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Kulturvolk Blog Nr. 24

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

25. Februar 2013

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Diesmal nur eine Notiz. Dafür ziemlich ausführlich: Über den für viele vielleicht noch eher unbekannten Theaterbetrieb in Senftenberg, aus gegebenem Anlass. Denn: Für die freien Volksbühnler gibt’s neuerdings Theater-Angebote tief im Brandenburgischen, also nicht nur Chorin oder Potsdam, sondern auch Cottbus, Schwedt, Senftenberg. Und zum Anfüttern als wirklich tolles Osterei: Ein Bus-Ausflug in die landschaftlich so überaus reizvolle Uckermark nach Schwedt zu einem vor Überraschungen strotzenden ostersamstäglichen Spaziergang mit Dr. Faust nebst Dr. Goethe. Das dicke Klassik-Ei „Faust auf Faust“ zeigt beide Teile der Weimarer-Großdichtung als plebejisch angespitztes, geistreiches Happening von mittags bis abends. Wer nicht mitfährt, darf sich ärgern und bekommt es mit Mephisto.

Und jetzt der Blick auf Senftenberg.

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Was andernorts ein Portikus tut, macht in Senftenberg ein Bagger. Hier bildet der Schaufelradkranz eines solchen bergbautechnischen Ungetüms das Logo des städtischen Theaters: der Neuen Bühne Senftenberg. Und was da Nicht-Ortsansässige verblüffen mag, erweist sich als starkes Zeichen. Es steht für den jahrzehntelang betriebenen Braunkohlentagebau im südöstlichen Zipfel Brandenburgs sowie für die vom sowjetischen Besatzungsregime vor nunmehr fast 70 Jahren initiierte Gründung der heute „Neuen Bühne“ als „Theater der Bergarbeiter“. Obendrein verweist das Bild mit den rotierenden scharfen Greifern auf das künstlerische Prinzip des Hauses: nämlich nach der Masse zu fassen, durchaus auch tiefschürfend, um sich in ihr fest zu verankern. Also Volkstheater. Im Senftenberger Rathaus sowie in denen im Umland, die tapfer mitfinanzieren, wird Volkstheater etwas amtsdeutsch umschrieben mit „unser qualifizierter Kultur- und Bildungsstandort“.

Der zeigt demnächst Rainer Werner Fassbinders groteskes Beziehungsdrama „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, das mit seinem etwas exotischen Milieu womöglich manche befremdet, aber doch wiederum sonderlich unterhält und schließlich viel zu Denken gibt für jedermann über die (auch extreme) Art, miteinander umzugehen   privat, intim, familiär, beruflich.

Dann der tief berührende Roman des österreichischen Autors Arno Geiger „Der alte König in seinem Exil“, der die Alzheimererkrankung seines Vaters schildert, für die Bühne als szenische Lesung aufbereitet vom Regie-Altmeister Christoph Schroth. Oder – noch eine Romanadaption – „Ein Kind unserer Zeit“ von Ödon von Horváth, handelnd von einem Burschen, der in den Krieg zieht und schließlich schwer verändert heimkehrt. Regie führt die junge, vielversprechende Nicole Oder vom Berlin-Neuköllner Heimathafen; nach „Oder-Bruch“ in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater nun die zweite gewinnbringende Kooperation mit (ziemlich gegensätzlichen) Partnern des hauptstädtischen Theaters.

 

Bei allem, was ich in Senftenberg schon sah, etwa vor Jahren „Faust eins und zwei“ auf einen Schlag als so sinnfällige wie saftige, so freche wie zu Herzen gehende Goethe-Show jenseits jeglichen Provinzmiefs   denn hier auf dem flachen Land hat man zwar kaum Nerven für avantgardistische Luftschlösser, will aber nicht abgestellt werden in die kleinkarierte Spießerecke, bei allem spürte ich geradezu schlagend die Spielwut des hoch motivierten Ensembles mit seinen 18 Leuten.

Solche herausfordernden und Identität stiftenden Großformate wie „Faust“ gehören, in Abständen, versteht sich, zur Intendanz von Sewan Latchinian, 51, aus Leipzig stammend. „Ich habe meine Leute darauf konditioniert, ums Überleben zu kämpfen; das gibt Feuer“, sagt das glatzköpfige Energiebündel – in der Region bekannt als beliebter, wenn es sein muss auch strammer Kommunikator. Latchinian hat sich einen Namen gemacht als geschickter Manager auf kompliziertem Terrain sowie sensibel zupackender Regisseur, was sich auch überregional herumgesprochen hat. Und er gilt als verrückter Erfinder des „28-Stunden-Arbeitstages“. Wobei anzumerken ist: geschicktes Wirtschaften und vernünftiges Subventionieren hat zumindest ein gewisses Maß Gagenerhöhung ermöglicht, was beileibe nicht die Regel ist in dieser durch Idealismus inspirierten, selbstausbeuterischen Branche. – „Was macht es aus, löst man ein Stück Zucker im Senftenberger See auf“, fragt Sewan Latchinian. Und gibt gleich Antwort: „Er ist danach etwas anders als vorher.“ Mit dem Zucker meint er natürlich sein Theater.

 

Um es grundsätzlich zu sagen: Es sind immer derartige Striese-Typen, solche geerdete Fantasten (mit Stich ins Fanatische), die Mitarbeiter und Partner befeuern, um gemeinsam aber mit Fahne und Trompete vornweg ein insgeheim einst zum Abschuss freigegebenes Low-Budget-Theaterchen hoch reißen zu einem weit in die Region wirkenden Kulturzentrum (Gastspiele führen neuerdings sogar auch ins Ausland). Dafür bieten sie mit viel Fantasie und maßvoller Experimentierlust ein bis zur spektakulären Mitmach-Talente-Show massenkompatibles, sich also auch rechnendes Programm, vernetzen sich virtuos vor Ort, binden Partner und Sponsoren in den Firmen, in den Bildungs(!)- und Verwaltungseinrichtungen – bis hin zur Freien Volksbühne Berlin; dank auch ihrer hell wachen, bis in die Lausitz weit blickenden Geschäftsführerin.

Noch eine Bemerkung zum besagt berüchtigten „Sich rechnen“ der Kunst: Von Saison zu Saison wuchsen in Senftenberg Einnahmen und Zuschauerzahlen; das Amphitheater am See fürs weithin äußerst beliebte sommerliche Entertainment, einst ein rein touristisches Unternehmen, steht mittlerweile gewinnbringend unter der künstlerisch qualifizierten Fuchtel des Theaters, dessen Struktur, so der Chef, absolut zukunftsfähig sei. „Solange sich am Engagement der öffentlichen Hand nichts ändert“.

 

Die umtriebige, plebejisch frische Neue Bühne kommt also an, macht Kasse, begeistert Kulturpolitiker (die hier wissen, was sie an dessen Direktor alles haben), schafft Lobby, zeitigt ertragreiche Gastspieleinladungen und erhielt – ein Ritterschlag! – im Ranking des Fachmagazins „Theater heute“ den Titel „Theater des Jahres 2005“.

Dennoch: „Wir sagen nicht, wir haben Probleme, wir haben spannende Aufgabenstellungen“, meint der Boss. Ohne solch Positivismus wäre die alltägliche Berserkerei auch nicht zu stemmen, hier, im durch viele, klug eingesetzte Aufbau-Ost-Millionen hübsch herausgeputzten Hochschul-Städtchen am Rande der Niederlausitz. Wo trotz des inzwischen sanft boomenden Mittelstandes fast jeder Vierte ohne Arbeit ist, wo es zwar ein Theater, aber kein Kino gibt (das Theater springt ein und macht, oft unter Mitwirkung von Film-Promis, Theaterkino). Und wo jeder zweite Einwohner Rente bezieht – deshalb der Theaterseniorenclub zum Austüfteln eigener Projekte.

Immerhin, dem Theater geht’s dank seines Behauptungswillens, der drohender Verblödung, Verrohung oder Vereinzelung fantasiereich entgegenwirkt, nun nicht mehr ums Überleben. So viel Einsicht hat sich durchgesetzt bei den Finanziers Stadt, Landkreis, Land. Womit sie so manchen ihrer Kollegen in anderen Landstrichen, die alles Nicht-Förderungspflichtige niedermähen, einiges voraus haben. Die Politik der strukturschwachen Spreeprovinz, die ihre Tagebaue verloren hat, handelt nach dem Motto: Je schwerer die Zeiten, desto wichtiger Theater. Ein solcher Bedeutungszuwachs peitscht natürlich das Adrenalin der Theaterleute. Da macht Arbeit Spaß, und das merken die Leute.