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Kulturvolk Blog Nr. 85

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

5. Mai 2014

Theatertreffen Berlin


„Was mich an der Geschichte interessiert, ist das Feuer, nicht die Asche. Ich wäre froh, wenn ‚Zement‘ begriffen würde als ein Beitrag gegen die politische Weltverschmutzung durch antisowjetische Propaganda.“ So schrieb Heiner Müller über sein Stück „Zement“ nach Motiven des gleichnamigen Romans von Fjodor Gladkow über das Pathos und die Not der Sowjetrevolution, erschienen 1926.

 

Der Müllersche Satz richtete sich wohl vor allem an die Genossen der sozialistischen Einheitspartei und ihre Zensur, um die Uraufführung von „Zement“ am 12. Oktober 1973 im Berliner Ensemble (Regie: Ruth Berghaus, Musik: Paul Dessau) nicht zu gefährden. Denn „Zement“ erzählt zwar auch vom utopisch-revolutionären Leuchten (keine Sklaven, keine Herren), doch noch sehr viel mehr von dessen frühem Verlöschen. Müllers tatsächliches Interesse galt der Asche, kaum dem Feuer (weshalb Manfred Wekwerth prompt das Stück mit deutlich entgegengesetzten Intentionen fürs DDR-Fernsehen verfilmte). Wobei Müller die tragische Geschichte Gladkows vom grausam scheiternden Aufbau einer „neuen“ Gesellschaft unter den Sowjets archaisch-mythologisch überwölbt und gleich setzt mit dem Kampf des Prometheus oder des Herakles mit der Hydra.

Just vor einem Jahr, am 5. Mai 2013, hatte Dimiter Gotscheffs „Zement“-Inszenierung am Residenz-Theater München Premiere. Sie eröffnete jetzt das 51. Theatertreffen (bis 18. Mai); ein starker, universalgeschichtlich kontaminierter Auftakt – die Tragödie des Menschen zwischen Weltverbesserungssehnsucht und blutgetränkter Vergeblichkeit, die Geschichte zum besseren zu wenden.

Focus Gotscheff:

 

Verbunden mit der Einladung dieser Produktion ist eine Würdigung des Lebenswerks des vor kurzem verstorbenen Regisseurs Dimiter Gotscheff. In Berlin stehen noch drei (im Vergleich zu München deutlich besseren) Arbeiten von ihm in den Spielplänen: Im Deutschen Theater „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Arogonauten / Mommsens Block“ von Heiner Müller sowie „Die Perser“ von Aischylos (wieder am 9. Mai und am 17. Juni); und in der Volksbühne „Iwanow“, heute (!), am 5. Mai.

Volksbühne-Gotscheff-Tschechow:

 

Vehement herzzerreißend und zugleich großartig sinnfällig diese Tschechow-Inszenierung mit Samuel Finzi als Iwanow, als immerfort selbstmitleidend am Bart zupfender Schwerenöter wider Willen, an dem sich alle kaputt reiben. Dieser unvergessliche Abend beschwor einen derart traurigen und doch vertrackt komischen Reigen an Kraftlosigkeit leidender Menschen, die – unglaublich faszinierende Idee! unentwegt und je nach Gefühlslage durch mal lichte, mal dichte Nebelschwaden über die ansonsten leere Bühne geistern. Dazu der süß raunende Sound des Leichenhaus-Evergreen „It’s time to say goodbye“, ohne dass es je banal wird. Ohne dass die aufs Wesentliche komprimierte Story, also die Erdung ans Konkrete aufgehoben wird und sich alles verliert in wohlfeiler Tschechow-Träumerei. Der Regisseur Dimiter Gotscheff als schmerzlicher Menschenseelenkenner.

Fragwürdigkeiten:

 

Soviel zur Eröffnung des Festivals, dessen von zahlreichen Extras umrahmter Kern zehn so genannte „bemerkenswerte“ Schauspiel-Produktionen aus den drei deutschsprachigen Ländern präsentiert. Eine siebenköpfige Jury sah weit über hundert Inszenierungen in 71 Städten, aber nur aus fünf kamen die zehn eingeladenen Produktionen – und die befinden sich, geographisch gesehen, überwiegend im Süden (München, Zürich, Stuttgart, Wien), was an den finanziell dort deutlich besser gestellten Theatern liege, meint die Jury. Das provoziert die fragwürdige These: Produziert allein reiches Theater auch gutes Theater?

Wie dem auch sei, die Festivalleitung (Festspiel-Intendant Thomas Oberender) lobte heftig die Jury-Entscheidungen; ihn erfreute sonderlich, dass dabei die vehement um sich greifenden „performativen und installativen“ Theaterformen als Zeugnis ihrer akuten Gegenwartsbezüglichkeit berücksichtigt worden sind. Was wiederum die ketzerische Frage aufwirft, ob diese sagen wir allgemein „postdramatischen“ Formen nicht das Kerngeschäft des Theaters ausdünnen: nämlich das Dramatische, also die wirklich packend, also ziemlich linear und durch deutlich profilierte Figuren erzählte Story?

Der Berliner Dramatiker Moritz Rinke sagte es kürzlich so: „Buchverlage drucken ja eher Theaterstücke, die sie für wirklich literaturfähig, erzählend und figurenstark halten, und Regisseure fürchten sich eher vor solchen Stücken, die schon in der Fantasie des Lesers wie ein erzählender Theaterabend funktionieren.“ Die also, um Rinkes Gedanken fortzusetzen, den Autorentext zur Materialmasse umdefinieren, um mit loderndem Ehrgeiz etwas ganz, ganz anderes und besseres zu machen als der völlig uncoole Autor. Das Literarisch-Erzählende wird also möglichst extrem verfremdet, man sagt im modischen Jargon „aufgebrochen“ und „performativ-installativ“ umgeformt. Was dann meist das mehrheitliche Verständnis der Sache verhindert. – So hechelt das Theater einem Zeitgeist hinterher, bis es keine Luft mehr kriegt.

Hinweise:

 

Da es kaum noch Karten gibt zum Theatertreffen, sei auf zwei 3Sat-TV-Übertragungen verwiesen: „Fegefeuer in Ingolstadt (Münchner Kammerspiele, Regie: die 3Sat-Preisträgerin Susanne Kennedy) am 10. Mai und „Onkel Wanja“ (Staatsschauspiel Stuttgart, Regie: Robert Borgmann, der auch schon am Berliner Gorki inszenierte) am 17. Mai, jeweils 20.15 Uhr.

Im Kino Babylon gibt es bei freiem Eintritt ab 18 Uhr bis weit nach Mitternacht die Lange 3Sat-Filmnacht. Und im Sony-Center flimmern drei Freiluft-Übertragungen: „Fegefeuer“ (9. Mai, 19 Uhr), „Zement“ (10. Mai, 16 Uhr) und „Wanja“ (11. Mai, 16 Uhr).

Berliner Ensemble

Das nicht zuletzt auch für seine großartigen Künstler-Ehrungen berühmte Theater am Schiffbauerdamm erinnerte gestern in einer Matinee an den vor zwei Monaten, am 4. März, mit 85 Jahren verstorbenen Regisseur Fritz Marquardt, auch er wie Gotscheff ein treuer Gefährte von Heiner Müller, mit dem BE seit Jahrzehnten eher lose, zuletzt aber (auch als Ko-Intendant) fest verbunden. Es gab die Lesung der 1965 geschriebenen, noch weithin unbekannten Erzählung „Dokument oder Widder im Dornbusch“; 1993 veröffentlicht in „Drucksache 3“ des BE. Auch dies, wie Müllers „Zement“, die tragisch und tödlich grundierte Geschichte einer frühen, erschütternden Desillusionierung bezüglich Revolution, Fortschrittspartei (SED), DDR-Sozialismus („Beschissmus“). Unter anderem lasen die beiden ganz und gar großartigen Schauspierinnen Corinna Harfouch und Walfriede Schmitt. In einem gezeigten Ausschnitt aus einem Porträtfilm von Volker Koepp sagt Marquardt mit bitter sarkastischem (oder insgeheim grinsendem?) Unterton den Satz, den wohl auch die Genossen im Geiste Müller und Gotscheff hätten sagen können: „Kommunismus ist für Intellektuelle eine sehr bequeme Religion.“

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