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Kulturvolk Blog Nr. 245

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. Februar 2018

HEUTE: 1. „Fontane 200“ – Schaubühne / 2. „Tigermilch“ – Junges DT im Deutschen Theater (Box) / 3. „Betrunken am Highway“ – P14 an der Volksbühne (Studio 3. Stock) / 4. Vor der Premiere: „Salome“-Werkeinführung – Deutsche Staatsoper / Apollo-Saal

1. Schaubühne: - Überdosis Mumpitz

 © Thomas Aurin
© Thomas Aurin

Ohne ein gewisses Quantum Mumpitz laufe das Leben nicht. So in etwa geht ein Fontane-Zitat. Das Entscheidende dabei: Die Dosierung! – Nun kam, aus Anlass des 200. Geburtstags von Theodor Fontane am 30. Dezember 2019, der literarisch-musikalische Kabarettist Rainald Grebe dem ehrenvollen Auftrag nach, an der Schaubühne Berlin unter dem Motto „fontane.200“ ein unterhaltsames Abendprogramm zu ertüfteln.

 

Also las unser Tüftler, wie er sagt, erst mal zwanzig Romane, tausend Seiten Ehebriefe, fünftausend Seiten Kriegsberichte. Denn der prominente Märker aus Neuruppin war als Journalist zugleich auch Kriegsreporter und Auslandskorrespondent (in England); ansonsten freilich war er Dichter, Theaterkritiker, Berliner. Das fleißige Studium der bestens zugänglichen, reichen Quellen habe ihn, Grebe, aber auch nicht schlauer gemacht. Na so was. Er wisse nicht, was er mit dem Jubiläum anfangen soll. Unglaublich.

 

Doch da muss ihn in letzter Sekunde ein Geistesblitz getroffen haben: Die Sache mit dem Mumpitz! Nur, mit dem Quantum kam er nicht klar. Also eiert, juxt und blödelt sich Grebes Fontanerei ausladend dahin durch zwei harmlos neckische Stunden. Als Mumpitz total. Theo hätte einer solchen Bespaßung den Vogel gezeigt und sich in der Pause verpfiffen. Es gab aber keine Pause. Also Durchhalten: Beim Gesülze eines fiktiven Antenne-Brandenburg-Moderators, bei einer Slapstick-Hatz durch die Plots einiger Romane, bei der Ruderbootfahrt Grebes in Taucherausrüstung übern Stechlin, beim Sandkasten-Nachspiel des Deutsch-Dänischen Kriegs, bei der Demonstration einer Virtual-Reality-Brille, die Fontane-Literatur nun „ganz neu“ erleben lässt. Alles Mumpitz. Bis aufs Zitat eines anrührenden Briefdialogs der Eheleute F. und ein paar expressionstische Filmszenen aus „Effi Briest“.

 

Das wirklich Erbauliche an diesen „Einblicken in die Vorbereitungen des Jubiläums des 200. Geburtstags Theodor Fontanes im Jahr 2019“ (der Untertitel so gespreizt wie die ganze Veranstaltung), das sind die paar Liedchen mit den musikalischen Schauspielern zwischendurch, ohne Beteiligung des Regisseurs, sowie die langen spätherbstlichen Kamerafahrten durchs Idyll leerer märkischer Alleen. – Schade. Die Intendanz hätte den Auftrag an Patrick Wengenroth geben sollen, den frechen Schaubühnen-Meister vieler geistreicher Personality-Shows über historische Prominenzen.

 

So aber wäre ich am besten zu Hause auf dem Sofa geblieben, um dort in einem Fontane-Roman zu schmökern („Einer besser als der andere“, so Thomas Mann). ‑ Apropos Thomas Mann: Anstatt das feine kleine Ensemble herum kaspern zu lassen, hätte es sich hinsetzen und mit verteilten Rollen aus Manns Essay „Der alte Fontane“ lesen können. In den 20 Druckseiten von anno 1910 steckt hellsichtig der ganze Theodor, nicht nur der alte. Und obendrein dessen Epoche und Wirkung bis heute. Äußerst unterhaltsam – gewürzt mit Mumpitz, dem gewissen Quantum.

(wieder 19.-21. Februar)

2. Junges Deutsches Theater/Box: Alk, Sex und Angst

 © Arno Declair
© Arno Declair

Zwei beste Freundinnen, Nini und die aus dem Irak stammende Jameelah, fangen an, das verlockende, komische, womöglich gefährliche Leben draußen vor der Schule und dem Mädchenzimmer zu inspizieren. Mit 14 geht’s also los, rücksichtslos und wie berauscht: Knutschen mit den Jungs, verknallt sein, eifersüchtig werden, mal was klauen bei Pimkie. Und auf dem Schulklo wird heimlich im Müllermilchbecher der MMM-Superdrink „Tigermilch“ gemixt: Mariacron, Maracujasaft, Milch. Dann das Projekt „Entjungferung“: Aufbrezeln und an die „Kurfürsten“, auf den Strich an der Kurfürstenstraße. Ganz schön kess, die beiden Mädels. Bis sie nachts auf einem Kinderspielplatz einen Ehrenmord beobachten, da ist die Party nicht mehr lustig.

 

„Tigermilch“ von Stefanie de Velasco (eigentlich Kirsten Kumschlies, Dr. phil.) ist einer der erfolgreichsten Jugendromane der letzten Jahre; andernorts längst dramatisiert, jetzt auch und endlich im Jungen DT in der Box. Dieses ständig sich neu zusammen setzende Ensemble besteht aus beträchtlich begabten Teenagern, alles Laien, noch Schüler. Wichtig fürs Mitmachen ist Spiellust und Disziplin (es wird ausgiebig und hart geprobt); doch schimmert da bei einigen schon echt schauspielerisches Talent durch. Wer hier mitmacht, wird ein Leben lang von zehren und früh schon begreifen, wie das geht mit der Kunst. Tolle Sache, die von der Intendanz mit beträchtlichem Aufwand bereits über Jahre verfolgt wird. Höchst löblich!

 

„Tigermilch“ nimmt kein Blatt vorm Mund, erzählt drastisch vom altersüblichen Hochmut und seinem schnellen Zusammenbruch, von frühem Leid, frühem Auf- und Ausbruch – ins Schöne wie Schreckliche; wahre und falsche Freundschaft, Herdenzwang, Alkohol, Ängste, Sex, Schuld; Probleme mit Migrationshintergründen, brutaler Egoismus bin hin zur Gewalt – sehr genau und überhaupt nicht zimperlich nimmt die Autorin eine maßlose, frühreife Großstadtjugend aufs Korn. Ihre Exzesse, ihre Schmerzen wie anrührende Schönheit; dazu ihr soziales, teils politisches Umfeld – die guten, aber auch höchst bedenklichen Prägungen durch die Welt der Erwachsenen.

 

Regisseur Wojtek Klemm mit seiner Begabung für fantastisch-pointierte Verfremdungen, aber auch fürs spannende, bildstarke Erzählen, ist genau richtig für diese begeisternde Produktion (er hat ja Erfahrungen mit dem Jungen DT!), die nie ins womöglich peinlich Naturalistische kippt. Die sich aber auch nicht verläuft im unverständlichen Labyrinth der V-Effekte; doch zugegeben: Mitunter organisiert Klemm die Fülle der Szenen etwas unübersichtlich. Man muss schnell sein im Hirn, alles sofort zu kapieren.

 

Die vielköpfige Truppe ist immerzu in Bewegung, Musik dröhnt und summt (Albrecht Ziepert), Rhythmus, immerzu in Fahrt, mal ins Richtige, mal ins Falsche, dauernd Spurwechsel (Choreografie: Efrat Stemper). Doch ein jeder hat schöne Soli. Alles bleibt spielerisch – und hält beklemmend inne, wenn es seelisch Ernst wird, wenn jugendfrohe Exzesse ins Bedrohliche schnellen. Der abrupte Wechsel der Stimmungen verlangt immerhin einiges von allen diesen intelligenten, bei allem Einstudierten spielwütigen Beinahe-schon-Künstlern. Toll! Deshalb sollen sie alle an dieser Stelle genannt sein: Philipp Djokic, Emil von Schönfels, Rio Reisener, Laura Roberta Kuhr, Prince Mohammed Arsalan Chughtai, Anik Todtenhaupt. Man schaut ihnen beglückt und erstaunt zu. Besonders freilich den beiden Protagonisten: Antonie Lawrenz als Nini und Saron Degineh. Zugegeben, Antonie ist offensichtlich einen Zacken differenzierter, ambivalenter, dadurch auch intensiver; die Schauspielschule wäre eine Option; wenn sie nicht doch lieber nach einem „ordentlichen“ Beruf greifen will.

 

Empfehlenswert gerade auch für womöglich (noch) nicht theaterbegeisterte (junge) Leute; sie sollten ruhig ihre Eltern und Lehrer mitschleppen.

(24. Februar; nur noch Restkarten. 8., 22. März, 8. April)

3. Volksbühne: - Suff an der Autobahn

 © Jakob Fliedner
© Jakob Fliedner

Auch die Volksbühne hat mit P14 ein jugendliches Laientheater, nicht erst seit Chris Dercon, jetzt aber genau das Gegenteil von dem im DT. Zur Einstimmung die kess in die Welt trompetete Ansage: „Wir sind P14, ein anarchistischer Experimentierraum, der uns dazu inspiriert, junge Theatermacher zu werden. Dazu verfolgen wir zwei Regeln: Die erste lautet: Man darf sich irren und darf scheitern! Die zweite: Mach Theater, so, wie du es verstehst.“

 

Das mit dem Irren und Scheitern gilt auch fürs Junge DT – wie überhaupt für jedes (kreative) Tun. Der Haken steckt in Regel zwei. Da soll also jeder nach Lust, Laune und Verstand einfach drauflos machen. Bestenfalls könnten das Übungen im Improvisieren sein. Schlimmstenfalls wird das ein zielloses durcheinander Haspeln und Hetzen. Wie jetzt in dem einstündigen Chaos im Volksbühnenstudio „3. Stock“ mit dem pässlichen Titel „Betrunken am Highway“. Ursprünglich war angekündigt eine Adaption von Frank Wedekinds genialem Mysterium in fünf Akten „Franziska, spektakulär uraufgeführt anno 1912 in den Münchner Kammerspielen. Da geht es vordergründig um eine sagen wir mal Geschlechtsumwandlung, in der die süße Franziska zu einem virilen Kerl Franz wird, um sich mal so richtig auszutoben im Großstadtsumpf, was sich (damals) für Mädchen nicht schickte. Hintergründig umspielt Wedekind das faustische Motiv und grüßt von fern den verehrten Goethe.

 

Doch schon bei den ersten Proben muss wohl selbst der Regisseurin Charlotte Brandhorst (jaja, eine solche gibt es) geschwant haben, dass es mit dem jugendlichen Laienverstand so weit nicht her ist. Also kleistert man ein paar Wedekindsche Sätze und sogar ein paar Verse von Goethe zusammen und spinnt ein bisschen was dazu. Doch was ist das? Immer noch ziemlich Unverständliches. Äußerst vage Orientierung geben höchstens Stichworte wie Marihuana, Popkorn, Alkohol, Ichsehnsucht, Auto, Pferde, Western, Wüste, Amerika, Bullen, Liebe, Kaktus. Doch den gern geschrienen oder gemurmelten Schnipselhaufen Text scheinen selbst die Akteure nicht zu kapieren, dürfen sich aber an hübscher Popmusik erfreuen. Kleine Belohnung für die sechs Mädels und drei Jungs, die beim Auswendiglernen eine gehörige Fleißarbeit hinter sich haben. Doch was sie mit sich und ihrem Papperlapapp auf der Bühne anfangen sollen, mit diesem Suff an der Autobahn im irgendwo, das bleibt ihnen offensichtlich rätselhaft. Ein Minimum an Anleitung und Auseinandersetzung wäre hilfreich gewesen. Doch auf dem Programmzettel dieses ‑ darf man sagen? ‑ anarchistischen Performance-Experiments bleibt bloß ein schnöder Hinweis: „Sand in der Sahara, Asche auf meinem Arm, Flaute in der Flasche. Ich glaub, ich hab was Böses gemacht. Zum zweiten Mal lasse ich mich auf das Spiel nicht ein und wir fliehen.“ – Gute Idee: ein Wechsel ans DT.

(wieder 21. Februar)

4. Staatsoper/Apollo-Saal: - „Ich will den Kopf des Jochanaan!“

Vor der Uraufführung von „Salome“ anno 1905 an der Sächsischen Hofoper zu Dresden gab es ziemlichen Knatsch vor allem mit der Hauptstarstellerin, die sich sehr genierte, den abgeschlagenen Kopf des Propheten Jochanaan auch nur andeutungsweise zu küssen. Tja, heikle Sache. Zudem geht es auch noch um den Wunsch nach Missbrauch einer Minderjährigen durch ihren Stiefvater – und über das extrem Psychologische hinaus geht es um handfest Politisches. Letzteres dürfte damals in Dresden eine eher unterbelichtete Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Richard Strauss hatte mit seinem so flirrenden wie wuchtigen Einakter seinen sensationellen Durchbruch als Superstar im kompositorischen Großbetrieb. Neutönerisches goss er mit höchster Raffinesse in betörend Eingängiges – und umgekehrt. Dabei komponierte er einfach (einfach heißt: kmpliziert kunstvoll!) drauf los auf den starken, sinnlich-erotischen, philosophisch hintergründigen Text der Novelle von Oscar Wilde.

 

Es ist eine Lovestory diametraler Typen (der heilige Prophet, die sündige Minderjährige). Ist ein Emanzipationsfanal, eine Episode drakonischer Despotie, ein Diskurs über sozialen Fortschritt und revolutionären Umsturz. „Salome“ also vielstimmig. Hans Neuenfels, ein Altmeister provokativ-avancierten Regietheaters, wird sich bei seiner Neuinszenierung des musikalisch höchste Ansprüche stellenden Strauss-Stücks allerhand einfallen lassen. In welche der vielen möglichen Richtungen seine Neuinszenierung zielt, davon wird der große, auch gern umstrittene Regiestar in einer Staatsopern-Matinee hoffentlich einiges verraten – zusammen mit dem Regie-Team (Bühne: Reinhard von der Thannen).

 

Moderator dieses vermutlich spannenden Gesprächs mit dem Publikum im Apollo-Saal (Eintritt frei!) ist Neuenfels-Dramaturg Henry Arnold; den Kulturvolk-Mitgliedern vielleicht bekannt als gelegentlicher Diskutant im Kulturvolk-Fernseh-Theatertalk auf Alex-TV. Neuenfels freilich kennt jeder. Schöne Gelegenheit, ihn auch mal live zu erleben. Nicht verpassen!

(Einführungs-Matinee am Sonntag, 25. Februar, 11 Uhr, im Apollo-Saal Staatsoper Unter den Linden, Eintritt frei. „Salome“-Vorstellungen am 4. März (Premiere), dann am 8., 10., 14., 17. März)