0

Kulturvolk Blog Nr. 99

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

6. Oktober 2014

Berliner Ensemble 1 -


Ein berühmtes Fragment eines weltberühmten Autors: Claus Peymann inszenierte Franz Kafkas 1914 vor Beginn des Ersten Weltkriegs begonnenen Roman „Der Prozess“, der unvollendet erst 1925 erschien, also ein Jahr nach dem Tod des Autors. Die Dramaturgin Jutta Ferbers erstellte höchst geschickt eine Kompaktfassung (neuer Titel „Kafkas Prozess“). Sie umfasst „etwa 23 Prozent“ des Originals; prima für Lesefaule. So bekommt man in entspannter Kurzfassung die ominöse Geschichte des Prokuristen Josef K. präsentiert, der aus unerfindlichen Gründen an seinem 30. Geburtstag verhaftet wird, ohne zu erfahren warum. Er gerät auf aberwitzige Art ins bürokratische Räderwerk einer total undurchsichtigen Justiz – imaginäre Mächte halten ihn gefangen, bedrohen den Hilflosen, bringen sein ganzes Dasein unbegreiflich durcheinander und entfesseln Angst und Panik.

 

 

Kafkas tragisch-fantastisches Denkspiel einer absurden Fremdbestimmung illustriert nun Peymann umsichtig und buchhalterisch korrekt. Doch fehlen Schwung und Kühnheit; am Ende ist es nicht viel mehr als ein brav grotesker Comic. Die so bedrohliche Rätselhaftigkeit, mit der Josef so schwer geschlagen wird, das so unheimlich unheilvoll über ihn hereinbrechende unaufhaltsame Grauen, das alles bleibt unterbelichtet. Kurz gesagt: Das Kafkaeske kommt nicht wirklich zum Tragen. – Da hat sich Peymann bisher stramm geweigert, die Mode der Romanadaptionen mitzumachen. Nun tut er es zum ersten Mal – und scheitert auf sagen wir gepflegt theaternde Art.

Berliner Ensemble 2 -

Das Pferd hat sich’s doch noch anders überlegt. Es polterte nämlich nicht brav über die Bühne zur Premiere von Leander Haußmanns „Woyzeck“ - Inszenierung. Bei einer öffentlichen Probe gehörte der Auftritt des schönen, gutmütigen und vor allem lebendigen Tieres (Filmtierschule Brüggemann) noch zum zirzensischen wie transzendenten Teil des Abends. Aber ich ahnte schon damals, eine Woche vor der schließlich Beifall umtosten Premiere, das Pferd wird gestrichen werden. So geschah es denn, und der Regisseur tat gut daran.

 

Wie schon bei Shakespeares „Hamlet“ zielt Haußmann auch bei Büchners „Woyzeck“ in Richtung große Oper (genauer: Popmusik-Oper). Und das kann er grandios! Und bleibt dabei immer dicht dran am Geist des Autors. Doch die Hauptrolle ist diesmal nicht der arme, angekränkelte, schwermütig und am Rande zur Verrücktheit taumelnde Füsilier Woyzeck (großartig: Peter Miklusz), der seiner drallen, lebensgierigen Marie (Johanna Griebel) unehelich ein Kind macht, die Hauptrolle in diesem Woyzeck- (End-)Spiel gibt eine Kompanie von drei Dutzend Soldaten. Die marschieren martialisch auf – die uniformierte, manipulierte, so verängstigte wie nach Brutalität dürstende Masse Mensch. Darin eingebettet das Eifersuchtsdrama (oder auch: die Liebestragödie) Woyzeck-Marie: Der einzelne leidend unter der gewaltsam dröhnenden Menge, unter der Macht unentrinnbarer Zwänge. Das ist, suggestiv überzeugend, Georg Büchner. Ist auch im vielsagend Musikalischen tolles Überwältigungstheater, meisterlich gemacht.

 

Doch freilich, die Regie will auch das Transzendente, das Büchner eigen. Und da schwächelt Haußmann. Zwar gelingen ihm feine, romantisch zarte, auch geheimnisvoll entrückte Momente, anderes hingegen wirkt aufgesetzt, ja albern. Sonderlich das surreal wabernde Finale der beim Autor immerhin ganz groß poetisch gedachten, Samuel Beckett vorausnehmenden menschheitlichen Weltverlorenheit, dieser Schluss bleibt blass.

 

Dennoch und alles in allem: Ein wuchtiger Abend mit Georg Büchner – im Gegensatz zu dem mit Franz Kafka von Claus Peymann, der offensichtlich Leander Haußmann zum Nachfolger für sein Haus heranzieht. Er könnte es können.

Maxim-Gorki-Theater -

„Erotic Crisis“. schmeißt sich ziemlich direkt ran an Teenies und auch ein bisschen an Twens. Für Männleins und Weibleins, die da so ihre frühen Probleme haben zusammen im Bett. Und die durch Internet und Pornos konditioniert sind aufs absolut Tolle, auf Mega-Orgasmen. Was nicht immer, meist überhaupt nicht so klappt, wie man sich das selig erregt erträumt in Jungmänner- und Jungmädchen-Stuben.

 

Die höchst erfolgreiche, also total angesagte, aber auch sehr erfahrene Regisseurin Yale Ronen hat journalistisch recherchiert und Aussagen von jungen Leuten der verschiedensten Art zusammen getragen. Und daraus einen Theaterabend gekeltert.

 

Soweit sehr löblich, aufklärerisch, pädagogisch hilfreich! Ganz im Geiste von Beate Uhse. Wir lernen Altbekanntes: Alles ist möglich, alles darf, wenn’s denn gefällt. Nichts muss. Das wird rhetorisch exzessiv, aber auch anschaulich gymnastisch demonstriert. Wir sind schließlich im Theater, nicht im Pornoladen. Das gelenkige und eloquente Ensemble rackert redlich sich ab bei entsprechend griffiger musikalischer Untermalung. Lehrreich für eher unerfahrene Semester. Für Leute jenseits davon immerhin amüsant.

 

Was nervt, sind die länglichen Redereien um den rechten Sex und die dazu passende Gemüts- und Geistesverfassung in englischer Sprache. Da glotzen die höchst interessierten vielen jungen Leute im Parkett immerzu auf die Tafeln oben links und rechts der Bühne mit der Übersetzung ins Deutsche. Die Mehrheit im Parkett ist also des Englischen so perfekt wie vorausgesetzt nicht mächtig. Das lenkt nun immer wieder ab vom immerhin bravourös Schauspielerischen. Verdirbt immer wieder die Laune am Zuschauen. Man sollte es lassen. Ansonsten: Eine prima ethisch-moralische, sozial- wie sexualkundliche Lehrstunde.

 

(wieder am 8.,10., 14. Oktober)

Komödie am Kurfürstendamm -

Man kennt das, ein seit langem angestauter Frust muss endlich raus. Eine Misslichkeit, die anfallartig auch die Hausfrau Laurence überkommt. Ausgerechnet in dem Augenblick, als ihr Ehemann Pierre zusammen mit ihr zu seinem besten Freund und Anwaltskollegen zu Tisch gebeten ist. Eine seit langem geplante Einladung zum Abendessen unter altgedienten Ehepaaren. Ungeduldig klimpert Pierre mit den Autoschlüsseln. Er will pünktlich sein, doch Laurence bockt. Sie wolle nicht, könne nicht, in ihr tobe O Gott! eine Lebenskrise. Sie brauche dringend Hilfe und müsse darüber reden mit ihrem Mann. Jetzt, in diesem Moment.

 

Eine verrückte Ausgangssituation, die sich der französische Boulevard-Vielschreiber Gérald Sibleyras da ausgedacht hat für seine Konversationskomödie „Anderthalb Stunden zu spät“. Regisseur Herbert Herrmann brachte sie jetzt zur deutschsprachigen Erstaufführung an den Kudamm.

 

Also kein Futtern, sondern Reden über die Seelenqualen von Laurence: Sie werde alt (mit ihren knapp 50 Jahren), sie sei allein (die drei Kinder sind aus dem Haus), sie stehe voller Angst vor einem „gewaltigen Abgrund“. In dem gähnten Leere, Furcht vor dem Alter, vor dem Nicht-mehr-gebraucht-werden, vor dem Überflüssig sein und obendrein vor dem Tod. Gewaltige Ansage!

Dass solch ein apokalyptischer Moment, in dem man meint, alles sei sinnlos, das bisherige Leben und die ganze Welt dazu, dass eine derartige Totaldepression einer total wohlstandsgesättigten Anwaltsgattin just vor einer kulinarischen Abendveranstaltung ausbricht, ist geradezu ungeheuerlich. Oder ein eben arg konstruierter, aber neugierig machender Einstieg in einen Diskurs über die einfachsten, komplizierteren sowie letzten Dinge des Ehelebens sowie des Daseins überhaupt. Doch keine Bange, in 1,5 Stunden flottem Geplauder ist die Sinnkrise behoben, der ungeheure Abgrund zugeschüttet, das innere Gleichgewicht wieder hergestellt. Und man eilt mit entsprechender Verspätung zum Futtertrog.

 

Immerhin wurden zuvor ein paar Allerweltsweisheiten abgesondert, einige Einblicke gegeben in verpasste Lebensmöglichkeiten und kuriose Eheprobleme, garniert mit bisschen Schmollen einer bestens betuchten Hausfrau und Mutter am High-Tech-Herd. Keine Sekunde glaubt man diesem salonschlangenhaften Luxuspüppchen (Nora von Collande) seine daher gesülzte Not. Erst recht nicht, wenn es – prima versorgt mit einfühlsamem Gatten, Gesundheit, Enkel und Hausangestellten – vor einer Staffelei turnt und mit kostspieligen Farben kindische Stricheleien kritzelt: Aha, Kreativität im letzten Lebensdrittel! Ihrem Gemahl (Herbert Herrmann) bleibt da bloß, zwischen freundlicher Verwunderung und gemäßigtem Sarkasmus zu wanken. Und als Regisseur dafür zu sorgen, dass es keine peinlichen Löcher gibt im Geplänkel.

Zuweilen freilich denkt man, das Herumleiden dieser Edeltussi sei vom Autor eigentlich komisch, kabarettistisch oder grotesk gemeint und sollte womöglich gar zur großen Farce aufsteigen, womit die 1,5 Stunden gerettet wären. Doch nein. Alles in der edel weiß getünchten Guten Stube des saturierten Mittelstandspaares, die vollgestopft ist mit grellfarbigen Ruhekissen (Bühne: Anja Wegener), alles hier hängt hübsch im Rahmen einer neckisch bunten Kissenwerferei.

 

(en suite bis 14. November)