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Kulturvolk Blog Nr. 211

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

18. April 2017
HEUTE: 1. „Baal“ – Studio Probebühne Berliner Ensemble / 2. „Das Fest“ – Kammerspiele Deutsches Theater / 3. „Emmi & Willnowsky“ – Quatsch Comedy Club

1. Berliner Ensemble - Singen vom Schönsten, Suhlen im Säuischen

Foto  © Barbara Braun
Foto © Barbara Braun

Weißer Schnaps sei sein Stab und sein Stecken. Und Liebe sei, wie wenn man eine Orange zerfleischt, dass der Saft in die Zähne schießt. So spricht Baal, das „schmutzige Tier, die Plage des Himmels“. Eine irdisch explodierende Verführung, die alles interessiert, was sie fressen kann – williges Menschenfutter gibt sich ihm hin zuhauf.

 

Bertolt Brecht (damals noch: Berthold) maß gerade zwanzig Lenze, als er – in triumphierender Pose des genialischen Bürgerschrecks sein erstes abendfüllendes Stück schrieb, benannt nach dem syrischen Fruchtbarkeitsgott Baal. Eine reißerische Szenenfolge aus Sex und Mord, betörender Poesie und pathetischem Glücksverlangen um einen potenten Gierhals und rücksichtslosen Schnorrer.

 

„Baal“ zeichnet grell und düster, wüst und melancholisch das grotesk übersteigerte Selbst- und Wunschbild des allseitig erregten Bürgersohns aus der Augsburger Provinz: Ein Asozialer mit Kopf- und Herzrasen in einer für asozial gehaltenen Gesellschaft. Später, im Abstand der Jahre, wird der nunmehr gereifte Autor sagen, seinem Erstling fehle die Weisheit. Da war er als kühler Analytiker politischer Verhältnisse längst fertig mit lichterloh brennendem Expressionismus, mit dem baalschen Eskapismus eines schillernd Geniekult betreibenden Gesellschaftsclowns (aber ein menschenverschlingender Lederjacken-Macho blieb B.B. doch Zeit seines Lebens – und ein zart besaiteter, großer Poet dazu).

 

Brechts früh schon explodierende, einzigartige Sprachkraft steht denn auch im Zentrum der „Baal“-Inszenierung von Sebastian Sommer, der schon Brechts „Hans im Glück“ (Handkes „Kaspar“ und Ionescos „Stühle“) im für Konzentrationen so pässlichen BE-Studio Probebühne zur intensiven Wirkung brachte. Die Regie verbietet sich denn auch ansonsten übliche Ausweitungen des „Baal“-Themas vom Anarcho-(Künstler-)Ego in diverse soziale und (welt)politische Gegenwarts-Aktualitäten. Sie konzentriert sich vielmehr ganz auf die Titelfigur, die der so drahtige wie geschmeidige Matthias Mosbach (dem Jungspund Brecht frappierend ähnlich) zwar als zwanghaft raubtierhaften Kerl gibt, der aber doch immer wieder als sei er dem Raubtierhaften und kraftprotzig Kerligen überdrüssig zurückfällt ins Versponnene, Melancholische, quälend Zweiflerische. Der Herr Baal hier ist letztlich ein immerzu verzweifelt um schöpferische Kraft Ringender („aber das Herz will nicht singen“). Ein eher nihilistischer Faust als ein unentwegt ungeheuerlicher Lust- und Triebtäter – das aber eben auch.

 

Und so dominiert in Mosbachs so eindringlichem Figurenaufriss der betörende Dichter, Träumer und Sänger, der auf die poetische Tour vor dem Tod ins Leben flieht, ihm dabei die (hoffentlich!) unsterblichen Worte abringt, um sich dann wiederum blindlings – welch wonniglicher Kontrast! ins Irdische zu stürzen, sich im rein „Säuischen“ zu suhlen auf dem durchnässten Acker, den Ausstatter Karl-Ernst Herrmann in die von Leuchtblitzen gerahmte Black-Box auf der Probebühne schob – gleich aus dem Wasserhahn schießt der Alkohol, der Treibstoff für eine existentielle Trunkenheit, die Baals exzessiv kreatives Lebensgefühl prägt.

 

Staunenswert, wie Mosbach das macht, das mit Worten und Gefühlen den Himmel Aufreißen und das mit sämtlichen Gliedern Wühlen im Dreck, in den Weibern, im Suff. Für so manchen mag Baal ein „Fettfleck am Himmel“ sein, letztlich ist er aber doch ein ungeheuer leuchtender Stern, der schließlich elend verglüht. Oder eben: Ein trauriger Star im Zwielicht (in dem Mosbach wundersam schillert), der, schon überdrüssig sich selbst und seines kurzen, lustvoll zerquälten Daseins, kurzerhand Schluss macht.

(wieder 21. April; 11., 15., 20., 29., 31. Mai)

2. Deutsches Theater - Wenn der Papa nackt mit seinen Kindern spielt

Marat / Sade  © Arno Declair
Marat / Sade © Arno Declair

Wir alle sind eingeladen zur großen Party zu Helges 60. Geburtstag. Im Zuschauerraum – die mit Sitztribünen vollgestellte Bühne – schenkt der Toastmaster Helmut (Bernd Moss) schon vorab fleißig „Rotkäppchen“ aus, der honorige Patriarch lässt sich nicht lumpen. Auch Leuchtstäbchen werden verteilt für ordentlich romantische Stimmungsmache. Und als endlich alle da sitzen auf ihren Bänken wird – „Hallo, bitte alles aufstehen!“ – schnell noch mal gemeinsam mit Helges von weit her angereister Großfamilie der Happy-Birthday-Kanon geprobt. Wird lustig! Dann die launige Rede vom ältesten Sohn Christian (Alexander Khuon). Launig legt er los mit lustigen Anekdoten von früher. „Wenn Papa dann badete…“

 

Wenn Papa (Jörg Pose) badete, hatte er nämlich immer zwei seiner Kinder bei sich. Christian und seine Schwester Linda mussten sich ausziehen, mit Helge hübsch im Wasser planschen. Und dann hat der liebe Papa mit seinen süßen Kleinen ein bisschen Liebe gemacht. Über viele Jahre hin ging das so; Mutti Else (Barbara Schnitzler) hat das längst mitgekriegt, aber immerzu weg geschaut, nie was gesagt.

 

Die entsetzliche Geschichte aus Dänemark vom jahrzehntelang um des gutbürgerlichen Friedens willen gedeckelten Kindsmissbrauch in dieser furchtbar netten, ehrenwerten Sippe kam 1997 durch den damals 28 Jahre alten Thomas Vinterberg und seinen Kollegen Mogens Rukov unter dem lakonischen Titel „Das Fest“ ins Kino. Und machte die unter dem Logo „Dogma“ produzierende Gruppe von jungen dänischen Filmemachern (unter ihnen Lars von Trier) weltberühmt. Bo Hansen adaptierte alsbald den Film für die Bühne; seither wird „Das Fest“ auch hierzulande viel gespielt.

 

„Die Familie gewinnt immer. Sie überdauert die Verbrechen, die sie begeht; sie gebiert Ungeheuer“, sagt Vinterberg. DT-Regisseurin Anne Lenk konzentriert sich in ihrer Inszenierung vornehmlich auf die Familie und lässt das Verbrecherische eher hintergründig kühl anspielen, wie eine Nebensächlichkeit. In der Meinung, gerade dadurch wirke das Frohe, das ungerührt Weitermachen, das Geburtstags-Weiterfeiern, sowie das Furchtbare umso ungeheuerlicher, grauenvoller.

 

Freilich, es gibt ein paar Momente, in denen der Partysound zu kippen droht, das Lustig-Lustig zur allgemein schweißtreibenden Anstrengung wird. Doch das tiefe Elend dieser Mischpoke (Tochter Laura trieb ihr Trauma in den Selbstmord), die untergründigen Ängste, die beflissen weggesteckte Verzweiflung, die hinter der bigotten Anstrengung des Aufrechterhaltens der Wohlanständigkeitsfassade stecken und also hinter diesem Partykrampf, die dominieren nie wirklich dieses „Fest“. Der an sich wuchtige Sog dieser Enthüllungsstory zerstreut sich im angeschafften Frohsinn des immer wieder mit albernen Witzen und Trallala dekorierten Mitmach-Mitsingtheaters. Die Regie scheitert am gewollten Kunststück, unter dem komisch-grotesken Halali den Abgrund gähnen, die Tragödie aufblitzen zu lassen. Immerhin rettete ein Schauspieler die verrutsche Veranstaltung: Alexander Khuon als Sohn Christian liefert eine packende Studie eines sensiblen jungen Mannes, der schwer zu kämpfen hat mit seinen Traumata und schließlich trotzig den bewundernswerten Mut gefunden hat, das väterliche Monster bloßzustellen (und die Frau Mutter dazu). Den außerdem, fein angedeutet, seine geheim gehaltene (unterdrückte?) besondere sexuelle Orientierung quält. Khuon ist das starke Zentrum dieser Inszenierung, die ansonsten ihre Möglichkeiten (auch hinsichtlich des potenten Ensembles), wirklich zu erschüttern, einigermaßen verspielt.

 

Nachbemerkung: Vinterberg schrieb 2010 eine Fortsetzung von „Das Fest“. Sie spielt zehn Jahre nach der fatalen Feier zu Helges 60. Geburtstag: Der Kinderschänder ist inzwischen tot, seine Missbrauchten mit nunmehr eigenen Familien sind allerdings nicht allzu weit vom alten Stamm gefallen. Das Stück mit dem Titel „Das Begräbnis“ , vor längerer Zeit luxuriös besetzt an der Wiener Burg uraufgeführt, präsentiert eine ähnliche Familienaufstellung wie „Das Fest“; Christian, inzwischen verheiratet, steht seinem verruchten Vater tatsächlich in nichts nach. Zugleich entlarvt diese Fortsetzung eine tolerant linksliberal sich spreizende Wohlstandsgesellschaft als dogmatisch, scheinheilig, eitel, gierig, rücksichtslos. Höchstens der Blick auf die rotzige, unverklemmte Enkel-Generation lässt hoffen. Die Kinder von Helge und Else aber sind nicht besser als ihre gestern geschmähten Eltern. – Vinterbergs sarkastisches „Zweit“-Stück sollte man unverzüglich nachspielen im DT. Eine Wien vergleichbare Besetzung stünde zur Verfügung.

(wieder am 20., 26. April)

3. Quatsch Comedy - Falls ein paar Ostereier faulten…

Knapp drei Jahrzehnte schon ist es nun her, dass der studierte Germanist und Musikwissenschaftler Christoph Dompke begann, sich seine Brötchen als so genannter Damenimitator zur verdienen, wofür er die Figur der herrischen Kammersängerin Emmi erfand. Etwas später erst entdeckte die große Emmi mit dem dominanten Damenhut den etwas kleineren Valentin Willnowski mit den hängenden Schultern aus der Ex-UdSSR als exzellente Tastenfachkraft und Begleitung am Konzertflügel. Seit nunmehr unglaublichen zwanzig Jahren gelten Emmi & Willnowsky als das „langlebigste und erfolgreichste Komiker-Duo seit Heinrich und Wilhelmine Lübke“. Auch in ihrem neuen Tour-2017-Programm tobt das zänkische Paar, das nicht miteinander, aber keinesfalls ohne einander kann, sich aus auf dem Schlachtfeld ihrer wahnwitzigen Ehe; wobei es obendrein um Politisches geht sowie und etwas spezieller um Sex in Langzeitbeziehungen. „Ich bin zwar verheiratet, doch mache ich keinen Gebrauch davon“, klärt uns Emmi schon mal auf über die Lage auf dem Lager mit ihrem „wilden Wolgawürstchen“. – Falls das Osterfest irgendwie enttäuschte oder ein paar Eier faul waren, kann man sich mit den trefflichen Unverschämtheiten und abgründigen Scheußlichkeiten solcherart Anarcho-Comedy ziemlich gut aufheitern…

Nur noch 18., 19. April jeweils 20 Uhr im Quatsch Comedy Club, Kasseneingang Friedrichstadt Palast.

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