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Kulturvolk Blog Nr. 199

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. Januar 2017
HEUTE: 1. „Die Glasmenagerie“ Deutsches Theater / 2. „Der eingebildete Kranke“ – Schaubühne

1. Deutsches Theater - Himmlisch entrückt im Wolkenkuckucksheim, trostlos ernüchtert im Keller der Enttäuschung


Sie ist wieder da! Die unvergleichliche, zu den wundersamsten Wandlungen, zu den verrücktesten Vieldeutigkeiten fähige Schauspielerin Anja Schneider. In Leipzig fing sie einst an, wurde von Armin Petras ans Gorki geholt, ging mit ihm fort nach Stuttgart. Jetzt spielt sie (danke, Ulrich Khuon) endlich wieder in Berlin, wo sie hingehört: Im Deutschen Theater.

 

Zum Einstand bekam sie, wie sich’s ziemt für eine solche Künstlerin, eine zünftige Rolle: Die der Amanda Wingfield, eigentlich die Hauptfigur in Tennessee Williams Sehnsuchts- und Vergeblichkeitsstück „Die Glasmenagerie“. Da kann sie so vieles in einem sein: Haus- und Muttertier, durchtriebenes Doofchen, Getretene, peinlich Lüsterne, um sich Schlagende, Komische, Biedere, Böse, Ängstliche. Eine Todunglückliche, die tapfer die Tränen wegsteckt, die immerzu aufs Daseinsglück setzt, aber leer ausgeht. Die Schneider kann da ganz groß aufdonnern. Oder ganz fein sein, hinterrücks, beiläufig, nur mit einer Geste, einem Blick, einem besonderen Ton.

 

„Die Glasmenagerie“ handelt von der US-Prekariatsfamilie Wingfield im tiefen, sommerheißen US-amerikanischen Süden. Der Vater hat sich längst aus dem Staub gemacht, die verlassene Ehefrau Amanda, eine dahinwelkende Schönheit, ist die energische, rechthaberische, beschützende und selbst ach so schutzlose Mama, die sich krampfhaft um Aufrechterhaltung häuslicher und restfamiliärer Ordnung müht. Und obendrein um ein womöglich doch noch sexy Liebesglück. Tochter Laura (Linn Reusse frisch von der Schauspielschule), ein fragiles Seelchen mit körperlicher Behinderung und gigantischen Minderwertigkeitskomplexen, verkriecht sich lebensscheu in der schönen Schallplattensammlung, die ihr längst getürmter Papa zurück ließ. Sowie in ihrem Zoo aus gläsernen Tierchen, eben der Glasmenagerie. Sohn Tom (Marcel Kohler) malocht als alleiniger Ernährer in der Fabrik, träumt sich heimlich im Kino fort in tolle Abenteuer und will raus aus der spießigen Enge und weit weg: als Matrose auf See.

 

Das schimpfende, wütende und heulende Elend der drei Frustbeulen, die sich, um ihren tristen Alltag auszuhalten, in Illusionen und Träume flüchten; die freilich sofort wieder wie schillernde Seifenblasen platzen, das ist ein Kreislauf, der immer schmerzlichere Wunden schlägt. Da kollidieren unentwegt schillernde Parallelwelten mit schmutzigen Realitäten. Als Mama schließlich ein Rendezvous mit Jim organisiert (Holger Stockhaus), damit das jüngferliche Töchterchen endlich unter die Haube kommt, geht natürlich auch das total in die Hose.

 

Williams gelang 1944 der internationale Durchbruch mit diesem psychologisch fein ziselierten Kammerspiel. Atmosphärisch gefärbt von den vielen Facetten einer großen Vergeblichkeit und verklemmten Erotik, die da implodieren oder explodieren im rasenden Wechsel. So gesehen passiert unheimlich viel; aber eigentlich passiert, ähnlich wie bei Tschechow, bloß erstickender Stillstand. Diese Erstickung sowie die heftig hechelnden Seelen: Was für Wechselbäder, mitunter in einem Satz; oder unausgesprochen in Mimik, Bewegungen, Augenblicken. Regisseur Stephan Kimmig ist unentwegt quasi mit der Lupe diesen Brüchen, diesen Stolperstellen über Abgründen auf der Spur. Seine Inszenierung wogt, federt und vibriert. Changiert zwischen Eis und heiß, entfesselt Stimmungen -- himmlisch entrückt im Wolkenkuckucksheim oder trostlos ernüchtert im Keller der Enttäuschung. Kimmig lässt volles Rohr Gefühle zu. Und noch dazu tief unter die Haut bohrende Ohrwürmer der Popmusik.

 

Seine hinreißenden Spieler lassen sich das alles nicht zweimal sagen. Immer turnen sie hohen Muts auf dem Drahtseil – turnen gar im Wortsinn als Slapstick-Komiker, toben als Tanzmäuse oder tasten sich verschämt-verschüchtert durch die Düsternis ihrer öden, verschlissenen Wohnhöhle (Bühne: Katja Haß). Doch keiner der dauerhaft unter Psycho-Hochdruck stehenden Beschädigten und Trostlosen stürzt bei all den depressiv-euphorischen Exzessen je ab in Peinlichkeit und Kitsch, ins aufdringlich Schwerblütige oder schwiemelnd Gefühlige oder gar vordergründig Plakative. Nie wird die wie Glas zerbrechliche Menagerie der Figuren denunziert. Selbst dann nicht, wenn die Bizarrerien der dramatischen Vorlage im Spielerischen gelegentlich ausschlagen (auch abschweifen – Timing!) bis ins Absurd-Groteske oder Albern-Kabarettistische. Diese sagenhaften, kultverdächtigen Virtuosen-Nummern und Extempores sind wahrlich umwerfend – und zutiefst anrührend. Wie die ganze bittere Geschichte.

 

Wieder einmal: Das DT auf der Höhe einer Kunst, die ihm angemessen.

(am 4., 15. Februar, 1. März)

2. Schaubühne - Kreischende und dauergrimassierende Endzeit-Fäkal-Performance

Ein vom Krankheitswahn besessener, nach Klistieren süchtiger Hypochonder und dämlicher Geldsack dazu, der durchtrieben genug ist, mit exzentrischer Egomanie seine gesamte Umgebung zu tyrannisieren, das gibt dem Theater reichlich Futter für zünftiges und en passant vieldeutiges Komödiantentum. Für ein Austoben zwischen Groteske und Farce bis bestenfalls hin zum Tragischen.

 

Nicht so bei Michael Thalheimer mit seiner Inszenierung von Molières „Der eingebildete Kranke“. Da trampelt, hampelt, zappelt ein grell ausgestelltes Kollektiv kreischender Depp bei der aberwitzigen Jagd nach Einläufen, Geldbeuteln, Heiratsgenehmigungen 90 Minuten lang immerzu auf der schmutzstarren Stelle. Das komödiantische Großvermögen eines Hochleistungs-Ensemble stur und stramm reduziert auf einen einzigen kalt-schrillen Fortissimo-Ton: Grimassieren, Brüllen, Schnellquatschen bis den Exaltierten die Luft ausgeht bei albern vulgär erotischer Gymnastik.

 

Die Regie langweilt mit der immerhin im Technischen furiosen Performance einer paranoiden Dauerdepression und stinkenden Dauer-Diarrhoe durch (von Michaela Barth) fein ekelig-prunkvoll kostümierte, galleböse Pappnasen. Sie gefällt sich allein im platten, im immer gleichen Ausstellen eines lebenszerstörerischen Wahnsinns. Und das stets frontal an der Rampe in einem kleinen engen Kasten – dem weiß gekachelten Klo, der vollgekotzten, voll gekackten Nasszelle, der Drecksgruft als Zeichen für das Irrenhaus Welt (Bühne: Olaf Altmann). Die eine bis zur Entnervung des Publikums monomanisch demonstrierte Botschaft der diktatorischen Regie ist, um im fäkalisch vorgegebenen Bilde zu bleiben: Unser Menschendasein – alles total Scheiße. Eigentlich ganz im Sinne Molières. Der macht daraus einen höllischen Witz, Thalheimer einen peinlichen Pup.

 

Michael Thalheimer gilt als begnadet gnadenloser Verdichter großer Stücke der Weltdramatik, es gab da unvergessliche Erlebnisse in Hamburg, Frankfurt, Salzburg oder, schon länger her, im Deutschen Theater. Da blieb bei aller Stilisierung und Straffung noch immer viel Freiraum für die dramatische Entfaltung großer Schauspieler. Jetzt steckt dieser Regisseur in der Sackgasse der Abstraktion fest. Erstarrt in der Verklemmung des Spielerischen und Dramatischen durch prononcierte Performation eines einzigen bleiernen Sinnbilds. – Immerhin: Er kann, wenn er nur will, auch anders…

(wieder am 23., 24. Januar, 13., 14., 15., 16. Februar)

Nr. 245
19. Februar 2018
 © Thomas Aurin

1. Schaubühne: Überdosis Mumpitz

2. Junges Deutsches Theater/Box: Alk, Sex und Angst

3. Volksbühne: Suff an der Autobahn

4. Staatsoper/Apollo-Saal: „Ich will den Kopf des Jochanaan!“

Nr. 244
12. Februar 2018
 © Ute Langkafel maifoto

1.Maxim-Gorki-Theater: Ballade vom armen Menschenkind Elisabeth

2. Kino-Tipp Rauf mit dem Stinkefinger für die herrische Frau Mama

3. BKA: Happy Birthday! Ein ganzes Jahr lang Feierlaune

Nr. 243
5. Februar 2018
 © Arno Declair

1. Deutsches Theater-Kammerspiele: Ein Genie kratzt sich am Knie

2. TV-Rederei über Theater

3. Valery Tscheplanowa: designierte Königin des bevorstehenden Theatertreffens

Nr. 242
29. Januar 2018
 © Ute Langkafel / maifoto

1. Maxim Gorki Theater: Das Korkenknallen kommt viel zu spät…

2. Berliner Ensemble: Küsse und Bisse

3. Montagskultur: Vom Zauber alter Schellack-Platten

4. Deutsche Oper Berlin: Schnäppchen zum Fasching

Nr. 241
22. Januar 2018
 © Arno Declair

1. Deutsches Theater-Kammerspiele: Irrt Gott oder hat er Recht

2. Gerhart Hauptmann in Erkner: „Grundlegende Jahre, mit der märkischen Landschaft innigst verbunden...“ Jubiläum eines Literaturmuseums

3. Hans-Otto-Theater: „Die Macht von Stimmungen“ – der Soziologe und Autor Heinz Bude in Potsdam

Und heute Abend: Helmut Baumann! Im Gespräch mit Kulturvolk, 22. Januar, 19.30. Ruhrstraße. Nicht verpassen.

Nr. 240
15. Januar 2018
 © Iko Freese / drama-berlin.de

1. Südwestkorso: Liebe ist stärker als der Tod

2. Renaissance Theater: Prima Sex trotz 30 Jahre Altersunterschieds

3. Helmut Baumann: Stargast beim Kulturvolk in der Ruhrstraße

4. Chamäleon: Bahn frei für den Ansturm der Neuen!