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Kulturvolk Blog Nr. 216

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

22. Mai 2017
HEUTE: 1. Deutsches Theater – „Glückliche Tage“ / 2. Rangfoyer Deutsches Theater – „Kein Ort. Nirgends“. Christa-Wolf-Lesung mit Kathleen Morgeneyer und Alexander Khuon / 3. Kulturvolk-Club – Ruhrstraße 6 - Montagskultur-Tipp: „Der große Georg-Kreisler-Abend“

1. DT - Letztes Liedchen als kleines Trostpflaster

 © Arno Declair
© Arno Declair

Winnie, dein Name passt zu Berlin. Und auch zu Dagmar Manzel; natürlich, sie ist ja hier geboren; und so gibt sie dem unentwegt nervös an- und abschwellenden Plapperton ihrer Winnie in Samuel Becketts das Ende vom Dasein beschwörenden Monolog „Glückliche Tage“ gern auch – „alter Stil“ einen feinen Klaps kesse Göre bei. Bitte keine Sentimentalitäten, dafür kecker Sarkasmus. Tränen weggesteckt, Trauerkloß ist nicht. Dafür plätschert locker der alltägliche Redefluss, funkelt der Blick, wird wieder das Haar geschüttelt, das Hütchen gerichtet. Selbstdisziplin: „Bleib adrett, komme was da wolle.“ „Alter Stil“ eben.

 

Dabei weiß Winnie nur zu gut, was da kommt, was sich da mit grausamer Unaufhaltsamkeit an sie heran schiebt: das Ende nämlich. „Fahnenpurpur“ lacht sie, „bleiches Banner“ murmelt sie bitter beiseite. Aber noch kann sie ja den Kopf heben, senken, heben, „das immerhin“. Ansonsten klammert sie sich tapfer fest auf ihrem Stuhl am Bühnenrand vor hohen Spiegeln, viel mehr geht nicht an Beweglichkeit, am Ende wackelt nur noch der Kopf – doch das Mundwerk flattert: Und was flattert, lebt. Also ist dieser Tag ein glücklicher. „Keine Besserung, keine Verschlimmerung, keine Veränderung.“ Das ist schon viel, mehr Glück geht nicht an diesem „himmlischen Tag“. Geht längst nicht mehr. Also: Gute Laune, „alter Stil“ – und gelegentlich nach Willie gerufen, ihrem Gefährten auch im schmerzlich-finalen Glück. „Jetzt dauert‘s nicht mehr lange Winnie….“ Jörg Pose gibt ihn knurrig; der kraftlos brave Alte hat nicht mehr viel zu knurren mit blutigem Loch unterm Strohhut am Boden liegend gleich neben der offenen Tür, die Bühnenbildnerin Anne Ehrlich in die Spiegelwand schnitt.

 

Die Bühne ist kein weltallweit offener Raum mit zwei grabgleichen Erdlöchern für zwei arme Alte im Wartestand auf Tod – und womöglich Weltuntergang. Regisseur Christian Schwochow verbietet sich auch gleichnishaft platte Deutungen ins hochphilosophisch Tiefschwarze. Kein Nihilismus. Schwochow inszeniert mit leichter Hand und zart komödiantischem Einschlag ein Ehe- und Altenstück, ein Kranken- und Abschiedsstück, eine Tapferkeitshymne. Durch das immerwährendes Weh, immerwährende Tragik wie von fern (deshalb uns so teuflisch nah!!) schimmern.

 

Dementsprechend nimmt sich die Manzel die Freiheit, über ihr Unfrei-Sein (alle Menschenkinder sind es) zu lächeln (kein Jammern und Klagen – „alter Stil“!). Mit einem leisen Triumph im Mundwinkel, mit einer ebenso leisen Bitterkeit und immer mal wieder mit ungenierter Kindlichkeit. Wie schön! Selten schön.

 

„Winnie, jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Dann darfst du, dann musst du deine Augen schließen – und geschlossen halten.“ Stammelt Willie am Schluss. Was soll sie da sagen. Sie summt ihm zart schmachtend ihr walzerndes Liebeslied: „Lippen schweigen, s‘ flüstern Geigen: Hab mich lieb…“ Ach!

(„Glückliche Tage“ wieder: 1., 12. Juni. Hinweis: Dagmar Manzel und Ulrich Matthes in dem dramatischen Zweier „Gift“ von Lot Vekemans, gleichfalls unter Regie von Christian Schwochow, wieder am 9. Juni)

2. DT - „Unkenntlich bleiben wir uns“

Kathleen Morgeneyer und Alexander Khuon in „Don Carlos“  © Arno Declair
Kathleen Morgeneyer und Alexander Khuon in „Don Carlos“ © Arno Declair

„Einmal bin ich nach Winkel am Rhein gefahren und habe auf dem Friedhof das Grab der Günderrode gesucht und gefunden: Ihr Name war mir in den Essays und Briefen von Anna Seghers immer wieder aufgefallen. Sie nennt ihn unter den Namen anderer deutscher Dichter der gleichen Generation, die ‚ihre Stirnen an der gesellschaftlichen Mauer der Wirklichkeit wund rieben‘ und die zur klassischen Vollkommenheit nicht gelangen konnten“, schreibt Christa Wolf über ihr 1979 zeitgleich bei Aufbau Berlin (DDR) und Luchterhand (BRD) erschienenen, seinerzeit in beiden Deutschlands großes Aufsehen erregenden Novelle „Kein Ort. Nirgends“ .

 

Sie erzählt von einem fiktiven Treffen der Schriftstellerin Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist im Juni 1804. Es ist ein Buch über das schmerzlichste Scheitern an sich wie an der Welt – für die DDR ein unmögliches Thema; es gab schwere Anfechtungen gegenüber der Autorin, brachte ihr aber auch großen Ruhm – es ist wohl eins ihrer besten Werke.

 

Jetzt lesen Kathleen Morgeneyer (ein Porträt der Schauspielerin im Blog 200 vom 30. Januar 2017) und Alexander Khuon „Kein Ort. Nirgends“ am Freitag, 26. Mai, 19.30 Uhr. Eine Erlesenheit!

 

Kleist: „Ich trage ein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen.“

 

Günderrode: „Deswegen kömmt es mir vor, als sähe ich mich im Sarg liegen und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an.“

3. Montagskultur - Tauben vergiften im Park und andere Bosheiten


Eine Hommage an den wohl wichtigsten Kabarettliedermacher im deutschsprachigen Raum: Georg Kreisler (1922-2011). Von dem Sänger Sebastian Köchig sowie dem Pianisten Arno Lücker. – Über den Tenor Köchig sagte Kreisler einst selbst: „Er ist der einzige Opernsänger, der meine Lieder so singt, wie ich mir das vorstelle.“ – Ehrenvolle Worte! Und dem Kabarett-Duo Köchig & Lücker gestrenge Verpflichtung.

 

Ihre Performance präsentiert sehr viel mehr als die hinlänglich bekannten Hits wie den bösen vom Tauben vergiften im Park oder vom sarkastischen Niedermachen eines Musikkritikers. Zum Programm gehören auch Nummern, die selbst Kreisler-Kennern ganz neu und politisch heftig angeknarzt in den Ohren klingeln dürften.

(am Montag, 29. Mai, 19.30 Uhr, im Kulturvolk-Club Ruhrstraße 6)