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Kulturvolk Blog Nr. 12

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

27. November 2012

Berliner Ensemble -

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Der alte Zausel wollte es noch mal wissen: „Frühlings Erwachen“, inszeniert von Claus Peymann; seit 2000 Chef des Berliner Ensembles (BE) und mit seinen 75 Jahren noch immer das größte Schandmaul der Szene, der erregteste Kapitalismuskritiker. Aber auch als hauptstädtischer Gagenkönig der erfolgreichste Abzocker des von ihm hingebungsvoll attackierten Polit- und Theatersystems. Man darf sagen, CP, der bislang mit Sicherheit drei Großbühnen auf theatergeschichtliches Niveau hob (Stuttgart, Bochum, Burgtheater Wien, das ihm verrückterweise jetzt erst, vor ein paar Wochen, die Ehrenmitgliedschaft verlieh – (Tränen der Rührung! Glückwunsch!), CP macht mit unermüdlicher Leidenschaft die motzende Betriebsnudel. Und sein BE zum Publikumsliebling – gespickt mit Stars und bestückt mit beliebten, verständlich (manche sagen: einfältig) oder luxuriös artifiziell (Robert Wilson) inszenierten Stücken. Weshalb eine hochmögende Kritik diesen Neuberliner Striese, der schon mal den Schlangen an der Vorverkaufskasse Kaffee ausschenkt, beständig beschimpft als platten Populisten. Doch kein Mitleid: Der Mann braucht solche Stachel im Fleisch.

Aber braucht’s der Alte auch, ausgerechnet Frank Wedekinds Pubertätsdrama zu inszenieren? Im Spätherbst der Lebens nun nochmal „Frühlingserwachen“? Dieses Stück über kindliche Unschuld und deren schuldloses Verderben wurde 1908 von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführt. Damals spielte der Zensor heftig mit. Lange galten die kühn auf den Expressionismus zeigenden 19 Szenen als Pornografie; heute Schnee von vorgestern.

Der Blick aufs Gestern dürfte Peymann schon eher gereizt haben: Kollege Peter Zadek inszenierte „Frühlingserwachen“ 1965 in Bremen quasi als Keimling der Jugendrevolte; kühl stilisiert, kalt sezierend. Motto: Trau keinem über dreißig. Die Jungs trugen Jeans, die Mädels Mini und alles unter den Augen der Kino-Ikone Rita Tushingham („Bitterer Honig“), die als Foto den Bühnenhintergrund beherrschte. Das machte Epoche mit dem Etikett „Bremer Stil“. Ein knappes Jahrzehnt später inszenierten Einar Schleef und B.K. Tragelehn das Stück unter der Tauwetter-Intendantin Ruth Berghaus im BE (schon Brecht wollte es spielen, natürlich „lehrstückhaft“). Besetzt mit Laien aus Ostberliner Schulen und vor der Pause mit einer Rockmusik-Nummer, zu der das Ensemble sowie ganz Backstage – vom Techniker bis zur Souffleuse – ekstatisch schwofte. Wow, das machte den dissidentischen Schocker in der DDR-Hauptstadt.

Und nun also CP. Als Regisseur war er ja nie anmaßend besserwisserisch und dreinrednerisch, sondern in hohen Maßen seinen stets geliebten, auf Händen getragenen Autoren (allzu?) treu ergeben und seine Schauspieler vergötternd. Weshalb ihn „dekonstruktivistische“ Regiekollegen so nerven. Was wiederum Kritiker nervt. Wobei auch wir nicht umhinkönnen, so manche seiner Regiearbeiten bei aller Begeisterung des Publikums als doch eher bieder ehrpusselig zu brandmarken. Sei’s drum. Mit „Frühlings Erwachen“ (die Premiere liegt schon etwas zurück) geschah endlich das alte, lange vermisste, noch heute blühende Peymann-Wunder: Wedekinds „Kindertragödie“, diese insgeheim schon als altbacken abgetane Provokation aus wilhelminischer Zeit, haut mich vom Hocker!

Dabei sagt da keiner „cool eh“, trägt keiner Jeans, Tattoos oder rote Sterne als Sticker. Alle Figuren stecken im Look von 1900. Keiner redet Kids-Sprech von jetzt. Jeder spricht die teils geschraubte, befremdlich manierierte Sprache des Autors. Alles ist seltsam wie hinter Glas in der Museumsvitrine, zugleich aber springt es uns ganz gegenwärtig an. Dabei bleibt die Bühne leer, abgeschlossen von portalhoch multiplen, von der Regie hochmusikalisch bewegten schwarz-weißen Paravents – die Folge der Szenen gerät zum atemberaubenden Sog. Wie ein Schwarz-weiß-Film. Der dominante Farb-Gegensatz bedeutet vieles: Das unschuldig Kindliche, Frühlingshafte und das dunkel Tragödische, Winterliche. Das Fleisch, der Geist. Die Realität und der (Alb-)Traum, das Kreatürliche, der Schrecken, der Ernst und die Distanz, das Groteske, der Ulk. Mit bewundernswerter Sicherheit fand Peymann eine Linie zwischen all dem. Auf diesem Grat lässt er das Ensemble sicher wandeln. Der durchtriebene Traumtänzer wollte es noch einmal wissen. Sein Sportsgeist hat hier gesiegt – mithin sein sozusagen konservatives „Regietheater“. (wieder am 28.11., 7.12.)

Schlosspark Theater -

Ein verlogener Filou, umrahmt von zwei ihn abgöttisch liebenden Frauen. Das klassische Dreieck hat der Autor Ottokar Runze in seinem späten ersten Theaterstück „Der andere Mann“ in den kalten deutsch-deutschen Krieg verlegt. Und das Liebesgeschnatter verklebt mit Spionage sowie banalem Politiker-Schmäh aus Vor- und Nachwendezeiten. Denn der gewiefte Lover kommt aus dem Osten, gockelte als Stasi-Bonze mit seinen beiden West-Weibern, machte nach 1990 demokratisch-opportunistisch Partei-Karriere. Bis die beiden bürgerlichen Damen ihrem Mielke-Lover auf die verruchten Schliche kommen und tränenreich verlassen. – Das wäre der Stoff für eine schrille Polit-Satire, wäre der Autor und Regisseur (86) auf seine alten Tage nicht doch noch vom falschen Ehrgeiz gepudert, aus dem aberwitzig flauen Dreier ein tragisch umflortes, philosophisch aufgeblasenes Altmänner-Geschwätz-Stückchen über Gewissen, Moral und Männlichkeitsgetümel zu machen.

Selten war auf einer Bühne derart kompaktes Banalitätengeplapper nebst Gefühlsgesäusel. Ein perfekt spannungsfreies 70-Minuten-Sprechblasen-Theater mit drei dämlich herum stehenden Figuren. Selbst als Hörspiel wäre die mit Pause auf eindreiviertel Stunden mühselig gestreckte Veranstaltung ätzend langweilig. Und keinerlei Kritik wert (wir verschweigen gnädig die Namen des Trios der armen Text-Verlautbarer). – Aber es quält die Frage: Wieso ein solch monumentales Theatermissverständnis von gestandenen, doch mit allen Wassern gewaschenen Theaterleuten; nämlich dem Intendanten Hallervorden und dem Autor-Regisseur Runze; immerhin zwei mit vielen Kunst-Preisen gesegnete und gefeierte Senioren der Branche?

Didi Hallervordens (fast!!) aus eigener Kraft wiederbelebtes Schlossparktheater (Respekt!!) glänzt immer wieder mit Hits. Und vergrault immer wieder wie jetzt mit grausigen Flops. Wieso? Braucht’s Beratung? Dazu diverse Verschwendungen des notorisch beklagten Mini-Etats durch ein diesmal aufwändig überflüssiges (aber ästhetisch perfektes) Bühnenbild vom – teuren? – Großkönner Stephan von Manteuffel. Dazu extra eine Kostümbildnerin für einmal Rock und Top, einmal Jeans und Schlabberhemd, einmal Dreiteiler und Schlips. Das wäre auch dem (wofür?) engagierten Regieassistenten eingefallen. Warum dieser Riesenaufwand für ein vorhersehbar großes Nichts? Dabei war schon die Premiere zu einem Drittel leer.

Fakt ist: Das Schlosspark schwimmt nicht im Geld, ist bloß zu 60 Prozent ausgelastet und kommt mit rein privater Finanzierung nicht weiter. Was die Berliner CDU neuerdings auf die kecke Idee brachte, alljährlich 800 000 Euro Staatsknete locker zu machen zur Förderung eines eher unaufregenden, konventionellen Theaterchens mit einem Programm, das obendrein dem vom Renaissance sowie dem der Kudamm-Bühnen ähnelt – und sogar dem von Tribüne und Hansa-Theater, deren Pleiten damals kein Senat verhinderte. Warum auch.

Deutsches Theater -

Zum Schluss noch ein warnender Hinweis: Weil man am Deutschen Theater stur am Irrglaube festhält, dass alles Hamburgische toll sei, wurde das angeblich total kultige Hamburger Blödel-Singsang-Trio Studio Braun ans DT gelotst mit dem dröge verwitzelten Hollywood-Thriller „Ein Mann sieht rot“. Das alte Ding firmiert neu unter Action-Musical mit dem Titel „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“. Es geht da um Selbstjustiz, Charles Bronson, Michael Kohlhaas, Meikel Coolhaze, Martin Luther, Politik, Sex, Kunst, Pop, Trash, Trallala sowie eine Bigband, die das tobende Gelaber bedröhnt. Ein Bespaßungs-Event für Freaks der niederen Sinnlosigkeit. So richtig geeignet für Theater-Masochisten, sich einen Feierabend (etwa am 8.12.) ordentlich zu verhunzen.

 

 

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