigen versteht sich‘s von selbst, dass das Prenzlauer-Berg-Mitte-Musical kräftig abgekocht ist mit espresso-schwarzem Humor, aashaft verfeinert mit ordentlich Zynismus. – Ist in der Branche so nicht eben üblich.

 

Aber typisch für „Deutschlands innovativste Off-Musical-Company“, so die mit keiner Silbe übertreibende Eigenwerbung dieses Berliner Kleinkollektivs, das unter dem ziemlich kryptischen Label „Stammzellformation“ firmiert und längst diverse Preise kassierte, doch noch immer einigermaßen unbekannt ist auf dem nicht allzu üppig bestückten Markt des bissig im Kammerspielformat rockenden Entertainments.

 

Den Kern des Unternehmens bildet ein Duo: Zum einen der begnadete Pianist und noch sehr viel mehr begnadete Texter Tom van Hasselt (diesbezüglich nichts Geringeres als ein Original-Genie!), zum anderen die ballettös ihre ranken Glieder schwingende Kehlkopfröhre Nini Stadlmann (noch dazu ein taffes Schauspieltalent). Unvergesslich deren musikalisches Kabarett-Spiel mit der berüchtigten, Genies fressenden Salonschlange Alma Mahler-Werfel (s. Blog 173, Mai 2016). Jetzt, im jüngsten Programm „Mamma Macchiato“ – die giftige Verspottung jeglicher Kaffeehaus-Gemütlichkeit ‑, haben sich die beiden eine Dritte hinzu gezogen: Franziska Kuropka, auch so eine Kanone im Spielen, Singen, Tanzen.

 

Also drei Hochleistungsgeschosse, die präzise, aber mit Wumms zielen auf einerseits groteske, anderseits nur allzu menschliche Zustände beispielsweise in Berlin oder sonstwo im gut-kleinbürgerlichen Deutschland. Versteht sich, dass da Sachen wie Ausstattung, Bühnenbild, Kostüme kaum gebraucht werden und diverse Instrumente selbst bedient werden. Starke Texte für pointierte Situationen genügen den drei tollen Stammzellen, die sich zuvor sehr genau umgeschaut haben in diversen Sphären des wirklichen Lebens, die sie geschickt verzerren bis zur Kenntlichmachung.

 

Um was es dabei geht? Ach, um ein erlesenes Typenpanorama (Anlass für viele Rollen im fliegenden Wechsel), das durch einen Kaffee-Laden am Kollwitzplatz schwirrt, den ein Geschwisterpärchen mit steinreichem Familienhintergrund ausbeuterisch bezüglich einer studentischen Hilfskraft so lala betreibt, bis man die super-bio Milchversorgung für den Latte mit einem wirklich unheimlich aberwitzigen Coup ‑ der hier nicht verraten wird ‑ umstellt auf super-super-bio, was ein Wahnsinnserfolg wird. Daneben gibt es noch ein bisschen irren Beziehungsknatsch und – wer hätte das erwartet im Musical! – einen blutigen Showdown mit einigen Leichen. Zum Totlachen. Beste Unterhaltung!

(wieder 6., 7., 8. Mai 20 Uhr im Studio Admiralspalast, Seiteneingang links, 3. Stock)

2. Schaubühne - Bungee-Zappeln unter Roboters Riesenklaue

 © Thomas Aurin
© Thomas Aurin

Eine Null ist nichts und alles, A und O, Anfang und Ende. Herbert Fritsch nennt sein neues Schaubühnen-Opus „Null“. – Nach seinen anfangs genialisch wirkenden schauspielerischen Dressuren und Pantomimen mit Gesumm und Gebrumm „Murmel, Murmel“ und „der die mann“, nach dem schon nicht mehr so genialischem „Pfusch“ (noch an der Volksbühne) und nach „Zeppelin“ (seinem Einsteiger an der Schaubühne) könnte man meinen, „Null“ bedeute ein Endepunkt dieserart virtuos phantastischen Abstraktionstheaters. Jetzt also das letzte Kreisen von Herberts Endlosschleife, für die das Rund der Null ja gleichfalls steht.

 

So gesehen ist es nur logisch, dass – obgleich angezeigt als Neuproduktion/Uraufführung ‑ nichts wirklich Neues kommt bei dieser womöglich letzten Drehung um die eigene Achse namens Fritsch, sondern das Alte, vielfach Kopierte. Freilich, der koboldische Fantast ist noch immer gewieft genug, mit den erprobten, rein artistischen Mitteln allerhand beredt zu erzählen von der Menschen Glückseligkeit und Elendsschmerz. Aber, ach, man kennt‘s doch schon (zu genüge). Ging’s doch schon immer bei Fritsch um die Null – verstanden als Sinnbild für den wahnhaften, nimmermüden Menschen-Kreislauf zwischen Anfangen und Scheitern, fein durchweht von Melancholie und durchsetzt mit grotesken Krachern.

 

Diesen schön-schlimmen, traurig-komischen Tatbestand umtänzelt eine prima Schar gelenkiger Artisten-Schauspieler zwei längliche Stunden auf Art des Nouveau Cirque. Noch einmal also die Vergeblichkeitsspielchen als Nummernrevue: Etwa die Nummer, einen Gesellschaftstanz zustande zu bringen, an einer Kletterstange zurecht zu kommen (das Rauf und Runter) oder an Bungee-Seilen wippend zu balancieren und sich kollektiv zu ordnen zwischen Schweben und Bodenhaftung. Oder die Nummer Chorsingen; oder ein Blasorchester zu intonieren mit viel Luft oder ohne Atem, aber mit Fingerfertigkeit. Lauter hübsche, auch komische, auch absurde Aufbrüche ins Unzulängliche. In ihren Wiederholungen freilich ermüdend. Auch wenn da – Hurra, lustige Novität! – ein Gabelstapler über die Bühne tuckert und mit oder ohne den neun Akteuren (wieder!) Rauf und Runter spielt. Oder eben Leerlauf.

 

Wir haben begriffen: Nichts klappt, was da hinreißend eingeübt wurde. Das Unperfekte als perfekte Trainingsleistung. Zwischendurch darf man sich so seine Gedanken machen oder auch nicht. Wenn ja, dann womöglich bis hin zum Faustischen mit Goethe im Hinterkopf: Wer immer trebend sich bemüht…? Hier allerdings mit pessimistischem Ergebnis: Vergebliche Liebesmüh; was nicht zu kritisieren wäre. Oder optimistisch gesehen: Immer Scheitern, immer besser Scheitern ‑ bestenfalls.

 

Zum Finale nach Auf und Ab, Hin und Her, nach Dauer-Chaos und sekundenkurzer Ordnung doch noch eine echt neue Idee von Fritsch als Bühnenbildner, der er auch ist: Da hängt im Bühnenhimmel wie ein Damoklesschwert eine riesige, bedrohlich bewegliche Roboterhand (bravo Technik!). Man meint, sie möchte sich in jedem Moment die Menschen/Schauspieler krallen. Am Ende thront sie da oben allein wie ein Sieger im ewigen Gemenschel, derweil alle Betroffenen sich dünne machen. Triumph computergestützter Technik übers notorisch gestörte Menschen-Zusammenspiel. Auch wieder ein Anfang; auch wieder ohne Aussicht auf Happy End.

 

Könnte man aber auch ganz anders deuten; nämlich als Fingerzeig auf den gegenwärtig zwiespältigen Theaterbetrieb: Einerseits: Saftige Menschenseelen mit dramatischen Konflikten im Rückzug auf den Brettern. Anderseits: Performative, installative, diskursive, eben technisch dominierte Demonstrationen von Titeln, Themen, Typen auf dem Vormarsch. Zur Vorherrschaft? Angesichts derartiger Befürchtung drängt sich die Frage auf, wann Herbert Fritsch gegensteuert und mit einem traditionellen Text-und Psycho-Drama endlich seine künstlerische Neuerfindung startet.

(wieder 27., 28., 29. April)