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Kulturvolk Blog Nr. 90

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

10. Juni 2014

Freuen Sie sich auf einen super Shakespeare-Sommer im Freien! -


Amphitheater im Monbijoupark

Sie machen gute Laune. Sie machen intelligent gute Laune, sie machen supergute Kunst, sie machen hauptstädtisches Volkstheater. Sie sind ihr Geld wert, sie verdienen jedwede finanzielle Stützung, sie passen haargenau in die Mitte von Berlin zwischen Bode-Museum, dampfender Touri-Meile Oranienburger sowie – die Investoren dürfen sich gratulieren! - dem gegenwärtig luxuriös sanierten Areal um die ehemalige Hauptpost, die Charité-Kliniken und das Postfuhramt.

 

Ich feiere hier nun schon zum wiederholten Mal das Ex-Hexenkessel-Hoftheater, das nunmehr unter Monbijoutheater firmiert, weil es am lieblichen Monbijoupark steht, der an sonnigen Sonntagen überquillt vor Müll, weil die BSR frei nimmt oder die Leute ihren Dreck nicht mitnehmen. Und mit erholsamem Blick auf die Spree, wo die vielen Schiffe sich gegenseitig das Wasser wegnehmen, so ein Verkehr herrscht; da gibt’s was zu gucken.

 

Doch das „Monbi“ ist nicht allein ein die breit gefächerte Menge immer wieder begeisterndes Sommertheater, sondern vielmehr ein charmantes Sommerkulturzentrum mit toller italienischer Gastronomie (kommt vom Traditionslokal Clärchens Ballhaus), mit Strandbar (es war die erste der Stadt, seit 2002, sozusagen die Mutter der Berliner Strandbars), mit Tanzdiele (gleichfalls betreut vom „Clärchen“), mit Konzertprogramm und – auf den Brücken der Spree – mobilem kleinem Straßentheater sowie neuerdings wieder mit dem Theaterschiff „Marie“. Tolle Sache! Allein schon das alles zusammen ist ein formidables sommerliches Gesamtkunstwerk. Und im Winter, dies nebenbei, wird unser „Monbi“ zur Märchenhütte – mit witzig vertheaterten Kinderträumen für alle Altersklassen.

Das erfindungsreiche Unternehmen begann ganz, ganz klein vor 20 Jahren als „Hexenkessel“ im Hinterhof Schönhauser Alle 177 b in Prenzlauer Berg. Dort wurde es alsbald rausgeworfen, zog nach Mitte-Monjibou (S-Bahn Oranienburger Tor), erfand sich immer wieder ziemlich neu – allein schon durch die Installation des hölzernen Amphitheaters (vier Inszenierungen pro Saison, pro Abend werden zwei gezeigt, mit weit mehr als 100 Vorstellungen und erwarteten 100 000 Zuschauern im Jahr). Eine sagenhafte Erfolgsgeschichte. Am 27. Juni, das sei angemerkt, steigt die Geburtstags-Gala des Schatzkästleins zum Zwanzigjährigen.

Saisoneröffnungs-Premiere „Wie es euch gefällt “, eine der großen wundersamen Komödien von William Shakespeare. Zwei Gitarristen-Virtuosen zupfen Klassisches, modern eingefärbt, der Pizzabäcker hat schweißtreibend zu tun, ebenso die Eisverkäuferin. Die Strandbar ist proppenvoll, man tanzt Tango, man hört Sprachen aus aller Welt und Dialekte aus ganz Deutschland. – Und der Mond lugt ins Amphitheater. Auf der Bühne ein Sammelsurium von Leitern – Shakespeares Wald von Arden, sein Fantasiegehölz, in dem schwer melancholische Narren ihre philosophischen Späße treiben unter dem Schlachtruf: „Die ganze Welt ist Bühne!“. Und nebenbei wird im Dickicht der Leitern eine bunte Truppe dorthin verirrter Menschenkinder irre am höllischen Verwirrspiel der Himmelsmacht Liebe. Sie schwitzen vor Eifersucht und Verzweiflung, schmachten vor Glückssehnsucht. Und sie alle, all die Herzwunden, Sinnsucher, Träumer, Aus- und Umsteiger, diese Herzöge, Diener, Edelleute, Bauern, Schäfer, sie alle machen das hinreißend: Komisch zum Schenkelklopfen, traurig zum Heulen, albern, verführerisch, tolpatschig, akrobatisch, dämlich, gerissen, blödelnd und sexy.

 

Witzelt der Narr: „Woran erkennt man das Fahrrad eines Schauspielers? Die Lampe ist auf den Fahrer gerichtet.“ – „Geht ein Schauspieler zum Arzt, der sagt, er habe noch drei Monate zu leben. Schreit der Patient: Und wovon?“

Shakespeare als kunstvoll-turbulentes Volkstheater auf dem Sommernachts-Brettl neben der Spree unter der Riesenpappel in der klug ausgetüftelten Regie von Sarah Kohrs. Sieht man so oft nicht, auch nicht im millionenschwer subventionierten Hauptstadt-Staatstheaterbetrieb, mal abgesehen von der Schaubühne mit ihrer verwegenen Shakespeare-Produktion „Was ihr wollt“.

 

Das „Monbi“ also ganz auf der (gewohnten) Höhe seiner feinen, fein saftigen, fein geistreichen Kunst. Bravo! Hingehen! Es ist ein herrlich zauberischer Abend, mit Feuerwerk und Luftschlangen zum Happyend der chaotisch Shakespeareschen Hormonausschüttungen. „Die ganze Welt ist eine Bühne. Und alle Frauen, alle Männer sind bloß Spieler…“

Ach ja, da gibt es noch die amtliche Ansage der Direktion: „Je dicker die Kostüme, desto heißer der Sommer.“ Und: „Sollte es so sehr regnen, dass die Zuschauer nicht bleiben können, erzählen die Schauspieler das Stück im Schnelldurchlauf.“ (Den ganzen Sommer über, ab dem 22. Juni kommt der „Sommernachtstraum“ hinzu. Und im Juli gibt es auf dem Theaterschiff „Marie“ im Kupfergraben vor dem Berliner Stadtschloss „La Mandragola“ nach Machiavelli.)

Shakespeare Company Berlin -

Die verehrten lieben Kollegen im Naturpark Schöneberger Südgelände, dem aufwändig für Kunst- und Erholungsbetrieb hergerichteten Rangierbahnhof Tempelhof, die feiern heuer ihr 15-jähriges Jubiläum. Selbstredend mit voller Pulle William. Ich habe leider, aus Zeitgründen, nur CDs gesehen. Und darf sagen: Auch die Schöneberger treiben es ganz toll. Im letzten Jahr sah ich (live) „Richard III.“ als furiose Ein-Mann-Show (s. Spiral-BLOCK 47

), als rasenden Comic, atemlos auf- und hin geblättert von Andreas Petri als virtuosem Pantomimen und stimmstarkem Rhetoriker. Ist auch in dieser Saison wieder im Schöneberger Programm (10. - 19. Juli). Hinzu kommen noch „Romeo und Julia“ (10. - 15., 24. - 26. Juni), „Die Zähmung der Widerspenstigen“ (17. - 21. Juni) und „Ein Sommernachtstraum“ (1. - 5. Juli).

 

Die Stimmung in Schöneberg ist womöglich etwas verwunschener, weil entlegener, stiller und dunkler gelegen im botanischen Wildwuchs. Dort strahlen die Sterne am Firmament vielleicht ein kleines Quantum heller als in Mitte. Aber immer auch ist es eine gekonnte, mitreißende Feier Willis, der hierzulande wohl vielen schon als deutscher Autor gilt.

 

In Berlin kann man also die kommenden lauen Abende mit vielen ganz und gar unterschiedlichen, dabei exzellenten Shakespeare-Inszenierungen an der frischen Luft genießen. So wird Berlin im Sommer – wie es Ihnen gefällt - zur deutschen Shakespeare-Hauptstadt. Is doch wat!

Büchertipp -

Für den Liegestuhl im Schatten und im Hinblick auf die nicht allein in Berlin tobenden Shakespeare-Sommerspektakel: Der sehr handliche, bestens lesbare, also populär gemachte Einstieg in den Kosmos des großen Elisabethaners ist der 600-Seiten-Wälzer „Shakespeares Welt“ von Isaac Asimov. Da steht alles ordentlich drin, was man wissen muss, um den Riesen Shakespeare sagen wir einigermaßen zu verstehen. Dazu die fein anschauliche Auflistung der historischen, mythologischen und literarischen Bezüge von Williams wichtigsten Werken.

 

Asimow ist studierter Biochemiker und erfolgreicher Sachbuchautor, richtig berühmt und höchst geehrt wurde er jedoch erstaunlicherweise als Science-Fiction-Autor; bezüglich Shakespeare ist der Mann, geboren 1920 in Russland, gestorben 1992 in New York, also ein Seiteneinsteiger – und die können bekanntlich meist trefflicher und amüsanter erzählen als die (frech gesagt) hoch gelehrten Fachidioten.

 

Im Alexander Verlag Berlin, 34,90 Euro; zwar nicht eben billig, aber reichhaltig.