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Kulturvolk Blog Nr. 244

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

12. Februar 2018

HEUTE: 1. „Glaube, Liebe, Hoffnung“ – Maxim-Gorki-Theater / 2. „Die Anfängerin“ – Kinofilm / 3. Jubel: Drei Jahrzehnte böser Jux, hippe Tollerei, höherer Blödsinn und neue Kunst am Mehringdamm – Berliner Kabarett Anstalt

1.Maxim-Gorki-Theater: - Ballade vom armen Menschenkind Elisabeth

 © Ute Langkafel maifoto
© Ute Langkafel maifoto

Da steht eine weit draußen in der Kälte, ohne Arbeit, ohne Geld. „Aber man möchte doch nicht immer so weiter“, sagt sie. Und zupft sich hübsch zurecht, wirft den Kopf in den Nacken und will endlich tapfer das Leben packen. Will eine Arbeit, wenigstens ein bisschen Geld, womöglich gar ein kleines Glück. Das ist doch von einer schönen, klugen, aufrichtigen jungen Frau nicht zu viel verlangt vom Leben. Selbst jetzt nicht, in den schweren Zeiten Anfang der 1930er Jahre, wo in Deutschland die Rezession wütet.

 

Irrtum. Alles geht schief bei Elisabeth. Alle Anstrengungen, ihr Dasein in den Griff zu kriegen, enden im Unglück: Zufälliges Pech, dumme Umstände, boshafte, gleichgültige Mitmenschen, kaltherzige Bürokratie, eine lächerliche Ordnungswidrigkeit und gnadenlose Strafjustiz umstellen sie wie ein dunkles Dickicht. Aus dem sie nicht herausfindet. In dem sie –ohne Glaube, ohne Liebe und Hoffnung ‑ erstickt.

 

Ödon von Horváth schrieb „Glaube, Liebe, Hoffnung“ 1932 in Berlin, die für 1933 geplante Uraufführung am Deutschen Theater verhinderten die Nazis. Denn das drastisch plakative Vergeblichkeitsstück protokolliert die erbarmungslose Zerstörung eines Menschen durch grausam-groteske Zwänge des gesellschaftlichen Lebens, des Sozialen, des Moralischen. Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, bedeuten schließlich Elisabeth nichts mehr. Sie bringt sich um.

 

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das Jammertal dieser Frau stichwortartig nüchtern mit dem Gorki-Star Sesede Terziyan, das sie, hin und her gerissen von Erschrecken und Erstaunen, in einer leisen Art Stärke, einer feinen Art Würde – „den Kopf nicht hängen lassen“ – bis zum schlimmen Ende geradezu durchschreitet. Umstellt von den bigotten Chargen, die Elisabeth eiskalt in die Ausweglosigkeit treiben.

 

Doch da gibt es den wunderbaren Sänger mit dem Akkordeon Daniel Kahns (einem, wie es heißt, Post-Punk-Klezmer-Musiker), der Elisabeths Leidensweg behutsam begleitet. Er trägt und prägt den Sound des Abends, der aus Horváths „Kleinem Totentanz“ eine wehe Ballade macht; gallig sarkastisch, schwer melancholisch auch. Und ergreifend pathetisch. Großartig die beiden. Auch, wenn sie gelegentlich bittersüß zusammen träumen von der Liebe oder zumindest von einer Hoffnung im furchterregend-schwarz-expressionistisch aufgetürmten Häuser-Labyrinth eines George-Grosz-Berlins (Bühne: Sylvia Rieger).

 

Tief beeindruckend, diese so distanziert angefasste, aber gerade dadurch so packende Horváth-Übertragung in einen poetischen Gesang. Die Musik letztlich als ein Tröstliches – trotzallem. Also doch – Liebe; trotzallem. Der zärtliche, an bildhaft-erzählerischer Fantasie beglückend reiche Regisseur Hakan Savas Mican mit seinem feinen Sinn fürs von Gefühligkeit befreite Anrührende betört – diesmal so schön wie erschauernd: Mit seiner Ballade vom armen Menschenkind.

(wieder 13. Februar; 21., 29. März)

2. Kino-Tipp - Rauf mit dem Stinkefinger für die herrische Frau Mama

"Die Anfängerin" © Flare Film / Kolja Raschke

Dr. med. Annebärbel Buschhaus: Mit Hund, neuerdings ohne Mann einsam, aber mit dominanter Frau Mutter, auch Ärztin. Und eben diese damenhaft ausladende, furios austeilende Herrin ist das Urproblem ihrer so scharfzüngigen wie verbitterten Tochter, Ende fünfzig. Eine ausgewachsene Frustbeule, die man hinterrücks als Doktor Fürchterlich beschimpft. ‑ Diagnose: Fehlende Mutterliebe von Kind an.

 

Den Freudschen Hintergrund dieses psychotischen Mutter-Tochter-Dramas lässt der Film „Die Anfängerin“ allerdings bloß ahnen. Vielmehr geht es der Regisseurin Alexandra Sell um das nicht eben einfache Sich-Selbst-Herausziehen dieser mit eisiger Schnippigkeit und strammer Haltung gepanzerten Annebärbel aus ihrem tiefen schwarzen Loch. Also um eine erstaunlich späte Abnabelung. Dabei spielt das Eis(kunst)laufen eine wesentliche Rolle.

 

Nämlich wollte Bärbelchen – gut ein Halbjahrhundert ist‘s her ‑ auf Schlittschuhen in den Ruhm schlittern. Daraus wurde nix, und es bleibt offen, wen das mehr enttäuschte: Übermutter Irene oder ihr Opfer. Doch jetzt will Annebärbel es endlich, endlich wissen und aller Welt zeigen; also vornehmlich der Mama. Dabei hagelt es Rückschläge, doch keimen beim Training im Seniorenkollektiv nach anfänglichem Zickenkrieg auch schüchterne Freundschaften. Und nicht zuletzt spielt die Erinnerung an Berlins dreifache Eiskunstlauf-Europameisterin und Berlins einzige Weltmeisterin Christine Errath (1974, SC Dynamo DDR-Berlin) eine gewisse Rolle, die schließlich semiprivat als Ex-Eiskönigin und Schauspielerin Christine Stüber-Errath (61) einen berückenden Auftritt hat in der Übungshalle (Wedding, Müllerstraße) vom Verein der taffen älteren Herrschaften des Eiskunstlaufs, was für ein sympathisches Quantum Ostalgie sorgt. Ansonsten prägt den Film (der auch ein bisschen ein Berlin-Film ist) der robuste Clinch zwischen den beiden Ärztinnen. Dieses Mutter-Tochter-Elend wird mit Lakonie, Kühle, scharfen Untertönen und feiner Komik präzis inszeniert. Eine einfach-komplizierte Geschichte, die als Kleines Fernsehspiel konzipiert war, aber auch auf großer Leinewand fesselt.

 

Das liegt zuerst an den beiden Hauptdarstellerinnen Ulrike Krumbiegel (Tochter) und Annekathrin Bürger (Mutter). Allein schon dieses Casting ist die Sensation; freilich sind auch all die vielen Nebenrollen brillant besetzt. Doch das Duell Krumbiegel-Bürger trägt alles. Schon ihre Gesichter ganz oft großformatig (Kamera: Kolja Raschke) sprechen für sich. Allein durch Minenspiel werden komplexe Regungen beim Zusammenprall der beiden packend lesbar. Atemberaubend, wie in Sekundenkrämpfen beider Not mit dem Alleinsein aufblitzt. Wie sie quasi nebenher Enttäuschungen, Verletzungen lax überspielen. Wie sie aufgetakelte Souveränität demonstrieren, seelische Defizite überschminken oder Erinnerungen an weit zurückliegende Glücksmomente kurz aufschimmern lassen. Schauspielkunst vom Feinsten. Zwei schöne Frauen mit faszinierendem Antlitz. Zwei tolle Stars, der eine knapp sechzig, der andere gerade achtzig, zeigen, was sie können. Wow!

3. BKA: Happy Birthday! - Ein ganzes Jahr lang Feierlaune

"Ades Zabel: Die Wilden Weiber von Neukölln" © Joern Hartmann

Die Treppen bis hoch hinauf unters Dach: Nur Leistungssportler keuchen da nicht. Der Fahrstuhl so groß wie maximal sechs Bierkästen: Draußen in der Warteschlange im Parterre kann man sich da schon näher kommen; drin in der Kiste ist Tuchfühlung unvermeidlich. Oben im Dachstuhl vom historischen Geschäftshaus direkt am U-Bahnhof Mehringdamm die große Überraschung für jeden Erstbesucher: Die zauberhafte, gar nicht plüschige Atmosphäre des intimen Theatersaals mit Brettelbühne; daneben die für Kleinstauftritte ideale Foyer-Bar (beispielsweise Dragqueen Jurassica Parka darf sich hier regelmäßig austoben in ihrem Nachttalk „Paillette geht immer“). Hier im BKA, seit nunmehr drei Jahrzehnten einem Domizil fürs besonders (auch queer) schillernde Kleinkunst-Entertainment. Anfangs ein Geheimtipp; inzwischen längst allererste Adresse, obendrein ein Magnet für Touristen, die auf Großstadt-Entertainment mit saftig Berliner Einschlag erpicht sind.

 

1988 eröffnete das Kabarett „Die Enterbten“ unter Leitung von Jürgen Müller und Rainer Rubbert, zwei Ehemalige der einstigen legendären Kabaretttruppe CaDeWe (Cabaret des Westens), den inzwischen aufwändig grundsanierten Spaß-Laden „ganz oben“, Mehringdamm 34, eben die Berliner Kabarett Anstalt.

 

Ihr besonderes Anliegen: Weit offen zu sein für neue, erwählt originelle Talente. Die Liste der Entdeckungen ist lang: Désirée Nick, Pigor, Sissi Perlinger, Tim Fischer, Cora Frost und Gert Thumser, Melitta Sundström, Popette Betancor oder Gayle Tufts, die Opernparodisten „Jordan & Arias“, Georgette Dee. Helge Schneider, Josef Hader, Michael Altmann & Heinz Werner Kraehkamp begannen hier ihre Karrieren oder hatten (erste) Gastspiel-Auftritte. Die Präsentation der ersten CD von „Rosenstolz“ gab’s 1991 im BKA. Was für eine ViP-Liste!

 

Zum BKA-Portfolio gehört die Reihe „Unerhörte Musik“, dienstags die Konzerte mit Solisten und Ensembles zeitgenössischer Kammermusik; seit zwei Jahren gibt’s die BKA-CLUB-Konzerte, da treffen sich Neue Musik, DJs, Improvisationen und experimentelle Kunstprojekte. Auch das tolle Format für Improvisationen „Theatersport“ sowie das beliebte englischsprachige Schülertheater „Platypus“ haben hier eine Heimstatt.

 

Seit Herbst 2012 steht das BKA unter der Doppel-Direktion von Rubbert und Compagnon Uwe Berger, die das Programm erweiterten: Etwas weg vom reinen Glitzershowbetrieb, mit dem sie inzwischen formal, also inhaltlich und musikalisch, geschickt experimentieren auch jenseits vom gängigen Sentiment und urberlinischen Trallala. Dafür hin zum auch politisch griffigen Kabarett. Man muss sagen: Das BKA bleibt Brettl und Show-Tempelchen, öffnete sich jedoch zugleich facettenreich einem avancierten Großstadt-Publikum, mauserte sich für eine avantgardistisch angehauchte Moderne. Ziemliches Kunststück, diese Balance zwischen Neuerertum und die Massen begeisterndem Rausch eines (meist) exquisiten Tingeltangels.

 

Berger & Rubbert (51/60) haben jetzt aus gegebenem Anlass eine attraktive Jubiläumskiste „BKA 30“ gepackt (gibt’s auch im Jubiläumsabo). Sie ist prall gefüllt mit Auftritten und Programmen von nicht nur diesem Institut dankbar verbundenen, mehr oder weniger kultigen Alt- und Neustars. Ausgepackt wird ein ganzes Jahr lang bis hinein in den November.

 

Am Schluss meiner Jubiläumstrompete fürs BKA muss selbstredend das große Tamtam für die mittlerweile die Bude mitprägende (früher Teufelsberg-) Company von Ades Zabel. Sie erfand das politisch herrlich unkorrekte, scharf ironische, maßlos trashige, dabei hinreißend volkstümliche Neuköllnical. Was da die total durch geknallten, dabei ach so lebensechten Extrem-Figuren Edith Schröder (Ades Zabel), die Kneipenwirtin Jutta Hartmann (Bob Schneider) sowie die Boutique-Besitzerin Biggy van Blond in der Nogatstraße alles erleben, das geht höchstens auf eine Berliner Kuhhaut – oder aber eigentlich gar nicht. Und genau das macht diese fantastisch entrückte wie frech geerdete Comedy-Show mit Musik, Video, Tanz, Karaoke, Mummenschanz so kultig. Weshalb sie kürzlich auch die Jubiläumsgala beglückte – dazu hagelte es Glückwünsche aus aller Welt. Auch von der Kulturstaatsministerin, dem Regierenden Bürgermeister, dem Kultursenator. Na also, auch das „ganz oben“. – Gratulation, dazu ein Kübel rosa Rosen, ein Pflanztopp voll Lorbeer!