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Kulturvolk Blog Nr. 172

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

9. Mai 2016
HEUTE: 1. „Unterwerfung“ – Deutsches Theater / 2. Mit Sibylle Berg im Kino / 3. Wie jedes Jahr im Mai: Theatertreffen

1. Deutsches Theater -


Francois, Literaturprofessor an der Pariser Sorbonne. ein Kerl zwar in den besten Jahren, aber auffallend schlaff. Der öde Uni-Betrieb geht ihm auf den Keks, Karriereklettern interessiert nicht, umso mehr ist er gierig auf Sex. Ansonsten ist er fertig mit der Welt, mit dem Christentum, dem Abendland sowieso nebst seinen längst diskreditierten Werten. Ein nicht untypischer westlicher Intellektueller, nihilistisch mit zynischem Witz, ziemlich ausgebrannt und suizidgefährdet. So zeichnet Michel Houllebecq die Hauptfigur seines Romans „Unterwerfung“, der im Frankreich des Jahres 2022 spielt. Da nämlich haben die gemäßigten Parteien, um eine Regierung der extrem rechten Front National zu verhindern, den Muslimbruder Mohammed Ben Abbes zum Präsidenten gemacht. Die säkulare Republik ist also abgeschafft, es herrscht die Scharia. Und prompt verliert Francois seinen Job, bekommt aber – nicht schlecht! eine fette Pension, wenn er sich denn dem neuen System unterwirft. Zur Belohnung darf er nun obendrein mehrere Frauen heiraten. So wird ihm der Abschied von der Aufklärung versüßt, und das gefällt dem so anpassungsfähigen Herrn.

 

Ein fiktives Szenario; nicht völlig aus der Luft gegriffen, was sonderlich beunruhigt. Mehrere Theater haben sich sofort darauf gestürzt und es für die Bühne bereitet. Am Deutschen Theater inszenierte Stephan Kimmig die Adaption (Dramaturgie: David Heiligers) als Wahnvorstellung eines Psychiatrie-Patienten. Die Bühne von Katja Haß zeigt dementsprechend einen klinisch cleanen Leer-Raum. In der Mitte das Krankenhausbett, das der Patient (Steven Scharf) nur ungern verlässt. Dort mimt er hingebungsvoll den Psycho, was freilich all die provokanten, äußerst beklemmenden, ja grauenvollen Bezüge zur Realität, die hart zupackende Gesellschaftsanalyse überhaupt entschärft. Ist doch alles, was mit Francois und seinem Land durch die Übernahme der Islam-Herrschaft geschieht, bloß Halluzination eines Psychopathen. So hat die Regie den politisch starken Text um seine Brisanz gebracht. Mein Rat: Das Buch kaufen und den Roman lesen.

(wieder am 11., 21., 31. Mai)

2. Die Bestseller-Autorin Sibylle Berg im Kino. Und obendrein im Gorki-Theater. -

„Authentizität? Was soll der Quatsch mit der so genannten Echtheit? Musst dich doch ankleiden, verhalten, rüsten. Authentischsein nein, Ehrlichsein ja. Trotzdem werde ich wohl eh lügen“, sagt die Dramatikerin Sibylle Berg zu den „Doku-Schlampen“ Wiltrud Baier und Sigrun Köhler, die unter dem witzigen Logo „Böller und Brot“ ihre lakonischen Filme drehen – beispielsweise „Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“ . Ein Porträt, für das sie zwei Jahre lang dieser Künstlerin scharf schauend und schüchtern fragend auf den Fersen blieben.

 

Die „berühmt blöde“ Frage, warum sie schreibe, lässt Frau Sibylle gar nicht erst aufkommen. Sie sagt forsch: „Kann sonst nix und rede nicht gern.“ Überhaupt dieses „große Gewese ums Geschreibe“; sie könne die Welt auch nicht erklären, Frauen täten das sowieso nicht. „Das steht uns nicht zu. Frauen schreiben über Depressionen.“ Basta. Stimmt trotzdem nicht. Man braucht nur ein paar Berg-Zeilen und kapiert prompt, da hat jemand die bösesten, unverklemmtesten, dem Leben genau abgeguckten Beziehungskisten flott in ihre Romane und Stücke gepackt.

 

Zu Bergs Leben gehören freilich immer schon Bücher. Schon im zarten Alter von fünf Jahren habe sie – „was sonst!“ – Edgar Allen Poe gelesen; ihr Idol bis heute. Max Frisch und Thomas Mann findet sie „Scheiße“. Oho! Sie provoziert eben ganz gern und lügt ein bisschen kokett herum, was ja zusammen passt. Ihr Romandebüt „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ habe sie 50 Verlagen angeboten; angeblich. Erst der 51. habe es mit spitzen Fingern angefasst und verlegt. Ein Bestseller! Dabei schreibe sie ja nur für Randgruppen – haha. Aber natürlich wollte auch sie von Anfang an berühmt werden; eine Ausbildung als Clown in der Dimitri-Schule im schweizerischen Tessin hat’s leider nicht gebracht. Erst das Schreiben! – Die Feuilletons beschrieben sie begeistert und irritiert zugleich als Hasspredigerin der Singlegesellschaft, Fachfrau fürs Zynische, Designerin des Schreckens. Alles bekloppt, findet Berg. Aber anderseits sei das werbewirksam. So sind es eben längst nicht nur Randgruppen im Literatur- und Theaterbetrieb, die sich ergötzen an Sibylle Bergs unheimlich ins Tiefe stechenden Wahrheiten über Menschen mit und ohne Bindung (im Gorki-Theater sind ihre Stücke Kassenschlager).

 

Zugegeben, sie schaue neidisch auf Kollegen mit Millionen-Auflagen, müsse man erst mal hinkriegen. Doch es brauche ein ganz spezielles Talent, „viele, viele, viele“ Menschen zu begeistern. Sibylle findet, das ihre sei (noch?) lange nicht speziell genug. Bringe ihr noch immer nicht genug „Schotter“, um sich endlich ein tolles Designer-Haus kaufen zu können. Sie hat halt exquisite Maßstäbe…

 

Und eine nicht unschwierige Vergangenheit. Doch die interessiert sie angeblich überhaupt nicht, wie auch ihre Texte sie nicht mehr interessieren, wenn sie erst mal fertig sind. Die Texte, das sind nicht „ihre Kinder“. Was gedruckt oder uraufgeführt ist, das ist weg, aus, fort und vorbei. Und doch lässt sie uns nebenbei in ihr Präteritum schauen: Mit 22 Lenzen erkämpfte sie sich „via Ausreiseantrag an den DDR-Staatsratsvorsitzenden“ den Abgang aus Weimar in den Westen. Ihre alkoholkranke Mutter machte daraufhin Selbstmord. Mit Ende zwanzig hatte sie einen Autounfall; in mehr als 20 Operationen wurde daraufhin ihr Gesicht rekonstruiert. Seither werde sie andauernd „angeglotzt“.

 

Sibylle Bergs bitter komisch, ja grotesk grundierte Texte mit dem schrecklich präzisem Wortwitz haben also einen schmerzlichen, ja grauenvollen Hintergrund. Wohl einer der Gründe, warum sie so rasierklingenscharf uns ins Gemüt und ins Hirn schneiden. Obendrein sind sie zum Totlachen…

 

So etwa ist auch, wenigstens ein bisschen, dieser „Böller-und-Brot“-Film der beiden Doku-Schlampen, der, ganz nebenbei, noch zwei Berg-Freundinnen, Helene Hegemann und Katja Riemann, mit spitzer Zunge und sympathischem Kichern auftreten lässt. - 90 Minuten kleines feines Kino. Amüsant, gesättigt mit (Selbst-)Ironie, flimmernd zwischen Fragilität und Härte. Das Porträt einer großen feinen Künstlerin, garniert mit sphärischen Wagner-Geigen aus „Lohengrin“. Findet die Berg „furchtbar schrecklich“. Sagt sie, weil‘s der Coolness dient. Wahrscheinlich aber schleicht sie sich heimlich in die Oper.

 

Hinweis: Am 16. Mai gibt es im Gorki-Theater die beiden Sibylle-Berg-Erfolgsstücke als Knaller im Doppelpack: „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ (18 Uhr) sowie „Und dann kam Mirna“ (19.30 Uhr).

3. Theatertreffen; jetzt zum 53. Mal -

45 Sekunden tobt wie von der Tarantel gestochen eine entnervte Hausfrau durch Küche und Klo; 45 Sekunden Raserei, Slapstick, Grimassieren; 45 Sekunden, in der die Schauspielerin Kate Strong schlaglichtartig das Porträt einer total überforderten Familienmutti auf den Punkt bringt. Und in diesen 45 furiosen Sekunden kippt virtuos in eins, was Theater heutzutage bestimmt: Performancekunst und Schauspielartistik, Abstraktion und Sinnlichkeit, Komik und Tragik. Es ist ein 45-Sekunden-Trailer, mit dem das 53. Theatertreffen 2016 (bis 22. Mai) für sich Werbung macht im Kino. Ein Hingucker. Ein Ausschnitt aus Ersan Mondtags Inszenierung eines wortlosen, grotesk höllischen Kleinbürgeralltags-Albtraums im Staatstheater Kassel. Lapidarer Titel: „Tyrannis“.

 

Dabei hat das nahezu ausverkaufte TT Werbung überhaupt nicht nötig; trotzdem, man verweist auf die Abendkasse, soll sich lohnen. Und der Sender 3sat zeigt einige der zehn nach Berlin eingeladenen Produktionen im Fernsehen (14., 21. Mai, 20.15 Uhr) sowie öffentlich und bei freiem Eintritt open air auf einer Großbildwand im Sony-Center (13.-15. Mai).

 

Verantwortlich für die Auswahl dieser für reichlich Ruhm sorgenden Einladungen war eine siebenköpfige Jury, die ein Jahr lang die deutschsprachige Szene inspizierte und aus immerhin 394 Besichtigungen schließlich die nach ihrer Meinung zehn „bemerkenswertesten“ herausfischte. Man mag darüber meckern, dass da so manch Bemerkenswertes unter den Tisch fiel (als Berliner vermisst man die Schaubühne). Insgesamt jedoch zeigt sich ein einigermaßen schlüssiges Bild, was unser Theater ausmacht: Vielfalt! Ein „Trend“ sei da nicht auszumachen, so die Jury.

 

Freilich, die Jury war heftig konfrontiert mit den „atemberaubenden politischen wie gesellschaftlichen Neujustierungen“ (Stichwort Zuwanderung), auf die alle Theater mit „bemerkenswertem sozialen Engagement“ aber oft auch nur „ästhetischer Schnappatmung“ reagierten. Ging es im vorigen Jahr zum TT 2015 noch um den Komplex „Flucht“, sei es jetzt der Perspektivwechsel hin zum Komplex „Integration“. Und doch wurden diesbezüglich nur zwei Inszenierungen eingeladen.

 

Da ist zum einen „Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem“ nach dem Fellini-Film vom Schauspielhaus Hamburg. Es thematisiert Reibungen zwischen gutbürgerlichem „Willkommen“ und ebensolcher „Besitzstandswahrung“ und eröffnete am vergangenen Freitag im Festspielhaus Schaperstraße das Festival - überzeugte aber das Publikum mehrheitlich nicht recht. Teil 1 der artifiziellen Veranstaltung ist eine komisch-groteske, musikalisch grundierte Séance nach Art von Christoph Marthaler, im zweiten Teil entern robuste Schwarze (aus der Hamburger Off-Szene) das luxuriöse Traumschiff – eine höchst problematische Konfrontation. Da mischen sich Peinlichkeiten, Albernheiten, Folklore und Gequatsche mit des Fragens Würdigem und Nachdenkenswertem. Letztlich bleibt das agitprop-hafte Projekt unterkomplex, nicht wirklich angemessen der Höhe der gesellschaftlichen Problemlage. Ein Versuch halt.

 

Zum anderen ist da „The Situation“, ein irritierender Diskurs im Gorki-Theater unter Geflüchteten ums vage Ankommen, um tapfere Selbstbehauptung und stark verunsicherte Identität (s. Spiral-Block 138 vom 14. September 2015).

 

Überhaupt spielt der Diskurs eine Hauptrolle zum TT. Beispielsweise im Riesen-Rahmenprogramm, in dem darstellende und bildende Künstler dialogisieren. Schließlich vereinnahmt das Gegenwartstheater zunehmend sämtliche Ausdrucksformen. Auch eine Art Integration, die das Treffen spiegelt. Dokutheater, Musiktheater, Installation, Roman- oder Filmadaptionen, skulpturale Setzungen, Klassiker doch auch die beiden Ibsen-Stücke („Borkman“ aus Wien/Basel und „Volksfeind“ Zürich) sind jeweils stark heutige „Überschreibungen“. Auf einen ästhetischen Nenner ist da nichts zu bringen. Vielfalt eben! Formaler und inhaltlicher Reichtum, der weltweit als bewundernswert mutig, radikal, drastisch und extrem (auch: allzu drastisch und extrem) gilt. Klassische Figurenpsychologie und abstrahierende Überformungen aller nur denkbarer Art mischen sich, mischen die alten (wie die neuen) Sachen, so die Jury, heftig und dennoch intelligent und feinfühlig auf für neuartige Einsichten. Und das diesmal vornehmlich durch weibliche Regisseure. Und sechs der zehn eingeladenen Regiemeister haben 2016 ihr TT-Debüt. Das Festival, die profunde, speziell die Regie fokussierende Leistungsschau, werde mithin femininer und jünger, so die Ansage.

 

Bleibt noch der Hinweis auf den traditionellen „Stückemarkt“, zu dem eine Handvoll Autoren bzw. Autorenkollektive Stück-Ideen entwickeln. Eine Jury wird über die beste entscheiden, die dann am Theater Dortmund urinszeniert wird. Außerdem werden 38 Künstler aus 22 Ländern am global stark frequentierten „Internationalen Forum“ teilnehmen, das es nun schon zum 52. Mal geben wird. Sein allgemein formuliertes Thema: „Arts and Politics“. Und auch da wird wie überhaupt zum TT, diesem einzigartigen „Künstlergipfel“, die Frage umkreist werden, was das Theater als Teil der Gesellschaft zu leisten habe. Ich nehme an: Allerhand und vielfältiges...

 

Den mit 10.000 Euro üppig dotierten 3sat-Preis für Innovation erhält diesmal Theatermacher Herbert Fritsch, der mit seiner dadaistisch-musikalischen Text-Performance des Wiener Alt-Avantgardisten Konrad Bayer „der die mann“ das TT beglückt; eine Produktion an der Volksbühne. Fritsch, keck danach befragt, was wohl nach dem „Theater der Regisseure“ komme, sagte mit Charme auf den Lippen: „Die Befreiung des Schauspielers.“ Klar, denn ohne die kein Theater. Der Best-of-Parcours TT ist natürlich auch ein vehement zu bestaunendes Schauspieler-Gipfeltreffen. Kate Strong aus Kassel liefert mit ihrem 45-Sekunden-Solo ein saftiges Beispiel.