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Kulturvolk Blog Nr. 62

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

18. November 2013

Der Abonnent ist der Star -

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Fast ein Viertel aller Theaterkarten wird als Abo – direkt oder über Besucherorganisationen – verkauft. Das belegt die soeben erschienen Theaterstatistik 2011/12 des Deutschen Bühnenvereins. „Das Abo bleibt vor allem für die städtischen und staatlichen Bühnen unverzichtbar“, sagt Rolf Bolwin, Chef des Vereins. Es sei auch ein Beleg für die – auch wenn im Spiral-BLOCK gelegentlich Unmut laut wird – durchgängige Qualität des Programms, auf das (wie auf meinen Blog auch) der Abonnent vertrauen könne. Auch ansonsten, so Bolwin, sei die Gesamtbesucherzahl aller öffentlich getragenen Theater (143) und Orchester (131), Privattheater (218) und Festspiele (73) mit 32,1 Millionen stabil; im Jahr zuvor knapp unter 32 Millionen. Daran haben Schauspiel und Oper den größten, wenn auch etwas zurückgehenden Anteil. Einen leichten Zuwachs hingegen gibt es in den Sparten Tanz sowie Kinder- und Jugendtheater. „Das zeigt, wie wichtig gerade auch diese Sparten für die Zuschauerbindung sind“, sagt Bolwin. Recht hat er.

 

Die öffentlichen Zuschüsse der Stadt- und Staatstheater und der Landesbühnen beliefen sich 20011/12 wie zuvor (!) auf 2,25 Milliarden Euro. Die Häuser konnten ihre Eigeneinnahmen erneut leicht steigern (Selbstausbeutung, prekäre Arbeitsverhältnisse!): Von 497 Millionen auf etwas über 500 Millionen Euro.

Zum ersten Mal aber seit 2002 (!) ist die Zahl der fest angestellten Theatermitarbeiter – befristet und unbefristet  wieder über die Zahl 39 000 gestiegen: auf genau 39 187. Insgesamt sind 43 969 Personen fest in den Theatern und Orchestern angestellt. Parallel wuchs die Zahl der nicht ständig Beschäftigten auf 23 415, was im Trend der überall sich lockernden Beschäftigungsverhältnisse liegt.

Die Personalausgaben an den öffentlich getragenen Bühnen machen – wie in den letzten zehn Jahren – ca. 74 Prozent der Gesamtausgaben aus; wobei etwas mehr als die Hälfte dieser Kosten in den künstlerischen Bereich fließt.

Oper Magdeburg – ein Abstecher -

Aus aktuellem, zwiespältigen, gerade dadurch lehrreichen Anlass ausnahmsweise ein Ausflug jenseits vom Abo nach Sachsen-Anhalt. Ins elegante neue Opernhaus der Landeshauptstadt. Zuvor möglicherweise noch eine Inspektion des Doms und des exquisit hergerichteten Kulturhistorischen Museums. Der Knaller dort: Das über alle Krieg hinweg gerettete Original der weltberühmten Skulptur des Magdeburger Reiters im Kaiser-Otto-Saal. Das exquisit hergerichtete Museum in der Otto-von-Guericke-Straße liegt auf halbem Spazierweg zwischen Bahnhof und Dom. Und von dort dann mit der Straßenbahn (im Dezember) am Weihnachtsmarkt vorbei direkt in die Oper, zu Verdi, „Macbeth“ und Volker Lösch

 

Überall in der Innenstadt knallige Plakate. Ein Mensch mit Schmollmund, Schäfchenblick und – dazu ganz unpassend  mit Strumpfmaske. Man kann gerade noch erkennen: Es ist eine junge Frau. So wirbt Magdeburgs Opernhaus für Verdis „Macbeth“. Das Besondere daran: Schon lange vor der als spektakulär angekündigten Premiere rief Regisseur Volker Lösch in der Lokalpresse zum Casting für einen Laiensprechchor. Magdeburger Frauen sollen als Hexen von heute die, so der dramaturgische Grundgedanke, „von männlichen Destuktionsenergien“ handelnde Verdi-Oper chorisch aufmischen. Mit Texten, die man aus Interviews filterte, die zuvor mit eben jenen Magdeburgerinnen geführt wurden und in denen sie nun grauenvolle Erfahrungen mit männlich-destruktiver Gewalt schildern.

Es heißt, die Bereitschaft zum Reden wie zum Mitmachen auf der Bühne sei enorm gewesen. Damit hat Magdeburg seine Sensation: Erstmals eine Oper des klassischen Repertoires, in der die Musik durchaus geschickt unterbrochen wird für einmontierte und perfekt trainierte Sprechchöre.

 

Doch damit hat es auch schwere Probleme: Zum einen, die Hexen spielen zwar im Mord- und Kriegsstück „Macbeth“ eine Hauptrolle als tolldreist selbstbewusste Wesen höherer Art, nicht aber als gedemütigte Opferweiber, die wütend ihren Frust „mit Schwanz- und Schlipsträgern“ skandieren und denunziatorisch verkleidet sind mit biederen Hausfrauen-Kittelschürzen. Dazu als ziemlich albernes Accsessoire: Terroristenmasken aus rotem Wollstrick, wie auf dem Plakat.

Zum anderen, das flotte Motto der Inszenierung „Männer sind Schweine“ greift nicht nur viel zu kurz, sondern schlicht an Verdi wie an Shakespeare vorbei. Die nämlich sortieren Menschen nicht nach böse destruktiven Männern und guten konstruktiven Frauen, sondern sehen im Zerstörerischen, im Gierigen und Mörderischen den ewig menschheitlichen Konstruktionsfehler. „Macbeth“ besteht eben nicht aus reinem, wohlfeilen Männer-Bashing, es offenbart vielmehr die von Blut und Tränen getränkte Tragödie des Menschen.

 

Da wird es schon nebensächlich, dass die Kittelschürzen-Hexen immerzu vom Gleichen brüllen: Vergewaltigung, Prügel, Mobbing. Und  dass auf der Videowand im Hintergrund der Leer-Bühne unentwegt die Handlung plakativ nachzeichnende Filmbilder vorüber flimmern (Comics, Spielfilmzitate, historische Dokumente). Sie zeigen Kriegereien aus allen Zeiten vom Schwert bis zur Atombombe, Leichenberge, Folteropfer, Sexorgien von Antike bis Playboy. Dazu die alle Epochen umfassende Diktatoren-Galerie und nicht zuletzt Bildmontagen aus dem chaotischen Schlacht- und selbstmörderischen Verschwendungshaus Welt  - also entsetzliche Szenen von Umweltzerstörung, Überfluss, Ausbeutung, Unterdrückung, Hunger, Armut, Flucht. Halt das geballte Chaos Welt als Folge komplex männlicher Destruktion, so das unterkomplexe Regiekonzept.

 

Filmische Bilderflut als Hintergrund, Frauen von heute als Opfer-Chor im Vordergrund. Dazwischen eingeklemmt die Handlung des Schotten-Schockers mit dem formidablen Solistenensemble (u.a. Undine Dreißig und Adam Kim als machtgeiles Ehepaar M. mit den blutigen Händen), das in poppig-neonfarbener Kostümierung parodistisch wie im Comic agiert. Wäre da nicht noch die Wucht der Musik (Dirigent: Kimbo Ishii-Eto), wäre alles bloß wie in einem kunterbunten Welt-Zirkus des Schreckens. Das mag zeitgenössisch klingen. Ist aber keine, wie vom Regie-Team behauptet, „zeitgenössische ‚Macbeth‘-Inszenierung, die unsere Welt sinnlich anschaulich und reflektierbar macht“, sondern ein fataler Irrtum, der eine ins Universelle ragende und zugleich ganz konkret geschilderte Menschen-Tragödie bis zur Unkenntlichkeit zuschüttet mit allgemeinmenschlichen Illustrationen aus modernen Archiven.

 

Dieser Magdeburger „Macbeth“ mag als Lehrstück gelten für das Missverständnis, in Massen aufgeklebte Kommentare gleich welcher ästhetischen Art würden sofort einen Klassiker kurzerhand ins Heute transportieren. Derartige Transportvehikel verstärken die den wirklich großen Werken eigene Allgegenwärtigkeit nicht. Sie verwässern sie höchstens.

Das geht nicht generell gegen radikal oder provokant sein wollende Experimente und schon gar nicht gegen „Kommentare“, denn Regiekunst ist schließlich immer Kommentar. Nur muss er kunstvoll sein, nicht angepappt und aufgepfropft.

Das geht auch nicht gegen das hier wohl erstmals exzessiv praktizierte Implantieren von Sprechtexten in eine Partitur (es wird Schule machen), wenn es denn sinnerhellend- und erweiternd wäre. Womöglich klappt es beim nächsten Mal, dieser „Macbeth“ ist schließlich Löschs erste Opernregie.

 

Deshalb sei angemerkt: Das Markenzeichen von Volker Lösch ist seit nunmehr einem Jahrzehnt das wirkungsmächtige, oft als aufsehenerregend innovativ wahrgenommene Zusammenspiel von Profi-Ensemble und Laienchor – das er mit Klassikern des Schauspiels grandios durchexerzierte. Diese teils preisgekrönten Arbeiten rüttelten besonders an den Nerven der Zeit eben durch den dramaturgisch geschickten Einbau authentischer, chorisch aufbereiteter Texte, die durch zahlreiche Gesprächsrunden gewonnen wurden, die Löschs Dramaturg Stefan Schnabel im Vorfeld der Inszenierung mit Leuten aus dem Umfeld des jeweiligen Theaters führte. Wie in Dresden bei Hauptmanns „Die Weber“ und Büchners „Woyzeck“, in Hamburg bei „Marat/Sade“ nach Peter Weiss oder in Berlin bei Borcherts „Draußen vor der Tür“ und Wedekinds „Lulu“.

Termine: 28. November, 21. Dezember; jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: (0391) 540 65 55. Spieldauer drei Stunden.

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