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Kulturvolk Blog Nr. 198

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

16. Januar 2017
HEUTE: 1. „Professor Bernhardi“ – Schaubühne / 2. Fernsehtipp Montagskultur unterwegs: Der FVB-Theater-Talk auf Alex-TV

1. Schaubühne - Störung katholischer Religionsausübung


Wohl jeder kennt das nur zu gut: Man will das Beste, es kommt was dazwischen, die Sache läuft schief und schiefer und wird diversen Interessen entsprechend manipuliert, aufgebauscht, skandalisiert. Alles zunächst gut Gemeinte verwandelt sich ins Gegenteil. Schließlich steht man nicht nur als Depp da, sondern als Versager. Oder Bösewicht oder gar als Verbrecher. Und alles durch übles Gerede, Geschreibe, Getwitter, durch Halbwahrheiten und Lügen. Eine intrigante gesellschaftliche Kommunikation macht so aus einem verehrten Unbescholtenen eine verdammte Unperson. Das geschah in Arthur Schnitzlers Anatomie einer Intrige (Schnitzler nennt sie sarkastisch „Komödie“) anno 1912 dem Wiener Klinikdirektor Bernhardi.

 

Der Fall „Professor Bernhardi“ , diese geschliffen scharfe Großaufnahme einer Menschenhatz im K.u.K.-Österreich, sprachlich behutsam dem Heute angepasst, spielt unter Thomas Ostermeiers Regie selbstredend im Jetzt – ohne vordergründige Aufladungen mit Gegenwärtigkeiten. Und erzählt vom renommierten Chef einer Privatklinik, der einer sterbenskranken, durch Medikamente jedoch in Euphorie versetzten Patientin die letzte Ölung verweigert, um sie im Glauben an Gesundung in sanfter Entrückung friedvoll einschlafen zu lassen. Durch einen blöden Zufall kommt der bereits herbei gerufene Priester, dem Bernhardi den Zugang ans Krankenbett strikt verweigert, dennoch ans Sterbelager.

 

Diese humane, aus menschlichen Gründen zutiefst nachvollziehbare Verweigerung, tritt nun eine gefährlich anschwellende Lawine aus Missverständnissen, Verunglimpfungen, Verleumdungen, Verteufelungen los – vor dem Hintergrund von Bernhardis Religionszugehörigkeit: Er ist Jude. Das Motiv konkurrierender Kollegen ist, ihren Chef abzusägen. Die Anklage heißt: „Störung katholischer Religionsausübung“.

 

Das Team der Weißkittel prägen Neid, Karrieresucht, direkter oder indirekter Antisemitismus oder aber Angst, Feigheit, Blauäugigkeit. So entsteht quasi durch Rufmord bis hinein ins Gesundheitsministerium eine vermeintlich faktengestützte, in Wirklichkeit jedoch vom Faktischen nahezu gereinigte Realität, die Bernhardi den Job kostet, ihn am Ende sogar vor Gericht und ins Gefängnis bringt. Am Anfang dieser unheimlichen Dynamik nur durch eskalierendes Gerede (nebst entsprechend erpresster Kollektiv-Beschlüsse) stand ein antisemtisch und darüber hinaus politisch korrekt begründeter „Sündenfall“ wider die Kirche.

 

Schnitzlers Demonstration der Mechanik einer durchschaubar absichtsvollen, ins Kriminelle zielenden Kommunikation anno 1912 greift geradezu erschreckend prophetisch ins Heute. So nämlich kann das wenn wir nicht aufpassen! – auch gegenwärtig funktionieren in unserem demokratisch-gesellschaftlichen, mithin politischen (noch dazu digital geprägten!) Betrieb.

 

Was für ein starkes Thema. Was für ein grandioses Zusammenspiel des Ensembles (15 Figuren). In diesem reinen Redestück entsteht alles wie aus dem Moment heraus – die fein gezügelte Rohheit, der elegante Sarkasmus, die banale Frechheit oder einfältige Feinfühligkeit. So keimt eine böse Stimmung, die unaufhaltsam ihren Sog entfesselt, der Vernunft und Mitmenschlichkeit verschlingt. Jörg Hartmann in der Titelrolle (vom TV-Kommissar wieder im Stammhaus) ist ein durch Herkunft, Leistung aber auch durch ein geradezu stur naives Vertrauen an die Kraft der Anständigkeit selbstbewusst bleibender Professor, der höchstens ob der ihm entgegenstürzenden Niedertracht erschrocken innehält, die er ansonsten aber – abgesehen von gelegentlich zynischen Einwürfen mit der ihm eigenen beruflichen Professionalität betont sachlich pariert; freilich mit einem Anflug von vornehmer Bitterkeit. Letztlich aber steht er seltsam gefasst über dem grässlichen Lauf der Dinge. Sebastian Schwarz als kaltschnäuzig karrieregeiler Haupt-Gegenspieler Dr. Ebenwald oder Christoph Gawender als schmieriger Ministerialrat sind nur zwei Beispiele aus dem Ensemble, dessen Figuren geradezu vibrieren in ihrer Anspannung, die dann eher implodiert als sich explosiv Bahn zu brechen. Überhaupt: Hier handeln, bei aller klischeehaften Aufladung, Figuren, deren Spieler Klischees unversehens wegzuspielen imstande sind.

 

Die geradezu atemberaubende Spannung dieser Inszenierung entsteht, vom grandiosen Ensemble einmal abgesehen, durch die Genauigkeit und Coolness, mit der die Regie unter Vermeidung jeglicher melodramatischer oder propagandistischer Einschläge (doch unter Einschluss grotesk-komischer Momente) die hanebüchenen Vorgänge aufblättert und in die Katastrophe dirigiert. Faszinierend diese Balance zwischen nüchtern gesellschaftspolitischer Analyse und psychologischer Skizze; zwischen Draufsicht und Innenansicht. Unter zivilisatorischer Routine das Zerstörerische wie Feuer unterm Eis -- die Bühne vonJan Pappelbaum zeigt einen blendend weißen, aseptischen Breitwand-Lichtraum.

 

Zu erleben ist das starke Stück eines politischen Menschentheaters, das im Politischen stets den Menschen sieht, den (in allen Zeiten) daran ein- und angebunden Einzelnen. Wie er schlau das Böse anzettelt, wie er das Gute verteidigt, wie er resigniert klein beigibt, wie wuchernder Opportunismus zum Schmiermittel wird auf der Bahn in den Abgrund. Große Regie- und Schauspielkunst! Zum Schluss mit einem Satz wie ein schwerer Schlag: "Wer dem Gewissen folgt, ist ein Rindvieh." Licht aus.

(wieder 3.-6., 24.-26. Februar)

2. TV-Rederei über Theater -

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ mit Alice Ströver, den beiden Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek sowie mit einem Gast; diesmal Sewan Latchinian, Intendant des Volkstheaters Rostock; unter höchst fragwürdigen Umständen von der Kulturpolitik geschasst, was wiederum vom Landgericht Rostock für unwirksam erklärt wurde. Kritisch betrachtet werden die Premieren „Die Perlen der Cleopatra“ von Oscar Straus (Komische Oper), „Tour de Farce“ von Philip LaZebnik und Kingsley Day (Die Vaganten), „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler (Schaubühne). Später auch im Netz auf YouTube.