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Kulturvolk Blog Nr. 248

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

12. März 2018

HEUTE: 1. „Enigma” – Theater im Palais / 2. „Die Vögel“ – Berliner Kriminaltheater / 3. Zum Tod von Wilfried Minks

1. Theater im Palais: Macho und Softie in krachender Redeschlacht - – der großartige Autor Eric-Emmanuel Schmitt. Bitte mehr von ihm auf Berlins Bühnen!

 © Theater im Palais
© Theater im Palais

Bevor noch ein Wort fällt krachen Schüsse durch den Raum. Der weltberühmte Großschriftsteller Abel Znorko (Nobelpreisträger) ballert nämlich gern ein bisschen durch die ansonsten menschenleere Gegend. Hierhin, ins idyllische Häuschen auf entlegenem Eiland im Meer, hat sich der bekennende Egozentriker zurückgezogen. Um von dort aus – als berühmt misanthropischer Einsamkeitsfanatiker ‑ seine literarischen Erfolgsprodukte in die begierig darauf wartende Welt zu werfen. Zuletzt war‘s der berückende Liebesbriefroman „Die uneingestandene Liebe“. Ein Ereignis, das den Journalisten Erik Larsen von der Lokalpostille auf dem Festland antrieb, den Autor aufzusuchen. Um zu ergründen, ob überhaupt und inwieweit persönliche Erlebnisse das ruhmreiche Werk beeinflusst haben. Wider Erwarten gewährt Znorko die Audienz; freilich nicht ohne ziemlich zynische Begrüßung, indem er dicht am Kopf vorbei hinterrücks auf Larsen schießt. „Gut getroffen oder schlecht?“, fragt der arrogante Egomane grinsend den entsetzten Besucher.

Damit ist klar: Das wird kein leichtes Interview. Der Knall ist vielmehr Startschuss für ein rhetorisches Duell. Auslöser ist Larsens Frage nach der Person, die hinter den Initialen „H.M.“ steckt, der Znorko sein neues Opus widmete. Etwa eine heimliche Angebetete? Der Autor behauptet, Liebe sei nichts für ihn – Sex so oft wie möglich, ja; Liebe niemals. Doch der Zeitungsmann lässt nicht locker. Es kommt zu großen Krächen, Larsen jedoch bohrt unermüdlich weiter. Bis es heraus ist: H.M. steht für Helene Metternach, für eine Beziehung Znorkos aus sehr früher Zeit mit anschließender Brieffreundschaft, die sich fortsetzt bis in die Gegenwart. Allmählich kommen immer neue, immer unglaublichere Fakten ans Licht. Tatsachen, die beide Männer betreffen, sie schwer belasten und schließlich den eitel hochmütigen Romancier aus dem verkrampften Gleichgewicht schleudern.

Was für ein Wortgefecht! Was für ein blitzgescheites, philosophisch grundiertes (die Kunst und die Wirklichkeit), psychologisch explosives, obendrein extrem verrätseltes Kammerspiel zwischen zwei völlig gegensätzlichen Naturen: Der eisig-genialische, Literat und großspurig welterfahrene Machtmensch, der Gefühle einzig im Literarischen zulässt, daneben der zartbesaitete, hingebungsvolle, zu praktischer Mitmenschlichkeit, ja zur Aufopferung bereite „kleine“ provinzielle Gazetten-Schreiberling.

 

Mir bleibt rätselhaft, warum der zu den erfolgreichsten französischen Dramatikern zählende Eric-Emmanuel Schmitt (57, u.a. „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“) hierzulande eher zaghaft gespielt wird. Immerhin gilt er der weltberühmten Jasmina Reza als gleichrangig; liefert wie Madame Jasmina grandiose Parade-Auftritte für Schauspieler.

Schmitt, studierter Pianist und Philosoph, verknüpft auf dem Parkett des Boulevardtheaters (bei uns ein Problem?) geradezu genialisch kriminalistische Spannungsbögen voller verwirrender Wendungen vornehmlich bezüglich der Frage, inwieweit unser Dasein vom Schicksal oder von unseren Entscheidungen bestimmt ist.

Auch dafür steht beispielhaft sein Bravourstück „Variations Énigmatiques“, 1996 in Paris uraufgeführt, in Deutschland erstmals ein Jahr später im Hamburger Thalia-Theater heraus gekommen. Jetzt hat es Herbert Olschok mit Axel Werner (Znorko) und Jens-Uwe Bogadke (Larsen) im exquisiten Theater im Palais unter dem Titel „Rätselhafte Variationen – Enigma“ (deutsch von Annette und Paul Bäcker) inszeniert.

„Enigma“ taufte die deutsche Wehrmacht ihre Verschlüsselungsmaschine zur geheimen Nachrichtenübermittlung über Funk im Zweiten Weltkrieg, die schließlich in Schwerstarbeit decodiert wurde von den Engländern; namentlich vom Mathematik-Genie Alan Turing mittels dem von ihm entwickelten Rechner, den er – Wortschöpfung! ‑ Computer nannte.

Die Musikstücke, die so genannten 14 „Enigma-Variationen“, komponierte der englische Komponist Edward Elgar anno 1898, Ein in g-moll anhebendes, melancholisch sanftes, himmlisch verträumtes Orchesterwerk; für Kenner von allerhöchstem Raffinessement. Das hatte der hochmusikalische Schmitt im Hinterkopf als besonderen Kontrast zu seinen „Rätselhaften Variationen“.

Spitzt sich doch das Duell der beiden so extrem gegensätzlichen Herren mit ihren entsprechenden Lebensläufen in aufregenden Wechselbädern der Gefühle Szene für Szene höchst hart und höchst dramatisch zu in gespenstisch sich aufladender Atmosphäre auf der von Gewittern und Meereswellen umtosten Einsamkeitsinsel. Spannend bis zuletzt.

(wieder am 19. März, 19.30 Uhr)

2. Berliner Kriminaltheater: - Wenn der Tod vom Himmel stürzt

 © Herbert Schulze
© Herbert Schulze

Wer auf ausgehackte Menschenaugen oder auf Schwärme schwarzer Vögel aus ist, die gierig Jagd machen auf in Todesangst kreischende Passanten, der ist hier sozusagen im falschen Film. Wolfgang Rumps Inszenierung des Horror-Klassikers „Die Vögel“ von Conor McPherson, der wiederum auf einer Erzählung von Daphne du Maurier fußt, dies Adaption für eine Kammerspielbühne will und kann es auch gar nicht aufnehmen mit Alfred Hitchcocks weltberühmter Verfilmung von 1963, die nur so strotzt vor sensationellen Spezialeffekten – die Trainer des so extrem aggressiv erscheinenden Geflügels hatten eine Hauptrolle in diesem Hitchcock; die Computer-Animation wurde erst 15 Jahre später erfunden.

 

Hier im Krimitheater konzentriert man sich genregemäß auf die literarische Vorlage. Aufs dramatische Kammerspiel dreier Menschen, die mit knapper Not dem infernalisch wütenden Federvieh entkommen, das längst schon die Einwohner ganzer Landstriche tot gehackt hat. Da sind zum einen Diane (Susanne May) und Nat (Jean Maesér), die vor dem fliegenden Inferno flohen und sich in ein verlassenes, abgelegenes Ferienhäuschen an des Meeres Küste  gerettet haben – der Strom ist bereits ausgefallen, Wasser und Lebensmittel werden zunehmend knapp. Das Transistor-Radio (Batterie-Betrieb) vermeldet fortlaufende tierische Vernichtung, die auffallend präzise in Wellen einher kommt, dem Auf und Ab der Gezeiten entsprechend. Bei Flut droht neuer Angriff!

 

Einem solchen entging gerade noch Julia (Claudia Rippe); auch sie konnte sich ins besagte Sommerhaus retten: Klassisch folgenreiche Konstellation: Ein Mann zwischen zwei Frauen; je katastrophaler es draußen zugeht, desto nervöser die Situation im Terzett – das Misstrauen untereinander wächst, der Überlebenskampf spitzt sich zu, denn für alle, das ist absehbar, reicht das Essen nicht mehr lange. Als dann noch ein geheimnisumwölkter Zweit-Mann auftaucht (Mario Krüger) mit Knarre im Anschlag, da kocht die Angst über, liquidiert zu werden – ein Esser weniger wäre nicht schlecht… Denn jeder, der bislang überlebt hat, ist in seiner Panik hemmungslos zu allem fähig. Zivilisatorische Grundsätze spielen keine Rolle mehr. Den Bühnen-Horror entfachen letztlich nicht die Tiere, er wuchert vielmehr zwischen extrem gestressten Menschen – Psycho pur. Wobei noch die Frage nach dem Warum diskutiert wird; nämlich die Theorie, dass die Todesvögel so eine Art Racheengel der geschundenen Kreaturen beispielsweise aus der Massentierhaltung („geschredderte Küken, Schweine mit abgeschnittenen Ringelschwänzen, Tiertransporte über hunderte von Kilometern ohne Wasser und ausreichend Luft oder das Foltern der Tiere vor ihrer Schlachtung, um die Fleischqualität durch Stressmaximierung zu erhöhen“). – Der Tod ist durch die Vögel allgegenwärtig, soll man meinen. Moralische Minimalstandards, wir wissen es, werden im Notfall rasch obsolet, was vom Ensemble packend demonstriert wird (Wer wohl wird zuerst dran glauben müssen?). Das anschwellende Grauen wird untermalt durch ein unheilvolles Dröhnen in den Zäsuren zwischen den Szenen. Es sind die berühmt-düsteren Glockenschläge aus dem „Parsifal“-Orchester von Richard Wagner.

(wieder 15., 22., 29. März; 5., 13., 14., 21., 30. April)

3. Gedenken: „Die Sensation der 60er Jahre!“ - Zum Tod von Wilfried Minks

Als Wilfried Minks mit 30 Jahren antrat als Bühnenbildner, war, wie es hieß, die Bühne „entrümpelt“; was man avantgardistisch meinte. Es war im Nachkriegsdeutschland der (opportunistische) Versuch, an die vom NS-System abgebrochne Moderne anzuknüpfen. Dafür prototypisch: Wieland Wagners Neubayreuth. ‑ Minks im Rückblick: Überhaupt sei Kunst damals „konstruiert und beliebig“ oder „tiefgründig und behutsam“ gewesen. „Kühles Kunstgewerbe oder monumentaler Kitsch“ – frei von jeglicher Deckung mit „gesellschaftlicher Realität“.

 

Als Minks, 1950 mit den Eltern aus Böhmen kommend und nach Studien in Leipzig sowie West-Berlin unter Kurt Hübner ins Erstengagement am Ulmer Stadttheater trat und dort auf Regisseur Peter Zadek traf, da betrieb er Entrümplung für Fortgeschrittene; löste den Naturalismus ab, den Kulissenillusionismus. Die etwas später in Bremen, mit Hübner und Zadek, Epoche machen sollte: Minks entleerte die Bühne vom verblasen dekorativ Modernistischen und setzte in seine total neutralisierten Räume knallig zeichenhafte, frappierend gegenwärtige Gebilde. Claus Peymann: „Er war die Sensation der 1960er Jahre.“ ‑ Dem Publikum (und allen Kollegen dazu) schlugen die sich unauslöschlich ins Gehirn und Gemüt: Minks hängte in seinen Bühnen-Leerraum für Wedekinds Tragödie „Frühlings Erwachen“ das Riesenfoto eines aktuellen Mädchenporträts (die Schauspielerin Rita Tushingham). Für Shakespeares „Maß für Maß“ säumte er die leere Bühne mit einem disco-gemäß grell blitzenden Glühbirnenrahmen. In Schillers „Räuber“ war der Rundhorizont eine Comic-Sequenz des Popartisten Roy Lichtenstein.

 

Drei suggestive Bilder für Regisseur Zadek, frei von „kleinbürgerlicher Bevormundung, schulmeisterlicher Aufklärung, moralischem Appell“, so Minks. Drei Ikonen der Theatergeschichte, die fortan und bis heute alle Bühnenbildnerei inspirieren. Optisch überwältigend waren sie nicht nur gut erkennbare, sondern zugleich geheimnisvoll zeitgenössische Sinnbilder für die Intentionen des Autors. Obendrein setzten sie bis dato ungeahnte Fantasien für Regisseur und Schauspieler frei. Und provozierten eine neue Freiheit im Umgang mit dem Text (als „Material“). Minks war ein, wenn nicht der Geburtshelfer dessen, was heute Regisseurs-Theater geheißen wird.

 

Minks, der stämmige, der leutselige böhmische Bauernsohn sei, so Zadek, Praktiker und Phantast, „eine ganz einmalige Figur im deutschen Theater!“ Er machte ganz groß Schule und hatte trotzdem keinen Stil ‑ als Szenarist wie auch als Regisseur an allen großen deutschsprachigen Theatern. Dazu sagt er: „Ich muss immer differenzierter, muss vor allem unauffälliger arbeiten.“ Und mit Blick auf eitle Youngster: Unser „Daseinsprinzip Vielfalt“ brauche keine „erobernde Ästhetik“, keine „egomanische Moral“.

 

Wie erst kürzlich bekannt wurde, ist Wilfried Minks bereits vor vier Wochen, am 13. Februar, kurz vor seinem 88. Geburtstag in Berlin gestorben.

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