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Kulturvolk Blog Nr. 52

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

9. September 2013

Schlossparktheater -


Es war vor fünf Jahren, als Dieter Hallervorden mit bewundernswertem Mut und beträchtlichem Risiko die traditionsreiche, aber ruinöse Steglitzer Kammerbühne neu gründete. Zuvor hat er sie aufwändig saniert, seither zeigt sich das Schlossparktheater in vornehmer Eleganz – und präsentiert in Konkurrenz zu den Kudamm-Bühnen und zum Renaissancetheater ordentlich Boulevard, gediegenes Konversationstheater sowie einen attraktiven, mit Stars besetzten Lese-Betrieb und zuweilen wunderbar deftiges Entertainment – alles jenseits avantgardistisch gespreizter Regiekunst.

Wir feierten großartige Erfolge, erlebten aber auch oftmals nur gepflegtes Mittelmaß, das es schwer hat im enorm dicht gestreuten Hauptstadtbühnenbetrieb. Aber wir litten auch unter allerhand Flops, was hier nicht verschwiegen sein soll. Die Bilanz ist mithin, alles in allem, durchwachsen und wohl auch in wirtschaftlicher Hinsicht nicht unproblematisch. Trotzdem: Ein ganz dickes Toitoitoi für die Zukunft!

 

In die neue Saison startet der – wie etwa sein Kollege Claus Peymann – theaterbesessene Direktor dezidiert politisch, also durchaus passend zum aktuellen, kriegerisch weltgeschichtlichen Kontext. Mit „Einsteins Verrat“, einem klassischen Konversationsstück des vielfach mit bedeutenden Auszeichnungen bedachten französischen Star-Autors Eric-Emmanuel Schmitt (53).

 

Wir erleben ein etwas seltsames Konstrukt: Den weltberühmten Nobelpreisträger Albert Einstein (Matthias Freihof) nach seiner Emigration ins amerikanische Princeton im enorm weit gespannten philosophisch-politischen Gespräch mit einem obdachlosen Vagabunden (Volker Brandt) an einem romantischen See in New Jersey.

Die Szenenfolge umfasst zwei extrem schwere Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts   von Mitte der 1930er Jahre bis Mitte der 1950er. Im Diskurs der so gegensätzlichen Partner geht es um den deutschen Faschismus und amerikanische Rassentrennung, um den nicht nur damals weltweit grassierenden Nationalismus und dessen Verhältnis zum Patriotismus, um Pazifismus und Wehrdienstverweigerung, um Emigration (vornehmlich die jüdische) sowie deren fragwürdige Begrenzung und um den Holocaust. Um das Gute und Böse, auch Wahnhafte sowie um die Moral in der Politik. Und um Freiheit, Demokratie, Diktatur. Um die Rolle der Geheimdienste sowohl in rechtsstaatlich verfassten Gesellschaften als auch in diktatorischen und schließlich um Sinn und Wahnsinn des Atombombenbaus und -abwurfs. Um das Gleichgewicht des Schreckens durch die „Bombe“. – Zitat Einstein: „Ich habe einen schweren Fehler in meinem Leben gemacht, als ich den Brief an Präsident Roosevelt mit der Empfehlung zum Bau von Atombomben unterzeichnete; aber es gab eine gewisse Rechtfertigung dafür – die Gefahr, dass die Deutschen welche bauen würden.“

 

Uff und wow! Was für ein tonnenschweres Kompendium von Themen, die freilich alle längst ausführlich reflektiert worden sind. Der 90-minütige Schnelldurchlauf durch Einsteins Gehirn und Gemüt, durch sein so überaus skrupulöses Denkens und Fühlen, eingebunden in die Zeitläufte 1934 bis 1955, der wirkt wie ein Seminar in Sachen Geschichte und Moral.

Ergänzt wird das mit hübsch trefflichen Lebensweisheiten garnierte fiktive Rededuell zwischen dem deutschen Genie und seinem naiv-plebejischen Gegenpart, einem amerikanischen Durchschnittsmann, mit dem gelegentlichen Auftritt eines FBI-Agenten (Matthias Harrebye-Brandt). Der stachelt den Clochard an, Einstein auszuhorchen, um dem linksliberalen Physiker Antiamerikanismus unterstellen zu können...

 

Gewiss, Faktisches hat der Autor korrekt recherchiert. Und gegenwärtige Bezüglichkeiten sind offensichtlich. Doch wird aus diesem Hörspiel noch kein Theater, so sehr sich die Regie von Paul Bäcker und die beiden Protagonisten auch abmühen – wobei Freihof als Einstein die besseren Karten hat und seiner Figur einige fein berührende Momente abgewinnt. Das Ganze bleibt dennoch bloß papierne Rederei mit beständig erhobenem Zeigefinger. Das politisch richtig Gemeinte und mit Fleiß Bemühte und obendrein pädagogisch Wertvolle macht noch längst kein aufregendes Theater.

Volksbühne -

Frank Castorf, der große Chef, dürfte sich noch erholen von seinem Bayreuth-Stress und der schweren Schmiedekunst am Wagner-„Ring“. Also eröffnet Hausautor und -Regisseur René Pollesch mit einer Paraphrase auf den Balzac-Wälzer „Glanz und Elend der Kurtisanen“ die neue Saison.

 

Wer Pollesch kennt, den Meister kurzer Nummern des diskursiven Schnellsprechtheaters, der weiß: Es „gibt keine persönlich geprägte Dichtung“. Es werden keine Geschichten erzählt. Es gibt kein Drama, keine Einfühlung, keine Figuren.

Vielmehr gibt es einen philosophischen Essay; einen Ästhetik-Exkurs über Verwandlung und Selbstbehauptung, Wissen und Glauben, über Wahrheit, Identität, Lüge. Über Sinn und Unsinn, Wirkung und Wirkungslosigkeit des einfühlenden oder verfremdenden Geschichtenerzählens, der Vorführung von Dramen und Figuren und also des Fiktiven. Und all das stürzt wie ein Wolkenbruch über uns als rasender Sein-Schein-Schlagabtausch. Diesmal verteilt auf eine Handvoll bravouröser Schauspieler, die – selbst das Rauchverbot steckt im sozialpsychologischen Diskurs   manisch paffen – vornweg die beiden Superstars Birgit Minichmayr und Martin Wuttke.

Doch schon in 90 Minuten ist alles vorbei. Und der Schädel brummt bei dieser unentwegt wagehalsigen Gedankenakrobatik und Behauptungsrhetorik. Das Programmheftchen hält denn auch 30 leere Seiten parat. Für Notizen. Um zu Hause darüber grübeln zu können. Einen spitzen Bleistift kriegt jedermann mit.

 

Gerahmt wird das so verquasselte wie geistreiche Seminar (viele Lacher, wohl oft auch ohne wirklich verstanden zu haben), gerahmt wird die atemlos hechelnde Kopf- und Zungenarbeit kontrapunktisch mit Sentiment satt: Nämlich mit Wagner-Gesäusel („Tristan“, „Lohengrin“), schmeichelndem Popmusiksound und einem riesigen, enorm glitzernden und schillernden Paillettenvorhang. Ein Entertainment der sehr speziellen Art   für Kenner und Liebhaber. Oder anders: Salziges Gesülze übers Pingpong zwischen Kunst und Leben.

Kritiker-Ranking -

In der alljährlichen Umfrage des Fachmagazins „Theater heute“ stimmten 44 Kritiker aus dem deutschsprachigen Raum ab über die „Besten des Jahres“ (genauer: der im Frühsommer vergangenen Saison 2012/2013).

Theater des Jahres: Münchner Kammerspiele. Bester Schauspieler: Sandra Hüller (in Elfriede Jelineks Münchner Lokalposse über den Mooshammer-Mord „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“; Münchner Kammerspiele). Bester Schauspieler: Steven Scharf (für verschiedene Rollen an den Münchner Kammerspielen). Für die Kategorie „Beste Inszenierung“ gab es keine klare Mehrheit. Gleichauf liegen Karin Henkels Hauptmann-Inszenierung „Die Ratten“ (Köln); Sebastian Nüblings „Orpheus steigt herab“ von Williams an den Münchner Kammerspielen; Luk Percevals „Jeder stirbt für sich allein“ von Fallada, Thalia Hamburg – für diese Produktion lieferte Annette Kurz das „Bühnenbild des Jahres“.

„Kostümbildnerin des Jahres“ wurde Andrea Schaad für die Courteline-Farce „Sklaven“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Ansonsten bekam Berlin keinen Spitzenplatz zugesprochen.

„Stück des Jahres“ wurde Felicia Fellers „X-Freunde“, ein Text über die prekären Befindlichkeiten der Kreativbranche, Uraufführung am Schauspiel Frankfurt/Main.

 

Freilich, derartige Umfragen, an denen auch ich teilnehme, sind immer fragwürdig. Diesmal leider und eigentlich nur schwer zu verstehen: Kein Dresden, kein Wien, kein Heidelberg oder Dortmund auf vorderen Plätzen; gerade Leipzig hat es noch auf den dritten Platz geschafft als Theater des Jahres.

Ich finde, die enorme Zuwendung für Intendant Johan Simons Münchner Kammerspiele ist stark übertrieben. Da hätte ich mir gewünscht, auch andere leistungsfähige Häuser wären stärker berücksichtigt worden. Womöglich liegt das auch am Berliner Theatertreffen. Denn auffällig ist: Was dort auftrat, wurde von den Kollegen gern nominiert. Schließlich ist immer kurz nach dem Treffen Einsendeschluss der Bestenliste, meist hat man die Liste unausgefüllt vor sich her geschoben – und besinnt sich in der Zeitnot des letzten Moments vor Toresschluss rasch auf das, was man zuletzt beim Treffen sah. Klingt nach Oberflächlichkeit, ist es aber wohl auch. Und obendrein verantwortungslos wenn man bedenkt, dass eine Spitzenposition in so einem Ranking für die betreffenden Sieger schier unbezahlbare Eigenwerbung sowie eine deutliche Steigerung des Marktwertes bedeutet.

Womöglich wäre es ratsam, die Kritiker-Auswahl von 44 Kollegen deutlich zu erweitern, auch um die Metropolen-Fixiertheit der Voten zu unterlaufen. Denn gerade auch in den Provinzen lodert mächtiges Theaterfeuer.