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Kulturvolk Blog Nr. 106

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

24. November 2014

Jubiläum am Kurfürstendamm -


„Alles gelingt. Ein heller, lachender Abend“, schrieb die „B.Z am Mittag“ am 3.November 1924 über die Eröffnungspremiere von Goldonis klassischer Wackelpudding-Klamotte „Diener zweier Herren“ in der von Max Reinhardt festlich eröffneten Komödie am Kurfürstendamm. Das war vor 90 Jahren! Max Reinhardt wollte einen glanzvollen Salon für betuchtes Publikum (satte Eintrittspreise!). Und für das seinerzeit eher neue, aus Amerika abgeguckte theatralische Genre namens Boulevard. Also für das leichthin, aber dennoch geistreich Unterhaltsame, das damals noch in harschem Gegensatz stand zum hohe Töne pflegenden dramatischen Betrieb der staatlich finanzierten Edelbühnen. Heutzutage ist das ja längst ganz anders. Da ist endlich Schluss mit der säuberlichen Trennung zwischen (igitt!) „Boulevard“ und (ach, wie erhaben!) „seriös“.

 

Reinhardt also wieder einmal als Pionier der Szene. Und für den Bau seines intimen neuen Entertainment-Schlösschens am Kudamm engagierte er den Großkönner der Branche, den Architekten Oskar Kaufmann, dem wir, komplett erhalten, das kostbare Renaissance-Theater verdanken, Aber auch die Volksbühne, die freilich beim Wiederaufbau gleich nach Kriegsende ihr herrlich flirrendes Art-Deco-Ambiente einbüsste. Ein Schicksal, dass auch der Kudamm-Komödie beim Wirtschaftswunder-Wiederaufbau nicht erspart blieb. Auch diese allerfeinste innenarchitektonische Kostbarkeit (historische Fotos stimmen wehmütig) wurde zugunsten eines simplen, teils sogar etwas plumpen Dekors vernichtet. Kapriziös elegante, bürgerlich repräsentative Festlichkeit waren seinerzeit nicht nur zu teuer, sondern obendrein im Theater Nachkriegsdeutschlands als spießig verpönt.

 

Nun ja, wir sind froh, dass es dieses Theater überhaupt noch gibt, was wohl hauptsächlich der Theaterfamilie Woelffer zu verdanken ist. Und einer protestierenden Öffentlichkeit; ansonsten wäre das Haus wohl längst schon platt gemacht worden durch unselige Bauspekulanten und Immobilienhaie. Trotzdem, die Sache ist noch nicht ausgestanden. Umso schöner, dass zur 90-Jahrfeier der Komödie unser Noch-Regierender Bürgermeister, sein Kulturstaatssekretär sowie der Dorfschulze vom Kudamm alias Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, dass die drei sich jetzt in aller Öffentlichkeit stark machten für den Erhalt beider (!) Kudamm-Bühnen. Ihre deutlichen Worte in der Investoren Ohren, die gegenwärtig so verdächtig im Geheimen operieren.

 

Theaterdirektor Martin Woelffer, Bewahrer des großen Familienerbes und der gleichfalls großartigen Theatertradition, Woelffer freilich mahnte in seiner kleinen feinen Festrede diskret an, dass die staatliche Beihilfe verdoppelt werden müsse, um schwarze Zahlen schreiben zu können; und das trotz der höchsten Zuschauerzahl aller Berlin Sprech-Bühnen. Dabei weiß jedermann: Ein hochwertiger Hauptstadt-Repertoire-Theaterbetrieb (ein minderwertiger hat ohnehin keine Überlebenschance) läuft nicht ohne solide Subventionierung, erst recht, wenn Konkurrenten ein staatlich vergleichsweise enorm gestütztes Ticketpreis-Dumping haben. Eine Ungerechtigkeit, mit der die Kulturverwaltung sich endlich jenseits aller Sonntagsrederei auseinandersetzen zu hat. Herr Renner, bitte übernehmen Sie! So viel zur künstlerisch alles in allem höchst erfolgreichen, pekuniär und hinsichtlich der grundsätzlichen Existenz jedoch nach wie vor höchst prekären Lage.

 

Nach Prosecco, Gratulationen und Jubel für den Jubilar die Premiere einer Wideraufnahme: Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen in Folke Brabands so flott wie präzise und pointensicher hingeworfenen Inszenierung von David Greigs musikalisch gewürzter Komödie (Felix Huber an den Instrumenten) „Eine Sommernacht“ . Da geht die Post ab in dieser verrückten Beziehungskiste. Die hat Witz, macht Sinn und gibt Futter für die beiden Protagonisten, die langen denn auch kräftig zu. Ei freilich, man hätte sich noch ein bisschen mehr Musik, mehr Songs gewünscht (statt der obligaten Pause). Und, halten zu Gnaden, etwas mehr Intensität von Tanja Wedhorn; doch das kann ja noch werden. So machte Oliver Mommsen das Rennen. Zum Schluss tobte das begeisterte Publikum. Und feierte bis nach Mitternacht bei Häppchen von Kempinski und Freibier, gereicht vom langjährigen und umsichtigen gastronomischen Faktotum Kazem Mahmoud. Danke! Und für alle bei Woelffers: Weiter so! Auf zum Jahrhundert-Jubiläum!

Große Ehrung für Jürgen Holtz -

Die Nation kennt ihn aus dem Fernsehen als unverschämten Wessi-„Motzki“ mit verhasster Ost-Verwandtschaft. Die satirische Serie mit letztlich gesamtdeutschem Mega-Genörgel war Kult der 1990er Jahre. Da ist Jürgen Holtz für Theatergänger längst schon ein Begriff. Denn der 1932 in Berlin geborene Schauspieler zählt zu den ganz Großen seiner Zunft. Jetzt wurde er für seine Lebensleistung mit dem Konrad-Wolf-Preis für darstellende Kunst geehrt (5000 Euro), den die Akademie der Künste alljährlich vergibt auf Beschluss einer Jury, der diesmal Jutta Hoffmann, Jutta Wachowiak und Ulrich Matthes angehören. Der Preis, benannt nach dem bedeutenden DDR-Filmregisseur („Solo Sunny“), wurde 1986 gestiftet ausgerechnet von jenem untergegangenen Staat, an den der Geehrte anfangs so übergroße und alsbald bitter enttäuschte Hoffnungen band und der ihn mit seinem Ungeist derart quälte, dass er diesen „elenden Kleingartenverein“ wutentbrannt verließ das Wort „Staat“ kommt ihm dabei nicht über die Lippen.

 

Zu Beginn des Festakts im Saal der Akademie am Hanseatenweg gab es das wunderbare, von saftigem Sarkasmus, feinem Humor (und Selbstironie), von scharfer Polemik und buchenswerter Weisheit durchzogene Filmporträt von Jürgen Knauf „Holtz. Gespräche um nichts und alles“. Es zeigt den grantlerischen Großkönner mit den entsetzt aufgerissenen Augen, dem scheinbar alles durchdringenden und hinterfragenden Blick und den traurig hängenden Wangen (keine Heldenstatur!) auf seiner Datsche tief im Mecklenburgischen am See, in dem er sommers frohgemut und ohne Badehose planscht. Daneben plaudert er anekdotisch (von Adolf Dresen, Jürgen Gosch, Einar Schleef bis Robert Wilson), offenbart sich überraschend als großartiger Freizeitmaler (die Akademie muss eine Ausstellung machen), vollführt ein locker minimalistisches Tänzchen nach Beethoven-Musik (Tanzen, Singen, Lachen als das schwere Gemüt und die Schmerzen der morschen Knochen lindernde Therapie) und schließlich polemisiert er mit spitzer Zunge gegen Stanislawski und jedweden Sozialnaturalismus sowie gegen programmatisch zweckbestimmte Arbeit auf der Bühne. Sein Motto: Raus aus der Darstellerei und Verstellerei und rein ins erfindungsreiche, herrliche Spielen, ins gelöst frei sich Fallenlassen, freilich ohne sich dabei jenseits des Textes zu verlieren. Schön schwierige Sache, doch, so seine unumstössliche Meinung, der einzige Weg zur Kunst wahrhafter Menschendarstellung. Holtz kann’s!

 

Dann Übergabe der Preis-Urkunde nebst Blümchen und Liebeserklärung durch Matthes. Dann umarmen ihn (auch rhetorisch) die beiden Jury-Juttas. Dann legt Holtz den schwarzen Gehstock beiseite, sucht die Brille („ich hätte Euch gern gesehen unten im Saal“) und legt los mit seiner Danksagung. Es wird eine Brandrede gegen eine Gesellschaft, die ihren Kulturetat gegen den Sozialetat ausspiele („Die Ideologie kompletter Staatsversorgung aufgeben!“), die sich an der „Quotenpornografie“ ergötze und das Theater als Mittel zwischenmenschlicher, gemeinschaftsstiftender Verständigung ignoriere und gedankenlos kaputt spare. „Eine solche Gesellschaft hat keinen Trost, alles wird zum Objekt, eine ungeheuerliche Grausamkeit.“

 

Das ging vornehmlich gegen die Politik, deren (zuständige) Protagonisten dieser lockeren, dabei ziemlich politischen Veranstaltung geflissentlich fern blieben – sie hätten da einiges lernen können. Nämlich, was es mit dem immerhin uralten Menschenspiel „Kunst“ oder eben „Theater“ grundsätzlich auf sich hat. „O, diese beängstigenden Vergesslichkeiten“, stöhnt Holtz. Schon allein deshalb habe er jedwedes Vertrauen auf unsere amtlichen Eliten verloren.

 

Dann aber noch, Dialektik, Holtzens Schwierigkeiten mit seinen Kollegen und dem Gegenwartstheater, das fest gefahren sei in fataler Ignoranz des Publikums und stattdessen gern die durch Medien als wichtig gefeierten „Events“ pflege. Das geht gegen das platt Spektakuläre oder abgehoben Unkapierbare, diese Sackgassen, in denen sich das Publikum letztlich verliere, von denen es sich womöglich gar angewidert abwende. Düstere Aussichten.

 

Dennoch Holtz‘ Trotzdem. Sein unerschütterliches Bekenntnis: „Das Theater ist nicht tot zu kriegen!“ Womöglich müsse es sich neu suchen und erfinden als das, was es eigentlich sei, nämlich „ein Ort magischer Verlebendigung der Toten und der Worte der Dichter“. Stehende Ovationen für einen großen alten Herrn des Theaters, der – „das Ende mag nahe sein“ – nur zu gut weiß, wie es weiter gehen könnte mit diesem so wundersam kunstvollen, so erhellenden wie irritierenden Spiel, das Schauspieler auf der Bühne zu entfesseln vermögen. Dort nämlich verschenkten sie, so sein schönes Schlusswort, alle Mut machenden Herrlichkeiten des Lebens. Doch ließen sie auch nicht locker mit dem Unheimlichen, dem Schlimmen und Bösen unseres Daseins. Auf dass der Zuschauer vor sich selbst erschrecke.