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Kulturvolk Blog Nr. 235

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. Dezember 2017

HEUTE: 1. „Versetzung“ – Kammerspiele des Deutschen Theaters / 2. „Very Christmas“ – Theater am Kurfürstendamm / 3. „Gregor Gysi trifft Gabriele Krone-Schmalz“ – Deutsches Theater / 4. TV-Theatertalk / 5. Tipps für Extras: „Schachnovelle“ im Kleinen Theater am Südwestkorso und Neuer Zirkus im Chamäleon

1. Deutsches Theater-Kammerspiele: - Ein Kranker als das Opfer?

 © Arno Declair
© Arno Declair

Lehrer Ronald Rupp ist der Star seiner Schule: Mit pädagogischem Furor klärt er auf; zum Beispiel, was es bedeutet, wenn da Schüler ihre Mitschüler unter dem Schlachtruf „Du Opfer!“ mobben. Große Oper der Rhetorik. Prima. Aber zugleich doch etwas unheimlich in ihrer Vehemenz und Theatralik – man spürt den Eiferer, erahnt Übergriffiges. Gerade in der ausgestellten Souveränität und Perfektion, mit der Daniel Hoevels eine insgeheim in dieser Lehrerfigur wuchernde Unsicherheit und Nervosität wegsteckt, kann man sich bereits in der opulenten Exposition des Stücks das alsbald folgende Absturzdrama denken. Eine gängige Dramaturgie: Erst der enorme Höhenflug, dann der tiefe Fall.

Doch zunächst sind die coolen Gymnasiasten fasziniert. Sie lieben ihren Rupp. Und wenn da einer klar stellt, man sage nicht mehr „Opfer“, sondern „Du Jude!“, ist auch damit der gute Rupp nicht aus der Spur zu bringen, im Gegenteil. Seine Brandrede wird nun, thematisch erweitert, umso eindringlicher. Bravo!

So geht der Einstieg in das erste Theaterstück von Thomas Melle: „Versetzung“. Ein Auftragswerk des DT, das an Melles Großerfolg „Die Welt im Rücken“ anknüpfen soll: Ein autobiografischer Roman, in dem Melle rückhaltlos genau und poetisch kraftvoll seine eigene psychische Erkrankung beschreibt: eine bipolare Störung, die in qualvollen Schüben (Euphorie-Depression) ausbricht um zu wüten. Für die Bühne adaptiert als Solo-Stück; vor einem Jahr im Wiener Akademietheater mit Joachim Meyerhoff als künstlerisches Großereignis herausgekommen; Regie: Jan Bosse.

Daran anknüpfen konnte „Versetzung“ nicht. Melles Szenen aus Klassen- und Lehrerzimmer bleiben letztlich plakativ. Bald ist jedem klar, dieser Lehrer Superstar ist selbst ein Kranker, war vor Jahren in der geschlossenen Anstalt, was er ängstlich zu verheimlichen sucht. Vergeblich. Die Gerüchteküche brodelt. Rupps Störung kommt wieder, mischt zunehmend die ganze Schule auf. Das Kollegium reagiert panisch wie auch diverse Typen der Elternvertretung, die sich obendrein gleichfalls als psychisch krank erweisen. ‑ Nassforsch gesagt: eloquent rasendes Klapsmühlentheater breitet sich aus, bis gefährlich hin in die Nähe zur Karikatur.

Aus dem am Ende ins Hymnische, ins Shakespearesche Versmaß wuchernden Text, der im Unklaren lässt, ob nicht alles überhaupt eine Geburt aus Rupps gestresstem Wahnsinnskopf ist, daraus vermochte Regisseurin Brit Bartkowksi keine packende Menschendarstellung zu entwickeln. Aber zur Groteske taugt Melles Text gar nicht; schon eher vielleicht zum Lehrstück, zur Fallstudie. Die Regie setzte nicht demonstrativ auf distanzierte Draufsicht, sondern entfesselte Naturalismus; rutschte bisweilen gar ‑ der Sache völlig unangemessen – ins Klamottige. Deshalb immer wieder unmögliche Lacher im Publikum. Das nämlich verstand den platt, aber mit Vehemenz ausgestellten Kranken-Irrsinn als befremdliches Herumjuxen von warum auch immer durch geknallten Idioten – bestenfalls: Komikern.
(wieder 4., 14., 26. Dezember)

2. Theater am Kurfürstendamm: - Lametta an Discokugel

 © Fabian März
© Fabian März

Die First Glitzerlady vom Weihnachts-Kudamm lästert, wie es ihre Art ist, selbstironisch: „Wir sind so wenig hip, dass wir schon wieder hip sind.“ Gemeint ist „Very Christmas“, doch Gayle Tufts‘ Meinung ist ziemlich falsch. Denn ihre Christbaum-Show ist schlichtweg klassisch; egal ob man das nun hip findet oder nicht. Da kommt alles Weihnachtswichtige vor; alles aber – hohe Kunst! ‑ fein dosiert und gemischt (Regie: Angelika Howland): „Stille Nacht“ und „Jingle Bells“, „Süßer die Glocken…“ und „Santa Claus…“, Weihnachtsengel in Gold, Nikolaus in Rot, Lametta und Discokugel, Rührseliges und Komisches, Erbauliches und Tollerei, Rockiges und Schmachtfetziges.

Dazwischen immer wieder Delikatessen von Tufts‘ hoher Begabung fürs charmant pointierte Plaudern, das speziell Berlinische oder allgemein jahresendliche Befindlichkeiten aufspießt, politische Spitzen zulässt, signifikante Erfahrungen einstreut aus dem Alltag in USA and Germany sowie diverse Einblicke gibt ins Private ‑ die berühmte Denglisch-Queen aus Massachusetts hat als Ehefrau eines Bremer Bürgers sowie 26 Jahren Entertainment nicht nur in Berlin neuerdings den deutschen Pass.

Passt alles auf den stimmig mit Herz und Augenmaß dekorierten, stimmungsvollen Gabentisch. Hat Klasse, verströmt Festlichkeit, erfrischt das Gemüt, macht gute Laune. Hat aber auch zu tun mit den erlesenen Gästen: Der grandiosen Wiener Sängerin und Tänzerin Nini Stadlmann, dem englischen Tänzer, Sänger und Choreographen Carl Richardson, dem Sänger Michael Dixon aus Gayles alten New Yorker Zeiten. Und natürlich mit ihrem ständigen musikalischen Begleiter, dem tollen Komponisten und Pianisten Marian Lux (aus Bad Freienwalde), der mit zwei perfekt eingespielten Musikern für den dynamischen Sound sorgt zwischen Pop und Klassik. – Gelingt nicht oft, eine so mitreißende, besinnliche, temperamentvolle wie innige Show im Kammerspielformat. Eine very gute Christmas-Kostbarkeit. O du fröhliche…!
(Bis zum 26. Dezember. Übrigens, vom  25. bis zum 31. Dezember fackeln Gayle Tufts und Marian Lux im Kudammtheater ihr großes „Jahresendfirework“ ab – mit einem Füllhorn musikalischer Raketen.)

3. Deutsches Theater-Matinee: - James Bond sitzt nicht im Kreml

Warum Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist, seit Jahren treibt Gabriele Krone-Schmalz diese politisch hochwichtige Frage um. Immerhin kennt sich die Journalistin mit diesem Riesenreich aus, war sie doch viele Jahre lang dort als Korrespondentin fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen tätig. Für viele gilt sie in etwa so viel wie (einst) Scholl-Latour mit seinen Nahost-Kenntnissen. Bösartige Kritiker denunzieren die 68-Jährige gern als so genannte Russland- oder Putin-Versteherin. Bloß weil sie sagt, dass der Kremlherr kein Bösewicht sei wie aus einem James-Bond-Film, sondern ein „geschickt agierender Machtpolitiker“. Insbesondere unseren Politikern gibt die eloquente, wenn es sein muss sehr scharfzüngige Dame den schlichten Rat, sich mal in die Lage des anderen zu versetzen. Darüber kann man in ihrem just bei C.H. Beck erschienenen Buch „Eiszeit“ nachlesen, das seit Wochen die Sachbuch-Bestseller-Listen anführt. Man kann ihr aber auch in der Sonntags-Matinee des Deutschen Theaters: „Gregor Gysi trifft Gabriele Krone-Schmalz“ live zuhören.
(am 10. Dezember, 11 Uhr, Deutsches Theater)

4. TV-Rederei über Theater - live auf Alex-TV

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ aus dem neuen Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Henry Arnold  und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper. Kritisch betrachtet werden die Premieren „Women in Trouble“ von Susanne Kennedy (Volksbühne), „Le Prophète“ von Giacomo Meyerbeer (Deutsche Oper), „Rio Reiser. König von Deutschland“, Schauspielmusical von Heiner Kondschak (Hans-Otto-Theater Potsdam). Später auch im Netz auf YouTube.

5. Tipps für Extras: - Weltliteratur am Südwestkorso, Neuer Circus im Chamäleon

 © Joern Hartmann
© Joern Hartmann

Am 7. Dezember 1942 erschien in Buenos Aires ein Meisterwerk der deutschen Literatur: „Schachnovelle“. Der österreichische Emigrant Stefan Zweig schrieb es im Exil; es wurde sein letztes, aber auch sein bekanntestes Werk und handelt von einer honorigen Gesellschaft von Passagieren auf einem Ozeandampfer, die sich mit Schachspiel die Zeit vertreiben, wobei es zu explodierenden zwischenmenschlichen Konflikten kommt, in denen Süchte und Sehnsüchte, aber auch der Nazi-Faschismus mitspielen. Ein Politkrimi und Psychothriller, den Regisseurin Karin Bares in ihrem Kleinen Theater am Südwestkorso inszenierte; im Oktober war sensationeller weise die 100. Vorstellung. Jetzt gibt es im Gedenken an den großen Autor und das Erscheinen seines berühmten Textes just vor 75 Jahren zwei Aufführungen der „Schachnovelle“: Am 5. und 6. Dezember, jeweils um 20 Uhr.


Gelegentlich gibt es im Varieté Chamäleon, dem mittlerweile international renommierten Traditionshaus des Neuen Circus, neben dem laufenden Programm („Parade“) ein Montags-Special für exklusive Gastspiele von erlesenen Stars der Branche, die den Mix aus Slapstick, Clownerie, Akrobatik, Comedy, Pantomime und Musik pflegen und ohne lebende Tiere auskommen; Allez hop war gestern. Jetzt gastiert das Schweizer Duo „Compagnia Baccalà“ im historischen Ballsaal in den Hackeschen Höfen: Es sind Simone Fassari und Camille Pessi, die in einem minimalistischen Programm miteinander turteln, zanken, spielen – sehr komisch, ziemlich albern aber immer brillant mit Pfiff. Und leise, zärtlich frech zu Herzen gehend. Ihr Programm, leider nur eine kurze Stunde, heißt denn auch „Pss, Pss“. Ein Reigen von Anekdoten und Geschichtchen im Streichholzschachtelformat. Oder anders: Herbert Fritsch im Schnapsglas. Nur noch eine Vorstellung am 4. Dezember, 20 Uhr. – Übrigens, das Haus der Berliner Festspiele macht dem Chamäleon geflissentlich Konkurrenz und präsentiert vom 15. bis zum 18. Dezember „Tippig Point“, ein Minifestival für Neuen Circus.


Das Chamäleon präsentiert am 11. Dezember, 19 Uhr, eine große Besonderheit: nämlich die „Jubiläumsgala 20 Jahre Circus Sonnenstich“. Leitmotiv der Charity-Show (Schirmherrin: Senatorin Elke Breitenbach) ist das japanische „Wabi-Sabi“, ein Ästhetik-Konzept, das sich mit der Schönheit der Unvollkommenheit beschäftigt, denn die Artisten des Vereins „Circus Sonnenstich“ sind Menschen mit Down-Syndrom und anderen (Lern)Schwierigkeiten. Unter Leitung von Katharina Wackernagel und Rolf Müller trainieren etwa 200 Leute seit vielen Jahren in diesem so außergewöhnlich inklusiven Projekt. Es heißt, sie tun einfach Dinge, die für sie schön sind und laden das Publikum ein, die Schönheit des Unauffälligen und Unvollständigen wahrzunehmen. Neuer Circus noch einmal ganz anders ‑ oder eben überhaupt nicht.