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Kulturvolk Blog Nr. 8

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

29. Oktober 2012

Deutsche Oper


Jahrhundertfeier an der Bismarckstraße mit goldenem Teppich, Autoreklame, Galakonzert. Als – wie schade – nicht singender Gaststar präsentiert sich der Bundesfinanzminister und eingeschriebene Förderer des Hauses herrlich gewitzt auf der Bühne (so toll können Politiker sein!). Kultursenator Wowereit, der Berlins größte Oper, die noch heute finanziell deutlich schlechter gestellt ist als die Staatsoper, einst klammheimlich auf die Abschussliste gesetzt hatte (so infam können Politiker sein!), der wurde ausgebuht. Aber immerhin gab er mit geblähten Backen Bestandsgarantien für alle drei Opern, die ab 2015 zwanzig Millionen Euro Tarifsteigerung zu blechen haben (wo die Knete herkommt: Fragezeichen). Doch das Buh für den Regierenden röhrte wohl eher aus dem allgemeinen Unmut über dessen süffisante Leckt-mich-Haltung, dem notorischen Herausstehlen aus vielen Verantwortlichkeiten (wieder fallen mir die 20 Millionen ein). Ach ja, dann gab es noch diese von Tuten und Blasen keine Ahnung habende Tita von Hardenberg als Moderatorin des Abends. Das Publikum schrie „Aufhören!!!“. Ansonsten gab’s tolle Töne, Schokotorte und Schampus für alle.

Und es gibt ein feines, dickes, fantastisch bebildertes Jubiläumsbuch: „Hundert Jahre DOB. Geschichte und Geschichten aus der Bismarckstraße“ (Edition Braus). Es ist vor allem eine großartige Schmöker-Schwarte voller Neuigkeiten (!). Die stecken in den zahlreichen Geschichten der uralten und blutjungen, weltberühmten und unbekannten Zeitzeugen. So spannt sich ein packendes Panorama ganz gegensätzlicher Wahrheiten rund um den „erlaubten und bezahlten Wahnsinn“ (Neuenfels) namens Opernbetrieb. Prima Weihnachtsgeschenk!

Deutsches Theater

Zwei Paare Mitte Vierzig treffen sich „Am Schwarzen See“. So heißt das im Deutschen Theater uraufgeführte Stück von Dea Loher, einer vielgespielten Dramatikerin, deren Figuren meist schwer leiden an ihren Defiziten, ihren komplizierten Psycho-Verknotungen, am unerfüllten und komplizierten Dasein überhaupt. So auch diesmal am See, in dem die pubertierenden Kinder der besagten beiden Problem-Paare verschlungen in erster Liebe den Tod fanden. Von Schuld gefoltert winden und würgen sich die Eltern (Katharina Marie Schubert, Jörg Pose und Natali Seelig, Bernd Moss). Und entblättern dabei die Qualen ihres Unglücklichseins mit sich und den anderen und der Welt. Ein verzweifeltes, kränkliches, zukunftsloses Quartett, das Regisseur Andreas Kriegenburg durch einen verödeten Salon wälzt, dessen Boden unaufhörlich unheimlich wegdreht (signifikante Idee von Bühnenbildner Harald Thor). Das Quartett der neurotischen Trauerklöße kriegt mit seinem wabernden Seelenwehweh keinen festen Grund mehr unter die Füße. Schauspielerisch ist alles okay. Hätte die Regie dem Abwärtskreiseln der vier Midlife-Kriselnden stärkere Stringenz gegeben, statt sie allzu oft und meist ein bisschen albern im Ungefähren trudeln zu lassen, wäre der Abend womöglich erschütternd gewesen.

Theaterdiscounter

Kein Menschenauflauf, keine Polizeipräsenz, sondern idyllische Stille vorgestern nachts um neun Uhr gleich hinterm Alex in der Klosterstraße vorm Theaterdiscounter. Dabei hätte man Politaktivisten jedweder Farbe erwarten können, die vor diesem höchst respektablen Off-Betrieb Beifall heischend für oder mit hellem Entsetzen gegen die vom Schweizer Regisseur Milo Rau eingerichtete Lesung der Verteidigungsrede des norwegischen Massenmörders Breivik demonstrieren. Der rechtsextreme Terrorist hatte sie am 17. April vor dem Osloer Gericht gehalten. Der ostentativ untheatralische Vortrag durch die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha Ö. sorgte noch vor wenigen Tagen in Weimar für einen Eklat: Das Deutsche Nationaltheater (DNT) verbannte ihn kurzfristig aus seinem Haus, so dass man in ein Kino ausweichen musste. Man wolle sich „von den Aussagen der für die Öffentlichkeit gesperrten Erklärung distanzieren“, so das DNT. Diese Vorab-Skandalisierung trat einen Riesenrummel los. Der verhinderte die so dringende sachliche Auseinandersetzung mit Breiviks antidemokratisch-rassistischem Kampf-Manifest gegen die „schleichende Kolonisierung des Abendlandes durch Islam und Scharia“. „Erst beten sie, dann hacken sie uns die Hände ab.“ Die pseudowissenschaftlich aufgepumpte Philippika gegen durchaus real islamistische Gefahren für den Liberalismus eines laizistischen Staates mag sich decken mit den Ängsten sehr vieler hierzulande. Diese zu verdrängen wäre folgenschwer für eine offene Gesellschaft, die Breivik „revolutionär“ abschaffen will, weil sie einem Sieg im Krieg gegen Dschihad und „kulturelle Überfremdung“ im Wege steht. Das zu verdrängen wäre gleichermaßen tödlich für unser freiheitliches System. Milo Raus kalt nüchterne Konfrontation mit Breiviks teils verführerisch-demagogischem Statement der nationalistisch-faschistischen Art ist eine einzigartig zwingende Herausforderung für jedermann: Zur kritischen Selbstbefragung bezüglich kämpferischer Toleranz und demokratischem Grundverständnis. Eine subtile Großaktion in Sachen Aufklärung! Sehr schade, dass sie nicht – auch im großen Rahmen – wiederholt wird. Sie tut bitter Not.

Maxim-Gorki-Theater

Der deutsch-jordanische Journalist Yassin Musharbash („Spiegel“, „Zeit“) hat den hoch spannenden, brennend aktuellen Politthriller „Radikal“ geschrieben. Da wird ein Integrationspolitiker der Grünen mit ägyptischem Hintergrund und Obama-Charisma in die Luft gesprengt. Prompt steht das Bekennervideo einer Al-Kaida-Gruppe im Netz. Behörden und Medien ermitteln. Und ein Verdacht erhärtet sich: Da haben elitär rechtsradikale Kreise und sogar staatstragende Institutionen mitgemischt – „im Kampf gegen den Dschihad“. Radikale Islamophobe, die sich für moderne Tempelritter halten, und radikal vormoderne Islamisten – beide wähnen sich als politische Avantgarde – bekriegen in ihrem Hass auf die „lasche“ oder „obszöne“ Demokratie die aufgeklärte, auf Ausgleich programmierte moderne Gesellschaft. Der 400-Seiten-Roman beschreibt diesen Krieg mit höchst kompliziertem Frontverlauf mit gleichermaßen komplexen, also äußerst vielschichtigen Figuren. In ihrer Adaption für die Bühne des Gorki-Theaters aber werden daraus plakative Ideenträger. Die komplex konstruierte literarische Vorlage (die adäquat genuine Dramatik zum bisanten Thema lässt noch auf sich warten) kommt nicht entsprechend eindringlich über die Rampe. Die Inszenierung der ansonsten vielversprechenden Jungregisseurin Anna Bergmann verliert sich Video-verspielt im angstrengten, verwirrenden Aktionismus. Flache Nummer. Die Breivik-Doku hingegen bohrt sich nervend tief ins Hirn. – Meine Empfehlung: Unbedingt den Musharbash-Roman lesen!

Schaubühne Studio

Es riecht nach Schnaps – Prosit im Studio Schaubühne. Das Stück heißt die „Die Tiefe“, ist ein Monolog von Jon Atli Jonasson, einem in Island berühmten Autor. Und Landsmann Egill Palsson, Regisseur der deutschsprachigen Erstaufführung, gibt für alle einen aus, bevor der Schauspieler Urs Jucker auftritt. Der spielt einen einsamen Fischer; einen bulligen, doch zartbesaiteten, nachdenklichen Kerl voller Sehnsucht nach Liebe. Und voller Angst, draußen auf See oder daheim im Dorf „das Leben zu versäumen“. Es ist eine bezwingende Mischung aus scheu weggesteckter Schamhaftigkeit und ungenierter Offenheit, mit der uns der bärige Jucker des Fischers Herzensergießungen und Daseinsreflexionen ans Gemüt legt. Und es ist eine tolle Geschichte aus alltäglichem Dasein, in das plötzlich der Tod einbricht und das Reale ins Surreale treibt: Im Sterben des Fischers erblüht noch einmal wunderbar poetisch seine nordisch schwerblütige Daseinslust und anrührende Menschenliebe. Schließlich traut er sich sogar – das Ende naht! – den Rocker raus zu lassen: Urs greift zum Mikro und röhrt los (alle Schaubühnenspieler sind heimliche Rockstars). Eine innige, ernste und doch spielerisch leichte Theaterstunde voll Liebe, Bitterkeit und feinem Witz. Skol! Wieder am 6. November.