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Kulturvolk Blog Nr. 150

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

7. Dezember 2015

Renaissance-Theater -


Die Steigerung von Schauspieler? Schauspielerfamilie! Über eine solche hat der amerikanische Autor Donald Margulies das Stück „Haus auf dem Land“ geschrieben; das Renaissance sicherte sich die europäische Erstaufführung. Und Guntbert Warns ist ihr Regisseur; ein gestandenes, vielseitiges Theatertier. Als Regisseur überzeugend und als brillanter Schauspieler nur allzu gern bestaunt. Seltsam, dass die ganz großen Bühnen hierzulande und erst recht in der Stadt diesen wunderbaren, sehr erfahrenen und vielseitigen Künstler (auch als toller Entertainer) eher links liegen lassen. Deshalb ein Extra-Bravo für Theaterchef Filohn, der ein glückliches Händchen hat für optimales Casting.

 

Also Donald Margolies, Jahrgang 1954, höchst erfolgreich auf dem Broadway und in Hollywood mit wirkungssicher ertüftelten Konversationsstücken (oder Drehbüchern) der eher leichteren Art, denen er ein gehöriges Quantum Tiefsinn einbaut -- teils aber pappt er den dem Stück auch bloß auf. Vor drei Jahren hatte am Renaissance sein feines Pointen-Ping-Pong-Redestück „Freunde zum Essen“ erfolgreiche deutschsprachige Erstaufführung; das gängige Thema: gutbürgerliches Mittelstandsmilieu, hinter dessen Fassade es übel gärt.

 

Grundsätzlich ähnlich gestrickt ist „Haus auf dem Land“. Eine Art Familienaufstellung, präsentiert auf der Veranda eines idyllischen Refugiums wohlhabender Theaterleute. Also eine Künstlerfamilie nebst freundschaftlich-kollegial gebundenem Anhang – und sie alle kommen in der Idylle an einem brütend heißen, gewittrigen Hochsommerferientag zusammen.

 

Um die Schwierigkeiten dieses Zusammenkommens geht es. Sie schlagen ein in die Idylle wie das heftige Gewitter. Es sind die Kompliziertheiten mit den Bindungen des Blutes wie denen der der Freundschaft und Kollegenschaft: Generationenkonflikte, erotische Begehrlichkeiten, Eifersucht, Ruhmsucht, Neid, enttäuschte Hoffnungen, Euphorien, Verliebtheiten, Verbitterungen, Verletzungen der Seele, Trauer über das Alter und den Tod – derartiges. Also allerhand.

 

Der Autor, Lehrer für „Playwriting“ an der Yale University, sortiert nun diese ziemlich dicke Melange an Problemen ordentlich nach allen Regeln der universitären Lehre des Stückeschreibens zurecht. Wie im Seminar mit den Studenten, und das hat etwas Buchhalterisches. Die schwelenden, schließlich böse aufbrechenden Konflikte und folglich auch die Figuren bleiben angeschafft, aufgezählt, aufgesetzt und eben plakativ. Freilich, da menschelt es mächtig. Und die Menschelei ist mit spitzer Feder in griffige, mit Pointen funkelnde Dialoge gebracht. Das interessiert durchaus und amüsiert. Was irritiert, ist, dass der Pulitzer-Preisträger ein bisschen peinlich den Tschechow geben will. Das Setting nämlich ist wie gemacht vom großen, freilich unschlagbaren Russen.

 

Der Clou dieser Inszenierung ist, dass Regie und Ensemble den Oberlehrer von Yale nehmen als sei er tatsächlich ein Tschechow von heute. Judy Winter, Linn Reusse, Christian Schmidt, Heikko Deutschmann, Anika Mauer und Michael Mende geben mit ihrem gekonnt subtilen Spiel dem locker schablonenhaften Beziehungsgeflecht mit federnder Leichtigkeit Vielschichtigkeit, Dichte, Tiefe sowie deutlich mehr Glaubwürdigkeit, als dem Script zu entnehmen ist. Im fließend Komödiantischen lagert das steinern Tragische. Das ist es, was fesselt und den Abend ziemlich bravourös macht.

 

Bleibt meckernd anzumerken, dass der ansonsten stets überzeugende, hoch professionelle und erfahrene Bühnenbildner Momme Röhrbein diesmal eine geradezu absurd mit Tschechow-Datschen-Mobilar (fehlen bloß die Samoware!) sowie mit russischen Birken vollgestopfte und funzelig ausgeleuchtete Szene baute. Die läppischen Kostüme von Angelika Rieck hängen an den Leibern hässlich wie hundert Mal ausgewaschen. Mehr optische Brillanz hätte allein schon diesen platt-amerikanischen Boulevard veredelt und erst recht den allein durch Regie- und Schauspielkunst erreichten schönen Tschechow-Einschlag würdig gerahmt. Trotzdem: Ein Hoch den Schauspielern.

(Wieder vom 16. 31. Dezember)

Gedenkstein für Reinhardt, Charell, Poelzig -

Die Friedrichstraße hat, direkt neben dem Friedrichstadt-Palast, ein neues Denkmal: massiv und doch mit Schwung; abstrakt und doch sehr sinnfällig, gerahmt von Rotahornbäumen, aber nicht zu übersehen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Damit ist nicht etwa der so herrlich effektvoll illuminierte, aus lauter glitzernden Schneekugeln zusammengesetzte Design-Christbaum gemeint, rechts vom Haupteingang des Friedrichstadt-Palastes, sondern der glatte graue Stein links davon…

 

Es ist ein drei Meter hoher Quader aus Gussbeton, durchbrochen von einem exzentrisch verschobenen Kegelstumpf. Dieses Loch im Block soll den imaginären Lichtstrahl eines Bühnenscheinwerfers imaginieren, was sich selbst naiven Betrachtern sofort erschließt. Auf dem Boden, also im Gehwegpflaster, wird dieser gedachte Strahl als ovale Fläche aus dunklem, geschliffenem Granit mit Glitzereffekt fortgeführt. Das Ganze sei ein „universelles Sinnbild“ für die Welt des Theaters, sagt das niederländische Künstler-Duo Cisca Bogman (Malerin) und Oliver Störmer (Bildhauer). Von ihm stammt der, wie ich meine, überzeugende Entwurf.

 

Doch der steht hier freilich nicht allein als in Beton gegossenes Sinnbild für die luftige Welt des Theaters (welch witziger Widerspruch zur Festigkeit des Materials). Auf einer schlanken Stele informiert eine Texttafel über den besonderen Hintergrund dieses Kubus: Er ist ein Signal in die Vergangenheit, hin zu den Anfängen des Palastes und seinen künstlerisch Epoche machenden Gründervätern. Er ist eine Hommage auf Max Reinhardt, Hans Poelzig und Eric Charell.

 

Erst beides zusammen, Skulptur und Stele, das optische Signal und die Sachinformationen, machen die Wirkung dieses Kunstwerks aus. Eine Jury unter Führung der Direktion des Friedrichstadt-Palastes erwählte es aus einem Wettbewerb. Meinen Glückwunsch für diese glückliche Entscheidung. Nicht immer, eigentlich eher selten, fallen derartige Jury-Entscheide für ein öffentliches Denkmal derart überzeugend aus.

 

Es sei ein „Denkzeichen“, sagte bei seiner Enthüllung Ende November Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes, dessen Geschichte just am 28. November 1919 mit der Eröffnung des Großen Schauspielhauses begann -- der Vorgängerbau diente erst als Markthalle, dann als Zirkus; seinerzeit noch mit der Adresse „Am Zirkus 1“, nur ein paar Schritte entfernt vom heutigen Standort Friedrichstraße 107.

 

Der Begründer dieses wahrlich weit ausladenden Großen Schauspielhauses war die Theaterlegende Max Reinhardt. Er beauftragte Hans Poelzig, Star der expressionistischen Architektur-Moderne, den Zirkus zur riesigen Arena für seine monumentalen Breitwand-Inszenierungen und theatralischen Massenspektakel umzurüsten – damals eine weltweit bestaunte Innovation. Die alsbald auch genutzt wurde von Eric Charell für seine stilbildenden Revue-und Operetten-Produktionen. – Übrigens, zu Poelzigs Haus des Rundfunks in der Masurenallee oder seinem Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz pilgern Architekturfreaks aus aller Welt; und seine so genannte Jahrhunderthalle in Breslau steht als Markzeichen in jeder Kunstgeschichte. Schade, dass der Komplex Großes Schauspielhaus/Friedrichstadt-Palast (das Poelzig-Interieur war noch weitgehend erhalten) Anfang der 1980er Jahre wegen Baufälligkeit abgerissen wurde; der Neubau der Charité-Hochhauses grub dem Bau das Grundwasser ab, er drohte abzusacken und einzustürzen.

 

Doch sei noch einmal Palast-Chef Schmidt zitiert, dessen Einsatz für die umfassende Sichtbarmachung der extrem wechselvollen, glanzvollen und schmählichen, dabei von weltbedeutenden Künstlern geprägten Geschichte seines Hauses so sehr zu loben ist: „Vor dem Hintergrund zweier überwundener Diktaturen in unserer 96-jährigen Bühnengeschichte steht der Palast heute bewusst für Freiheit, Vielfalt, Toleranz. Um unsere weltberühmten Gründungsväter zu ehren, die stilbildend für unser Haus waren und später alle drei unter den Nationalsozialisten zu leiden hatten, sei es ihnen gewidmet.“ Reinhardt wurde „rassisch“ verfolgt, Charell wegen seiner Homosexualität, Poelzig wegen seiner „entarteten“ Baukunst. Bemerkenswert klug übrigens, dass man sich hier deutlich bekennt zu den ästhetischen Wurzeln eben aus der Gründerzeit-Ära mit dem visionären Künstler-Trio Poelzig-Charell-Reinhardt. Wer genau hinschaut auf die Palast-Bühne heutzutage bemerkt, wie präsent viele Formen dieses künstlerischen Erbes sind.

 

Dieses Denkzeichen -- eine beispielhafte Sache! Ein Kunstwerk, schön, elegant und beredt. Der Palast ehrt seine Altvorderen. Und damit sich selbst.