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Kulturvolk Blog Nr. 60

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. November 2013

Abschied -


„Ich komm nicht rein in diese Sache. Ich weiß nicht, wie diese Scheiße geht.“ So habe er oft geflucht, wenn er nicht weiter wusste beim Inszenieren, sagt sein Freund, der Schauspieler Samuel Finzi, auf der Abschiedsfeier für Dimiter Gotscheff gestern im Deutschen Theater. Und auch im Krankenbett, erinnert sich Finzi, habe er derart geschimpft. Und dann lange geschwiegen. Über das Nicht-rein-kommen in diese letzte Sache, diese fundamentale Verwandlung „in unbedrohbaren Staub“, wie Heiner Müller, des Regisseurs engster Wahlverwandter, das Sterben nannte. Dann schweigt auch Finzi. Und pafft dem geliebten großen Raucher zu Ehren eine Fluppe.

 

Vom abwartenden Schweigen („Bist du noch da, Mitko“, riefen die Schauspieler irritiert bei den Proben), davon war vielfach die Rede bei diesem leisen Adieu. Denn das war ein Wesenszug dieses Grüblers, der die Stille brauchte, die verrinnende Zeit, das lange, bohrende Suchen, die Ungewissheit und die Angst beim „Schuften“ im Theater. Dazu, als Trost und Denkbeschleuniger, Tabak und Alkohol.

„Wirklichkeit ist Vereinbarungssache“. Diesen Kerngedanken Gotscheffs beschwor der sichtlich gerührte Intendant Ulrich Khuon in seinen Worten an die Witwe, an Almut Zilcher, und an ihren Sohn Aleko. Der Aussage „Das ist so!“ wurde stets die Frage „Mal sehen, was ist?“ entgegengestellt. Solch „spielerischer Umgang mit scheinbaren Wirklichkeiten“ habe die Kunst dieses unsanften Denkers mit dem so sanften Herzen in den gelungensten Fällen einzigartig gemacht. Dann war da nichts Unwesentliches mehr auf der Bühne, haben ein Blick, ein Wort, eine Geste alles gesagt – nach all dem Schuften und Schweigen. – Sowie dem berühmten Aufschrei, wurde der rätselhafte Punkt endlich getroffen, wie der Chef des Hamburger Thalia-Theaters, erinnerte. „So war seine Art als Künstler wie als Mensch, der auch immer darauf aus war, wie verrückt das Leben zu feiern.“ Dazu passte der wilde Indianertanz, den die auf der Bühne versammelten Kollegen und Freunde lostraten. Dazu passten aber auch die schwerblütigen Balkangesänge und ein zärtlich krächzender Josef Bierbichler mit Gustav Mahlers entrücktem Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen, /Mit der ich sonst viele Zeit verdorben… Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,/ Und ruh‘ in stillem Gebiet! /Ich leb‘ allein in meinem Himmel,/ In meinem Lieben, in meinem Lied!“

Bar Deutsches Theater -

Zwei Delikatessen zur Nacht im Schummer der Foyerbar zwischen Deutschem Theater und Kammerspielen: Der wunderbare Schauspieler Moritz Grove verhackstückt mit seinen wunderbaren Kollegen Barbara Heynen, Katrin Wichmann und Bernd Stempel den Kinoklassiker „Casablanca“. Da wird ernst geblödelt, geistreich verfremdet, Ironie verspritzt, Sarkasmus ausgeschüttet und allerhand geträllert   mal eher rockig, mal eher nostalgisch – zum feinen Sound einer flotten Dreier-Band. Natürlich ist es bei allem Ulk eine so hintersinnige wie anrührende, komisch verrutschte Liebeserklärung: An den Film und an alle, die ihn einst machten in schwerer Zeit (wieder am 30. November).

 

Endlich wieder: Barbara Schnitzlers „Liederabend vom Leben“. Den Titel gibt die Prager Diseuse Hana Hegerova vor mit „Fahr doch allein Karussell“. Und rollt so gleichsam die Grundstimmung aus: Ärger mit Männern (vom Spaß einmal abgesehen).

Brecht, Dessau, Weill, Knef, Biermann, Gitte, Hollaender, Spoliansky, Lakomy und Jürgen Walter liefern die bittersüße Mischung, aus der Barbara Schnitzler leichthin ihr Ureigenes formt – herzberührend, beglückend. Keine ganz große Stimme, aber sie kann sehr scharf und kühl werden. Und sehr zart und weh; doch ohne Ach. (wieder am 7. November).

Gratulation -

Alles fing nach – vierjährigem Amerika-Aufenthalt – an beim Hessischen Rundfunk. Der 33-jährige wurde Feuilleton-Jungredakteur, und seine Talente wurden sofort gefördert: Ein Jahrzehnt schrieb Volker Kühn die satirische Monatsbilanz „Bis zur letzten Frequenz“. Und wurde prompt eine Mikrophon-Berühmtheit, als Mann mit der feinen dunklen Stimme und dem sarkastisch spitzen Ton. In den 1970 er Jahren wurde er freier Autor und Regisseur für Hörspiele, Features und fürs Kabarett (für Volker Ludwigs Berliner Reichskabarett, für Lore Lorentz, Wolfgang Neuss, Hanns Dieter Hüsch, Jürgen von Manger). Zusammen mit Dieter Hildebrand erfand er die ZDF-„Notizen aus der Provinz“. Dann kamen seine großen TV-Dokus über die Geschichte des Kabaretts und den Unterhaltungsbetrieb in der NS-Zeit sowie das Kabarett in Nazi-Konzentrationslagern (Standardwerke zu diesem grauenvollen Thema die TV-Doku „Totentanz“). Kühn veröffentlichte als Autor wie als Herausgeber zahlreiche Bücher zum Thema Kabarett und Satire im 20. Jahrhundert; er gilt als historisch versierte „graue Eminenz des Kabaretts“ und machte vor einigen Jahren Schlagzeilen, als Johannes Heesters einen Prozess gegen ihn verlor und er nun weiterhin behaupten darf, Heesters sei 1941 in einem KZ aufgetreten.

Der so vielseitige, seit dem Mauerfall in Berlin lebende Künstler schrieb und inszenierte enorm erfolgreiche Theater-Revuen (zuletzt die Personality-Show für Gunter Gabriel sowie „Hello, I’m Johnny Cash“ mit Gabriel und Helen Schneider) sowie Songtexte für Musicals und Spielfilme. Seine Bühnenfassung von „Marlene“, die er fürs Renaissance-Theater (und Judy Winter) entwickelte, wurde ein internationaler Hit. Heute feiert Volker Kühn – nach wie vor rüstig, geistreich und vor allem sehr, sehr herzlich und liebenswürdig – seinen 80. Geburtstag. Bravo! Und dazu einen griffigen Reim, den er Altrocker Gabriel kühn ins Textbuch knallte: „Ich hau mich rein so gut ich eben kann. Hab keine Zeit, mich auszuruhn. Es gibt noch massig viel zu tun…“