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Kulturvolk Blog Nr. 84

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

28. April 2014

Deutsches Theater


In ein völlig verarmtes Provinznest namens Güllen (wie Jauche) schickt Friedrich Dürrenmatt ein brutal herrisches und aberwitzig reiches Weib. Mit seinen Milliarden will es Güllen, die einstige Heimatstadt, sanieren. Bedingung: Die Güllener müssen ihren Mitbürger Alfred töten, die Lebensliebe der Alten. Denn Alfred hat, lang ist’s her, diese Liebe einer besseren Partie wegen auf kriminelle Art verraten – späte Rache einer schwer Gedemütigten, hämisch Davongejagten.

 

Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“, seine so „tragische“ wie lehrstückhafte Komödie von 1955 sahen wir zuletzt so heftig wie einigermaßen pässlich aktualisiert als sarkastische deutsche Wiedervereinigungs-Groteske im Schlagschatten von Mauer- und Stasi-Resten: Steinreicher Westkapitalismus knallt auf Ostverelendung.

Jetzt, unter Bastian Kraft, erst Mitte 30 und schon ein weithin gefeiertes Regie-Talent, jetzt sahen wir die „Alte Dame“ befreit von jedwedem historischen Naturalismus und abstrahiert ins Überzeitliche: Als pfiffiges Kabarett von der ewigen Allmacht des Goldes (oder Geldes), für das man so Heiliges wie Liebe verrät, für das man schuldig wird wie Alfred und seine Mitbürger, die ihn um des Wohlstands willen ermorden werden. Und für das man schließlich alles haben kann, wie die alte Dame Claire Zachanassian, die sich – Zahn um Zahn, Auge um Auge vermeintliche Gerechtigkeit erkauft. Dürrenmatts Story-Konstrukt, vom archaisch Allgemeinmenschlichen ins extrem Aberwitzige getrieben, ist derart allgültig, dass sich Aktualisierungen erübrigen. Der Regisseur hat also nicht unrecht, wenn er die „Alte Dame“ rein kabarettistisch macht. Und Güllen eine Art Cabinet des Dr. Caligari ist. Darin herrscht nun Rachegöttin Claire in gleich fünffacher Lieferung unterschiedlichen Alters: Die Damen Margit Bendokat, Olivia Gräser, Katharina Matz, Barbara Schnitzler und der Herr Helmut Mooshammer, gewandet in kostbar schwarz-weiß glitzernde Revue-Roben. Und natürlich mit verwegen frisierten Rothaar-Perücken auf kreideweiß geschminkten Köpfen. Und alle zwangsläufig ziemlich plakativ in dieser Maskerade, einer sehr wohl schlüssig verallgemeinernden Ansage: Denn die fünf Claires spielen zugleich die gesamte Güllener Bagage, die allmählich alle Skrupel beiseiteschiebt, der monetären Verführung verfällt und Alfred am Ende kollektiv abmurkst. Wir kapieren: In diesem bösen Spiel ist keiner der Gute!

Der geschickt choreographierte Wechsel der Rollen ermöglicht obendrein, dass jede der fünf Ladies ihren Intim-Auftritt haben kann in erotisch-sentimentaler Erinnerung als „Zauberhexe, Liebeskätzchen“ zusammen mit dem Noch-immer-Alt-Geliebten Alfred: Ulrich Matthes, schäbig seine Alltagskluft, führt in wachsender Todesangst ein Crescendo vor vom lieb verlogenen Biedermännchen hin zum echt bereuenden Schmerzensmann.

 

Und zwar in 90 Minuten. Das Eindampfen der Geschichte hat zur Folge, dass ihr sonst eher wuchtiges Kreisen um Gerechtigkeit, Schuld, Sühne und auch Moral nun ganz und gar ohne Wucht und demonstrativ idiotensicher passiert. Die Chose kommt rüber als cooler Comic der Verbrecher, was durchaus passt zum Autor: Schleppt doch ein jeder seinen Sack Schuld mit sich. Um es erträglicher zu machen und mehr oder weniger sinnig mit Zeitgeist zu versüßen, wird glamourös theatert. Mit von Thies Mynther dezent am Klavier beklimperten Ohrwürmern aus der Fabrik von Lady Gaga, dieser pompos furienhaften Göttin des Pops; womöglich einer Schwester im Geiste von Claire.

Dürrenmatt über sein Stück: Es sei eine Geschichte, geschrieben von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde.“ Dem entspricht durchaus die Inszenierung von Bastian Kraft. Der altehrwürdige Georg Hensel schrieb, lang ist’s her, über „dieses Meisterwerk aus Lehre und Leben“, es stoße „mit einem Gewissensschock“ über die Rampe. Das mit dem Meisterstück sei dahin gestellt. Das mit der Lehre hat die elegant dahingleitende Regie glatt gepackt. Und das Leben bei aller artifiziellen Vermischung von Glitzershow und Makaber-Kabarett-Überbrettel irgendwie halt auch. Doch das mit dem „Gewissensschock“ aber überhaupt nicht. Oder hat sich Derartiges inzwischen erledigt? (wieder 29. April, 6., 11., 30. Mai)

Kammerspiele des Deutschen Theaters

Hier gleich nochmal DT, aber es muss sein. Es muss laut in die Welt hinaus getrötet werden, dass ich endlich mal wieder zwei rundum glücklich machende Stunden hatte in diesem Theater, das einem doch sehr am Herze hängt, selbst wenn dort allzu oft die Kunst so schief liegt. Doch diesmal ist alles gut und schön, verrückt und klar, lachhaft und traurig und im Kleinen sehr groß. Ich rede von Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“, den Robert Koall so trefflich dramatisiert und Alexander Riemenschneider mit wunderbar fantasievoller Leichtigkeit inszeniert hat. Zwei Achtklässler klauen ein Auto und rasen los nach Irgendwo ins Abenteuer. Nach ein paar Tagen schon der große Knall, Unfall, Ende, aus. Doch in den paar Tagen haben die Jungs schon beinah alles erlebt, erfühlt und begriffen, was man im Leben begreifen und erfühlen kann. Ein fantastischer Schnelldurchlauf. Zum Heulen komisch, aber total ernst und voll cool. So wie die beiden Schauspieler Sven Fricke und Thorsten Hierse. Tolles Theater, das begeistert, aber auch wehmütig macht (und immer ausverkauft ist). Also auf in die Schlacht um Karten! Sofort! (leider erst wieder am 28. Mai)

Volksbühne

Auf der Eintrittskarte steht „Balzac / Wuttke Trompe L'amour“. Aha, der große Franzose und, aha, der große Deutsche. Ziemlich werbewirksam: Der berühmte Romancier und der berühmte Schauspieler, hier obendrein noch als Autor und Regisseur antretend. Um sich des rastlosen Vielschreibers Riesen-Roman, das monumentale Gesellschaftspanorama „Glanz und Elend der Kurtisanen“, vorzunehmen. Was dabei herauskam, ist etwa so, als hätte Martin Wuttke ein paar der vielhundert „Kurtisanen“-Seiten heraus gerissen und in die Luft geschmissen: Eine verflatterte Kleinigkeit.

Nun also schon zum dritten Mal ein Volksbühnenabend „nach“ Honoré de Balzac. Vor einem Jahr, da nahm sich Renè Pollesch bereits der „Kurtisanen“ an. Schnappte sich ein paar Balzac-Sentenzen und verkochte sie mit reichlich Eigen-Text zu einem Diskurs über Sein und Schein, Fiktion und Authentizität, über lustvolles Einfühlung- und zwanghaft ironisches Verfremdungs- oder Dekonstruktionstheater. Wobei das nicht unwitzige Theoretisieren zum furiosen Pingpong wurde zwischen den beiden Superstars Wuttke und Birgit Minichmayr.

Erst ein Vierteljahr ist es her, als Frank Castorf aus Balzacs weiträumiger Familiensaga „La Cousine Bette“ eine exzessiv aufgedrehte, mit Hintersinn gespickte und irrwitzig ins Groteske gedonnerte Fünfstunden-Soap machte; mit dem geballten Können seiner herrlich triumphierenden Spielerfamilie und also mit beträchtlichem Unterhaltungswert. Und jetzt nun nochmals die „Kurtisanen“, zwar mit deutlich mehr Balzac-Sätzen als weiland Pollesch, doch ohne dessen Hinzu-Erfindungen. Dafür deutlich kürzer als Meister Castorf: Wuttke ist in knapp zwei Stunden fertig.

Doch seine Balzac-Fledderei bleibt fad, aus den verschnippelten Szenchen lässt sich kein Sinn basteln. Ja schon, wir kapieren ganz allgemein: Es geht um Geld, Geld, Geld. Um Schulden, Raffgier, um die Ware Liebe sowie die wahre Liebe, um Frauenstellung und Männermacht, um Verbrechen, Verblendung, Verblödung, Wollust, Krankheit, Selbstmord. Aber alles nur vage angetippt. Der Geschlechterkampf und -krampf als verwirrt verbale Erregung, als albern-ironische Chaos-Klamotte. Ohne Plot, ohne erkennbare Figuren. Alles läuft ins Leere. Ist aber aufgemotzt mit üppiger Ausstattung (Nina von Mechow): Da wird eine Biedermeier-Kutsche auf die Bühne gekarrt, werden Luxus-Boudoirs installiert und die Pariser Vergnügungshütte „Gaumont Palace“ via Fototapete hingestellt. Süffiger Sound dudelt, schicke Kostüme prunken. Und die Hälfte der Bla-Bla-Veranstaltung läuft über Video, um den pingeligen Naturalismus gehörig zu verfremden und Bedeutung zu suggerieren.

Balzacs reißerisch-melodramatische Menschenbilder, die er aus seiner „verderbten“ Daseins-Wirklichkeit zwischen 1838 bis 1846 filterte und packend komprimierte, werden unter Wuttkes Zurichtung zu blutleeren Karikaturen. Sieben Schauspieler rackern sich schweißtreibend daran ab als erregte Plappermaschinen. Man darf sich irgendwie einen Reim drauf machen. Aber nur „irgendwie“ (oder gar nicht). Und mit diesem Einkapseln im total Diffusen wird Theater nicht nur beliebig, sondern, noch schlimmer, hermetisch. Also unverständlich. Es ist sein Weg in die Selbstabschaffung.

 

Dass Regisseur Wuttke, angekündigt zugleich als Schauspieler, warum auch immer ausfiel, ist vielleicht schade, aber unerheblich. Auch er hätte seine Chose nicht retten können aus der so angestrengten wie aufwändig arrangierten Nichtigkeit. Immerhin bleibt der seltsame Satz in Erinnerung: „Der Hering ist der intrigenreichste Fisch.“ (wieder am 2. und 21. Mai)

Übrigens, der Buschfunk flüstert, Chef Castorf habe Wuttke das Mitspielen verboten und die Endproben in die Hand genommen, um die verpfuschte Inszenierung noch zu retten.

 

Durchtriebener Gag: Das handliche Programmheftchen umfasst 34 Seiten, 30 davon sind leer. Man kann was hineinschreiben während der Vorstellung oder danach – oder es lassen. Passt irgendwie (wieder: irgendwie!) zum Volksbühnen-Motto: „Je mehr Information, desto weniger Fantasie.“ Kann schon sein, dass zu viel Infos die Fantasie ausbremsen; zu wenig Infos aber können orientierungslos machen. Anderseits: Je weniger man weiß über den Hintergrund einer Inszenierung, sagen wir: über Balzacs Romane, desto weniger kann man dingfest machen, was der Inszenierung womöglich abgeht. Gibt man informationstechnisch nichts vor, mag jeder tun worauf er Lust hat im Theater – oben auf der Bühne sowieso, aber auch unten im Parkett (dann knallen die Saaltüren, klirren Flaschen oder blinken massenhaft Displays). – Die totale Freiheit ist aber auch (irgendwie) unfrei.

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